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heinoko

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.05.2018

Enttäuschend

Der einsame Bote
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Von Gard Sveen hatte ich bislang noch nichts gelesen. Insofern begann ich vorurteilsfrei mit diesem Band 3 rund um den Ermittler Tommy Bergmann. Jetzt, am Ende des Buches, weiß ich ganz sicher, dass ...


Von Gard Sveen hatte ich bislang noch nichts gelesen. Insofern begann ich vorurteilsfrei mit diesem Band 3 rund um den Ermittler Tommy Bergmann. Jetzt, am Ende des Buches, weiß ich ganz sicher, dass ich nichts mehr über Tommy Bergmann lesen möchte.
So wird das Buch von Verlagsseite beworben: Kommissar Tommy Bergmann hat sich an einem hoffnungslosen, längst zu den Akten gelegten Fall festgebissen. Seine Kollegen wenden sich von ihm ab und wenn er seine Ermittlungen nicht einstellt, droht ihm die Suspendierung. „Der einsame Bote“ beginnt bedrückend. Bis Tommy Bergmann Hinweise auf eine alte Sekte findet, die junge Mädchen opfert, um das Seelenheil von Mördern zu retten. Ist das die Spur, die er seit Monaten sucht? Kann er die totgesagte 13-jährige Amanda befreien und den Mörder fassen – und weitere Morde verhindern?
Das Buch hat mich von Anfang bis Ende völlig kalt und unberührt gelassen. An keiner einzigen Stelle hat es mich eingefangen, ich las es wie eine Pflichtlektüre, distanziert, ohne innere Beteiligung. Ich fühlte mich nie hineingezogen in die Geschichte. Ich sah sozusagen von außen zu, wie Tommy Bergmann wie ein Hund die Witterung aufnimmt und sich von nichts und niemandem mehr aufhalten lässt. Oder wie sich Susanne, Kollegin von Tommy, aus Sorge um ihr eigenes Kind schließlich auch auf Spurensuche begibt. Was ist an diesem Buch, dass man es mehr oder weniger interessiert wie einen mäßig interessanten Zeitungsartikel durchliest, den man nach Lektüre gleich wieder vergisst? Da ist zum einen meiner Meinung nach der fehlende Spannungsbogen. Zuviel wird in dunklen Ecken, hier und dort und dann auch noch in Litauen, herumgestochert. In verwirrender Schreibweise werden dem Leser nicht zusammenpassende Mosaiksteinchen vorgehalten. Aber Verwirrung zu schaffen, ohne den erkennbar roten Faden durchscheinen zu lassen, bringt keine Spannung, sondern Leserdistanz. Und wenn dann noch der Hauptakteur im Buch jemand ist, dem man sich weder mit Sympathie noch mit Mitleid, schon gar nicht mit Verständnis, lesend nähern möchte, ist die Leserdistanzierung perfekt. Nichts für mich, schade.


Veröffentlicht am 13.05.2018

Cold Case auf österreichisch

Mordsg'schicht
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Die Kurzbeschreibung fasst den Inhalt perfekt zusammen: Juliana Kallberger ist froh, in das gemütliche Dörfchen Zwirnbach gezogen zu sein. Hier, in der Heimat ihres Mannes, kann sie in Ruhe ihrem Lieblingshobby ...


Die Kurzbeschreibung fasst den Inhalt perfekt zusammen: Juliana Kallberger ist froh, in das gemütliche Dörfchen Zwirnbach gezogen zu sein. Hier, in der Heimat ihres Mannes, kann sie in Ruhe ihrem Lieblingshobby nachgehen: Der Ahnenforschung. Doch als sie einen Eintrag in ihrem Familienstammbuch ergänzen will, stolpert sie über einen Skandal. 1902 wurde ein Urahne ihres Mannes erhängt in Zwirnbach aufgefunden, kurz nachdem auch seine Frau gestorben ist. War das ein Selbstmord? Juliana kommt der Eintrag ungewöhnlich vor und sie beginnt zu recherchieren, was damals vorgefallen sein könnte. Doch schlafende Hunde soll man nicht wecken und die Stimmung im Dorf kippt, als Juliana beginnt herumzuschnüffeln. Dann wird auch sie selbst bedroht …

