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Veröffentlicht am 04.12.2018

Sterben kann ewig dauern

Die Chemie des Todes
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„Eine solche Sache holt das Schlimmste aus jedem heraus. Manham ist ein kleiner Ort. Und kleine Orte erzeugen kleine Geister. Vielleicht bin ich übermäßig pessimistisch. Aber wenn ich du wäre, wäre ich ...

„Eine solche Sache holt das Schlimmste aus jedem heraus. Manham ist ein kleiner Ort. Und kleine Orte erzeugen kleine Geister. Vielleicht bin ich übermäßig pessimistisch. Aber wenn ich du wäre, wäre ich auf der Hut.“


Inhalt


David Hunter flieht vor seinen schmerzhaften persönlichen Erinnerungen, die ihn immer wieder an den Unfalltod seiner geliebten Frau und der gemeinsamen Tochter erinnern von London in die Kleinstadt Manham. Dort möchte er an der Seite des ansässigen Allgemeinmediziners Henry Maitland Fuß fassen und ein neues Leben beginnen. Doch kurz nach seinem Erscheinen beginnt eine Mordserie, bei der es der Täter auf junge, attraktive Frauen abgesehen hat, die angeblich keine Feinde hatten. Bedächtig wählt er seine Opfer aus, und schickt ihnen kurz vor der Entführung eine kleine Warnung, indem er ihnen geschändete Tiere schenkt. Gegen seinen Willen wird David bald in die Mordermittlung involviert, nicht nur weil er die Opfer kannte, sondern vor allem wegen seiner beruflichen Qualifikation, die im Rahmen der Aufklärungsarbeit von höchster Bedeutung ist. Sein Wissen über die Verwesungsprozesse des menschlichen Körpers führen dazu, dass sich der mögliche Täterkreis weiter eingrenzt, doch von einem durchschlagenden Erfolg ist die Polizei noch weit entfernt. In der Zwischenzeit wird schon die nächste Frau entführt, und mit dieser hatte David gerade die Hoffnung auf eine neue Liebe entdeckt …


Meinung


Der britische Bestsellerautor Simon Beckett startet seine David-Hunter-Reihe mit einem bedrückenden, eher stillen und dennoch grausigen Geschehen, welches stellenweise sehr detailliert die Verwesungsvorgänge im Inneren eines menschlichen Körpers schildert, wenn dieser der Natur anheimfällt, nachdem ihm tödliche Verletzungen zugefügt wurden. Sehr umfassend und eindringlich beschreibt Beckett aber nicht nur den Tod, sondern auch die lebendigen Akteure seiner Geschichte. Der Schauplatz einer Kleinstadt bietet sich dafür hervorragend an, wachsen dort das Misstrauen und die latenten Feindschaften doch viel schneller als in großen Gemeinden, weil jeder jeden kennt und Fremde ganz genau unter die Lupe genommen werden.


Für Abwechslung sorgt die gewählte Erzählperspektive, denn obwohl David Hunter direkt an der Mordserie beteiligt ist, nimmt er weder die Rolle des Opfers, noch die des Täters ein und er ist auch nicht der leitende Polizist. Dieser Blickwinkel erlaubt ein gleichermaßen nahes, wie differenziertes Modell bezüglich der Mordserie und ihres Verlaufes. Als Leser ist man weder zu nah dran, um direkt zu erahnen, was der Täter möchte, noch sind einem die Hände gebunden, wie es manchmal aus Sicht der Beamten geschehen kann. Dadurch ergibt sich natürlich auch ein hoch dramatischer Handlungsverlauf, denn Zivilisten treffen nicht immer gute und sichere Entscheidungen, ganz besonders dann nicht, wenn die Opfer ihre besondere Aufmerksamkeit haben.


Dennoch gelingt es dem Autor alle Positionen deutlich zu charakterisieren, er fühlt sich in die aussichtlose Lage des Opfers ein, beleuchtet aber auch die verstörenden Gedankengänge des Täters und nimmt Teil am auseinanderbrechenden Gemeindeleben, bei dem der Pfarrer plötzlich zum Richter wird und die unscheinbare Hausfrau dunkle Vorahnungen hat.


