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Veröffentlicht am 12.01.2017

Spannender Krimi-/Thriller aus Schottland mit Mystery-Elementen

Der dunkle Ort der Seele
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Mein zweiter Oswald-Thriller:
Nach heftiger Ermittlungsarbeit, die zugegebenermaßen während der ersten Hälfte des Thrillers meist die Oberhand behält und den üblichen Problemen mit geistig minderbemittelten ...

Mein zweiter Oswald-Thriller:
Nach heftiger Ermittlungsarbeit, die zugegebenermaßen während der ersten Hälfte des Thrillers meist die Oberhand behält und den üblichen Problemen mit geistig minderbemittelten Vorgesetzten nimmt Spannung und auch Handlung in der 2. Hälfte doch sehr an Fahrt auf:
Im Grunde sind es zwei Kriminalfälle, die aufzuklären sind: Einer im Team des SCU, der sog. "Sitte" und der andere im absichtlich von Diguid in alle Winde verstreuten (und dennoch prächtig zusammenarbeitenden) Team von McLean: Einige junge Menschen fanden ihren Tod durch Erhängen - aber war es wirklich Selbstmord?
Um das herauszufinden: Selber lesen! Ich habe mich dank der stimmigen Plots und der Mystery-Elemente, die hier wiederum vorhanden sind, bestens unterhalten gefühlt und vergebe 4,5 Sterne sowie 94° an den schottischen Autor - die beiden nächsten Fälle von Tony McLean, den ich sehr menschlich und sehr sympathisch finde, stehen schon auf meiner Krimi- bzw. Thrillerliste!

Veröffentlicht am 05.01.2017

Fesselnd, spannend - ein Stück sehr lesenswerter Zeitgeschichte!

Trümmerkind
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Vorausschicken will ich, dass "Trümmerkind" von Mechtild Borrmann (erschienen bei Droemer-Knaur, 2016, gebunden) mein 3. Buch ist, das ich von dieser herausragenden Autorin lese: "Der Geiger" hat mir bereits ...

Vorausschicken will ich, dass "Trümmerkind" von Mechtild Borrmann (erschienen bei Droemer-Knaur, 2016, gebunden) mein 3. Buch ist, das ich von dieser herausragenden Autorin lese: "Der Geiger" hat mir bereits sehr gefallen, aber "Trümmerkind" hat meine Erwartungen noch bei Weitem übertreffen können:

Durch die klare, brillant formulierte und sehr gut zu lesende Sprache der Autorin ist man bereits nach wenigen Zeilen an der Seite der Protagonisten im Jahrhundertwinter Hamburg's des Jahres 1946/47...

Der Roman spielt auf mehreren Zeitebenen und mit unterschiedlichen Personen, die inhaltlich alle miteinander zu tun haben und teils miteinander verwandt sind:
Da ist Heinrich Anquist, Tochter Clara, Sohn Ferdinand und dessen Frau Isabell sowie die Kinder Margareta und Konrad auf Gut Anquist in Templin (Uckermark) 1945 - kurz vor Kriegsende; Agnes Dietz mit Sohn Hanno und Tochter Wiebke in Hamburg, die eines Tages bei 'Überlebensstreifzügen' durch das zerbombte Hamburg einen kleinen Jungen (3) mit nach Hause bringen, den sie fortan Joost nennen und ihn - so gut es möglich ist - mit "durchfüttern": Ein sehr menschlicher Akt inmitten der Verzweiflung, der Not, des Elends, der Kälte, des Hungers, denen viele Menschen anheimfallen und die sehr transparent dargestellt werden. Eine für heutige Verhältnisse grauenhafte, harte Zeit, von der mancher Leser noch evtl. von den Eltern oder Großeltern hörten: Lebensmittelkarten, Schwarzmarkt, kaum Essen oder Brennmaterial..., Kinder wie Hanno (15), die wie Erwachsene helfen, dass die Familie überlebt. Besonders Hanno in der Übernahme der väterlichen Verantwortung für Mutter und Schwester (und in Abwesenheit des Vaters) schnürt einem das Herz zu, wenn man ihn, den intelligenten Jugendlichen, bei seinen Streifzügen mit Freund Peter begleitet - immer in Sorge, dass er erwischt wird, da Plünderungen verboten (aber an der Tagesordnung) waren. Auch die Mutter, Agnes ist eine starke Frau und bringt ihre Kinder und den kleinen Joost mit Näharbeiten durch.

