Platzhalter für Profilbild

Bookworm_BW

Lesejury Star
offline

Bookworm_BW ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Bookworm_BW über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.01.2021

Originell, interessant, aktuell und kurzweilig...

Das Baby ist meins
0

Oyinkan Braithwaite entführt uns mit ihrem neuen Roman nach Lagos in Nigeria und zwar in Zeiten des Corona-Lockdowns.

Mide setzt Bambi, den machohaften Ich-Erzähler, vor die Tür, weil er sie wiederholt ...

Oyinkan Braithwaite entführt uns mit ihrem neuen Roman nach Lagos in Nigeria und zwar in Zeiten des Corona-Lockdowns.

Mide setzt Bambi, den machohaften Ich-Erzähler, vor die Tür, weil er sie wiederholt betrogen hat. Sein Handy lieferte ihr die Beweise dafür.

Er findet Unterschlupf bei Auntie Bidemi, die mit dem Neugeborenen Remi das Haus ihres kürzlich verstorbenen Gatten Folu bewohnt.
Überrascht stellt der 28-jährige Bambi fest, dass auch Esohe, die ehemalige junge Geliebte seines Onkels Folu im Haus ist und noch viel überraschter registriert er den Streit der beiden Frauen um den Säugling.

Eine jede will seine Mutter sein.
Sie kämpfen unerbittlich um die Mutterschaft.
Jede will das Kind für sich haben. Zwei Ansprüche, die gnadenlos aufeinanderprallen und den kleinen Remi zu einem Spielball machen.

Bambi, der Mann im Haus, der verpflegt, bedient und hofiert werden will, wird zwangsläufig involviert. Auch wenn er wollte, er könnte schon aufgrund der Ausgangssperre nicht mehr weg.

Er kümmert sich um das Kind, will es beschützen und ist daran interessiert, ein größeres Unglück zu verhindern und Licht ins Dunkel zu bringen.
Der Frauenheld entwickelt sich zu einem erstaunlich verantwortungsvollen und fürsorglichen Mann.

Jede der beiden rücksichtslosen und gewaltbereiten Rivalinnen will ihn auf ihre Seite ziehen und zu ihrem Verbündeten machen.
Es steht Aussage gegen Aussage. Er soll richten, aber beide Seiten klingen irgendwie glaubhaft und nachvollziehbar.

„Das Baby ist meins“ ist ein kurzweiliges und unterhaltsames Kammerspiel, originell was die Thematik und den Plot betrifft, aktuell was die Corona-Krise anbelangt und interessant, was die Einblicke in die nigerianische Kultur und ihre patriarchalischen Strukturen angeht.

Ich fand es durchaus reizvoll, in diese absurde, eigentlich dramatische, aber auch humoristische Situation hineingeworfen zu werden, Zeugin dieser skurrilen Auseinandersetzung zu sein und etwas über diese fremde Welt und Kultur zu erfahren.
Allerdings wurde ich nicht so richtig warm mit den Figuren. Sie konnten mich nicht wirklich berühren oder gar fesseln.
Zum Ende hin gab es einige neue Aspekte und eine überraschende Wendung, die originell, aber nicht ganz schlüssig waren.

Der Roman hat mir trotzdem und auch mit all seiner Pointiertheit gefallen.
Manchen Lesern mag das Gelesene zu zugespitzt anmuten.
Mir jedoch gefiel die Wahl dieses Stilmittels genauso wie die Wahl von Setting, Rahmen und Thema.

Ich hatte ziemlich oft das Gefühl, dass mich eine augenzwinkernde Autorin beim Lesen beobachtet. Ich glaube, sie hat sich ganz bewusst für Kürze, Ironie und Überspitzung entschieden.

Dass Oyinkan Braithwaite die Kulisse des Corona-Lockdowns gewählt hat, ist ein gelungener Kunstgriff.
Aus diesem Grund hat das Nervenkostüm der Protagonisten schon eine gravierende Grundspannung und ist eine Flucht aus der Konfliktsituation nicht möglich.
Die drei können einander nicht aus dem Weg gehen, müssen zwei Krisen gleichzeitig aushalten und meistern und die Konflikte offen miteinander austragen.
Sie können den Schwierigkeiten und sich selbst nicht entkommen.