Fazit


Ich vergebe 4,5 Lesesterne (aufgerundet 5) für diesen sehr stimmungsvollen, effektiven Thriller, der auf positive Art und Weise eine intensive, dunkle Geschichte erzählt, die sich immer nah an der Realität bewegt. Eine gut nachvollziehbare ausgereifte Handlung, die gleichermaßen Spannungs- wie Aufklärungsmomente hat und einen objektiven, ehrlichen Hauptprotagonisten, dem man seine Entscheidungen abkauft. Empfehlenswert für alle Leser, die gerne das Subtile mögen und fehlende Action nicht mit Spannungsarmut gleichsetzen, denn sowohl Menschen als auch ihre Interaktionen bilden den Kern der Geschichte und so sind es auch ihre Verfehlungen, die als Motivator für mörderische Aktivitäten dienen – keine Hetzjagd, keine Polizeigewalt, nur das langsame, stetige Voranschreiten einer ablaufenden Zeit …

Veröffentlicht am 20.10.2018

Engel im Elend trifft den Typ mit der Idee

Die Hungrigen und die Satten
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„Aber hier gibt es nichts. Hier gab es auch vorher nichts, und deshalb ist hier alles gleich, überall nur eine dicke Zeltschicht auf dem staubigen, verdorrten, versengten Boden. Der Blick geht über die ...

„Aber hier gibt es nichts. Hier gab es auch vorher nichts, und deshalb ist hier alles gleich, überall nur eine dicke Zeltschicht auf dem staubigen, verdorrten, versengten Boden. Der Blick geht über die Zeltdächer in die endlose Weite, ein weißgekräuseltes Planenmeer, zwischen dessen Wellen dunkle Menschen treiben, Hunderte und Hunderte …“


Inhalt


Die omnipräsente Berichterstatterin Nadeche Hackenbusch startet mit einer Live-Story der Extraklasse im deutschen Fernsehen durch. Was anfangs nur eine humanitäre Hilfsaktion über einen begrenzten Zeitraum sein sollte, bekommt durch den motivierten Flüchtling Lionel ein ganz neues, medientaugliches Format. Nadesche und Lionel sind nicht nur ein frisch verliebtes Paar, nein, sie sind wahre Mediengurus und begeistern und erschrecken die Bevölkerung mit ihrer gewagten Aktion gleichermaßen. Mit 150.000 Menschen starten sie einen Feldzug von Afrika nach Deutschland zu Fuß, marschieren mit ihrem Tross durch zahlreiche Länder und bleiben einfach nicht stehen. Was anfangs noch ein imposanter Medienrummel zu sein scheint, verkommt nach und nach zur realistischen Bedrohung. Denn in der Türkei angekommen, sind es mittlerweile 300.000 Flüchtlinge geworden und es sieht nicht so aus, als könnte irgendetwas diese Menschenmassen aufhalten. Der deutsche Innenminister braucht eine unschlagbare Waffe, um seine Landesgrenzen zu schützen, doch wer möchte schon die Verantwortung für eine tödliche Massenexekution tragen?


Meinung


Der deutsche Autor Timur Vermes, der bereits mit seinem Debütroman „Er ist wieder da“ für Furore sorgte, widmet sich in seinem aktuellen Roman einer ebenso politischen, wie aktuellen Debatte um das Problem der immer zahlreicher werdenden Flüchtlingsströme, die mit aller Gewalt nach Europa drängen und jedwede Belastung auf sich nehmen, um ein Leben in Frieden zu führen. Dabei ist dieses Werk vor allem sehr radikal, vielmals überspitzt und doch sehr beklemmend und realistisch umgesetzt. Eine innovative, humorvolle Gesellschaftskritik, bei der ganz klar wird, welche Machtkämpfe zwischen den Gewinnern und Verlierern stattfinden, auch wenn alles in geordneten Bahnen abläuft. Denn nicht nur die Aussichtslosigkeit der Bevölkerung in den Ländern ihrer Heimat wird sichtbar, sondern auch ihre Unerwünschtheit in der Fremde.


