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Veröffentlicht am 05.07.2020

Caine und Joyce ermitteln auf dem Glastonbury-Festival

Der achtsame Mr. Caine und das allerletzte Lied
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Das englische Städtchen Glastonbury ist seit jeher ein Ort der Mythen und Legenden: Artus und Avalon, der heilige Gral, ein mystischer keltischer Hügel und mittendrin ein einmal im Jahr stattfindendes ...

Das englische Städtchen Glastonbury ist seit jeher ein Ort der Mythen und Legenden: Artus und Avalon, der heilige Gral, ein mystischer keltischer Hügel und mittendrin ein einmal im Jahr stattfindendes Festival, das die größten Musikstars der Welt anzieht wie Motten das Licht. Auch der achtsame Mr. Caine, seines Zeichens Detective Inspector mit Hang zu Zen-Buddhismus, Karma-Glauben und Öko/Veganismus, feiert inmitten der ekstatischen Menge auf dem Glastonbury Festival (liebevoll “Glasto” genannt), während die legendäre Band Stigma den Ton angibt. Als plötzlich der Messias-artige & ziemlich ätherische Bandleader Ethan Flynn durch einen über seine E-Gitarre induzierten Stromschlag vor aller Augen das Zeitliche segnet, wird aus dem musikalischen ein mörderisches Festival.

Während der erste Band mit den Ermittlern Caine und Joyce (Link) sich im Kunst-Milieu bewegte, lernen wir nun die Musiklandschaft und New-Age-Kultur von Somerset kennen. So ungewöhnlich und besonders wie der friedliebende, buddhistische Polizist Caine ist auch das Setting dieses Kriminalromans. Eigentlich ein mystischer und legendärer Ort in England, zu dem sich Neuheiden, Hippies und anderweitig alternativ orientierte Menschen hingezogen fühlen, wird Glastonbury einmal im Jahr - um die Sommersonnenwende herum - zur “Sparkasse” von Somerset, das den Anwohnern, die vom Tourismus leben, entsprechend viel Geld - aber auch Unruhe, Lautstärke und Müll bringt. Anholt erschafft in seinem zweiten Caine-Krimi wieder ein Kaleidoskop von eigenwilligen Charakteren, die das berühmte Fesitval organisieren, besuchen bzw. dort auftreten oder in irgendeiner Weise davon profitieren. Von der neureichen Popstar-Sippe über die Jurten bewohnende Hippie-Organisatorin bis hin zu den alteingesessenen Gasthof-Besitzern, die eher an die Flodders erinnern, ist alles dabei - mit unseren beiden Detective Inspectors natürlich auch wieder zwei starke Hauptfiguren.

Die bodenständige DI Shanti Joyce zeigt sich mal wieder immun gegen das Hippie-Flair und Caines buddhistische Weisheiten, obwohl der außergewöhnliche Cop, der sich auf dem Festival ganz in seinem Element und unter Gleichgesinnten befindet, sie insgeheim schon ein wenig fasziniert. Während Shanti immer wieder die professionelle Seite ihres “Verhältnisses” betont, macht Caine mehrfach Andeutungen, dass er mehr für die toughe Kollegin empfindet.
Natürlich könnte man sagen, die Figuren seinen etwas klischeehaft, aber selbst wenn: who cares? Es macht einfach Spaß, wie unterschiedlich die beiden Ermittler an den Fall herangehen, den sie am Ende natürlich auch wieder lösen.

Wie schon der erste Teil hat auch dieser Krimi eine skurrile Komponente, die sich allerdings so richtig erst zum Ende hin entfaltet. Ob es diesen etwas “unrealistischen” Twist zum Ende hin noch gebraucht hätte? Ich weiß es nicht. Im Großen und Ganzen war die Handlung auch diesmal wieder sehr spannend, mit leicht esoterisch-phantastischen Zügen, die aber wunderbar zur Thematik des Krimis gepasst haben. Ich habe mich jedenfalls während der Lektüre köstlich amüsiert und bestens unterhalten gefühlt.

Alles in allem ein total unterhaltsamer Cosy-Krimi, den nicht nur Festival-Geher einfach ins Herz schließen werden!