Und da ist Anna Meerbaum, eine Lehrerin Mitte 30, deren Mutter Clara auf Gut Anquist aufwuchs, die Tochter jedoch immer ausbremst, wenn diese aus dieser Zeit etwas von der Mutter erfahren möchte. Daher beschließt Anna Anfang der 90er Jahre, das Gut in Templin zu besuchen. Durch Josef, einst Knecht auf dem Gut, erfährt sie erstmals in ihrem Leben von Verwandten: Von Ferdinand, Isabell, Margareta und dem kleinen Konrad; wieder zu Hause, stellt sie ihre Mutter zur Rede.... Weshalb weigert sich diese strikt, aus ihrer Vergangenheit zu erzählen? Aus welchem Grund lädt sie ihrer Tochter schon seit deren Kindheit Schuldgefühle auf?

Im Verlaufe der Handlung, die äußerst spannend zu lesen ist und es schier unmöglich ist, diese Geschichte aus der Nachkriegszeit - und damit ein Stück Zeitgeschichte - beiseite zu legen, tauchen Fotos auf, die Anna Rätsel aufgeben - und nicht nur ihr... Sie setzt sich eines Tages mit Joost Dietz in Verbindung, der seinerseits 24 Jahre lang glaubte, dass Gustav und Agnes Dietz seine leiblichen Eltern seien; Er versteht sich sehr gut mit Hanno, der ihm ein Bruder war und beide sprechen sehr viel später über den Tag, an dem Joost von Wiebke entdeckt wurde; für mich ist dieses Zitat eines der aussagekräftigsten Sätze des Romans:

"Das war eine andere Zeit, (könnte er, Hanno, noch sagen), da denkt man nicht über Tage und Wochen hinaus, sondern nur daran, ob es am Abend etwas zu essen gibt und ob im Ofen ein Feuer brennt. Da muss man die Dinge vergessen. Sonst ist man verloren." (Seite 223)


Eben diese Stimmung ist auf jeder Seite spürbar, nacherlebbar und in meisterhafter, brillant erzählter Sprache von Mechtild Borrmann umgesetzt.

Das letzte Drittel des Romans nimmt dann nochmals an Fahrt und Dramatik auf; es ist kaum möglich, den Roman aus der Hand zu legen, zumal es um "Trümmermorde" in Hamburg geht, wobei der Leser durchaus eigene Schlüsse ziehen kann, wer an den grauenvollen Taten beteiligt sein könnte... Mich beschlich beim Lesen mehr und mehr das untrügliche Gefühl, dass sich dies genau so - oder ganz ähnlich wirklich abgespielt haben könnte - und zwar nicht nur ein einziges Mal!

Fazit:

Ein Roman aus den letzten Kriegstagen und der Nachkriegszeit, der erschüttert, der die Realität der damaligen Zeit projeziert, in der menschliche Verhaltensweisen außer Kraft gesetzt wurden, egoistische Motive auch Gewaltbereitschaft schürten. Er lässt den Leser etwas sprach- und fassungslos zurück: Für mich ist "Trümmerkind" durch die klare, fesselnd geschriebene und prägnante Sprache, die Bilder erstehen lässt und den Leser in jene Zeit zurückkatapultiert, ein literarisches Meisterwerk auf 300 Seiten mit großer atmosphärischer Dichte und überzeugenden Protagonisten.

Ein Roman über Verbrechen in Kriegs- und Nachkriegszeiten, Familiendramen, Identitätssuche, Schuldgefühle, Verantwortung und Schuld, aber auch Flucht, Vertreibung, Enteignung, Entrechtung von Gutsbesitzern im ehemaligen Ostpreußen, Böhmen und Mähren, der seinesgleichen sucht! Eine ganz klare Leseempfehlung von mir sowie 5 * und volle Punktzahl auf der "Histo-Couch" von mir mit herzlichem Dank an die Autorin und den Droemer-Knaur Verlag! Ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Roman von Mechtild Borrmann!

Veröffentlicht am 28.12.2016

Nusschale

Nussschale
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"Nussschale" von Ian McEwan erschien (gebunden) im Diogenes Verlag (2016). Das Cover wird von Frauenbeinen geziert, die sich lasziv in die Kissen recken; allerdings ist der Romaninhalt ein anderer...
Es ...

