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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.07.2021

Erschütternd und tiefgründig

Von hier bis zum Anfang
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Duchess, 13 Jahre, ist eine der beiden Hauptpersonen in diesem Roman und hat kein leichtes Leben. Ihre selbstgewählte Lebensaufgabe besteht darin, für ihren kleinen Bruder Robin zu sorgen, da die Mutter ...

Duchess, 13 Jahre, ist eine der beiden Hauptpersonen in diesem Roman und hat kein leichtes Leben. Ihre selbstgewählte Lebensaufgabe besteht darin, für ihren kleinen Bruder Robin zu sorgen, da die Mutter seit dem Tod ihrer Schwester Sissy vor 30 Jahren ihr Leben nicht mehr im Griff hat. Sie scheint mir manisch-depressiv zu sein und ist nicht in der Lage, ihre Kinder angemessen zu versorgen. Dies erledigt Duchess aufopferungsvoll, für Robin gibt sie sich selber auf. Dieses Mädchen durfte seit der Geburt ihres Bruders nicht mehr Kind sein, und auch die typischen Teenagerjahre sind für sie weitgehend tabu. Sie wirkt teilweise wie eine Erwachsene, aber stets bereit zu attackieren, zu provozieren, denn positive Gefühle verbindet sie nur mit ihrem Bruder. Sie schlüpft in die Rolle eines Outlaw, um sich stark und unbesiegbar zu fühlen. Auf diese Weise baut sie sich eine Mauer gegen all die Schikanen und Demütigungen, die ihren Alltag begleiten.
Zu erwähnen ist als Hauptfigur auch Walk, ein Polizist, der noch an das Gute im Menschen glauben möchte. Er drückt gern mal ein Auge zu, möchte immer schlichten und helfen. Er ist selten mit großer krimineller Energie konfrontiert, sondern eher das 'Mädchen für alles' bei kleineren Problemen in der Kleinstadt Cape Haven. Duchess und Robin liegen ihm sehr am Herzen. In diesem Buch wächst Walk zeitweise über sich hinaus und bringt einiges ins Rollen.
Als der Mann, der Sissy damals überfahren hat, aus dem Gefängnis entlassen wird, setzt eine Dynamik ein, die das Buch teilweise zum Kriminalroman werden lässt. Das Buch hat mich nicht losgelassen und selbst in Lesepausen beschäftigt. Die Spannung setzt bereits im Prolog ein, als das tote Mädchen damals gesucht und gefunden wird, und hält bis zum Ende an, wobei sich die Spannung nicht nur auf die Täterermittlung bezieht, sondern auch auf das Schicksal der beiden Kinder.
Der Schreibstil ist flüssig und präzise, es entstehen keine Unklarheiten. Ganz im Gegenteil, man rutscht immer mehr in die Situation hinein und empfindet rasch Empathie.
Der Autor zeichnet seine Figuren sehr detailreich, so dass man sie in Gedanken vor sich sieht und ihre Ausstrahlung spürt. Das hat mich unheimlich berührt und beschäftigt. Das Buch ist sehr atmosphärisch, es sendet Gefühle aus wie Unnahbarkeit, Verletzlichkeit, aber auch Rücksichtslosigkeit und Hass. Am Anfang konnte ich keine emotionale Bindung zu Duchess aufbauen, das hat sich aber im Laufe der Geschehnisse geändert. Auf der anderen Seite gibt es nämlich sehr positive Emotionen, die mir zumindest Tränen in die Augen getrieben haben. Dieses Buch gehört zweifellos zu den Büchern, die mich bislang in diesem Jahr am meisten beeindruckt haben. Ich habe es schon weiterempfohlen....
Dieser Roman ist keine entspannende Ferienlektüre für den Strand, sondern ein literarisches Kunstwerk, mit einigen überraschenden Wendungen, die aber allesamt nachvollziehbar sind. Hier würde ich gern mehr als fünf Sterne geben da das Buch mich sehr beeindruckt hat.

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Veröffentlicht am 05.07.2021

Cosy Crime en France

Trüffelgold
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Dieser Krimi ist unterhaltsam und spannend, aber nicht von der Art, dass man nicht mehr schlafen kann. Es beginnt zwar direkt mit einem Mord, aber es gibt keine blutrünstigen oder grausamen Szenen: Cosy ...

