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Veröffentlicht am 01.09.2019

Magiergangs of New York

Der letzte Magier von Manhattan
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Im Jahr 1901 war New York noch anders, als man es heute kennt. Ganz abgesehen von den offensichtlichen Veränderungen, die auch dem technischen Fortschritt geschuldet sind, war New York vor allem magischer. ...

Im Jahr 1901 war New York noch anders, als man es heute kennt. Ganz abgesehen von den offensichtlichen Veränderungen, die auch dem technischen Fortschritt geschuldet sind, war New York vor allem magischer. Zwar gibt es auch heute noch Zauberer, aber die Magie im New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts war deutlich intensiver. Das muss auch Esta, ihres Zeichens eine Diebin und der Magie fähig, feststellen, als ihr Mentor sie von der Gegenwart aus über 100 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Dort soll sie ein Buch stehlen, dass den Magiern helfen kann, den Kampf gegen den Orden zu gewinnen, um endlich frei und in Frieden leben zu können. Allerdings muss Esta dafür wahrscheinlich jeden in der Vergangenheit verraten, der ihr helfen kann, das Buch zu finden.

Esta hat es nicht so einfach. Im New York im Jahre 1901 auf sich gestellt, gerät sie schneller als ihr lieb ist zwischen die Fronten sich rivalisierender magischer Gangs. Um in der Vergangenheit nicht unterzugehen, findet Esta sich bald inmitten einer dieser Gangs. Und obwohl Lisa Maxwell verschiedene Handlungsstränge innerhalb ihrer Geschichte aufbaut, kommt sie immer wieder auf Esta als Protagonistin und Schlüsselfigur zurück. Aber auch die anderen Charaktere erhalten genug Hintergrund und Tiefe, um die Handlung ebenso mit zu tragen. Auch, wenn die einzelnen Figuren alle eine Hintergrundgeschichte haben, gerät die eigentliche Handlung nie aus dem Fokus.

„Der letzte Magier von Manhattan“ braucht am Anfang erst etwas Anlauf, was allerdings auch gut ist, da man sich ansonsten leicht zwischen den Zeiten und Charakteren verlieren würde. Die kleinen Hinweise auf Diversität fallen meist in Nebensätzen und zeigen, wie leicht es sein, diese in eine Geschichte einfließen zu lassen, selbst wenn diese in der Vergangenheit spielt und beispielsweise gleichgeschlechtliche Beziehungen damals noch verboten waren. Multikulturalität hingegen scheint im New York der Vergangenheit deutlich selbstverständlicher zu sein, als es heute der Fall ist. Vielleicht hängt dies auch damit zusammen, dass die Menschen sich damals ihres Siedlerstatus deutlich bewusster waren. Mit dem ersten Teil der Dilogie „Die Rätsel des Ars Arcana“ erschafft Lisa Maxwell keinesfalls eine beliebige Fantasywelt, sondern überzeugt mit durchdachten Strukturen, die genug Tiefe und Erzählstoff für eine Fortsetzung liefern.

Veröffentlicht am 22.07.2019

In einer zerbrechlichen Welt

Die geheime Mission des Kardinals
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Es ist November 2010. Fünf Monate bevor der Arabische Frühling auch Syrien erreicht. Noch ist Frieden, auch wenn dieser bereits äußerst zerbrechlich ist. Wie zerbrechlich, dass zeigt die Lieferung eines ...

Es ist November 2010. Fünf Monate bevor der Arabische Frühling auch Syrien erreicht. Noch ist Frieden, auch wenn dieser bereits äußerst zerbrechlich ist. Wie zerbrechlich, dass zeigt die Lieferung eines Fasses mit Olivenöl. Nur, dass der Hauptinhalt dieses Fasses die Leiche des Kardinals Cornaro ist. Kommissar Barudi wird damit beauftragt diesen Fall, seinen letzten Fall, aufzuklären. Unterstützung erhält er dabei von seinem italienischen Kollegen Mancini. Während die beiden Männer der Lösung des Falles nachspüren kommen sich die beiden Polizisten auch menschlich näher und entdecken, dass sich Italiener und Syrer gar nicht so unähnlich sind. Allerdings zeigen die Ermittlungen auch, wie angespannt die politische und gesellschaftliche Situation in Syrien ist.