Anmerkung zur deutschen Ausgabe: Die Besonderheit ist, dass das Buch bei Droemer Knaur zuerst in der Übersetzung erschienen ist (genau um den Zeitpunkt des Glastonbury-Festivals herum, das dieses Jahr Corona-bedingt nicht stattfinden kann). Das englische Original “Festival of Death” erscheint erst im November 2020.


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Veröffentlicht am 30.06.2020

Historischer Politthriller der Extraklasse

Das schwarze Band
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“Regeln lenken den weisen Mann. Der Dummkopf befolgt sie.” Dieses Zitat des wunderbaren Oscar Wilde ist dem Buch vorangestellt. Ja, ja, die lieben Regeln. August Emmerich ist zwar Kriminalkommissar beim ...

“Regeln lenken den weisen Mann. Der Dummkopf befolgt sie.” Dieses Zitat des wunderbaren Oscar Wilde ist dem Buch vorangestellt. Ja, ja, die lieben Regeln. August Emmerich ist zwar Kriminalkommissar beim Dezernat “Leib und Leben” in Wien, aber an polizeiliche Vorschriften oder Regeln im eigentlichen Sinne hält er sich nicht allzu gerne. Schon gar nicht wenn sie ihm “von oben herab” aufoktroyiert werden von irgendwelchen Anzugträgern ( “Lackaffen”).
Als er den neu gewählten Bundeskanzler und ehemaligen Polizeipräsidenten Schober in dessen Anwesenheit persönlich beleidigt, ziehen seine Vorgesetzten die Reißleine. Ihre Meinung: Emmerich müsse diszipliniert und für 10 Tage in der Schwarzenbergkaserne weggesperrt werden. Erst nach erfolgreicher Absolvierung des polizeiinternen “Bennimmkursus’” darf er wieder “auf der Straße” ermitteln, schafft er es nicht, droht ihm ewiger Innendienst. Und das, wo gerade ein brutaler Mord an zwei Nackttänzerinnen in der Brigittenau auf dem Ermittlungsplan steht. Ferdinand Winter, ehemals Freiherr von Winter, ist nun auf sich allein gestellt und muss, um die Ermittlungen nicht an den ungeliebten Kollegen Peter Brühl zu verlieren, alleine in die gnadenlos undurchsichtige Wiener Unterwelt abtauchen.

Nicht nur der Wiener Hochsommer 1921 ist heiß. Das chaotische Wien der Nachkriegszeit und jungen Republik Österreich ist ein mehr als heißes Pflaster. Aufgrund der zunehmenden Inflation und des Devisenhandels werden die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer. Und jeder versucht sein Glück in dieser Stadt. Hier geht es um Alles oder Nichts, Himmel oder Hölle. Wunderbar spielt Alex Beer die Paradies/Höllen/Sündenpfuhl-Thematik auf ihrer metaphorischen Klaviatur. Das drückend warme Wetter untermauert das Gefühl des Lesers, an einem unerträglich heißen, höllischen Ort gelandet zu sein. Unerbittlich zeigt sich der “Moloch Wien” im Juli 1921 also von seiner besonders unangenehmen, diabolischen Seite.

Der vierte Band in der “August-Emmerich-Reihe” ist durch und durch politisch, ein historischer Politthriller allererster Güte. Der ursprüngliche Mordfall an zwei Freudenhaus-Mädchen zieht weite Kreise und die Parallelhandlung rund um Emmerich in der Kaserne ist auch nicht ohne Belang für das große Ganze, wie sich zunehmend zeigt. Die Autorin bringt ganz viele gesellschaftliche Brennpunkte und politische Brandherde der jungen Republik Österreich in ihrem feurigen Plot zusammen. Inhaltlich ist die Übervorteilung des Devisen besitzenden Geldadels, der den “echten” Adel in Österreich seit dem Adelsaufhebungsgesetz inoffiziell abgelöst hat, nur eine der sozialen Ungereimtheiten, die im Roman angesprochen werden. Das titelgebende “schwarze Band” fungiert dabei als Falkenmotiv und zieht die Erzählstränge am Ende zusammen.