Dieser Krimi ist unterhaltsam und spannend, aber nicht von der Art, dass man nicht mehr schlafen kann. Es beginnt zwar direkt mit einem Mord, aber es gibt keine blutrünstigen oder grausamen Szenen: Cosy Crime, made in France...
Marie Mercier ist Kommissarin in Paris und hat von ihrer Oma ein schönes altes Haus im Périgord geerbt, wo sie als Kind bereits herrliche Zeiten verbracht hat. Nach stressreichen Zeiten beschließt sie ein Sabbatjahr zu nehmen und in dieser Zeit das Haus nach ihren Wünschen zu gestalten. Kaum ist sie dort angekommen, wird ein Biker erschossen, der zudem noch mit ihrer Freundin liiert war. Marie kann nicht anders, sie muss unauffällig recherchieren, womit sie sich allerdings den Ärger des leitenden Kommissars einfängt. Dies wiederum ist nicht sehr angenehm, da die beiden sich durchaus sympathisch sind. Marie lässt sich jedoch nicht aufhalten und gerät selbst in Gefahr....
Julie Dubois Schreibstil ist flüssig und mitreißend. Man liest immer weiter, als wäre man ein Teil des Geschehens und dürfte es nicht aufhalten. Sehr intensiv ist auch das Lokalkolorit, das die typische Atmosphäre dieser französischen Region treffend einfängt. Man kann sich vorstellen, im zentralen Café zu sitzen und das regionale Treiben zu beobachten, ja, man wünscht es sich sogar. Sehr schön finde ich, dass die Erzählperspektiven wechseln, so dass das Bild vollständiger wird. Hier und da wird ein wenig Witz oder Ironie eingestreut, was mich des öfteren zum Schmunzeln brachte. Ab und zu sind auch einfache französische Floskeln angehängt, und auch ein paar falsche Freunde der französischen Sprache werden erwähnt, formidable
Die Spannung entwickelt sich langsam, aber stetig, und hält bis zum Ende an, denn es gibt noch so einige Überraschungen. Als Leser kann man auch gut miträseln, wer die Drahtzieher des Geschehens sind. Das ist für mich immer sehr verlockend und hat mir gut gefallen.
Fast alle Figuren sind sympathisch gezeichnet, so dass man sich auch dadurch in diesem Dorf wohlfühlt, teilweise auch etwas schrullig, wie z.B. Rose, eine alte Dame, die als Dorfzeitung fungiert und sich für ihren Namen stets in rosa kleidet. Auch Georges ist ein Ausnahmecharakter, denn man trifft ihn selten ohne seinen besten Freund, das Trüffelschwein Augustine, an.
Alles in allem hat mich dieser erste Kriminalroman der Reihe um Marie Mercier überzeugt, und ich bin gespannt auf den nächsten Band. Ich möchte dieses Buch allen empfehlen, die sanfte und trotzdem unterhaltsame Kriminalliteratur mögen.

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Veröffentlicht am 30.06.2021

In den Schatten treten für den kleinen Bruder

Fräulein Mozart und der Klang der Liebe (Ikonen ihrer Zeit 4)
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Dieses Buch hat mich sehr berührt, denn es zeigt mit erschreckender Klarheit, welche Herabwürdigung Frauen im 18. Jahrhundert erdulden mussten. Sie hatten im damaligen Gesellschaftssystem keine Chance, ...