Dieses Buch hat mich wirklich begeistert, vor allem weil es so humorvoll und satirisch daherkommt und sowohl die Politik, als auch die Aasgeier der Medienbranche durch den Kakao zieht, ihre Schwächen offenlegt und sie zu den Geächteten deklariert und zum anderen, weil die Idee eines Flüchtlingszuges mit der entsprechenden Logistik und den menschlichen Anstrengungen ausgezeichnet und sehr einprägsam dargestellt wird. Man kann laut lachen, über Nadesches neues Image als Engel im Elend oder sich fasziniert dem Flüchtling Lionel zuwenden, der eigentlich nur allein nach Deutschland wollte und schließlich zum Helden einer Menschenmenge avanciert. Und was mir mindestens genauso gut gefallen hat, ist der Wechsel von einem unterhaltsamen, politischem Roman zu einem bedrückenden, fast schon beängstigendem Szenario, dem eine einzige Entscheidung keinen Einhalt mehr gebieten kann.


Auch die Protagonisten, die hier auf der Bühne stehen, bekommen ein klassisches Profil, so dass man sie bildlich vor Augen hat. Egal ob es die etwas dümmliche, gutaussehende Moderatorin ist, oder der geldgeile, skrupellose Medienboss – jeder steht nicht nur stellvertretend für eine ganze Meute an Personal, sondern gleichermaßen für sein öffentliches Image. Man scheint sie irgendwoher zu kennen, selbst wenn sie andere Namen und Gesichter haben, man fühlt sich als Leser gleichermaßen übergeordnet und eingegliedert.


Dieser Roman bleibt in Erinnerung, nicht nur weil er so anders ist als man erwartet, sondern vor allem, weil sich die Bilder, die er entwirft ins Gedächtnis fressen. Eine Verfilmung stelle ich mir hier auch sehr amüsant und attraktiv vor, sie drängt sich regelrecht auf, stehen doch die Ereignisse, die zwischenmenschlichen Agitationen und die übergeordneten Entscheidungen immer im Mittelpunkt. Beim Lesen braucht man Ruhe und auch Konzentration, weil sich der Lesefluss nicht ganz so flüssig einstellt, wie erhofft. Doch das ist kein nennenswerter Kritikpunkt, gleicht doch die Dichte der Erzählung diesen kleinen Mangel wieder aus.


Fazit


Ich vergebe 4,5 Lesesterne (aufgerundet 5) für diesen innovativen Roman, der die Deutschen und ihr derzeit aktuelles Problem der anrückenden Flüchtlingsmassen gekonnt in Szene setzt. Einprägsam und unterhaltsam, realistisch und bedrückend, aktiv und hilflos – Politiker, Journalisten, und Menschen in Not, die agieren um glaubwürdig zu bleiben, die spekulieren, um Quote zu machen und die nicht anhalten, um zu überleben. Empfehlenswert für alle Leser, die den etwas anderen Blick auf die politische Gesamtsituation werfen möchten und sich auch über das Buch hinaus mit der aufgeworfenen Debatte auseinandersetzen möchten. Den Erstlingsroman des Autors werde ich sicherlich noch lesen, nachdem ich mich hier von seiner Erzählweise überzeugen konnte.

Veröffentlicht am 13.09.2018

Die Anziehungskraft der Mächtigen

Der Junge auf dem Berg
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„Aber du bist noch jung, du bist erst sechzehn; du hast noch viele Jahre vor dir, um zu verarbeiten, dass du bei all dem mitgemacht hast. Aber red dir nie ein, du hättest von nichts gewusst.“


Inhalt


Pierrot ...