„Die geheime Mission des Kardinals“ beginnt mit einer Leiche und ist doch kein Krimi, Kommissar Barudi steht im Mittelpunkt der Erzählung und trotzdem wäre die Bezeichnung Detektivgeschichte ebenfalls fehl am Platz, auch mit Gesellschaftsroman wird man Rafik Schamis neuestem Werk nicht ganz gerecht. Die Geschichte vereint so viele Aspekte und Facetten, dass Genrebegriffe dafür nicht umfassend genug sind. Zum einen geht es natürlich um die Aufklärung des Mordes an Kardinal Cornaro, allerdings spielen auch hier bereits politische Motive eine Rolle, zum anderen ist Kommissar Barudi nicht nur als Ermittelnder, sondern auch als Charakter wichtig. Rafik Schamis Kommissar hat nur noch vier Monate bis zur Rente und eigentlich könnte man an dieser Stelle einen arbeitsmüden Kommissar erwarten, der die letzten Wochen einfach nur noch hinter sich bringen möchte. Nicht so Barudi. Ihm ist der Fall wichtig, wohl auch aus persönlicher Neugier. Ausgebufft ist er nach so vielen Jahren Berufserfahrung natürlich trotzdem. Aus seinen Tagebucheinträgen, die sich mit der Haupthandlung abwechseln, erfährt der Leser viel über sein Leben und seine moralischen Werte. Ebenso gibt Rafik Schami durch Barudi Einblick in die damals tief gespaltene syrische Gesellschaft, die nicht nur durch die Diktatur, sondern auch durch Religion und Aberglaube stark geprägt ist. Auch der Terrorismus wird thematisiert und dem Autor gelingt es, die Terroristen in der Geschichte als Menschen mit Idealen und Träumen darzustellen, ohne ihre Taten zu rechtfertigen oder zu legitimieren.

Die Geschichte lebt vor allem durch Rafik Schamis Erzählweise, die es bis ganz zum Schluss offenlässt, wer nun tatsächlich der Mörder des Kardinals ist. Geleitet wird man dabei von einer sympathischen und zielstrebigen Hauptfigur mit einem nahezu unerschütterlichen moralischen Kompass, der es trotz des korrupten Polizeiwesens immer irgendwie geschafft hat seinen Weg zu gehen. Nebenbei erfährt man so viel über die Ursprünge und Ursachen des Syrien-Krieges, als hätte man ein Sachbuch gelesen. Trotzdem erscheinen einem die politischen und religiösen Hintergründe nie langatmig oder langweilig und man hat zu keiner Zeit das Gefühl, dass die Fakten an der Handlung vorbei gehen. „Die geheime Mission des Kardinals“ von Rafik Schami ist eine allumfassende Geschichte, die nicht nur die Lösung eines Kriminalfalls bietet, sondern auch hilft, die Welt ein bisschen besser zu verstehen.

Veröffentlicht am 06.05.2019

In der Sonne geflogen

Irgendwann verlor ich meine Flügel
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Liebe ist wohl eines der menschlichsten Gefühle und gleichzeitig das Gefühl, nach dem wir uns am meisten sehnen. Nicht umsonst geht es in ungezählten Hollywoodfilmen darum, die große Liebe zu finden und ...

Liebe ist wohl eines der menschlichsten Gefühle und gleichzeitig das Gefühl, nach dem wir uns am meisten sehnen. Nicht umsonst geht es in ungezählten Hollywoodfilmen darum, die große Liebe zu finden und zu zweit glücklich bis ans Ende seiner Tage zu leben. Die Gedichte von Nadine Kapp zeigen dieses Glück jemanden zu finden, den man liebt, der einen ebenfalls liebt und der einen im positivsten Sinne verändert. Die Gedichte zeigen aber auch, was passiert, wenn dieses Glück keine „happily ever after“ ist und eine Beziehung zerbricht.