Dieses Buch hat mich sehr berührt, denn es zeigt mit erschreckender Klarheit, welche Herabwürdigung Frauen im 18. Jahrhundert erdulden mussten. Sie hatten im damaligen Gesellschaftssystem keine Chance, ihr Schicksal selbst zu bestimmen.
Nannerl Mozart war mir ein Begriff als Schwester von Wolfgang Amadeus, die er verehrte, als Beraterin schätzte und für die er sorgte. Aus diesem Buch habe ich andere Aspekte entnommen, die mich überrascht und betroffen gemacht haben.
Vater Leopold hat die musikalische Begabung seiner beiden Kinder erkannt und möchte damit seinen gesellschaftlichen Status ausbauen. Die Kinder musizieren gemeinsam überall in Europa, vor Fürsten und Königen. Leopold organisiert eine Musik-Tournee per Kutschfahrten und Aufenthalt in billigen Wirtshäusern. Er ist sehr dominant, auch seiner Ehefrau gegenüber, kein Familienmitglied wagt zu widersprechen. Das betrifft auch Nannerls Liebesleben, denn sie sie verliebt sich in den Schulleiter Franz, der die Familie Mozart nicht aus ihren finanziellen Nöten holen kann und deshalb unerwünscht ist. Heimlich hält Nannerl zunächst an ihrer Liebe fest, auch wenn sie weiß, dass Franz auf Grund seiner Position niemals heiraten darf. Dieses stumme Rebellieren ist sehr gewagt für diese Zeit. Mittlerweile wurde Nannerl von Konzerten ausgeschlossen, damit einzig und allein Wolfgangs Kunst im ehrgeizig ersehnten Mittelpunkt steht. Sie ist sehr enttäuscht, aber fügt sich. Gleichzeitig beschließt sie, ihr eigenes Geld zu verdienen, was für Frauen dieser Zeit ebenfalls ungewöhnlich ist. Nannerl verkörpert die Rolle einer klugen Frau, die Missstände erkennt und versucht, dagegen zu agieren. Sie imponiert mir sehr!
Auch liefert das Buch einen interessanten historischen Überblick dieser Zeit, die kolossale Armut des Volkes, die Bedrohung durch Seuchen (gerade gut vergleichbar mit Covid 19) und die öffentliche Demütigung von Frauen, die für ihren Ungehorsam an den Pranger gestellt werden. Diese Szenen haben mich sehr betroffen gemacht.
Überhaupt hat mich dieser stark atmosphärische Roman sehr berührt, da er immer wieder das Ausgeliefertsein der Menschen, ganz besonders der Frauen, thematisierte. Der Schreibstil ist sehr flüssig und versetzte mich gedanklich schnell in diese Zeit und ihre Herausforderungen. Auch wenn vieles Fiktion ist, gibt das Buch dennoch den Grundtenor der Lebensbedingungen an. Ich bin überzeugt, dass die Autorin gründliche Recherchen betrieben hat. Auch über das Lesen hinaus hat mich das Buch gedanklich beschäftigt, und ich möchte eine klare Leseempfehlung aussprechen.

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Veröffentlicht am 27.05.2021

Gefährliche Nähe

Blutige Gnade
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Ein grausam getöteter Journalist wird in Frankfurt gefunden. Er war mit einer 'großen Sache' beschäftigt, hatte intensive Recherchen betrieben und war kurz vor dem Gang an die Öffentlichkeit, als er in ...

Ein grausam getöteter Journalist wird in Frankfurt gefunden. Er war mit einer 'großen Sache' beschäftigt, hatte intensive Recherchen betrieben und war kurz vor dem Gang an die Öffentlichkeit, als er in eine Falle gelockt wird. Die große Sache ist thematisch auch aktuell immer wieder in den Schlagzeilen. Ein Fall für die 'Krähe', wie Mara Billinsky wegen ihres außergewöhnlichen Auftretens genannt wird. Und es ist spannend, ihr zu folgen, so spannend, dass man das Buch nicht weglegen kann. Immer noch ein Kapitel mehr....
Dies ist bereits der 4. Fall am Tatort Frankfurt, aber man muss keine bestimmte Reihenfolge einhalten, denn der Autor schiebt immer wieder kleine Rückblicke ein. Aber ich kann die gesamte Reihe allen Thriller-Freunden nur empfehlen, denn jeder Band verspricht Hochspannung, die bereits im Prolog einsetzt.
Der Schreibstil des Autors ist flüssig und lebendig, das Buch ist ein richtiger Pageturner. Und immer wieder diese Cliffhanger, die einen dazu verleiten, die Lesezeit zu verlängern. Die ganze Zeit rätselt man mit, wer der geheimnisvolle Big Boss im Hintergrund sein könnte, was für mich einen guten Thriller ausmacht. In diesem Buch war ich bereits ziemlich früh auf der richtigen Spur.
Mara war mir von Anfang an sympathisch, da sie eine aufrechte Person ist, die in ihrem Leben schon einiges verkraften musste, sich aber fangen konnte und nun ihren Beruf mit vollem Einsatz und akribisch ausübt. Sie gefällt mir allein schon durch ihren Mut, anders zu sein und sich nicht unüberlegt anzupassen. Sie ist eine starke Persönlichkeit, die trotz heftiger Aversionen in ihrem Umfeld nicht aufgibt, sondern kämpft. Inzwischen hat sie sogar ihren Chef überzeugt, der nach anfänglichem Zweifel mittlerweile ihre Arbeit zu schätzen weiß.
Ich mag aber auch ihren Kollegen Rosen, der mehr durch Kopf- und Computerarbeit auffällt und mit seiner persönlichen Unsicherheit und Angst einen Gegenpol zu Mara bildet. Er zeichnet sich durch große Zuverlässigkeit aus.
Da ich inzwischen ein richtiger Mara-Fan bin, hoffe ich, dass noch viele weitere Fälle folgen. Dieser Thriller verdient 5 Sterne und wird von mir wärmstens empfohlen.