Nicht nur das Dörfchen Zwirnbach ist gemütlich, das ganze Buch ist es. Gemütlich, fast betulich wird so vor sich hin erzählt. Wer ein Faible für Ahnenforschung hat, dem mag es gefallen, insbesondere da sich der Anhang detailliert mit dem Thema befasst. Ich persönlich habe diese Absätze jeweils nur überflogen, weil ich zugegebenermaßen gar kein Interesse für das Herumstöbern in der Welt der Ahnen habe. Der Plot als solcher genügt einfach nicht, um zu fesseln. Die Geschichte ist arg konstruiert, vorhersehbar, stellenweise langatmig dargestellt und wurde in einen arg schlichten Schreibstil verpackt. Zwar wird nett erzählt und viel Aufwand betrieben, um Häuser, Gärten, Einrichtungen und andere Äußerlichkeiten zu beschreiben, aber genau an diesen Äußerlichkeiten bleibt die Geschichte auch hängen, bleibt sozusagen zweidimensional, oberflächlich. Der österreichische Slang ist durchaus liebenswert und über die österreichische Küche in allen möglichen Variationen habe ich viel erfahren, aber das genügt leider nicht, um das Buch zu einer Mordsg’schicht zu machen.

Veröffentlicht am 10.05.2018

Brutal-reißerisches Road Movie

Die Rache der Polly McClusky
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Nate McClusky, soeben erst dem Knast entkommen, flieht mit seiner Tochter 11-jährigen Polly vor einer Gang, die beiden nach dem Leben trachtet.
Polly ist überdurchschnittlich intelligent, zu Beginn des ...

Nate McClusky, soeben erst dem Knast entkommen, flieht mit seiner Tochter 11-jährigen Polly vor einer Gang, die beiden nach dem Leben trachtet.
Polly ist überdurchschnittlich intelligent, zu Beginn des Buches ganz unschuldiges Kind, in verschiedenen Welten lebend. Im Verlauf der Geschichte wandelt sich Polly unter Schulung ihres Vaters zunehmend, bekommt „Revolverheldaugen“. Sie lernt zu kämpfen und wechselt sukzessive die Fronten.
Die Sprache fasziniert mich und stößt mich ab, beides gleichermaßen und beides gleich intensiv. Auf jeden Fall hat sie eine enorme Sogwirkung, sie lässt mich nicht kalt, sondern zieht mich in eine Geschichte hinein, die ich eigentlich gar nicht lesen möchte. Es ist schon eine besondere Kunst, die entsetzlichsten Geschehnisse auf eine solch berauschende Weise darzustellen. Ich würde sagen: genial brutal geschrieben – auch wenn ich den Inhalt im Gesamten nicht mag.

Veröffentlicht am 19.04.2018

Zwei Themen, die nicht zueinander passen

Der Letzte von uns
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Das Positive vornweg: Das Buch ist schnell zu lesen, es ist leicht zu lesen, die große Schrift macht es dem Leser leicht, die 450 Seiten zügig zu konsumieren.
Zwei Zeitstränge öffnen sich dem Leser: 1945, ...