Ich empfehle dieses recht kompakte und kurze, originelle und unterhaltsame Buch, eher Novelle als Roman, gerne weiter!
Für mich war es mal eine ganz andere Art von Lektüre, die mich zwar nicht letztendlich und vollends gepackt hat, die ich aber trotzdem gern und interessiert in wenigen Stunden „verschlungen“ habe.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.01.2021

Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte...

Winter
0

Der Roman spielt auf einem riesigem Anwesen in Cornwall. Vier Menschen verbringen dort miteinander das Weihnachtsfest.

Wir lernen die verbitterte, verwirrte und abgemagerte Hausherrin Sophia, eine Endsechzigerin, ...

Der Roman spielt auf einem riesigem Anwesen in Cornwall. Vier Menschen verbringen dort miteinander das Weihnachtsfest.

Wir lernen die verbitterte, verwirrte und abgemagerte Hausherrin Sophia, eine Endsechzigerin, kennen, die mit wenig Vorfreude auf ihren 30-jährigen Sohn Arthur und seine Freundin Charlotte wartet.
Arthur hat nicht den besten Stand bei seiner einst erfolgreichen und daher wohlhabenden Unternehmermutter, ist er doch ein etwas zu sensibler und phantasievoller Naturromantiker, der es nur zum Blogger gebracht hat. Zwar erfolgreich, aber na ja... und um nicht noch mehr Negativpunkte bei ihr zu sammeln, plant Arthur, die Trennung von Charlotte zu verheimlichen und bringt stattdessen die 21-jährige obdachlose Lux mit zum Fest.
Lux ist eine ihm fremde kroatische Austauschstudentin, die Arthur aufgegabelt und engagiert hat. Doch die Tarnung fliegt schon bald auf.
Und als vierte im Bunde kommt dann noch die rebellische Tante Iris, eine engagierte Aktivistin und Weltverbesserin, die schon seit Jahrzehnten keinen Kontakt mehr zu ihrer jüngeren Schwester Sophia hatte, dazu.
Arthur hat sie gerufen, weil er sich mit seiner sehr verstört wirkenden Mutter überfordert fühlt.

Die vier sehr unterschiedlichen und eigenwilligen Menschen verbringen eine außergewöhnliche Nacht miteinander.
Unter Harmonie und konfliktfreier weihnachtlicher Stimmung stellt man sich etwas anderes vor als das, was die vier miteinander erleben.

Es ist eine Nacht, in der gestritten und gelogen wird, in der unterschiedliche Sichtweisen aufeinanderprallen, Erinnerungen aufkommen, Geheimnisse gelüftet werden und Verdrängtes und Vergessenes an die Oberfläche drängt.
Es ist eine Nacht, in der die beiden ungleichen und schon immer konkurrierenden Schwestern sich angiften, in der Sophia mit gehässigen Kommentaren nicht spart und in der sie Dinge sieht, die beim besten Willen nicht sein können.
Hat sie Halluzinationen oder spukt es gar? Leidet sie unter einer wahnhaften Erkrankung oder hat sie einfach nur eine lebendige Phantasie?

Es ist eine Nacht, in der politische und andere aktuelle Themen sowie literarische Persönlichkeiten ihren Raum bekommen und in der es auch neben all den Feindseligkeiten und Querelen versöhnliche Momente gibt, was v. a. die empathische Lux mit ihren diplomatischen Bemühungen und ihren vermeintlich naiven und zum Nachdenken anregenden Fragen ermöglicht.
Therapeutengleich vermittelt und moderiert sie, was durchaus von Erfolg gekrönt wird.
Sie ist, angelehnt an Charles Dickens Weihnachtsgeschichte, der gute Geist dieser Weihnacht, der einen kaltherzigen Menschen erweicht und versöhnlich stimmt. Aber eine märchenhafte Weihnachtsgeschichte wird „Winter“ deshalb noch lange nicht.

Die Geschichte hat keine stringente und geradlinige Handlung, es sind eher ineinanderfließende Momentaufnahmen bzw. aneinandergereihte und nebeneinanderliegende Szenen, Fragmente und Assoziationen.

Ali Smith ist eine brillante und scharfsinnige Beobachterin.
Sie experimentiert und spielt mit den Wörtern und Sätzen, mit den Perspektiven und Zeitebenen, mit der Wahrheit und mit uns Lesern.