"Nussschale" von Ian McEwan erschien (gebunden) im Diogenes Verlag (2016). Das Cover wird von Frauenbeinen geziert, die sich lasziv in die Kissen recken; allerdings ist der Romaninhalt ein anderer...
Es handelt sich um anspruchsvolle, intelligent geschriebene Literatur mit ausgewählten, prägnanten Formulierungen, die kritisch auf den Punkt gebracht wurden. Übersetzt wurde "Nutshell" im Original aus dem Englischen von Bernhard Robben.
Als Ich-Erzähler macht sich ein UNGEBORENER (Junge) von Beginn seiner Entstehung im Mutterleib an Gedanken über das, was ihn wohl 'draußen' erwartet: Die Mutter (Trudy) hört gerne Radio, besonders gerne mag sie podcasts, Biografien und Moderation, die ER immer mithört, worin bereits der erste trockene britische Humor im wahrsten Sinne des Wortes 'keimt'.Beide, also ER , der Ungeborene und seine Mutter Trudy bewohnen ein altes Haus in einem vornehmeren Stadtteil Londons, das dem leiblichen Vater (John) gehört: Da Trudy "Raum braucht", trennte sie sich von John, hat jedoch einen Liebhaber, der hier eine stupide, einfalls- und farblose Rolle spielt (Claude); zudem kommt er IHM, dem Ungeborenen, in seiner Schutzhülle zuweilen gefährlich nahe...
Ian McEwan benutzt eine unglaubliche Perspektive des Erzählens 'aus dem Bauch heraus', die er trotz einiger sozialkritischer Themen und realen Bezügen zu diesem Planeten gekonnt in stakkatohaftem Stil mit herrlich britisch-trockenem Humor zum Ausdruck bringt.ER, der Ungeborene überlegt also, ob er schon einmal die Nabelschnur mit Betperlen vergleichen sollte in der Hoffnung, dass trotz dem Zustand der Welt (und dem, was womöglich auf ihn wartet) alles noch irgendwie gut ausgehen könnte...
Da der leibliche Vater im Wege ist, beschließen Trudy und Claude, sich dessen zu entledigen und schmieden ein Mordkomplott, was im Ungeborenen noch mehr Fragen aufwirft: Die Gespräche, die er mitanhört, haben eindeutig kriminellen Charakter (und ihm entgeht nichts). Wie sich herausstellt, ist John doch nicht so naiv, wie er sich seinen leiblichen Vater vorstellte und der aus dem Haus geworfene singt gar ein Loblied auf die zu Ende gegangene Liebe zwischen ihm und Trudy, woraufhin Claude und Trudy zurecht verdattert reagieren. Nun ist Eile geboten: Ob das Vorhaben, ihn aus dem Weg zu räumen, gelingen wird?
Der Ungeborene ist solcherart entsetzt über das skrupellose Vorhaben der beiden, dass er überlegt, mittels der Nabelschnur seinem noch nicht begonnenen Leben selbst ein Ende zu setzen; entscheidet sich letztendlich jedoch für sein Anrecht auf Leben, will er doch 2099 mit einem Tanz ins neue Jahrhundert swingen: Die philosophischen, aber auch realen Betrachtungen, wie sich die Welt und die Menschheit bis zum 22. Jhd. weiterentwickeln wird, sind sehr aktuell und geben zu denken...
Wie sich später herausstellt, ist es wie im Leben: Nicht alles ist, wie es scheint und einige Äußerungen Trudys entbehren jeglicher Grundlage, bringen sie jedoch in 'vermeintliche' Sicherheit. Währenddessen sinniert ER, der Ungeborene, was womöglich am besten für ihn sei und ihm das Liebste; zur gleichen Zeit läuft eine Radiosendung, die er zum alten Europa beeindruckend klar und kritisch überdenkt - köstlich!
Während zwei Hauptprotagonisten schleunigst ihre Koffer packen, kündigt sich indessen das Wunder der Geburt an - etwas zu früh, oder gerade zum richtigen Zeitpunkt? ;)

Fazit:
Ein eindringlicher, brillant geschriebener Roman, in dem sich trockener britischer Humor zuweilen Bahn bricht und der eine witzige Idee, die Ich-Erzählung eines Ungeborenen, fabelhaft umsetzt: Ein unglaublicher Roman, philosophisch, bissig, witzig, zuweilen sehr gesellschaftskritisch und eine Reflexion über die Spezies "Mensch" aus ungewöhnlicher Sicht eines Fötus. Mir hat der Stil sowie der Romaninhalt des renommierten britischen Autors sehr gut gefallen, daher vergebe ich 5 Sterne und eine absolute Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 14.12.2016

Gefühlvolles "Gegenmittel" für Weihnachtsmuffel - wunderschöner Vorweihnachtsroman!

Kater Anton und das Weihnachtsglück
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"Kater Anton und das Weihnachtsglück" von Angela Troni ist in winterlich-vorweihnachtlichem schönen 'outfit' in gebundener Form im Goldmann-Verlag, 2016 erschienen.Das sehr gelungene Cover mit verschneitem ...

"Kater Anton und das Weihnachtsglück" von Angela Troni ist in winterlich-vorweihnachtlichem schönen 'outfit' in gebundener Form im Goldmann-Verlag, 2016 erschienen.Das sehr gelungene Cover mit verschneitem Dorf im Hintergrund und Weihnachtselementen wie 'Honigkuchen', die im Roman eine große Rolle spielen, ist sehr gut gelungen: Am allerbesten aber ist der Gesichtsausdruck unseres Helden des Romans: Anton ;)

Inhalt/Buchbeschreibung:

"Kater Anton reist nicht gerne, aber er freut sich auf das winterliche Dijon, wo seine Besitzerin Ella mit ihrem neuen Freund Xavier die Weihnachtsferien verbringen möchte. Sie wohnen ganz romantisch im hübschen Fachwerkhaus von Madame Bernard, die im Erdgeschoss eine Honigkuchenbäckerei betreibt, und genießen ihr Glück. Doch dann taucht der Anwalt Frédéric Bourgoin auf, der den Laden für einen Großkunden aufkaufen soll, und bedroht die alte Dame. Einige Tage später ist sie spurlos verschwunden - und mit ihr das uralte Familienrezept. Ella und Xavier wollen die Bäckerei retten. Nur wie? Da tritt Kater Anton auf den Plan..... "(Quelle: Buchrückentext)

Meine Meinung:
Schon nach wenigen Seiten, ach was schreibe ich, Sätzen stellt sich bei mir ein Schmunzeln ein - sowohl Anton als auch Ella sind reine Sympathieträger: Wir begleiten die beiden auf dem Weg ins vorweihnachtliche Dijon, wo Ella mit ihrem neuen Freund eine Weile die Weihnachtszeit genießen möchte, um zu prüfen, ob der neue Job als Weinkennerin bei vigneoble.de auch zu ihr passt und sie dauerhaft sowohl mit Job als auch mit Xavier glücklich werden könnte... Antons Gedanken, die sich, was in der Natur der Katze liegt, ständig um seine Vorlieben dreht (Futter - ganz wichtig ;) oder ausreichende Schlafmöglichkeiten an angenehmen Plätzen) nehmen im Roman einen nicht unerheblichen, aber sehr humorvollen Raum ein: Man merkt, dass hier eine Katzenkennerin mit viel Humor zur Feder griff: Auch die 'nonettes' sowie die Beschreibungen der winterlichen Stadt Dijon sind sehr appetitanregend. Angela Troni schreibt in atmosphärischer Dichte, in der auch Ausflüge in die Welt der Sommeliers oder in die vorweihnachtliche Stadt inbegriffen sind und wie sich Ella und Anton immer wohler fühlen... Mme. Bernard und die 9jährige aufgeweckte Enkeltochter Manon sind sehr herzlich und so wandert schon der ein oder andere Lebkuchen in die Hände von Ella oder Xavier... Wäre da nicht der Rechtsanwalt, würde man sich keine Sorgen machen müssen: Wer hat ihn geschickt und was bezweckt er? Mme. Bernard hat in der Vorweihnachtszeit alle Hände voll zu tun und Hilfe von Manon, die "mit einem Teiglöffel im Mund" geboren wurde - und die Honigkuchenbäckerei später einmal weiterbetreiben soll...
Herrlich und sehr humorvoll sind die Abschnitte zu lesen, in denen unser stolzer und eigenwilliger Kater seine Gedanken ausbreitet, nichts von "grenzüberschreitenden Übergriffen" wie Kopftätscheln hält, dafür aber sehr viel für Mme. Bernards Pasteten übrig hat....
Alle Protagonisten, auch die Nebenfiguren sind sehr facettenreich und authentisch dargestellt und man baut eine große Sympathie für sie auf: Gegen Ende des Romans, bei dem die Spannung noch hinzukommt, als Mme. Bernard entführt wird, lenkt die Autorin sehr geschickt die Leser in diverse Richtungen, wer für diese Tat in Frage kommen könnte. Das gibt der Geschichte nochmal die richtige "Lebkuchenwürze" ;) Klare Sache, dass sowohl Mme. Bernard als auch das uralte Familienrezept gerettet werden müssen, woran Kater Anton in spektakulärer Weise (Katzen sind sehr klug! ;) beteiligt ist.