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Veröffentlicht am 20.05.2021

Wir sind Premierminister

Lady Churchill
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Clementine Hozier heiratet Winston Churchill im Jahre 1908 und bleibt an seiner Seite bis zu seinem Tod im Jahre 1965. In diesem Buch werden nur die gemeinsamen Jahre bis zum Ende des 2. Weltkriegs beleuchtet. ...

Clementine Hozier heiratet Winston Churchill im Jahre 1908 und bleibt an seiner Seite bis zu seinem Tod im Jahre 1965. In diesem Buch werden nur die gemeinsamen Jahre bis zum Ende des 2. Weltkriegs beleuchtet. Beide Ehepartner haben in ihrer Kindheit keine elterliche Geborgenheit erlebt und sind verbunden durch ein starkes Interesse an Politik. Wir lesen in diesem Buch, wie intensiv Clemmie an Winstons Karriere arbeitet, die sie vielleicht gern selbst durchlaufen hätte, wenn die Gleichstellung der Frau damals schon diese Möglichkeit geboten hätte, aber man kämpfte damals sogar noch um das Wahlrecht.
Wieder einmal hat Marie Benedict beeindruckende Recherchen betrieben, die den historischen Hintergrund ausleuchten und den Politiker Winston Churchill abbilden, wie er mir bisher nicht bekannt war. Dies hat mir schon bei 'Frau Einstein' sehr gut gefallen, und auch dieses Buch bietet wieder zahlreiche Details, die einen Gesamteindruck des Lebens des Ehepaares Churchill formen. In erster Linie geht es natürlich um Clementine.
Mir ist die Protagonistin weitgehend nicht sympathisch, obwohl sie emanzipiert und gebildet ist, sich für die Frauenrechte auch offiziell einsetzt und besonders während der Kriege karitativ in Erscheinung trat. Da ist zunächst ihr Mutterbild, das mich entsetzt hat, denn sie kann zu ihren Kindern jahrelang kein wirklich emotionales Verhältnis aufbauen, sondern überlässt dies Nannys und einer Gouvernante. Sie unternimmt lange Reisen, meist dienstlich und mit Winston, und wundert sich über das fremdelnde Verhalten ihrer Kinder bei ihrer Rückkehr. Verwunderlich ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass sie ihren Ehemann intensiv bemuttert, er führt ein regelrechtes Luxusleben an der Front.
Befremdlich finde ich, dass sie nicht bereit ist, Schwächen einzugestehen, auch gesundheitliche, aus Angst, dass Winston sie dann nicht mehr als Beraterin akzeptiert. Ist das wirklich Vertrauen? Sie setzt ihre eigene Lebensentfaltung zurück und setzt ihre ganze Energie ein, um Winston zu lenken und zu unterstützen. In meinen Augen ist sie machthungrig und hält sich für unverzichtbar, was die Karriere ihres Mannes angeht (..."ohne mich wäre mein Mann nicht zu dem Winston geworden, der maßgeblich dazu beitrug, dieser kaputten Welt den Frieden zu bringen"). Man hat das Gefühl, dass sie alles überwacht und nach ihren Wünschen beeinflusst. Dies lässt natürlich ein schwaches Ego bei Mr Churchill aufblitzen, der sich manipulieren lässt und ohne die Unterstützung seiner Clemmie nicht viel erreicht. Natürlich weiß man nicht, wie groß der Anteil an Fiktion in diesem Roman ist und ob die Realität nicht anders aussah.
Der Schreibstil ist ansprechend und reich an Details. Ich hatte eine gute Lesezeit und habe viel über Clementines Rolle nachgedacht. Schade, dass die Paarbeziehung nicht bis zu Winstons Tod beschrieben wird. Auf jeden Fall habe ich mein historisches Wissen erweitert, was zwar mit ein paar langatmigen Kriegsbeschreibungen verbunden war, mich aber nicht weiter gestört hat. Ich halte das Buch für sehr lesenswert!

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