„Winter“ ist weder eine klassische Familiengeschichte, noch eine typische Weihnachtsgeschichte, obwohl sie an Weihnachten spielt und eine Familie im Mittelpunkt des Geschehens steht.
Sie ist vielmehr ein anspruchsvolles Puzzle, wobei man das Bild und den Sinnzusammenhang erst mit der Zeit erahnt und letztlich in seiner Gänze erkennt, wenn alle Einzelteile zusammengefügt sind.
Manches erschließt sich nicht sofort, sondern erst im Verlauf oder am Ende.

Die 1962 geborene Schottin Ali Smith hat mit „Winter“, dem zweiten, aber unabhängig vom ersten zu lesenden Band ihres Jahreszeitenquartetts, ein warmherziges, sehr spezielles und außergewöhnliches Werk geschaffen, das mir einige Stunden Lesevergnügen schenkte.
Es machte Spaß, dem collageartigen Kammerspiel beizuwohnen und den Dialogen zu lauschen, die es fürwahr in sich haben.
Im Kleinen geht es um eine Familie, im Großen um die britische Gesellschaft.

Ich empfehle „Winter“ gerne weiter, obwohl mir der Roman v. a. auch im Vergleich zu „Herbst“ etwas zu politisch und die Figuren etwas zu hölzern waren.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.12.2020

Interessant, unterhaltsam und originell.

Marilyn und ich
0

Mit Aufklappen des Buches reisen wir ins Jahr 1954 nach Korea.
Der Krieg ist gerade mal überstanden, dem Frieden ist noch nicht zu trauen und von Alltag und Normalität kann noch keine Rede sein.

Vor diesem ...

Mit Aufklappen des Buches reisen wir ins Jahr 1954 nach Korea.
Der Krieg ist gerade mal überstanden, dem Frieden ist noch nicht zu trauen und von Alltag und Normalität kann noch keine Rede sein.

Vor diesem düsteren Hintergrund ereignet sich eine gleichermaßen eindrucksvolle wie ergreifende Geschichte:
Die junge Übersetzerin Alice, die sehr zurückgezogen lebt, soll bzw. darf Marilyn Monroe vier Tage lang als Dolmetscherin auf ihrer Rundreise durch Korea begleiten.

In diesen vier Tagen, in denen der Hollywoodstar die amerikanischen Soldaten in den Kasernen durch ihre Auftritte bei Laune halten soll, kommen sich Alice und Marilyn näher. Sie lernen sich kennen und verstehen und entdecken hinter ihren Fassaden Parallelen.

Diese vier Tage stellen aber auch einen Wendepunkt im Leben von Alice dar, weil sie sich mit den vergangenen Kriegsjahren und mit bis jetzt verdrängten traumatischen Erfahrungen und schlimmen Erinnerungen auseinandersetzt und dadurch mit der Frage konfrontiert wird, wie es weitergehen soll und kann.

Im Mittelpunkt steht, entgegen sich zunächst aufdrängenden Erwartungen, nicht Marilyn, sondern Alice.
Für einen Kunstgriff halte ich, dass dieser Weltstar zwar eine Nebenrolle hat, aber m. E. aus gutem Grund eingeführt wurde.
Der Kontrast zwischen der schillernden und vor Lebensfreude sprühenden Schauspielerin und dem vom Krieg gebeutelten Korea, sowie der traumatisierten Alice verdeutlicht die große Not und die schwierige Situation des Landes und seiner Bewohner. Der Glanz hebt Drama, Tragik und Not hervor.

Ich habe mich bisher nicht mit dem Koreakrieg (1950 - 1953) auseinandergesetzt und fand es interessant und wichtig, durch diesen Roman etwas über diesen militärischen Konflikt zu erfahren. Auch der Kontakt mit dieser fremden Kultur und mit deren gesellschaftlichen und individuellen Problemen fand ich bereichernd.

Die Autorin vermittelt Atmosphäre und Stimmungen spürbar und glaubhaft. Sie beschreibt ungeschönt, bildhaft und sprachlich brillant und fesselt den Leser sowohl mit dem Plot ihrer mitreißenden und ergreifenden Geschichte, als auch mit ihren anschaulichen Metaphern.