Damit wären wir auch schon bei unserem “Antihelden-Ermittler”. Was August Emmerich angelangt, so macht er sich keine Illusionen über die gesellschaftlichen Zustände. Aus seiner Perspektive ist “das Leben, dieses elende Verräterschwein”, eine ungerechte Ausweglosigkeit. Um die Vergangenheit des ehemaligen Waisenkindes Emmerich besser zu verstehen, sollte man wohl die Vorgänger-Bände gelesen haben (auch ich werde und will das unbedingt nachholen). Es geht in diesem Band um seine private Situation als alleinerziehender Stiefvater dreier Kinder, der über seine Herkunft nur spekulieren kann. Schon lange habe ich keine literarische Figur mehr so “echt” und attraktiv gefunden wie Emmerich. Seine Figur ist einmal mehr Beweis dafür, dass Frauen glaubwürdige und anziehende männliche Protagonisten schreiben können.

Wenn es nicht so furchtbar kitschig klingen würde, würde ich sagen: Ich bin wie atemlos durch die Seiten geflogen. Aber irgendwie beschreibt es mein Leseerlebnis am besten. Ich war an einer Stelle richtig erschrocken, als ich plötzlich bei der Hälfte des Buches angekommen war.

Das Buch endet mit einem sehr fiesen Cliffhanger und ich kann nur hoffen, dass Alex Beer in der nächsten Zeit ganz viel Zeit zum Schreiben findet! Top - unbedingt lesen!


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Veröffentlicht am 24.05.2020

Des Musikers rhythmisches Romandebut

flüchtig
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"flüchtig" ist der erste Roman und die erste schriftstellerische Veröffentlichung des österreichischen Musikers, Sängers und Liedermachers Hubert von Goisern, dessen musikalisches Werk ich seit ...

"flüchtig" ist der erste Roman und die erste schriftstellerische Veröffentlichung des österreichischen Musikers, Sängers und Liedermachers Hubert von Goisern, dessen musikalisches Werk ich seit ca. 20 Jahren begeistert verfolge. Da seine Liedtexte klug, wortgewaltig und oft von einer bestechenden Eindringlichkeit sind, war es für ihn ein vollkommen natürlicher Schritt, den künstlerischen Genrewechsel zu vollziehen und sich auch in der Literatur zu versuchen. Dies geschieht jetzt aber unter seinem Geburtsnamen Hubert Achleitner, womit eine Grenze zu seinem musikalischen Ich gesetzt sein dürfte.

Mit 55 Jahren ist Maria auf der Suche nach sich selbst. Ihre eingefahrene, unfruchtbare Ehe mit Herwig ist gescheitert, Sport ist Marias Ersatzbefriedigung Nummer Eins. Ein bestimmtes Ereignis bringt das Fass allerdings zum Überlaufen und Maria zieht sich aus ihrem alten Leben raus, sie entflieht, wird "flüchtig". Sie geht auf eine Reise, die sie in den Süden und irgendwie auch zu sich selbst führt.

Achleitner gelingt es auf gekonnte Art und Weise und ganz ohne erhobenen Zeigefinger, Reflexionen über Gott und die Welt in seine Prosa einzustreuen. Manchmal wirds politisch, manchmal philosophisch. Auch Glaube, Religion und Spiritualität sind wichtige Themen des Buches. In welchen irdischen Dingen manifestiert sich das Glück, kann man es festhalten oder ist es eben, wie Maria und der Titel, flüchtig?

Dass Achleitner im Hauptberuf Musiker ist, merkt man seinem Buch deutlich an. Überall wimmelt es von Melodien, Tonarten, Tonträgern, Klangfarben, Gesang, onomatopoetischen Wendungen, unterschiedlichen Darbietungsformen von Musik, berühmten und unberühmten Musikern, Instrumenten und dergleichen mehr. Seine Figuren machen Musik, hören Musik, sie leben die Musik. Manchmal arbeiten sie sich auch an ihr ab oder kritisieren sie in ihren Spielarten: Genres, Musiker, Musicals, Komponisten. Musik steht auch für das absolute Präsens, die unverbrüchliche Hingabe an den Moment, das Hier und Jetzt.
Auch das Leben von Achleitners Protagonisten läuft ab wie ein Song, bei dem sie gelegentlich aus dem Takt geraten. Sie haben ihren ganz eigenen Rhythmus, Intermezzi, Tempi und ihre Grundmelodie des Herzens ist das Leitmotiv, dem sie folgen.

Erotik ist auch ein zentrales Thema des Buches. Es ist eine Sinnlichkeit, die auch der Musik innewohnt, der sich seine Figuren hingeben. Fast schon ein Liebesreigen, mal hier mal dort, an jedem Ort - nichts ist für die Ewigkeit, flüchtig eben.

