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Veröffentlicht am 19.01.2024

Eine erschreckende Dystopie, die die richtigen Fragen stellt.

Institut für gute Mütter
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"Mütter müssen, ob sie wollen oder nicht, Mütter müssen, auch wenn sie nicht mehr können. Eigentlich, so könnte man fast meinen, käme Mutter von müssen."

(Jana Heinicke 2022, Aus dem Bauch heraus, S. ...

"Mütter müssen, ob sie wollen oder nicht, Mütter müssen, auch wenn sie nicht mehr können. Eigentlich, so könnte man fast meinen, käme Mutter von müssen."

(Jana Heinicke 2022, Aus dem Bauch heraus, S. 21)

Nur ein einziger Fehler, ein winzig kleiner Moment der Unachtsamkeit. Nur einmal kurz die Augen schließen, weil die Müdigkeit den Körper übermannt. Nur kurz raus, den Raum verlassen, um wieder zu sich zu kommen, weil die Gefühle verrückt spielen. Zack - da ist das Kind von der Schaukel gefallen, gestolpert, hat sich verletzt und weint bitterlich. Ist man deswegen eine schlechte Mutter? Oder erst, wenn man sein Kind über Stunden alleine lässt und es so sehr weint, dass Nachbarn die Polizei rufen?

Für Frida wird ein einziger Fehler zum Verhängnis. Sie, eine liebevolle, zugewandte Mutter, überlässt in einem Moment purer Überforderung ihr Kind sich selbst und erwacht daraufhin in ihrem schlimmsten Albtraum: Ihre kleine Harriet wird "in Schutz" genommen und wohnt ab sofort bei ihrem Ex-Partner und seiner neuen Freundin. Alles zum Wohle des Kindes, denn ihre Mutter ist nun eine Gefahr für sie. Frida steht daraufhin unter absoluter Beobachtung durch die Kinderschutzbehörde und muss erst beweisen, dass sie für ein Kind sorgen kann. Sie wird zur Teilnahme an einem neuartigen, einjährigen Programm in einer Besserungsanstalt, im sogenannten "Institut für gute Mütter", verpflichtet. Nur wenn sie besteht, bekommt sie das Sorgerecht für ihre Tochter zurück. Doch der Albtraum nimmt kein Ende...

Dieses Buch ist krass. Es hat mich völlig in seinen Bann gezogen und mich gleichzeitig an meine Grenzen gebracht. An die Grenzen dessen, was eine Mutter überhaupt ertragen kann. Das Gedankenexperiment, das Jessamine Chan in diesem Roman anstößt, ist absolut erschreckend und in seiner Konsequenz extrem gut ausgearbeitet. Mithilfe von KI-Puppen sollen aus schlechten Müttern gute Mütter werden. Die Interaktionen mit ihren KI-Kindern (ja, sie sehen ihren "Müttern" ähnlich und erinnern an die eigenen Kinder!) werden überwacht, aufgezeichnet, ausgewertet und beurteilt. Es zählt die perfekte Länge einer Umarmung, der optimale Tonfall im Gespräch und eine korrekte Wortwahl beim "Mutterisch", der natürlichen "Muttersprache", die jede gute Mutter im Schlaf beherrschen sollte. Tag und Nacht werden die Mütter schikaniert und müssen sich unter unmenschlichsten Bedingungen in jeder Sekunde beweisen. Fehler werden hart bestraft, Versagen ist unmöglich. Nebenbei sollte erwähnt werden, dass es natürlich auch ein Institut für schlechte Väter gibt. Dort sieht man alles allerdings ein wenig lockerer, es sind schließlich nur die Väter der Kinder. Die machen keine richtig schlimmen Fehler und wenn doch, dann - "Wo war nochmal die Mutter?"

