Eine Porzellanmanufaktur in Scherben – Meine Lesereise ins zerstörte Deutschland
Die Porzellanmanufaktur – Zerbrechlicher FriedenWenn ein Buch schon im Titel das Zerbrechen ankündigt, bin ich als Leser gewarnt. Bei diesem Auftakt der Thalmeyer-Trilogie zerbrechen tatsächlich einige Dinge – nicht nur das Porzellan, sondern auch meine ...
Wenn ein Buch schon im Titel das Zerbrechen ankündigt, bin ich als Leser gewarnt. Bei diesem Auftakt der Thalmeyer-Trilogie zerbrechen tatsächlich einige Dinge – nicht nur das Porzellan, sondern auch meine anfängliche Skepsis gegenüber yet another Familiensaga.
Was mich sofort gepackt hat: Die Autorin traut sich, 1947 nicht zu verklären. Das Deutschland, in dem Marie plötzlich eine Porzellanmanufaktur führen muss, ist kein romantisches Nachkriegsidyll, sondern ein Land voller Pragmatiker, Schwarzmarkthändler und Opportunisten. Karl Metsch als Antagonist verkörpert diesen Typus perfekt – ein Mann, der Macht wie Kaolin hortet und beide gleichermaßen skrupellos einsetzt.
Marie als Protagonistin funktioniert für mich größtenteils. Sie ist keine strahlende Heldin, sondern eine junge Frau, die ins kalte Wasser geworfen wird und oft genug untergeht, bevor sie wieder an die Oberfläche kommt. Ihre Unsicherheit wirkt authentisch, besonders in den Szenen, wo sie gegen die Vorurteile der Geschäftspartner ankämpft. Allerdings – und hier beginnen meine Vorbehalte – bekommt sie manchmal zu schnell zu viel Weisheit und Durchsetzungskraft verpasst, als hätte die Autorin Angst, sie könnte zu schwach wirken.
Das größte Problem liegt im Erzähltempo. Die Geschichte schwankt zwischen informativen Passagen über Porzellanherstellung (die ich als Sachbuch-Fan durchaus schätze) und dramatischen Wendungen, die wie aus dem Nichts kommen. Joachims Schicksal wird beispielsweise so lange aufgebaut, dass seine tatsächliche Rolle fast enttäuschend wirkt. Sophie hingegen bleibt zu sehr Nebenfigur, obwohl sie das Potenzial für deutlich mehr hätte.
Die Autorin verliert sich gelegentlich in ihrer eigenen Recherche. Man merkt, dass sie viel über die Zeit weiß, aber sie vertraut dem Leser nicht genug zu, diese Informationen organisch aufzunehmen. Stattdessen werden historische Details manchmal wie Geschichtsunterricht eingestreut.
Die Liebesgeschichte mit John McNarney? Funktioniert überraschend gut, weil sie nicht kitschig daherkommt. Die kulturellen Unterschiede und die Unsicherheit der Zeit spiegeln sich in ihrer Beziehung wider. Nur das Ende fühlt sich etwas zu konstruiert an – als müsste unbedingt ein Cliffhanger für Band zwei her.
Trotz dieser Schwächen hat mich das Buch mitgenommen. Die Atmosphäre des Wiederaufbaus, die Zerrissenheit zwischen Tradition und Neuanfang, die Frage nach weiblicher Autorität in einer Männerwelt – das alles trägt. Und ja, ich werde Band zwei lesen, allein schon, um zu sehen, ob die Autorin ihre erzählerischen Baustellen in den Griff bekommt.
Für Fans historischer Romane ist das ein solider Einstieg mit Luft nach oben. Für alle anderen: Wartet vielleicht auf die Kritiken zu Band zwei.