Alice, eine Repräsentantin dieser vom Krieg gezeichneten Generation, wird als vielschichtige Person dargestellt, die sowohl eine selbstbewusste und starke, als auch eine fragile und verletzte Seite hat.

Ich empfehle diesen interessanten und unterhaltsamen Roman der koreanischen Autorin Ji-Min Lee gerne weiter! Ein wichtiges Thema wird aufgegriffen und ich finde die Kombination aus realen Geschehnissen (Koreakrieg, Marilyns Auftritte vor Tausenden begeisterten US-Soldaten) originell.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.12.2020

Entstehungsgeschichte eines Meisterwerks...

Der letzte Prinz
0

Steven Price hat diesen Roman dem Leben des Fürsten Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896 - 1957) gewidmet, der posthum mit seinem einzigen Roman „Der Leopard“, den er kurz vor seinem Tod geschrieben hat, ...

Steven Price hat diesen Roman dem Leben des Fürsten Giuseppe Tomasi di Lampedusa (1896 - 1957) gewidmet, der posthum mit seinem einzigen Roman „Der Leopard“, den er kurz vor seinem Tod geschrieben hat, Berühmtheit erlangte.

Er wird durchgängig aus Sicht des Protagonisten Giuseppe und in einer altmodisch anmutenden Sprache mit wunderschönen Formulierungen erzählt.

Wir begleiten den alternden und unheilbar an einem Lungenemphysem erkrankten Giuseppe, der der letzte männliche Nachkomme eines alten sizilianischen Adelsgeschlechts ist, in seinen letzten beiden Jahren.

Giuseppe, ein sprachbegabter und redegewandter Literaturliebhaber, lebt mit seiner selbstbewussten Frau Alessandra in einem kleinen Haus am Hafen von Palermo und spaziert gern durch die Strassen und Gassen seiner Heimatstadt.

Auf diesen Spaziergängen wandert er geistig zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart hin und her... und er denkt auch an die Zukunft.
Er weiß, dass sein Tod naht und möchte, nicht zuletzt wegen seiner Kinderlosigkeit, noch etwas Bleibendes schaffen.
Das gelingt ihm!
Aber von der Einzigartigkeit und Brillanz dessen, was er geschaffen hat, wird er nie erfahren.

Wir jedoch erfahren im Verlauf der Lektüre Vieles über Giuseppe und aus seinem Leben und lernen seine Familiengeschichte kennen.

Giuseppe ist ein eher konservativer, unterkühlter, wenig empathischer und passiver Mann, der den Stolz auf seine adelige Herkunft vor sich her trägt, Einiges erlebt und so seine liebe Not mit Veränderungen hat, was bei den vielen Umbrüchen im 20. Jahrhundert ein nicht gerade günstiger Wesenszug ist.

Mit seiner eher unausgeglichenen und selbstzentrierten Mutter scheint er zeitlebens ödipal verstrickt gewesen zu sein, so dass seine Autonomieentwicklung gehemmt und er nie wirklich emotional unabhängig und eigenständig wurde. Er duldete sogar ihre Ablehnung seiner Ehefrau Alessandra, von der er deshalb jahrelang getrennt lebte!

Eine melancholische Atmosphäre wird spürbar und die Handlungsorte und Szenen werden lebendig, weil der Autor die eher handlungsarme Geschichte feinfühlig, poetisch, empathisch und bildhaft erzählt. Ohne Spannungsbogen (der Leser weiß ja von Anfang an um den bevorstehenden Tod Giuseppes) und ohne Umschweife, aber unaufgeregt und in klaren Worten, erzählt Steven Price uns sowohl von Giuseppes Kindheit und Jugend, als auch von furchtbaren und traumatisierenden Erlebnissen im Ersten Weltkrieg und so ganz nebenbei werden auch politische Fragestellungen aufgegriffen

„Der letzte Prinz“ ist eine in Fiktion gebettete Biographie und ein brillanter, unbedingt lesenswerter und anspruchsvoller Roman über den mir zugegebenermaßen unsympathischen Schriftsteller Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der mit „Der Leopard“ ein literarischen Meisterwerk geschaffen hat.