Sehr häufig bedient sich der Autor auch der atmosphärischen Beschreibung von Wetterlagen. Dies hat etwas sehr archaisches, das Leben bestimmt von den Gezeiten und von der Witterung, vom Kreislauf der Natur.

Den einzigen klitzekleinen “Kritikpunkt”, den ich an "flüchtig" habe, ist die Tatsache, dass der Autor sich gelegentlich in Nebengeschichten verliert und für die doch relativ moderaten knapp 300 Seiten etwas viele Randfiguren ins Spiel bringt. Zum Beispiel geht es dann plötzlich ganz ausführlich um die Geschichte des Jugendfreundes von Marias griechischem Geliebten oder um die Story des Freundes von Herwigs Vater aus dem Seniorenheim. Richtig gestört haben mich diese digressiven Schlenker zwar nicht, aber es lenkt doch ein wenig von der Haupthandlung ab und verleiht dem Roman etwas "Wimmelbuchhaftes", frei nach dem Motto: Schaut her, diese Person hat auch eine interessante Geschichte und diese auch und erst diese hier! Es passt aber auch irgendwie zu dem Buch und zu den “Bienen-artigen” Romanfiguren, die von einer Blume zur nächsten fliegen, so macht es eben auch der Erzähler.

Alles in allem aber will ich sagen, dass Achleitner ein wundervolles Romandebut hingelegt hat, das nicht nur den Fans von Hubert von Goisern gefallen dürfte. Es ist rhythmisch, erotisch, nachhallend und warmherzig, kurz: sehr empfehlenswert! Und dafür, dass es ein Debutroman ist, ziehe ich voller Respekt meinen Hut vor diesem vielseitigen Künstler!



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Veröffentlicht am 22.05.2020

Einfach nur Miezbertastisch!

Miezbert
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Wir haben das Buch zwar erst wenige Tage, aber der Ausruf "Du bist ein richtiger Miezbert", ist in unserer Familie bereits zum geflügelten Wort angesichts des Vorhandenseins von Grummeligkeit ...

Wir haben das Buch zwar erst wenige Tage, aber der Ausruf "Du bist ein richtiger Miezbert", ist in unserer Familie bereits zum geflügelten Wort angesichts des Vorhandenseins von Grummeligkeit bei Appetit geworden.

Worum geht es also in diesem besonders farbenfrohen Kinderbuch? Der kleine, eigentlich fröhliche Kater Miezbert, wird von seinem Freund, dem Vogel Piep, zum Spielen abgeholt - leider ohne vorher gefrühstückt zu haben. Doch während sie nach und nach die Tiere des Waldes besuchen, bekommt Miezbert immer schlechtere Laune und unerklärliche körperliche Symptome - er wird zum “Miesbert”. Plötzlich ist gar nichts mehr toll und er erlangt die Erkenntnis, dass er einfach Hunger hat. Leider werden alle Essensangebote der freundlichen Waldbewohner ausgeschlagen - nur sein eigener Kühlschrank und der darin befindliche Fisch können ihn noch retten. Plötzlich ist Miezbert wieder ein überaus glücklicher und ausgeglichener Kater, der in Zukunft immer eine Notfall-Ration Fisch auf seine Ausflüge mitnehmen wird.

Und was ist die Moral von der Geschicht’? Verlass das Haus ohne Essen nicht. Oder so. Jedenfalls hat dieser kleine blaue Kater ein hohes Identifikationspotenzial, vor allem für die Zielgruppe Drei plus. Sind wir nicht alle ein bisschen Miezbert, wenn wir Hunger haben?

Was meiner vierjährigen Tochter, neben dem witzigen Text natürlich, richtig gut gefallen hat, sind die Illustrationen und die Knallfarben, die in diesem Buch Verwendung fanden. Bunte Signalfarben sind bei Kindern ja stets beliebt und besonders der Protagonist des Buches, Miezbert, ist in einem auffälligen Knallblau gehalten.

Lobend möchte ich abschließend auch noch die Herstellung des Buches erwähnen. Es wurde nachhaltig und ohne Lösungsmittel produziert und ist damit besonders kinderfreundlich. Es lohnt sich damit auf jeden Fall ein Blick auf die Verlagsseite des Schweizer Baeschlin-Verlags, der noch andere tolle Kinderbücher im Programm hat.