Man merkt meiner Rezension an, dass dieses Buch mich sehr wütend gemacht hat. Jessamine Chan legt den Finger tief in die Wunden eines völlig verstaubten Rollenbildes. Die gute Mutter. Jana Heinicke beschreibt es in ihrem Buch "Aus dem Bauch heraus" aus dem Jahr 2022 unglaublich treffend:

"Denn genau das war die Verheißung: Wenn sie es schafften, diesem schier unerreichbaren Idealbild zu entsprechen, würden sie die Anerkennung bekommen, die ihnen zustünde [...]. Schafften sie es jedoch nicht, handelten sie wider der Natur. Ironischerweise war es also die Überhöhung der Mutter, die maßgeblich zu ihrer Unterdrückung beitrug." (S. 168) Exakt diesen Widerspruch thematisiert Jessamine Chan in ihrer absurden und gleichzeitig so realen Dystopie. Die Handlung ist komplett überspitzt, aber trifft genau den Kern des Problems: Was macht eine gute Mutter aus? Gibt es sie überhaupt? Wer sollte das messen dürfen und vor allem wie?

Mir hat der Roman außerordentlich gut gefallen. Auch jetzt, noch Monate nach dem Lesen, habe ich gewisse Szenen und Bilder glasklar vor Augen und selten habe ich so geweint beim Lesen eines Buches. Man könnte der Autorin vorwerfen, dass sie übertreibt. Aber ist es nicht eigentlich "unsere" Realität selbst, die übertriebene Erwartungen an Frauen und Mütter stellt?

PS: Das Hörbuch ist unheimlich gut eingesprochen von Sandra Voss. Sie verleiht der absurden Handlung in vielen Momenten eine fast teilnahmslose Kühle, wodurch sich die Szenen nur umso heftiger einbrennen. Fantastisch!

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Veröffentlicht am 19.01.2024

Mutter, Werwolf, Nightbitch?

Nightbitch
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Es war einmal eine Frau, die war Künstlerin und Galeristin und hatte große Freude an ihrem Beruf. Sie wurde Mutter und sie liebte ihren Sohn sehr. Aufopferungsvoll kümmerte sie sich um sein Wohlergehen, ...

Es war einmal eine Frau, die war Künstlerin und Galeristin und hatte große Freude an ihrem Beruf. Sie wurde Mutter und sie liebte ihren Sohn sehr. Aufopferungsvoll kümmerte sie sich um sein Wohlergehen, fütterte, wickelte, kochte, putzte, stand nachts auf. Sie wollte die perfekte Mutter sein, dabei auch "sie selbst" bleiben und ihre Karriere nicht aufgeben. Ihr Mann hatte einen furchtbar anstrengenden Job mit ständigen Geschäftsreisen, war ihr also keine Hilfe. Eines Tages merkte sie, dass der Hut, unter den sie alles zu stopfen versuchte, immer kleiner wurde. Überall schaute etwas heraus, sie bekam es einfach nicht mehr hin. Also kündigte sie ihren Job. Doch das Vollzeit-Mama-Sein zermürbte sie, höhlte sie innerlich aus. Wie sollte sie umgehen mit all ihren Unzulänglichkeiten, im Gegensatz zu den vermeintlich perfekten Müttern um sie herum? Denn wenn sie nicht gestorben ist, versorgt sie noch immer....? Halt, Stopp! Kurz vor dem Durchdrehen oder mittendrin (?) wurde sie zu Nightbitch. Als Nightbitch war sie unbesiegbar. Nacht für Nacht verwandelte sie sich nun in einen Hund...

Klingt absurd und skurril? Ist es auch. Aber auf die beste Art und Weise. Was anmutet wie ein modernes Märchen ist leider Realität für viele Frauen und Mütter. Dieses Gefühl, nicht mehr sie selbst zu sein seit der Mutterschaft, sich aufzuopfern für ein kleines, alles bestimmendes Wesen. Keine Kontrolle mehr über den Tagesablauf, geschweige denn den eigenen Körper zu haben. Ich konnte mich sehr hineinfühlen in diese Gefühle und Gedanken. Schlafmangel und dieses ständige Präsentsein-Müssen bei jungen Müttern weckt im wahrsten Sinne des Wortes animalische Triebe: völlig ungeahnte Wut und heillose Überforderung.

Was Rachel Yoder daraus macht ist absolut irre und genial. Mit zynischem Ton und einer ordentlichen Prise schwarzen Humors nimmt sie sich der modernen Mutterschaft an und seziert diese mithilfe der Idee einer animalischen Verwandlung. Das ist anders, klug und eröffnet Identifikations- und Interpretationsräume. "Nightbitch" ist eine schonungslose Abrechnung mit dem gesellschaftlich völlig überhöhten Bild der Supermutter, die alles kann und alles schafft. Hier geht es den unrealistischen Erwartungen und Idealen an Mutterschaft an den Kragen und das ist längst überfällig und notwendig. Dieser Roman reiht sich ein in eine lange Liste an Büchern, die ich in den letzten Jahren zu diesem Thema gelesen habe. Ich bin begeistert, dass immer mehr Autorinnen ihre Stimme erheben und sich stark machen für ein neues, authentisches Bild von moderner Mutterschaft und Frausein. Bitte mehr hiervon, Frau Yoder!

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Veröffentlicht am 30.04.2026

MEGA GUT

MEGA
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Bei Tieren, die größer sind als ich selbst, läuft mir immer ein Schauer der Ehrfurcht und des Respekts über den Rücken. Bei diesem Buch also quasi andauernd! Es ist einfach der absolute Wahnsinn, was für ...

Bei Tieren, die größer sind als ich selbst, läuft mir immer ein Schauer der Ehrfurcht und des Respekts über den Rücken. Bei diesem Buch also quasi andauernd! Es ist einfach der absolute Wahnsinn, was für riesige und faszinierende Tiere es schon gab auf dieser Erde und immernoch gibt. Das Entdecken, Durchblättern, Anschauen und Lesen der Doppelseiten ist spannend, lehrreich und hat unsere Augen leuchten lassen. Denn auch mein kleiner Sohn fand dieses Buch grandios.
Die Illustrationen sind sehr realitätsgetreu und dennoch liebevoll, die Texte sind kindgerecht und sprachlich ansprechend. Die Größe der einzelnen Tiere wird anhand von bekannten Vergleichen deutlich dargestellt. Alles in allem also eine große Empfehlung für alle großen und kleinen Tierfans!

PS: Besonders empfehlen können wir das auf klappbare Buchcover, denn daraus wird dann ein Riesenposter :)

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Veröffentlicht am 30.04.2026

Schönheit, Fremdheit, Banat.

Das schönste aller Leben
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Betty Boras widmet sich in ihrem Roman „Das schönste aller Leben“ den Themen Herkunft, Schönheit, elterliche Verantwortung und Schuld und den inneren Konflikten, die sich daraus ergeben. Das Cover und ...

Betty Boras widmet sich in ihrem Roman „Das schönste aller Leben“ den Themen Herkunft, Schönheit, elterliche Verantwortung und Schuld und den inneren Konflikten, die sich daraus ergeben. Das Cover und der luftig-leichte Titel verheißen auf den ersten Blick einen schönen Sommerroman - doch weit gefehlt.

Im Mittelpunkt stehen zwei Frauenfiguren, Vio und Theresia, deren Lebensgeschichten durch die Zeit und über Generationen hinweg miteinander verwoben sind.
Vio kommt als Kind mit ihrer Familie aus dem Banat nach Deutschland und stößt in der neuen Fremde auf eine komplett andere Welt. Ist sie gerade noch durch die wildromantische Natur des Banats gerannt, in welcher ihre Familie viel Grund, Obstbäume und Freiheiten hatte, wohnt sie nun Wand an Wand mit fremden Menschen in einer Mietswohnung. Ihre Großeltern und Eltern kennen den ungeschriebenen "Verhaltenskodex" in vielen Kontexten nicht und unterscheiden sich dadurch immer wieder von den Familienmitgliedern ihrer Freundinnen. Als sie im Erwachsenenalter nach einem unaufmerksamen Moment mit den Narben ihrer kleinen Tochter konfrontiert wird, erschüttert sie dies zutiefst. Erneut muss sie sich ihren inneren Fragen und Dämonen nach Zugehörigkeit, Herkunft, Schuld und dem kulturell und gesellschaftlich geprägtem Bild von Schönheit stellen.
Auch Theresias Erzählstrang im Banat der Vergangenheit erzählt von Fremdheit, Entbehrung und der "Last" der Schönheit. Theresia wird beschuldigt, den Pfarrer verführt zu haben und wird zur Zwangsarbeit im Banat verschleppt. Also sie bemerkt, dass sie schwanger ist, schmiedet sie einen gewagten Fluchtplan...

Emotional haben mich vor allem Vios Passagen berührt. Die Fixierung auf die Schönheit ihrer Tochter konnte ich anfangs nur schwer nachvollziehen. Später kommt jedoch anhand ihrer eigenen gesundheitlichen Erfahrungen eine psychologische Tiefe hinzu, die gerade in der Auseinandersetzung mit der eigenen Mutterrolle sehr anrührt. Wie geht man als Eltern mit dieser Schuld um, dass das eigene Kind "entstellt" ist? Welche Privilegien verbinden wir damit, normschön zu sein und wie geht man mit Abweichungen davon um?
Der historische Teil um Theresia bleibt dagegen etwas blass. Vieles wird nur angedeutet, wodurch das reiche erzählerische Potenzial ungenutzt bleibt. Auch wirken die Figuren in diesem historischen Teil insgesamt zu wenig ausgearbeitet, um mich nachhaltig zu berühren.

Sprachlich ist der Roman eindringlich und atmosphärisch dicht, doch das Ende kam für mich etwas zu abrupt und hinterließ den Eindruck, dass einige Fäden unaufgelöst bleiben. Dennoch ist „Das schönste aller Leben“ von Betty Boras ein einfühlsam geschriebener Roman, der zu Herzen geht und den ich sehr gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Grandioses Setting, jedoch zu verworren.

Der letzte Mord am Ende der Welt
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Eine abgeschiedene Insel am Ende der Welt, in gar nicht allzuferner Zukunft. Ein tödlicher Nebel, der alles Leben auf der Erde ausgelöscht hat. Bis auf die Bewohner*innen dieser Insel. Ein ausgeklügeltes ...

Eine abgeschiedene Insel am Ende der Welt, in gar nicht allzuferner Zukunft. Ein tödlicher Nebel, der alles Leben auf der Erde ausgelöscht hat. Bis auf die Bewohner*innen dieser Insel. Ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem sorgt dafür, dass der Nebel nicht in die Atmosphäre eindringen kann. Bis zum Mord an der dafür verantwortlichen Wissenschaftlerin. Denn mit Niema fällt auch die Barriere und in 107 Stunden erreicht der Nebel die Insel...

Dies war mein erster Buch von Stuart Turton und ich muss sagen, dass mir seine Art, Geschichten zu erzählen, grundsätzlich sehr zusagt. Er hat sich für diesen dystopischen Krimi ein überaus spannendes Setting ausgedacht, das mich auf Anhieb angesprochen hat. Mich faszinieren geschlossene Gesellschaftsordnungen, die "sich selbst überlassen" sind und deren Gruppendynamiken sehr. Auch hier gibt es die Wissenschaftler, die sogannten "Ältesten" und die Dorfbewohner, die die alltäglichen Verrichtungen erledigen. Nach und nach wird deutlich, was die Ältesten von den Dorfbewohnern unterscheidet, warum der schöne Schein trügt und die Handlung wird schnell ziemlich düster. Und ganz schön verworren.

Ich gebe zu, dass mich die wilde Story gerade im Mittelteil das ein oder andere Mal ein wenig verloren hat. Es war mir mit der Zeit einfach zu viel. Ein ums andere Mal werden Theorien aufgestellt, Schauplätze gewechselt und Verdächtige und Tatwaffen umgeworfen. Ja, das gehört zu einem Krimi dazu, klar. Mir geht es hier jedoch um die Geschwindigkeit der "fliegenden Wechsel". Das könnte natürlich auch daran liegen, dass ich das Buch als Hörbuch gehört habe und mir die Sprecherin leider zugesagt hat ("weinerlich" ist meiner Meinung nach keine gute Stimmvariation).

Die klug eingebaute Gesellschaftskritik und das dystopische Setting konnten mich überzeugen, die Handlung an sich und die Charakterzeichnungen blieben für mich zu verworren und zu oberflächlich. Das Ende hingegen hat mich wieder sehr versöhnt. Insgesamt ein spannender Krimi in einer ungewöhnlichen Welt, der mir im Gedächtnis bleiben wird.

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