Da ich mich noch nicht selbst von der Klasse dieses Werkes überzeugen konnte, durch Steven Prices Roman aber sehr neugierig geworden bin, freue ich mich schon darauf, mir selbst ein Bild davon zu machen.

„Der letzte Prinz“ hat mich beeindruckt und bekommt einen Dauerplatz im Regal.

Ich kann jetzt, nach der Lektüre, nachvollziehen, dass er für den renommierten kanadischen Gilles Prize nominiert wurde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.12.2020

Historischer Roman, Liebesroman- lesenswert!

Wo du nicht bist
0

Schon mal vorab:
Das Buch mit dem sich umarmenden Paar auf dem Cover ist ein Hingucker und der Titel „Wo Du nicht bist“ ist originell und passend gewählt.
Er ist eine Textzeile aus dem Lied „Dein ist ...

Schon mal vorab:
Das Buch mit dem sich umarmenden Paar auf dem Cover ist ein Hingucker und der Titel „Wo Du nicht bist“ ist originell und passend gewählt.
Er ist eine Textzeile aus dem Lied „Dein ist mein ganzes Herz“ aus dem 2. Akt der Operette „Das Land des Lächelns“, deren Musik von Franz Lehár stammt.

Mit dem Aufklappen des Buches begeben wir uns ins Berlin der späten 1920-er Jahre und lernen dort Irma Weckmüller, eine willensstarke, loyale und großherzige Frau kennen.

Sie arbeitet als Verkäuferin in der Stoffabteilung im KaDeWe und sorgt mit ihrem Einkommen für den Lebensunterhalt von sich und ihrer Schwester Martha, die nach einer Vergewaltigung durch ihren Dienstherrn ihr unehrliches Kind großziehen muss.

Eines Tages und aus gutem Grund lernt Irma den jüdischen Arzt Dr. Erich Bragenheim kennen, von dem sie zunächst nicht ganz so angetan ist.
Für ihn ist es schon eher Liebe auf den ersten Blick.
Er besucht sie deshalb im KaDeWe.
Irma kann seiner zuvorkommenden, höflichen und aufrichtigen Art nicht widerstehen. Sie nähern sich an und aus dem zarten Pflänzchen der Verliebtheit wird langsam und stetig eine tiefe Liebe. Sie träumen von einer gemeinsamen Zukunft und planen, zu heiraten.

Über ihrem Glück schwebt jedoch schon bald eine große Gefahr: der aufkommende Nationalsozialismus.
Die Nazis wissen deren Eheschließung zu verhindern und nicht nur das.
Natürlich entgeht auch Erich nicht der Judenverfolgung.
Er wird deportiert und überlebt wie so viele andere Juden dieses düstere und brutale Kapitel der Menschheitsgeschichte nicht.

Irma bleibt mit ihrer tiefen Trauer und mit ihrer innigen Liebe zurück.
So innig ist diese Liebe, dass sie noch nach Erichs Tod darum kämpft, ganz offiziell seine Ehefrau zu werden.

Ob es ihr gelingt, dieses absurd erscheinende Ziel zu erreichen, werde ich sicher nicht verraten

Anke Gebert erzählt schnörkellos und klar, feinfühlig, sprachgewaltig und eindringlich von einer ganz einzigartigen, besonderen und außergewöhnlichen Liebe.

Sie zeichnet ihre Figuren vielschichtig und differenziert und deren Entwicklungen, die nicht immer gefällig sind, nachvollziehbar und glaubhaft.

Der Roman, sowohl historischer Roman, als auch Liebesroman, der auf einer wahren Begebenheit beruht und nicht mal ansatzweise schwülstig oder schmonzettig ist, hat eine emotionale Wucht, die den Leser nicht nur berührt, sondern aufwühlt und fesselt und das Buch neben einem eindrücklichen Zeitzeugnis zum Pageturner macht.

„Wo Du nicht bist“ hat mich beeindruckt und äußerst gut unterhalten.

Übrigens: Vor dem Haus Nummer 141 am Berliner Ku’damm wurde im Oktober 2020 ein Stolperstein für Dr. Erich Bragenheim verlegt.
Es ist ein Mahnmal.
Wie schön, dass Anke Gebert uns die Geschichte dahinter erzählt.

Ich empfehle diesen lesenswerten Roman sehr gerne weiter!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere