Cover-Bild Ein notwendiges Übel
Band 2 der Reihe "Sam-Wyndham-Serie"
9,99
inkl. MwSt
  • Verlag: Heyne
  • Themenbereich: Belletristik - Krimi: Historisch
  • Genre: Krimis & Thriller / Historische Kriminalromane
  • Seitenzahl: 496
  • Ersterscheinung: 09.07.2018
  • ISBN: 9783453439207
Abir Mukherjee

Ein notwendiges Übel

Kriminalroman
Jens Plassmann (Übersetzer)

Kalkutta, 1920: Ein Jahr nach seiner Ankunft in Britisch-Indien wird der ehemalige Scotland-Yard-Ermittler Sam Wyndham mit einer heiklen Mission betraut. Der Thronfolger von Sambalpur wurde ermordet. Die Kolonialregierung hat ein hohes Interesse an der Ergreifung des Täters, verfügt in dem unabhängigen Fürstenstaat jedoch über keinerlei polizeiliche Befugnisse. Sam und sein indischer Sergeant Surrender-not Banerjee reisen als verdeckte Ermittler ins Reich des Maharadschas, das für seinen unsagbaren Reichtum, die prunkvollen Tempel, und die jährliche Großwildjagd bekannt ist ...

Weitere Formate

Dieses Produkt bei deinem lokalen Buchhändler bestellen

Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.07.2018

Der Wahrheitssucher

0

Capitain Sam Wyndham lebt und arbeitet jetzt bereits seit einem Jahr in Kalkutta. Er und sein Sergeant Surrender-not Banerjee werden zum Schutz des Prinzen Adhir Singh Sai vom Königreich Sambalpur abgestellt. ...

Capitain Sam Wyndham lebt und arbeitet jetzt bereits seit einem Jahr in Kalkutta. Er und sein Sergeant Surrender-not Banerjee werden zum Schutz des Prinzen Adhir Singh Sai vom Königreich Sambalpur abgestellt. Der Prinz nimmt an einem Treffen unabhängiger Fürstenstaaten teil, auf dem Weg zurück zum Hotel wird er ermordet und der Attentäter entkommt.
Kurz zuvor hatte er sie um Hilfe gebeten, weil er zu Hause von einem Unbekannten Warnungen erhielt. Leider haben Wyndham und Banerjee keinerlei Befugnisse, in diesem Mordfall zu ermitteln, schon gar nicht in Sambalpur. Sie reisen als Privatpersonen zu Prinz Adhirs Beerdigung, doch ihr Ruf eilt ihnen voraus. Adhirs Vater, der Maharadscha, gestattet ihnen unauffällig zu ermitteln, da die Hintergründe des Mordes höchstwahrscheinlich im Palast zu suchen sind.

Die Ermittlungen erweisen sich als besonders schwierig. Der Monsun tobt und das Land versinkt im Schlamm. Zum Hof des Maharadscha gehören hunderte Bedienstete und Minister, die oft ihr eigenes Süppchen zu kochen scheinen.
Der Maharadscha hat eine Haupt- und zwei Nebenfrauen, dazu unzählige Konkubinen. Die Frauen leben natürlich im Zenana (Harem) und stehen für Befragungen nicht zur Verfügung. Wo also anfangen?

Die Hintergründe für Adhirs Mord bleiben lange im Dunklen. Geschah er aus religiösem Wahn oder hat er einen politischen Hintergrund? Ging es um den Diamanthandel, die Erbfolge des Fürstentums oder Eifersucht? Wyndham kann sich nicht über zu wenig Motive oder Verdächtige beklagen. Und immer wieder wird versucht, ihn nach Kalkutta zurückzuschicken, die Zeit rennt.
Dazu kommt seine Opiumsucht, die unbedingt geheim bleiben muss. Selbst nach Sambalpur hat er es mitgenommen, obwohl er weiß, wie gefährlich das ist.
Sergeant Banerjee, der Prinz Adhir vom Studium kannte, unterstützt Wyndham in diesem Fall noch mehr und liefert viele Hinweise und Lösungsansätze. Mir hat gefallen, dass Wyndham ihn gleichberechtigt und nicht als Untergebenen behandelt, auf ihn eingeht.

