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Veröffentlicht am 02.05.2022

Vom Jäger zum Gejagten

Einsame Entscheidung
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„Manchmal muss man das Gesetz brechen, um das Richtige zu tun.“ Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet Leander Lost, der aufgrund seines Asperger-Syndroms nicht lügen oder etwas Unrechtes tun kann, diesen ...

„Manchmal muss man das Gesetz brechen, um das Richtige zu tun.“ Ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet Leander Lost, der aufgrund seines Asperger-Syndroms nicht lügen oder etwas Unrechtes tun kann, diesen Satz sagt.
Dabei fängt alles so harmlos an. Es ist Mitte Juni und die Touristen haben die Algarve noch nicht überrannt, als ein anonymer Anruf bei der Polizei eingeht. In einem Ferienhaus soll eine Frau um Hilfe geschrieben haben. Die Frau finden Leander Lost und seine Kollegen Graciana Rosado, Miguel Duarte und Carlos Estebes von der Polícia Judicária nicht vor, aber einen erstochenen Briten. Alles deutet auf eine Beziehungstat hin, zumal die Frau, die das Haus gemietet hat, nicht (mehr?) da ist. Und noch etwas Wichtiges fehlt, fällt Leander Lost auf. Sie finden einer Spur, die nach Spanien führt, in den „Wintergarten Europas“, in dem das ganze Jahr Obst und Gemüse angebaut wird. Doch dann wird ihnen ein Team aus Lissabon vor die Nase gesetzt und aus den Jägern werden Gejagte, denn plötzlich ist Leander Lost mit der Mordverdächtigen auf der Flucht. Doch nicht nur Leander Lost, auch Miguel Duarte wagt wieder mal den Alleingang, weil er endlich und um fast jeden Preis in die Hauptstadt befördert werden möchte ...

„Einsame Entscheidung“ ist bereits der fünfte Teil der „Lost in Fuseta“ Reihe, aber immer noch so spannend wie zu Beginn. Mit dem Asperger-Autisten Leander Lost hat Gil Rebeiro einen ganz besonderen Protagonisten geschaffen, der auf seine Umwelt oft wie ein Roboter wirkt, da er Probleme hat, Gefühle zu erkennen oder zu zeigen. Aber als Ermittler ist er unbestechlich und wird von seinen Kollegen gern als menschlicher Lügendetektor eingesetzt. Auch sein szenisches Gedächtnis hilft ihnen bei den Ermittlungen, da er einmal Erlebtes oder Gesehenes immer wieder abrufen kann. Ich finde es toll, innerhalb dieser Reihe seine Entwicklung zu begleiten, zu sehen, wie er langsam lockerer und „normaler“ wird.

Als Hintergrund für den Fall dienen Gil Ribeiro die Überbevölkerung und Nahrungsmittelknappheit, Industriespionage, illegale Erntehelfer und geheime Studien, bei denen nicht mal die Probanden wissen, dass sie welche sind.

Den Wechsel zwischen ruhigen und Action-Szenen finde ich ausgewogen, mich hat „Einsame Entscheidung“ von Anfang bis Ende gefesselt. Auch die privaten Hintergründe des Ermittlerteams und das Urlaubsfeeling der Algarve passen gut zur Handlung. Besonders hervorheben möchte ich wieder den Sprecher Andreas Pietschmann, der Leanders Art sehr gut mit seiner Stimme rüberbringt. Ich bin schon sehr gespannt auf den hoffentlich nächsten Fall.

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Veröffentlicht am 29.04.2022

Lenni und Margot waren hier

Die hundert Jahre von Lenni und Margot
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„Das Leben und das Sterben sind große Geheimnisse, man kann beides nicht verstehen, so lange man es nicht selbst erlebt hat.“ (S. 21)
Lenni ist siebzehn, als sie erfährt, dass sie eine tödlich verlaufende ...

„Das Leben und das Sterben sind große Geheimnisse, man kann beides nicht verstehen, so lange man es nicht selbst erlebt hat.“ (S. 21)
Lenni ist siebzehn, als sie erfährt, dass sie eine tödlich verlaufende Krankheit und nicht mehr viel Zeit hat. Die letzten Monate ihres Lebens verbringt sie im Krankenhaus und hadert mit Gott und der Welt, denn sie hat noch nichts von dem erlebt, was man sich in dem Alter erträumt: Keinen Freund oder wenigstens den perfekten ersten Kuss. Da entdeckt sie den Kunstkurs des Krankenhauses und darin Margot – 83 Jahre alt, im Kopf jung geblieben, auch wenn ihr Herz gerade streikt – die ein sehr erfülltes und bewegtes Leben hinter (und wenn sie Glück hat, auch noch einen Rest vor) sich hat. „Zusammen sind wir hundert Jahre alt.“ (S. 57) stellen sie fest. Und schmieden einen Plan. Für jedes gelebtes Jahr werden sie das Bild einer Erinnerung zeichnen. Das wird ihre Art sein, einen Fußabdruck auf der Erde zu hinterlassen, wenn sie nicht mehr da sind. Aber hundert Jahre bedeuten hundert Bilder – schaffen sie das, bevor Lenni gehen muss?

„Die hundert Jahre von Lenni und Margot“ sollte nur zusammen mit Taschentüchern verkauft werden, denn ich habe Rotz und Wasser geheult.
Lenni scheint sehr einsam zu sein, bekommt nie Besuch und gibt kaum etwas von sich Preis. Sie will sich auch nicht mit anderen PatientInnen in ihrem Alter anfreunden, die im Gegensatz zu ihr irgendwann wieder nach Hause gehen werden. Sie haben einfach nichts gemein.
„Die Leute sagen, wenn man stirbt, dann bedeutet das, dass Gott einen zu sich ruft, also dachte ich mir, am besten stelle ich mich schon mal vor.“ (S. 9) Stattdessen besucht sie regelmäßig den Pater des Krankenhauses und diskutiert mit ihm über die Bibel und Gott, stellt Fragen, auf die er keine Antworten hat und entwickelt eine Marketingstrategie für seine kaum besuchte Kapelle. Ich hatte das Gefühl, sie geben sich dadurch gegenseitig Halt und Lenni hilft ihm, seinen Glauben zu überprüfen und zu behalten. Dabei klingt sie manchmal extrem jung und verloren, aber schon kurz darauf wieder so weise, als hätte sie ein ganzes erfülltes Leben hinter sich. Ich mochte ihren oft versteckten, sehr intelligenten Witz und ihre warmherzige und rücksichtsvolle Art, selbst beim Sterben noch an andere zu denken.
Margot hingegen blickt auf ein sehr ereignisreiches Leben zurück, an dem sie Lenni durch ihre Bilder und Geschichten teilhaben lässt. Sie hat geliebt, verloren und wiedergefunden, große Enttäuschungen erlebt und die eine ganz große Liebe gefunden, um die sie fast ihr ganzes Leben kämpfen musste.

Ich hatte Lenni und Margot sofort in mein Herz geschlossen, habe mit ihnen gebangt und gelitten und jedes Schnipselchen ihres Lebens aufgesaugt, das sie nach und nach erzählt haben. Ihre Geschichten haben mich extrem berührt und nachdenklich gemacht – was macht ein erfülltes, glückliches Leben aus? Und wie leicht oder schwer ist es, am Ende loszulassen?

Marianne Cronin hat einen wunderbaren, sehr empathischen und packenden Schreibstil, obwohl ihr Roman eher unaufgeregt ist. Ich bin schon sehr gespannt auf ihr nächstes Buch.

„Die hundert Jahre von Lenni und Margot“ von Marianne Cronin ist mein Geheimtipp für LeserInnen von Cecelia Ahern oder Anna McPartlin.

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Veröffentlicht am 25.04.2022

Nur ein großer Wunsch

Warten auf ein Wunder
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Dublin 2010: Jede Woche treffen sich Caroline, Natalie und Janet in einer Selbsthilfegruppe für Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben. Sie haben (fast) keine Geheimnisse voreinander, teilen sie doch ...

Dublin 2010: Jede Woche treffen sich Caroline, Natalie und Janet in einer Selbsthilfegruppe für Frauen, die ungewollt kinderlos bleiben. Sie haben (fast) keine Geheimnisse voreinander, teilen sie doch das gleiche Schicksal. Nur Ronnie, die Neue, schweigt sich aus.