„Aber du bist noch jung, du bist erst sechzehn; du hast noch viele Jahre vor dir, um zu verarbeiten, dass du bei all dem mitgemacht hast. Aber red dir nie ein, du hättest von nichts gewusst.“


Inhalt


Pierrot Weber wächst in Frankreich auf, als Sohn eines Deutschen und einer Französin. Doch als seine Eltern nur wenige Jahre nacheinander versterben, steht der kleine Junge allein da. Zunächst kommt er in ein Waisenhaus, doch schon wenig später ergibt sich für ihn die Möglichkeit zu seiner leiblichen Tante Beatrix nach Österreich zu ziehen. Diese ist Angestellte im Berghof, einer ganz besonderen Residenz, die Adolf Hitler als Erholungsort nutzt. Pierrot darf sich fortan nur noch Peter nennen, soll seine französische Herkunft um jeden Preis verschweigen und seinen jüdischen Freund aus glücklichen Tagen möglichst bald vergessen. Alles, was dem Führer ein Dorn im Auge sein könnte, muss unbedingt vermieden werden. Und obwohl Peter das nicht versteht und sich keinen Reim darauf machen kann, macht er alles so, wie ihm befohlen wird. Schon bald findet der Junge sogar Gefallen an den schicken Uniformen, den großen Zielen des Führers und dessen engagierter Politik. Peter beobachtet, wie leicht es sich lebt, wenn man Macht ausübt, wie andere zurückweichen, wenn man harte Töne anschlägt und dass er sich doch recht gern an seinem Vorbild Adolf Hitler orientiert. Nur die Schattenseiten dieses Daseins erkennt Pierrot zu spät, die verhängnisvollen Entscheidungen, das Scheitern eines ganzen Systems, von dem der Junge nur wenig selbst erkannt und fast alles nur übernommen hat …


Meinung


Der irische Bestsellerautor John Boyne widmet sich auch in diesem Roman wieder dem Leben während des Nationalsozialismus aus der Sicht eines Kindes. Diesmal legt er Wert darauf zu zeigen, wie sich ein unschuldiges Kind in unmittelbarer Nähe zur Willkürherrschaft verändert und wohin all die Menschlichkeit verschwindet, die doch einst erlernt und gelebt wurde. Dabei setzt er auf die Naivität eines Jungen, auf seinen Wunsch nach Anerkennung und Zuwendung, auf sein Urvertrauen in die Richtigkeit erwachsener Entscheidungen – nur das ebenjener Junge den falschen Leuten vertraut und nicht durchschaut, dass jedes Lob nur auf Gehorsam basiert und jeder Fehltritt hart bestraft wird.


Ganz klar, ich bin ein großer Fan des Autors, vor allem weil seine Geschichten immer mein Herz erreichen, weil er sich grandios in die Gedankenwelt eines Kindes hineinversetzt und den Leser mitnimmt auf eine vereinfachte Form der Welt ringsherum. Der Schreibstil selbst ist denkbar einfach gehalten, in klaren überschaubaren Sätzen mit einem eindeutigen Handlungsverlauf, so dass auch jüngere Leser den Text sehr gut erschließen können.

John Boyne erschafft im ersten Teil eher eine mitleidige Stimmung des Lesers bezüglich des Hauptprotagonisten, welche aber im Folgenden immer mehr verkümmert, weil sich Peter zu einem Abbild des Hausherren entwickelt und damit viele Sympathien verliert. Sehr gelungen fand ich in diesem Zusammenhang die Erkenntnis, dass sich Peter auf sein Wesen sehr viel einbildet und es partout nicht versteht, warum ihm alle so abweisend und kalt begegnen. Die Schuld sucht er nicht bei sich selbst und Widerworte duldet er nicht.

Auf anschauliche Art und Weise wird hier gezeigt, welche Anziehungskraft die Mächtigen haben, wie leicht und beeinflussbar das Wesen eines Kindes ist und wie schnell Bewunderung in fatale Verhaltensweisen umschlagen kann. Ein kleines Manko hat das Buch aber doch: es arbeitet als Zeitraffer, presst die vielen Jahre nachdem der Führer abgesetzt wurde und aus dem jungen Pierrot ein Mann geworden ist auf nur wenige Seiten der Erzählung. Dadurch verliert der Roman in der zweiten Hälfte etwas an Gewichtung, lässt Wichtiges aus, bleiben Lücken bestehen. Selbst das Erwachsenwerden des Protagonisten bleibt blass, er selbst scheint nach wie vor gefangen in seinem kindlichen Leben und damit liegt die Aussagekraft des Buches etwas unter Wert.