„Der Liebe leichte Schwingen trugen mich…“ heißt es in der zweiten Szene des zweiten Akts von Romeo und Julia. Und tatsächlich ist die Liebe ein so erhabenes Gefühl, dass sie in der Literatur den Liebenden nicht selten Schwingen oder Flügel verleiht. Dieses Bild greift auch Nadine Kapp auf, lässt aber offen, ob „du“ der ganz besondere Mensch ist, oder jemand, der sie nach nach diesem ganz besonderen Menschen wieder aufgefangen hat. Unerheblich eigentlich, denn in ihren Gedichten verarbeitet sie leise aber dafür umso intensiver ihre Erfahrungen von der Liebe, über den Bruch, bis hin zu Weitergehen.

„Irgendwann verlor ich meine Flügel“ ist dabei nicht chronologisch aufgebaut. Das tut der Intensität der Gedichte allerdings keinen Abbruch. Nadine Kapp schafft es mit wenigen, exakt gesetzten Worten und einem guten Gespür für Rhythmus und Form den Leser in den Bann zu ziehen und an dem Gefühl und Ausdruck des jeweiligen Gedichts teilhaben zu lassen. Kleine Vignetten, die sich entweder auf die Liebe oder auf verschiedene Textstellen beziehen, regen zusätzlich dazu an, über den Text nachzudenken, da sich auch deren Bedeutung manchmal nicht auf den ersten Blick offenbart. Definitiv ein Buch, dass man häppchenweise genießen sollte und über dessen Texte man noch einen Moment innehält.

Veröffentlicht am 16.02.2019

Wie klingen Träume?

Lieder von Morgen
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Lenia Barrett ist gerade mal Anfang zwanzig, eine begeisterte Musikerin und an Leukämie erkrankt. Zeit ist etwas, dass sie nicht hat. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb möchte sie Gitarre spielen ...

Lenia Barrett ist gerade mal Anfang zwanzig, eine begeisterte Musikerin und an Leukämie erkrankt. Zeit ist etwas, dass sie nicht hat. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb möchte sie Gitarre spielen lernen. Ihr Gitarrenlehrer Jonathan Benson ist genauso musikbegeistert wie sie, allerdings dem Leben lange nicht aufgeschlossen wie Lenia. Die Musik wird zu einer Art Brücke zwischen den beiden so gegensätzlichen Menschen und bringt sie die dazu, im Laufe der Zeit nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich voneinander zu lernen.
„Lieder von Morgen“ ist eine fiktive Geschichte, basierend auf wahren Erlebnissen der Autorin und anderen jungen Krebsbetroffenen. Offiziell unterstützt von der Deutschen Stiftung für Junge Erwachsene mit Krebs.

Schon zu Beginn des Buches musste ich an ein Zitat von Victor Hugo denken, der einmal gesagt hat: „Die Musik drückt aus, was nicht gesagt werden kann und worüber es unmöglich ist, zu schweigen.“ Der Titel „Lieder von Morgen“ ist nicht ohne Grund gewählt, Musik spielt tatsächlich eine große Rolle innerhalb der Erzählung. Für Lenia ist sie nicht nur Ausdruck verschiedener Gefühle, sondern auch etwas, dass ihr Kraft gibt. Für Jonathan ist Musik alles, allerdings sieht er in der Musik keine dauerhafte berufliche Perspektive. Außerhalb der Musik können sich Lehrer und Schülerin nur schwer zu einer Meinung durchringen, in der Musik und im Musizieren selbst harmonieren sie nicht nur perfekt, sondern wachsen auch über sich hinaus. Um Lenia und Jonathan, den sie konsequent Mr Benson nennt, herum, nehmen die Nebencharaktere nicht unwichtige Positionen ein. Da sind die verzweifelten Eltern, die sich in womöglich nicht allzu ferner Zukunft, von ihrem Kind verabschieden müssen, die beste Freundin, die durch alle Höhen und Tiefen mitgeht und die Freunde, die es gut meinen, sich aber nicht einfühlen können. Die verschiedenen Typen finden alle ihren Platz, ohne klischeehaft, beladen oder überflüssig zu erscheinen.