Irland 1976: Als Catherine mit 17 unverheiratet schwanger wird und ihr Freund sich nicht zu dem Kind bekennt, wird sie in ein katholisches Mutter-Kind-Heim abgeschoben. Als sie ihr Kind dann nicht zu Adoption freigeben will, löst sie einen Skandal aus.

„Warten auf ein Wunder“ ist mir extrem nahe gegangen. Was die Frauen in der Hoffnung auf ein eigenes Kind alles auf sich nehmen, die unzähligen Behandlungen, Operationen und Schmerzen, den physischen und psychischen Druck, ist unvorstellbar. Leider bleiben ihre Beziehungen dabei oft auf der Strecke, weil der Wunsch nach dem Kind irgendwann größer ist als die Liebe zu ihrem Partner. „Acht Jahre, vier Operationen, sechs IVFs, ein toter Hund und ein Ehemann, der mich soeben verlassen hat, und sogar ich will noch mal von vorne anfangen.“ (S. 33) Trotzdem können sie den einen großen Wunsch einfach nicht loslassen – und obwohl ich ihre körperlichen Schmerzen beim Lesen selber spüren konnte, habe ich sie verstanden, mit ihnen gehofft und gebangt und auch geweint, wenn es wieder einen Rückschlag gab – vielleicht auch darum, weil ich selber keine Kinder bekommen kann.

Während ich mit Caroline, Natalie, Janet und Ronnie eher mitgelitten habe, hat mich Cathrines Geschichte sehr wütend und traurig gemacht. Obwohl sie auf einem Bauernhof lebt, wurde sie nie aufgeklärt, wusste nicht, wie ein Baby entsteht. „Woher weißt du, dass du schwanger bist?“ „Weil meine Mami mich geschlagen hat.“ (S. 99)
Was sie in dem Heim erlebt, lässt sich nur mit unmenschlich bezeichnen. Die schwangeren, oft minderjährigen Mädchen bekommen (angeblich zu ihrem Schutz) neue Namen und eine Arbeitsnummer, mit der sie gerufen werden – das hat bei mir sofort Assoziationen an die Verhältnisse in den KZ´s geweckt. Sie werden wie Dreck behandelt, müssen bis zum Umfallen arbeiten und bekommen meist erst dann medizinische Betreuung, wenn es schon zu spät ist. Nicht wenige Mädchen sterben bei der Geburt. Das ist aber egal, denn die Nonnen interessieren sich sowieso nur für die Babys, die sie für viel Geld an neue Eltern vermitteln. „Wir waren alle Gefangene in dem engen Netz aus einer engstirnigen Gesellschaft und Eltern, die uns jegliche Unterstützung verweigerten, einer Kirche, die uns als verdorbene, unzüchtige Sünderinnen hinstellte, und einem Geschäftsmodell, welches Kinder gegen Spenden an Adoptiveltern vermittelte, sowohl innerhalb Irlands als auch ins Ausland.“ (S. 223) Vor allem war es mit der Geburt für Cathrine noch nicht vorbei, ganz im Gegenteil, der von vornherein fast aussichts- und hoffnungslose Kampf um ihr Kind beginnt erst danach richtig …

Anna McPartlins neues Buch ist eine emotionale Achterbahnfahrt, hat mich sprachlos, wütend und traurig gemacht. Abwechselnd erzählt sie sehr einfühlsam Carolines, Natalies und Janets zum Teil verzweifelte Anstrengungen auf dem Weg zum eigenen Kind und lässt Ronnie immer ein bisschen mehr von sich preisgeben. Der Zusammenhalt und die beispiellose gegenseitige Unterstützung, das Mutmachen, aber auch die Versuche, sich von dem Kinderwunsch zu lösen haben mich sehr berührt. „Manchmal müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir haben, anstatt auf das, was wir nicht haben.“ (S. 152)
Parallel dazu wird Cathrines Geschichte weitererzählt, wie schwer es ihr fällt, nach der Geburt wieder Fuß zu fassen, sich ein neues Leben aufzubauen. Sie weiß nicht, ob sie je wieder Vertrauen zu einem Mann fassen und eine körperliche Beziehung zulassen kann, denn eigentlich haben die Nonnen sie gebrochen.