Fazit


Ich vergebe 4,5 Lesesterne für diesen besonderen Roman, erzählt aus kindlicher Perspektive, der ein Leben am Rande der Wirklichkeit schildert und die Frage nach Schuld und Unwissenheit aufwirft, sie aber gewissenmaßen unbeantwortet lässt. Empfehlenswert ist der Roman für alle, die sich gerne in Geschichten hineinversetzen, für jüngere Leser, die nicht unbedingt auf Bedeutungsschwere und einen logischen Aufbau Wert legen. Generell würde ich dieses Buch ins Genre Kinder-und Jugendliteratur einsortieren, als Roman hat es wenig Bestand. Dennoch hat mir auch diese Geschichte schöne Lesestunden beschert, die ich selbst meinem 5-jährigen Sohn in Ansätzen erklären konnte.

Veröffentlicht am 14.08.2018

Die Menschenmördermaschine

Invisible
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„Du bist so wütend auf ihn. Du hasst diesen Menschen mehr als alles auf der Welt – obwohl du ihn gar nicht kennst. Und dann schlägst du zu …“


Inhalt


Kaum zu glauben, dass in Hamburg ein angesehener ...

„Du bist so wütend auf ihn. Du hasst diesen Menschen mehr als alles auf der Welt – obwohl du ihn gar nicht kennst. Und dann schlägst du zu …“


Inhalt


Kaum zu glauben, dass in Hamburg ein angesehener Chirurg einen Patienten während dessen Herzoperation brutal getötet hat, mit einem gezielten Stich in sein Herz. Noch dazu, weil sich Täter und Opfer anscheinend überhaupt nicht kannten. Auch als sich wenig später das gleiche Muster eines tödlichen Streits wiederholt, fragen sich die Ermittler Salomon und Buchholz, was es nun diesmal sein könnte. Doch bis auf die Tatsache, dass die Täter sich von ihren Opfern in die Enge getrieben fühlten, in der Öffentlichkeit dem Spott preisgegeben sahen und ominöse Beleidigungsschreiben erhielten, gibt es keinerlei Überschneidungspunkte zwischen den grausamen Taten. Mit Hilfe eines Mentalisten bemühen sich die Ermittler ein Tatmotiv herauszufinden und versuchen auf gut Glück eine Verbindung zwischen den Tätern herzustellen, da es anscheinend keine Überschneidungspunkte bei den Opfern gibt. Und noch während sie weiter mühsam im Dunkeln tappen, geschieht das nächste Verbrechen. Eines ist klar, die Zeit arbeitet gegen sie und wenn nicht bald dass fehlende Puzzleteil gefunden wird, stirbt der nächste Unschuldige.


Meinung


Zu einem Thriller aus Deutschland greife ich besonders gerne, wenn er gleich von einem Autorenduo verfasst wurde, bei dem ich von beiden Akteuren überzeugt bin. Und so konnte mich auch dieser Spannungsroman begeistern, der gekonnt aus zwei Erzählperspektiven schildert, wie sich mehrere unbegreifliche Mordfälle griffig zusammenfügen. Nina Salomon und ihr Partner Daniel Buchholz schildern jeweils abwechselnd das aktuelle Szenario und fügen ihre eigenen Bedenken oder Erkenntnisse ein. Dadurch bekommt man zusätzlich zum Fall auch noch die persönliche Komponente geliefert, die einen interessanten Einblick in den Alltag deutscher Kriminalbeamter liefert. Ähnlich wie in anderen Berufen, erkennt man auch hier eine klare Hierarchie mit Aufgabengebieten und Verantwortlichkeiten, Eifersüchteleien zwischen Kollegen und den schlechten Leumund. Dieser Aspekt ergänzt sich gut mit dem Fall an sich.