Fazit:
Ein rundum stimmiger, leicht zu lesender, unterhaltsamer Roman mit viel Herz und Humor: Ein liebenswerter Kater, der den Leser in Weihnachtsstimmung zu setzen vermag. Angela Troni ist eine äußerst warmherzige, witzig-humorvolle Geschichte aus ihrer zu Herzen gehenden Feder geflossen, der es letztendlich an sympathischen Figuren und Spannung nicht fehlt. Eine klare Leseempfehlung von mir mit 5 * - nicht nur für KatzenliebhaberInnen, auch für Weihnachtsmuffel sowie natürlich WeihnachtsenthusiastInnen mehr als geeignet ;)

Veröffentlicht am 14.12.2016

Ein ganz besonderer Roman - die stunde des schmetterlings

Die Stunde des Schmetterlings
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"Die Stunde des Schmetterlings" von Pieter Webeling erschien als gebundenes Buch bei Blessing, 2016; den Schutzumschlag ziert eine nebelverhangene Landschaft mit kahlen Bäumen und einer gewundenen Straße, ...

"Die Stunde des Schmetterlings" von Pieter Webeling erschien als gebundenes Buch bei Blessing, 2016; den Schutzumschlag ziert eine nebelverhangene Landschaft mit kahlen Bäumen und einer gewundenen Straße, die man in dieser Form der Romanzeit (1. Weltkrieg, 1914) und dem Ort (Frankreich) sehr gut zuordnen kann und die ich sehr gelungen finde. Übersetzt wurde dieser Roman, der einer Geschichtsstunde, aber auch einem tiefen Eintauchen in die Charaktere von vier unterschiedlichen Freunden sowie einem Priester, der gut zuhören kann, gleicht und diese Thematik sehr sensibel und wundervoll umsetzt, vom Niederländischen ins Deutsche von Christiane Burkhardt. An dieser Stelle bereits vielen Dank an den Verlag, dem Autor und der Übersetzerin für dieses wirkliche sehr berührende und lesenswerte Buch!


"Vier Freunde, die arglos in einem sächsischen Dorf aufwachsen, geraten in den Mahlstrom der Geschichte. Ein großer Roman über Freundschaft, Liebe und Verrat. Und über den Trost, den die Schönheit der Schöpfung gewähren kann." (Quelle: Buchrückentext)

Durch die atmosphärische Dichte, die von Beginn an ein Kennungszeichen des Autors ist, gelingt es dem Leser, sich in das sächsische Dorf zu versetzen, in dem vor mehr als 100 Jahren die Freunde Julius (Erzähler), Claus, Theo und Erich gemeinsam aufwachsen. Nach der Mobilmachung schließen sie sich freiwillig den jungen Männern an, die für Freiheit und Vaterland gegen Franzosen und Engländer zu kämpfen bereit sind. Einzig Erich tut sich sehr schwer mit der Entscheidung; von Natur aus sehr sensibel, würde er lieber bei seiner Geliebten bleiben und mit ihr eine Familie gründen, andererseits möchte er aber vor seinen Freunden nicht als Feigling gelten, daher schließt er sich den anderen an. Die Euphorie sowie die Vermutung, "bis Weihnachten wieder zu Hause zu sein", das alles als ein großes (noch unbekanntes) Spiel zu betrachten, kommt gut zur Geltung: Ebenso die Standes- und Klassenunterschiede der Arbeiterschaft und Fabrikbesitzer, die erste Rebellion gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen der Fabrikarbeiter und der Angst um drohende Arbeitslosigkeit.

Julius, der Hauptprotagonist des Romans, will seinem Leben eigentlich ein Ende setzen, als ein Priester in sein Leben tritt, der sich als guter Zuhörer entpuppt und dem schuldgeplagten Korporal nach und nach helfen kann, sich das auf den Schlachtfeldern des 1. Weltkrieges Erlebte sprichwörtlich von der Seele zu reden. Gleichzeitig erinnert der Priester, der eine große Schwäche für die Schönheit der Schmetterlinge hat und diese sammelt, ihre Namen kennt sowie ihre Lebensweise, ihn daran, dass überall, wo Häßlichkeit und Gräuel ist, auch Schönes zu finden ist.