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Veröffentlicht am 13.05.2020

Krimi mit Kaiserin und K. u. k.-Kulisse

Der Offizier der Kaiserin
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Das Jahr 1898 sollte für Franz Joseph I., Kaiser von Österreich-Ungarn, ein Jahr des Triumphes werden. Sein 50stes Regierungsjubiläum wurde gefeiert und ihm zu Ehren eine Weltausstellung abgehalten. Stattdessen ...

Das Jahr 1898 sollte für Franz Joseph I., Kaiser von Österreich-Ungarn, ein Jahr des Triumphes werden. Sein 50stes Regierungsjubiläum wurde gefeiert und ihm zu Ehren eine Weltausstellung abgehalten. Stattdessen wurde es ein "annus horribilis" mit Rebellionsherden im ganzen Land, das mit der Ermordung der Kaiserin Elisabeth im September durch einen Anarchisten seinen traurigen Höhepunkt erreichte.

In diesem Jahr also lässt Christine Neumeyer ihren top recherchierten historischen Roman spielen. Allerdings zum Großteil nicht in der Kaiserstadt Wien, sondern im niederösterreichischen Marchfeld, wo sich Schloss Hof befindet. Diese ehemalige Sommerresidenz der Habsburger ist der Dreh- und Angelpunkt dieses vielschichtigen Histo-Krimis. Schloss Hof ist zum Zeitpunkt der Handlung nur noch ein Schatten seines ehemaligen prunkvollen Selbst. Überall sind Ratten und Staub und kaputter Putz - K. u. k.-Romantik dekonstruiert gewissermaßen. Das dem Schloss angeschlossene Dorf Groißenbrunn ist geprägt von Arbeitslosigkeit, Armut und Tristesse, seit es keine opulenten Hofgesellschaften mehr zu bewirten, bedienen und betreuen gibt.

Im August 1898 soll aber ein kleines Dragonerregiment von fünf Offizieren dort zu Gast sein, um die weiteren Möglichkeiten der Nutzung von Schloss Hof als Reit- und Fahrschule auszukundschaften. Selbst Kaiserin Sisi höchstpersönlich wird in diesen Tagen auf der Durchreise für eine Nacht dort erwartet. Als einer der Offiziere tot aufgefunden wird, nehmen die Geschehnisse von Schloss Hof ausgehend ihren Lauf und der Polizeiagent Pospischil aus Wien muss in der Causa “toter Offizier” ermitteln.

Das Personal dieses Romans könnte einem österreichischen Historienfilm der 1950er Jahre entsprungen sein. Vom Herrn Verwalter über die belesene Küchenmagd, die Gärtnersfamilie und ihre Tochter, den Herrn Kaplan, den feschen Offizier mit ungarisch klingendem Namen, dem österreichischen Staatsbeamten und seinem entomologisch gebildeten Assistenten bis in die höchsten Adels- und Regierungskreise mit den kaiserlichen Hoheiten (“Allerhöchstdieselben”) sind so ziemlich alle Gesellschaftsschichten vertreten, die die österreichische Jahrhundertwende aufbieten kann. Selbst die ganz Armen kommen vor, wenn z.B. von “Bettgängern” die Rede ist, mit denen sich Pospischil demnächst seine bescheidene Kammer in Wien teilen müssen wird, wenn es mit der Wirtschaft noch weiter bergab gehen sollte.

Die Autorin war um große Authentizität bemüht, was man im Roman an fast allen Stellen spürt. Sie hat eine Atmosphäre geschaffen, die einfach lebendig und ungekünstelt wirkt - nicht zuletzt durch die großzügige Verwendung des Altwiener Dialekts (ein Glossar im Anhang erklärt zentrale Begriffe). Auch wenn die Handlung manchmal mit skurrilen Szenen und (unfreiwilliger) Komik aufwartet, war der Humor für meinen Geschmack an keiner Stelle unpassend. Den Ermittler Pospischil - ein ewiger Junggeselle, der sich trotz passablem Beatengehalt eine kleine Wohnung mit seiner Schwester teilen muss, habe ich aufgrund seiner Tierliebe und des leicht träumerischen Wesens, besonders liebgewonnen. Ich würde mich über weitere Kriminalromane mit ihm als Ermittler sehr freuen.

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