Die Handlung selbst besticht durch ein flottes Tempo, mehr Action als Blut und mehr Intelligenz als Gemetzel. Lange Zeit weiß niemand, auch nicht der Leser, wer der Drahtzieher hinter dem Offensichtlichen ist und man vermutet von Intrigen bis hin zu Rache oder bloßer Mordlust eine ganze Palette an Motiven. Das Rätselraten um den Täter zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch und bleibt doch lange unvorstellbar. Umso beängstigender ist die Auflösung des Falls, auf die ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen werde. Doch frage ich mich schon, ob das Setting und die Handlungsabfolge nicht doch ein Quäntchen Wahrheitspotential in sich trägt und gar nicht so weit weg von unserem unbescholtenen Leben ist.


Fazit


Ich vergebe 4,5 Sterne (aufgerundet 5) für diesen temporeichen, spannenden Thriller der nicht nur ein sympathisches Ermittlerteam vorstellt, sondern auch einen haarsträubenden Mordfall, der gleich mehrere Opfer fordert und extreme Methoden nicht verachtet. Ein gelungenes Buch, um sich mit den Protagonisten anzufreunden und auch gut isoliert lesbar, obwohl es bereits das zweite Buch mit den Kriminalbeamten Salomon/ Buchholz ist (Teil 1 „Anonym“ muss ich unbedingt nachholen). Ich empfehle die Lektüre allen, die einen abwechslungsreichen, aktiven Handlungsverlauf mögen und auf blutige Details verzichten können. Dafür bietet der Thriller viel Aktualität und manch grausige Zukunftsvision.

Veröffentlicht am 26.04.2018

Deine Heimat ist Vergangenheit

Letzte Fahrt nach Königsberg
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„Aber irgendwie hatten sie noch ein hinlänglich normales Leben führen können – oder wenigstens die Illusion davon. Und jetzt die totale Zerstörung einer ganzen Welt. Ihrer Welt. Mit den Mauern der Stadt ...

„Aber irgendwie hatten sie noch ein hinlänglich normales Leben führen können – oder wenigstens die Illusion davon. Und jetzt die totale Zerstörung einer ganzen Welt. Ihrer Welt. Mit den Mauern der Stadt waren auch die ihrer Kindheit und Jugend eingestürzt.“


Inhalt


Geboren und aufgewachsen in der wunderschönen Stadt Königsberg, nahe der Ostseeküste wächst Ella in einem gut situierten Elternhaus auf. Der Vater erfolgreicher Weinhändler, die älteren Geschwister an höheren Schulen und im Haushalt gibt es Personal. Unbeschwert und glücklich erlebt Ella ihre Jugend, genießt ihr Leben, trifft sich mit Freunden und entdeckt ihre Welt mit den Augen einer aufblühenden jungen Frau. Doch die Schatten ihrer Zeit verdunkeln den Horizont, denn nicht nur der persönliche Schicksalsschlag vom Tod des Vaters, welcher der Familie den finanziellen Rückhalt raubt, belastet die Aschmoneits, sondern auch die Erstarkung des Nationalsozialismus mit immer dramatischeren Auswüchsen. Ella muss ihren erstrebten Traumberuf an den Nagel hängen, da ein Studium nicht mehr möglich ist und ihre aufkeimende Leidenschaft für Victor Jacoby steht ebenfalls auf wackeligen Beinen. Als der Krieg schließlich mit voller Wucht in Königsberg wütet, lebt Ella bereits in Potsdam bei ihrer Schwester – doch in der Heimat wartet Wertvolles auf sie und der Hunger der Familie ist groß. Sie beschließt entgegen aller Warnungen nochmals zurückzukehren, um zu retten, was noch zu retten ist. Bis es immer schwieriger wird einen Zug zu bekommen, weil die Menschen in Heerscharen die Heimat verlassen und auch für Ella eine schmerzhafte Trennung bevorsteht …


Meinung


Auf Grund einer Leserempfehlung habe ich zu diesem interessanten Roman gegriffen, der nicht nur eine spannende Geschichte über eine junge Frau und deren Leben verspricht, sondern auch die Aufarbeitung einer Familiengeschichte vor dem Hintergrund des 2. Weltkriegs und insbesondere der Zerstörung der ostpreußischen Metropole Königsberg, aus der auch meine Großmutter väterlicherseits stammt.


