Deep Dive in Geschwisterbeziehungen
The Sea SistersLucy Clarke ist für mich mit einer der größten Entdeckungen in den letzten Jahren. Seitdem ist klar, was sie schreibt, das will ich lesen/hören. Umso cooler auch, dass ältere Bücher von ihr übersetzt oder ...
Lucy Clarke ist für mich mit einer der größten Entdeckungen in den letzten Jahren. Seitdem ist klar, was sie schreibt, das will ich lesen/hören. Umso cooler auch, dass ältere Bücher von ihr übersetzt oder neu aufgelegt werden. Man merkt zwar, dass sich Clarkes Stil auch gewandelt hat, aber da ich von keinem Buch, ob älter oder neuer, enttäuscht wurde, ist das für mich kein Argument. Daher also „The Sea Sisters“, was schon über zehn Jahre alt ist.
Bei Clarke hat man immer verschiedene Länder, die bereist werden, aber die Beziehungsstrukturen sind häufig ähnlich. Oft geht es beispielsweise um Freundinnen, oder es geht um komplexe Geschwisterbeziehungen. In dem Sinne steckt in „The Sea Sisters“ viel von dem drin, was man von der späteren Clarke kennt. Inhaltlich hat mich dieses Buch sehr an „The Surf House“ erinnert, das bislang neuste Werk der Autorin. Aber es steckt auch so viel von dem späteren drin, was beweist, dass Clarke einen klaren Stil hat und trotzdem sind ihre Bücher für mich nicht vorhersehbar. Ich kann zwar manches erahnen und trotzdem sind vor allem die Figuren und die Beziehungen immer so individuell und authentisch ausgearbeitet, dass sich nichts wie eine reine Kopie anfühlt.
Ich finde, dass „The Sea Sisters” ein insgesamt sehr bedrückendes Buch ist. Indem von Anfang an klar ist, dass Mia als jüngere Schwester nicht überlebt hat, lastet das durchgehend schwer auf der Handlung, selbst wenn wir uns in der Vergangenheit befinden und noch live und in Farbe mit Mia leben. Es ist klar, dass es für die von Anfang an als komplex inszenierte Schwesternbeziehung kein Happyend geben wird. Als selbst große Schwester lastete das doch schwer auf meinem Herz, auch weil ich unweigerlich Parallelen zu meinem eigenen Leben gezogen habe und das „Was wäre, wenn…?“ aufgemacht habe. Und obwohl ich das Ende deswegen nicht lesen wollte, so war speziell das letzte Drittel so geschrieben, dass ich unbedingt weiterlesen wollte. Auch wenn Mia nicht magisch wieder zum Leben erweckt werden würde, aber es war für mich ganz zentral, ob Katie als ältere Schwester eine Art Frieden finden wird. Das hat mir auch bewiesen, dass Clarke als Autorin nicht nur ein zentrales Mysterium braucht, damit man dran bleibt, sondern sie schafft das auch mit der psychologischen Ebene, weil man einfach alle Aspekte ergründen will.
Der Einstieg war zwar etwas zäh, weil wir nie eine unbeschwerte Zeit erleben, sondern gleich im deprimierenden Zustand sind, wo es dann auch etwas braucht, bis Katies Abenteuer startet, indem sie mit dem Tagebuch als Unterstützung Mias Reiseroute nachverfolgt. Aber danach hat sich der Stil von Clarke wunderbar ausgespielt. Wir haben die beiden Perspektiven der Schwestern ideal gegeneinandergesetzt, weil sich Mias Erlebnisse gut mit Katies neuen Erkenntnissen ergänzen. Es gab nur einen Aspekt, der mir bei Mia nicht gut gefallen hat. Dort gab es kleine Perspektivwechsel, sodass wir auch Finns Gedanken kurz hatten. Das fand ich unnötig und auch irritierend. Zumal man seine Gefühle auch über Mias Wahrnehmung oder über ein Gespräch hätte einbinden können. Finn war für die Geschichte nicht zentral wichtig, dementsprechend brauchte ich seine Gedanken nicht.
Obwohl es genug Wendungen im Handlungsverlauf gibt, so war für mich doch deutlich einnehmender, die Schwesternbeziehung zu verfolgen. Da ich selbst große Schwester bin und mir auch bewusst bin, dass Geschwisterbeziehungen doch oft die längsten des Lebens sind, weswegen man sie pflegen sollte, war es sehr einnehmend, wie das alles aufgebaut wurde. Es lässt einen reflektieren, aber es macht eben auch traurig, wie Katie und Mia nur noch streiten konnten, nicht aber noch richtig miteinander reden konnte, denn sonst hätte sie sich eröffnen können, wie positiv sie doch in gegensätzlicher Annahme eigentlich voneinander gedacht haben. Es war auch geschickt, dass wir durch eine dargestellte Brüderbeziehung eine Spiegelung haben. Der Komplexität von Geschwisterbeziehungen ist hier definitiv gerecht geworden, auch wenn es emotional reinhaut, weil es sich so nah am eigenen Leben anfühlt.
Fazit: „The Sea Sisters“ mag eins der früheren Werke von Lucy Clarke sein, aber es sind genau schon die Zutaten zu erkennen, die sie später noch größer ausarbeitet. Hier war der Trumpf definitiv der psychologische Anteil, weil die Betrachtung von Geschwisterbeziehungen sich sehr echt und einnehmend anfühlte. Drum herum wurde aber ebenfalls überzeugend abgeliefert und einige Länder erkundet.