Abir Mukherjee zeigt die dekadenten goldenen 20er in Indien. Sambalpur ist durch den Diamanthandel reich geworden. Der Maharadscha führt ein sehr opulentes Leben: hat riesige Paläste, Swimmingpools voller Champagner, einen großen Harem und amerikanisch bzw. englische Geliebte. Ihm gehören schöne, schnelle Nobelkarossen und Flugzeuge, sein Privatzug lässt selbst den Orientexpress wie eine Bimmelbahn aussehen. Die Prinzen wurden selbstverständlich an den teuersten englischen Universitäten ausgebildet.
Aber die Fürstenfamilie lebt natürlich nicht autark. Abir Mukherjee beschreibt die komplizierten Beziehungen und Abhängigkeiten zum normalen Volk. Vor allem die Maharani, die erste Frau des Maharadschas, tut viel Gutes und Prinz Adhir wollte sein Volk in die Moderne führen.
Man erfährt viel über Land und Leute, die politische Situation und verschiedene religiöse Strömungen. Trotzdem wird es nie langweilig, da diese Informationen geschickt in die eigentliche sehr spannende Handlung eingebunden sind.

Lediglich die Fülle von Protagonisten hat es mir etwas erschwert, gegen Ende den Überblick zu behalten. Hier wäre ein Personenregister mit jeweils allen Titeln und Bezeichnungen wünschenswert gewesen.

Wyndham und Banerjee sind die indische Variante von Sherlock Holmes und Dr. Watson! Etwas verschroben, sehr menschlich, mit einem tollen trockenen Humor und viel kriminalistischem Spürsinn, mit dem sie auch diesen Fall wieder mit Bravour lösen. Ich hoffe, dass die Reihe weiter fortgesetzt wird.

Veröffentlicht am 27.11.2018

Der Fall des verschwundenen Buchhalters

0

Ich habe die englischsprachige Original-Ausgabe gelesen, "A Necessary Evil".

The Case of the Missing Accountant (my title was picked as an hommage to the Queen of Crime)

Der Fall des verschwundenen ...

Ich habe die englischsprachige Original-Ausgabe gelesen, "A Necessary Evil".

The Case of the Missing Accountant (my title was picked as an hommage to the Queen of Crime)

Der Fall des verschwundenen Buchhalters (Titel als Hommage an die Queen of Crime). Deutscher Text unten.

June, 1920, Calcutta. If your day includes witnessing that somebody gets murdered, that is probably not one of your best days. This is even more true if you are a member of the Imperial Police Force (that means, be part of the British reign over India) and can neither prevent the evil act from happening nor arrest the assassin. After Captain Sam Wyndham and Sergeant Surendranath “Surrender-not” Banerjee have attended an official ceremony, Wyndham is surprised to learn that his Indian subordinate, good friend, and room mate is actually the friend to a prince, son of the Maharaja of Sambalpore. When Prince Adhir get assassinated with the two policemen just next to him, naturally they wish to solve the case. But right now, the British officials in India try to bring Sambalpore closer under their influence. They do not want to stir just anything while they to set up the “Chamber of Princes” as an Indian House of Lords to suppress talks about Home Rule (India ruled by Indians). So when Wyndham and Banerjee embark on a trip to Sambalpore, they go without backup, beyond their legislation, and, furthermore, into an alien world of political ploys, intrigue, political and commercial negotiations, and shifting allies.

The book is second in a series but could be read on its own, the references to the first case hardly exist (a few “old dislikes” are mentioned but then, so are Wyndham’s experiences in the “Great War”). The references to the general political background are way less then in the first book – this makes it an easier read, but slightly less profitable in turns of learning about Anglo-Indian history. You still get a lot of an understanding about the situation of the Maharajas, the Princes States, the mutual dislike towards mixed relationships, the atmosphere, the British government trying so desperately to keep their influence that they willingly will look the other way if needed. The allusions to Gandhi and the Congress Party make me hope for a next book to cover that topic.

First-person narrator Sam Wyndham takes you directly along. I felt his tone was a bit less Sam-Spade/Marlowe/Bogart-style than in the first book, but still the general tone is laconic at best, often cynical. “It’s a fact of nature that an Englishman abhors sharing his intimate thoughts. It’s why we accepted the Reformation so readily: we find it difficult to confess, even to a priest.” P 265 The mystery unwinds slowly, with lots of weather and nature and protocol and personal issues to keep in mind. I still liked the book, but found this weaker than the first: a bit too much craving, for Annie to care, for the weather and food to become more bearable, for “O”, for a clue, for an appointment with somebody. The case is somewhat the anti-thesis to a Hercule Poirot – crime: lots of speculations, lots of wild shots from Wyndham, lots of action in reaction to his guesses. The frustration is tangible. Probably very apt for the given (political and personal) situation.

