Alles im Fluss
MädchengrabIn den rauen Wäldern Westkanadas taucht eine skelettierte Leiche auf. Ist das Moosmädchen die junge Jasmine, die 24 Jahre zuvor im Fluss Nahamish ertrunken sein soll?
Privatdetektivin Angie Pallorino ...
In den rauen Wäldern Westkanadas taucht eine skelettierte Leiche auf. Ist das Moosmädchen die junge Jasmine, die 24 Jahre zuvor im Fluss Nahamish ertrunken sein soll?
Privatdetektivin Angie Pallorino bekommt den Auftrag, so viel wie möglich über die Studentin und ihr Leben kurz vor deren Tod herauszufinden. Auf der Suche nach der Wahrheit stößt Pallorino nicht nur auf das Schweigen der Dorfbewohner, sondern auch an ihre eigenen Grenzen.
Eindrucksvoll und faszinierend stellt sich die kanadische Wildnis mit ihren dunklen Wäldern, einsamen Lichtungen und unzähligen Tierarten dar. „Nebelfinger, die durch die Bäume wehen“ (Pos. 374) und das „unheilvolle Donnern der Plunge Falls“ (Pos. 468) unterstreichen die bildhafte und detaillierte Beschreibung, die sich durch das gesamte Buch zieht. Aber nicht nur Landschaften, nein, auch tiefen Gefühlen gibt Loreth Anne White auf diese Weise Raum, die Natur spiegelt Erinnerungen wider und zwingt die Menschen gleichsam, sich alten aufreißenden Wunden zu stellen.
Allen voran, holt Angie selbst die Vergangenheit ein. Ihre Geschichte wird teils rückblickend aufgerollt, aber gerade nur so viel, wie für das Verständnis nötig ist, wenn man die beiden Pallorino-Bände zuvor nicht gelesen hat. Ihr persönliches Schicksal steht abwechselnd mit der Aufklärung über den Tod von Jasmine immer wieder im Vordergrund und nimmt viel Platz ein. Dennoch tut dies dem Ganzen keinen Abbruch, verschmilzt doch die Motivation der Privatdetektivin gekonnt mit den Geheimnissen, die in den Tiefen Kanadas verborgen sind. So inszeniert die Autorin ein faszinierendes Werk über den Fluss des Lebens, flicht den reißenden Nahamish perfekt in die Geschehnisse heute wie damals ein und beleuchtet die Abgründe, die immer tiefer werden, je länger Angie nachforscht.
Neben der düsteren Herbstlandschaft besticht die Psychologie bei diesem Thriller, die subtil erschaffenen Persönlichkeiten, die Triebfeder, welche jeden Einzelnen genau das tun lässt, was er tut. Fasziniert und neugierig eilt man beim Lesen von einem Kapitel zum nächsten, saugt neue Erkenntnisse auf und ordnet gemeinsam mit Angie Pallorino die Puzzleteilchen, die nur allmählich auftauchen. Als schon das Ende greifbar scheint und Verwunderung einsetzt ob der vielen verbleibenden Seiten, kommt plötzlich eine ganz neue Dynamik auf und beschert ein spannendes Finale.
Als kompletter Neuling in Sachen Pallorino kann ich nur sagen: faszinierende Geschichte, psychologisch perfekt in Szene gesetzt!