Das Positive vornweg: Das Buch ist schnell zu lesen, es ist leicht zu lesen, die große Schrift macht es dem Leser leicht, die 450 Seiten zügig zu konsumieren.
Zwei Zeitstränge öffnen sich dem Leser: 1945, die Bombennacht von Dresden. Luisa bringt ihren Sohn Werner zur Welt und stirbt wenige Stunden danach. Die Schwester von Luisa und eine fremde Frau als Amme nehmen sich des Neugeborenen an. 1969 in Manhattan: Wern, jung, erfolgreich, bei den Frauen beliebt, trifft auf Rebecca, eine exaltierte Künstlerin. Er umwirbt sie nach allen Regeln der Kunst, sie bricht jedoch nach einem Zusammentreffen der Mutter von Rebecca mit Wern den Kontakt ab. In der Folge wird – immer wieder wechselnd zwischen den Handlungssträngen – sowohl über die weitere Geschichte von Werner während der Kriegszeit als auch über Wern und Rebecca in den siebziger Jahren in Manhattan erzählt, bis sich zum guten Schluss die beiden Handlungsbögen dramatisch schließen.
Warum kann ich diesem Buch so wenig abgewinnen? Weil hier zwei Themen zusammengewürfelt werden, die sich gegenseitig stören, weil sie in der Kombination dem Ernsten die Tiefe nehmen und dem Leichten das Frohe zerstören. Weil Menschen geschildert werden, mit denen ich nichts anfangen kann, sie werden oberflächlich, wenig greifbar und wenig nachvollziehbar in ihrem Handeln geschildert. Weil mich das ewige Hin und Her zwischen Rebecca und Wern nach einer Weile nur noch nervt. Und weil ich wenige Tage zuvor einen Roman über den Zweiten Weltkrieg gelesen habe, der von so überragender Qualität war (Ein Held in dunkler Zeit), dass mir die Schwächen von „Der Letzte von uns“ leider ganz besonders deutlich wurden.

Veröffentlicht am 19.04.2018

Männlich sexistisch überladen

Der Mann, der nicht mitspielt. Hollywood 1921: Hardy Engels erster Fall
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Vorausschicken muss ich, dass Hörbücher generell nicht mein Ding sind. Zuviel Ablenkung, zuwenig Konzentration, zu oberflächliches Zuhören, mitunter Ermüdungserscheinungen… all diese bei mir auftretenden ...


Vorausschicken muss ich, dass Hörbücher generell nicht mein Ding sind. Zuviel Ablenkung, zuwenig Konzentration, zu oberflächliches Zuhören, mitunter Ermüdungserscheinungen… all diese bei mir auftretenden Mankos lassen
mich viel eher zum gedruckten Buch greifen. Dennoch wollte ich mit diesem Titel dem Hörbuch generell und auch mir eine neue Chance geben. Fast 16 Stunden lang gab ich Christof Weigold und dem Mann, der nicht mitspielt, eine Chance.
Hollywood in den 20er Jahren. Hardy Engel ist erfolgloser Schauspieler und versucht sich als Privatdetektiv. Er erhält von einer mysteriösen, schönen Frau, Pepper Murphy, den Auftrag, Virginia Rappe zu finden, was ihm auch gelingt, allerdings stirbt Virginia Rappe kurz darauf an inneren Verletzungen. Der geschilderte Fall, der zur damaligen Zeit ein großer Skandal war, beruht auf einer wahren Geschichte. Der Autor startet mit diesem Buch eine Reihe, die auf historischen Skandalen und ungeklärten Mordfällen in Hollywood basiert. Das Hollywood dieser Zeit war die Zeit der Stummfilme, der Prohibition, der Drogen und ein wahres Sündenbabel. Schauspielgrößen wie Buster Keaton, Charlie Chaplin, Filmstudio-Giganten, die sich gegenseitig überboten, Machtmissbrauch, sexuelle Übergriffe – all diese schillernden Facetten werden vom Autor äußerst detailliert und für den Hörer vorstellbar beschrieben.
Erst im letzten Drittel nimmt die Geschichte an Fahrt auf, vorher schlingert sich der Text von Beschreibung zu Beschreibung, scheinbar endlos sich ergehend in Beobachtungen, dazu erzählt in einer sehr männlichen, teilweise geradezu abstoßend sexistischen Sprache. Für keine der Protagonisten konnte ich in irgendeiner Form Sympathie entwickeln. Das Hörbuch war für mich deshalb eine äußerst mühsame Sache – einzig die wunderbare Stimme von Uve Teschner ließ mich bis zum Ende durchhalten.