It was still above the average, but had some lengths. The actual case felt less in focus than the display of the general situation – that part was fine with me but will probably suit the standard mystery reader less than the reader of history fiction. 4 stars.

Juni 1920, Kalkutta. Falls der Tag einen zum Zeugen eines Mordes macht, ist das wahrscheinlich nicht der beste Tag. Das stimmt um so mehr, wann man ein Mitglied der "Imperial Police Force" ist (somit Teil der Herrschaft der Briten über Indien) und die Tat weder verhindern konnte noch den Attentäter verhaften. Nachdem Captain Sam Wyndham und Sergeant Surendranath “Surrender-not” Banerjee einer offiziellen Zeremonie beigewohnt haben, erfährt der erstaunte Wyndham, dass sein Mitarbeiter, guter Freund und Mitbewohner der Freund eines echten Prinzen ist, und zwar vom Sohn des Maharadschas von Sambalpore. Als nun Prinz Adhir einem Attentat zum Opfer fällt, während die zwei Polizisten genau neben ihm sind, wollen diese naturgemäß den Fall aufklären. Aber gerade eben wollen die britischen Behörden Sambalpore stärker beeinflussen. Sie wollen ganz und gar nichts aufrühren, während sie ein "Oberhaus der Prinzen" einrichten als indischen Pendant zum Oberhaus in Großbritannien, um die indische Unabhängigkeit zu verhindern. So machen sich dann Wyndham und Banerjee auf nach Sambalpore ohne Rückendeckung, außerhalb ihres Hoheitsgebietes und in eine fremde Welt voller politischer Ränke, Intrigen, Verhandlungen um Politik und Handel und wechselnden Verbündeten.

Das Buch ist das zweite einer Serie, aber könnte einzeln gelesen werden, die Rückbezüge sind fast inexistent (einige "alte Abneigungen", aber ähnlich wird auch über Wyndhams Kriegserlebnisse erzählt). Die Bezüge zum generellen politischen Hintergrund gibt es weniger als in Band 1, was das Buch leichter zu lesen macht, aber auch weniger ertragreich im Sinne eines Lernens über die britisch-indische Geschichte. Man bekommt immer noch viel Verständnis über die Situation der Maharadschas, die "Prinzen-Staaten", die beidseitige Abneigung gegen gemischte Beziehungen, die Atmosphäre und wie die britische Regierung so verzweifelt am Machterhalt hängt, dass sie geflissentlich beide Augen zudrückt, wo nötig. Die Anspielungen auf Gandhi und die Kongress-Partei lassen mich auf ein weiteres Buch mit genau diesem Schwerpunkt hoffen.

Ich-Erzähler Sam Wyndham nimmt den Leser direkt mit. Ich empfand seinen Ton etwas weniger im Stil von Sam Spade/Marlowe/Bogart als im ersten Buch, aber immer noch ist er bestenfalls lakonisch, oft zynisch “It’s a fact of nature that an Englishman abhors sharing his intimate thoughts. It’s why we accepted the Reformation so readily: we find it difficult to confess, even to a priest.” P 265 Das Geheimnis entfaltet sich langsam, mit viel zu Wetter und Natur und Etikette und persönlichen Belangen, die mit beachtet werden müssen. Ich mochte das Buch dennoch, aber fand es schwächer als das erste: etwas zu viel Bedürftigkeit, dass Annie etwas empfindet, dass Wetter und Essen erträglicher werden, nach "O", nach einem Anhaltspunkt, nach einem Termin mit jemandem. Der Fall ist irgendwie die Anti-These zu einem Poirot-Fall: viele Spekulationen, viele wilde Behauptungen durch Wyndham, viel Aktion als Reaktion auf seine Vermutungen. Die Frustration wird vermittelt. Vermutlich sehr angemessen bei der gegebenen (politischen und persönlichen) Situation.

Immer noch überdurchschnittlich, aber mit einigen Längen. Der eigentliche Fall war weniger im Fokus als die Darstellung der generellen Situation - das war für mich in Ordnung, aber passt vermutlich weniger für den normalen Krimi-Leser als für den Leser historischer Romane. 4 Sterne