"Noch habe ich die Hoffnung an das Gute im Menschen nicht verloren, aber was mich wirklich tröstet, ist die Schönheit der Schmetterlinge" .(Zitat, Priester S. 13)

Diese Gegenüberstellung von beidem, das besonders in Kriegszeiten, auf der Erde überall zu finden ist, hat mich an diesem Roman sehr beeindruckt. Obgleich keine 'leichte Lektüre', vergisst man auch als Leser niemals, dass es auch Schönes gibt. Es sind sehr eindrucksvolle, philosophische Sätze und viele Textpassagen zu finden, die den Beschreibungen des Grauens wie z.B. einem Chlorgasangriff, gegenüberstehen: Es gibt aber auch sehr eindringliche und gut recherchierte, präzise Beschreibungen aus den Schützengräben des 1. Weltkrieges, in denen sowohl Julius wie auch seine Freunde in verschiedenen Regimentern liegen. Der Zufall will es, dass die Divisionen von Julius und Claus zusammengelegt werden und beide beschließen, gegenseitig aufeinander 'aufzupassen'....
Die historisch belegte Waffenruhe am Heiligen Abend wird auf beiden Seiten mit großer Nervosität, aber auch Erleichterung eingehalten.

Julius überlebt die Grauen des Krieges auch durch die Hoffnung der ersten großen Liebe, die er unbedingt nach dem Kriege heiraten will und deren Bild er immer vor Augen hat. Durch seine Liebe zur Dichtung und Lyrik lernte er die schöne Wirtshaustochter Elfriede kennen, die alle anderen Bewerber stets abwies: Seine Liebe zu Prosa und Lyrik hilft ihm, die Schrecken jeden Tages zu ertragen. Er sollte, während er dem Priester sein Leben und seine Schuldgefühle beichtet, erkennen, dass er etwas hatte, das Erich nicht gegeben war: Die Dichtung, die Poesie - die zuweilen Hässliches in Schönes zu verwandeln vermag... auch hier taucht der Schmetterling, den der Priester als den "Liebling Gottes" ehrt, in Form eines Gleichnisses wieder auf; in wundervollen Sätzen und Gedanken zum Leben, die tief berühren, liest sich der Roman wie ein Ausflug in das Dorf der kriegszerstörten Champagne, wo an der Marne und der Somme Millionen von Soldaten sinnlos ihr Leben ließen.

Er entführt jedoch auch in die wie ein Wunder erhaltene Dorfkirche und anschließendem Pfarrhaus, wo der Priester wohnt und sich mit unerschütterlicher Ruhe und Kraft dem Ende des Krieges entgegen sehnt. Auch er legt die Beichte seines Lebens dem jungen Deutschen gegenüber ab und erzählt ihm seine Geschichte, warum er sein Leben in Gottes Hand legte... Eine der für mich schönsten Metaphern zitiere ich hier:

"Ein Nachtpfauenauge lebt nur wenige Tage. Aber im Leben geht es nicht um Tage oder Wochen. Sondern um Momente". (S. 242)

Ich las bereits einige Romane, die den 1. Weltkrieg oder "Le Grand Guerre", wie ihn die Franzosen nennen, zum Inhalt hatten, aber die einfühlsame und sensible Sprache von Pieter Webeling sowie die tragische Geschichte von Julius, die stellvertretend für Millionen anderer Soldaten aus dieser Zeit stehen könnte, hat mich sehr berührt; besonders die Ausgewogenheit in der Gegenüberstellung von Häßlichem und auch Schönem, Menschlichen, das es trotz aller Grausamkeiten auch immer gab.

Fazit:

Ein sehr beeindruckender, mit großer Sensibilität und Intensität geschriebener Roman über das Schicksal von vier Freunden auf den französischen Schlachtfeldern des 1. Weltkriegs und der Tatsache, das trotz dem Leid, der Unsinnigkeit und Häßlichkeit des Krieges auch Schönheit existiert, die hier vom Schmetterling symbolisiert wird. Im übertragenen Sinne eine Aufforderung, seinem Leben Sinn zu geben, in dem man für sich Schönes entdeckt, sei es in einer Schmetterlingssammlung, in Dichtung, Lyrik, Kunst oder anderen Dingen, die den Menschen auch immer wieder "Gutes" entdecken lassen, auch in sich selbst!
Eine absolute Leseempfehlung bei voller Punktezahl, 5 * von mir verbunden mit einem großen Dank an den Autor, an die Übersetzerin und an den Blessing-Verlag!