Dieser Roman erfüllt dabei alle Voraussetzungen, die ich an ansprechende, unterhaltsame Belletristik stelle und malt nicht nur das schöne Bild einer für immer verlorenen Stadt, als diese sich noch in ihrem Glanz sonnte, sondern zeigt einmal mehr, wie zerstörerisch und vernichtend das zivile Leben während des Krieges war. Anhand der persönlichen Lebensgeschichte, die der Autor Ulrich Trebbin sehr ehrlich und liebevoll aufarbeitet und sie geschickt mit den historischen Ereignissen der Zeit verbindet, entsteht ein bewegender, sehr umfassender Einblick in die alltäglichen Belastungen, die heeren Träume, die erschütternden Wahrheiten und die traurigen Bilanzen einer ganzen Generation.


Dabei lebt dieses Buch durch und mit einer starken, unbeirrbaren Frau, die trotz aller Tiefschläge unbeirrt, ja manchmal regelrecht naiv ihren Weg beschreitet, um aus allen Entscheidungen und Verfehlungen ihre Lehren zu ziehen und nicht in Resignation und Starre zu verfallen, sondern beständig vorwärts zu schreiten. Gerade diese facettenreiche, lebhafte Hauptprotagonistin hat für mich einen wesentlichen Teil des Charmes dieses Buches ausgemacht. Denn einmal abgesehen von den ansprechenden Schauplätzen, den gut gezeichneten Nebenfiguren und den aufklärenden Hintergrundfakten, war es in erster Linie Ella, die mich für sich und ihr Leben einnehmen konnte.


Abwechslung und Vielfalt zeigt sich auch in den wechselnden Zeitebenen, die sich generell an persönlichen Stationen festmachen, die für ein Menschenleben entscheidende Wendungen bringen. Der Tod des Vaters, die leicht distanzierte Beziehung zur Jugendliebe, die Heirat mit der guten Partie, die nicht zwangsläufig auf Liebe basiert aber auch die Rückkehr in die zerstörte Heimat, das Vermissen der Verunglückten und die erbarmungslose Lücke, die der Krieg in zwischenmenschliche Beziehungen reißt – all das sind Themen, die nicht nur angeschnitten, sondern auch mit Leben gefüllt werden. Deshalb kann ich auch gut über einige langatmigere Passagen hinwegsehen, die sich mit dem Präparieren von Schmetterlingen oder der detaillierten Stadtbeschreibung befassen. Es passt alles gut zusammen und ergibt ein schlüssiges Bild.


Fazit


Ich vergebe sehr gute 4 Lesesterne (4,5 wenn man so möchte) für diesen individuellen, intensiven Roman, der für mich sowohl Zeitzeugnis als auch Lebensgeschichte darstellt. Er beschäftigt sich mit zahlreichen Themen, die manchmal zwar nur angeschnitten werden aber in ihrer Fülle und Gesamtwirkung unschlagbar sind. Ich empfehle das Buch all jenen, die Familiengeschichten lieben, die Menschenschicksale kennenlernen möchten, die wissen wollen, wie es in vergangenen Zeiten war, die sich mit Begriffen wie Herkunft, Heimat und Erinnerungen identifizieren können und die einen gelungenen Unterhaltungsroman suchen. Denn auf der Reise, die dieses Buch beschreibt, findet man sehr viel Menschlichkeit, viel Leid, viel Mut, viel Leben und die Gewissheit, das alles einen Sinn und Zweck erfüllt – sei es ein Einweckglas mit Schweinebraten oder eine vergilbte Fotografie mit welligen Rändern.