Rune L. Greens Geschichte lebt von der Gegensätzlichkeit der beiden Protagonisten, die sich durch ihre völlig unterschiedliche Art wiederum aber gut ergänzen. Der Aufbau ist stark an der Musik orientiert. So sind die einzelnen Kapitel nach Songs benannt, die extra für das Buch geschrieben wurden und im Anhang zu finden sind. Da „Lieder von Morgen“ in London spielt, sind die Songs alle auf Englisch und geben in gewisser Weise den Inhalt des Kapitels, zu dem sie gehören, wieder. In gewisser Weise ist somit auch die Geschichte eine Komposition, die durch Rune L. Greens einfühlsamen und gleichzeitig sehr schonungslos ehrlichen Schreibstil den Leser fesselt. Die Autorin nimmt einen dabei mit auf eine Reise durch Höhen und Tiefen, bei der man weint, bei der aber auch die humorvollen Momente und vor allem die Menschlichkeit nicht zu kurz kommen.

Veröffentlicht am 29.12.2018

Bin ich gut genug? – Ja bin ich

BECOMING
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Ein Satz, den sich Michelle Obama damals noch Michelle Robinson oft gesagt hat, wenn sie aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts in der Schule nicht beachtet oder in eine bestimmte Schublade gesteckt ...

Ein Satz, den sich Michelle Obama damals noch Michelle Robinson oft gesagt hat, wenn sie aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts in der Schule nicht beachtet oder in eine bestimmte Schublade gesteckt wurde. Denn Selbstbewusstsein, so erklärt sie, muss manchmal von innen kommen, da man sich nicht immer darauf verlassen kann, genug davon aus seiner Umgebung ziehen zu können.

In der Euclid Road in der South Side von Chicago wächst in den 1960er und 1970er Jahren ein Mädchen auf, das einmal First Lady der Vereinigten Staaten von Amerika werden soll. Michelle Obama. Bereits vor ihrer Zeit als First Lady hat sie sich für Menschen und Menschlichkeit engagiert. Vor allem diejenigen, denen ein Scheitern am ehesten zugetraut wird, liegen ihr am Herzen.

In ihrer Autobiografie „Becoming – Meine Geschichte“ erzählt sie von ihrer Familie, ihrer Kindheit, ihrer schulischen und beruflichen Laufbahn und natürlich auch von ihrer Zeit im Weißen Haus. Dabei beschäftigt sie sich auch mit der Frage, was es bedeutet schwarz zu sein. Scheitern ist dabei ein zentrales Thema in ihrer Erzählung. Denn Scheitern, so erläutert sie, ist ein Begriff, der unmittelbar mit dem Verlust von Hoffnung verbunden ist und ein Vorgang, der lange vor dem tatsächlichen Scheitern beginnt. Nachdenklich und mit deutlichen Worten legt sie ihren Standpunkt dar, wahrt dabei aber immer die Nähe zum Leser.

Natürlich ist ein Rückblick auch immer von Interpretationen geprägt. So werden manche Dinge im Nachhinein oft anders und mit Blick auf darauf folgende Ereignisse bewertet. Dennoch gelingt es Michelle Obama vor allem die Zeit im Weißen Haus sehr differenziert darzustellen und sich den einen oder anderen Fehler ebenfalls einzugestehen. Vor allem diejenigen, die nicht bereits in der Öffentlichkeit zerrissen wurden. Allerdings werden auch diese erwähnt, etwa wenn sie erzählt, sie habe der Queen im Gespräch die Hand auf den Arm gelegt, was laut Protokoll strengstens untersagt ist, in dem Moment aber eine rein menschliche Geste gewesen sei. Glamurös aber nicht unnahbar, deutlich, aber gleichzeitig warmherzig erzählt Michelle Obama aus ihrem Leben und begeistert damit auf vielen Ebenen.