„Warten auf ein Wunder“ ist ein ganz besonderes und sehr emotionales Lesehighlight für mich.

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Veröffentlicht am 22.04.2022

Im Fenster brennt noch Licht

Morgen kann kommen
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Nachdem ich „Morgen kann kommen“ von Ildikó von Kürthy bereits gelesen habe, habe ich in den letzten Tagen Ildikós Stimme gelauscht, während sie mir ihr Buch nicht einfach nur vorgelesen, sondern die Geschichte ...

Nachdem ich „Morgen kann kommen“ von Ildikó von Kürthy bereits gelesen habe, habe ich in den letzten Tagen Ildikós Stimme gelauscht, während sie mir ihr Buch nicht einfach nur vorgelesen, sondern die Geschichte erzählt hat.

Als Ruth erkennt, dass ihr Mann sie betrügt, fährt sie kurzentschlossen mit Auto und Hund aber ohne Gepäck in das einzige Zuhause, in dem sie sich je wohl gefühlt hat – die Villa ihrer Großeltern in Hamburg. In ihrem Zimmer dort brannte immer eine kleine Lampe im Fenster, wie bei einem Leuchtturm, damit sie sich im Dunklen nicht fürchtete und nach Hause fand. Sie hat das Haus zuletzt vor 15 Jahren betreten, bevor es zum großen Knall kam, bevor sie sich mit ihrer Schwester Gloria zerstritten hat. Der gehört das Haus jetzt, doch sie bewohnt es nicht allein. Gloria wirkt nach außen sehr barsch, hat aber ein großes Herz. Jeder der ein offenes Ohr oder einen Unterschlupf braucht, findet das bei ihr. Wie Rudi, der gute Sozi, der Ordnung liebt und immer für andere da ist. Er wird nicht mehr lange bleiben, nur noch bis zu seinem selbstbestimmten Tod. Oder der exaltierte Erdal, der eigentlich gerade eine Detox-Kur macht, die er aber nicht erträgt. Er bringt seine Cousine Fatma und ihre Teenager-Tochter mit, die das Fass zum Überlaufen bringen …

Nicht zum ersten Mal ist mir aufgefallen, dass ich beim Hören einen anderen Focus auf ein Buch habe als beim Lesen, andere Stellen werden plötzlich wichtig. Mir fallen die Ähnlichkeiten und Unterschiede der Schwestern stärker auf, ihre früher extrem innige Beziehung, wie sehr sie sich gegenseitig Mut und Halt gegeben haben.
Außerdem finde ich den Kontrast zwischen Ruth, die gerade mit einem Knall zurück ins Leben findet, und Rudi stärker, der sich immer mehr verabschiedet, ganz leise, um niemanden zu stören. Mir wird bewusster, wie er den Bezug zur Wirklichkeit und Realität immer mehr verliert, wie seine Angst vorm Tod immer kleiner wird, während die vorm Dahinsiechen zunimmt. Welche seiner Ängste gewinnt am Ende? Und natürlich stellt sich mir dann die Frage, wie mutig man sein muss, um seinem Leben ein Ende zu setzen, bevor eine Krankheit das übernimmt.
Aufgelockert werden diese schwierigen Themen durch Erdal, der immer im genau richtigen Moment schonungslos offen das ausspricht, was andere nicht mal zu denken wagen und die Situationen dadurch auflockert. Die Balance zwischen Humor und den nachdenklichen Stellen gelingt Ildikó von Kürthy sehr gut, auch bei der Modulation ihrer Stimme trifft sie immer genau die richtige Nuance Gefühl oder Witz.

Ildikó von Kürthy hat es auch mit ihrem Hörbuch geschafft, mich zum Lachen und Weinen zu bringen, zum Nachdenken und Träumen. „Morgen kann kommen“ hat mich sprachlos gemacht und erschüttert – aber gleichzeitig auch Hoffnung verbreitet.

Und wenn ich mich jetzt am Ende zwischen Buch oder Hörbuch entscheiden müsste, dann könnte ich das ehrlich gesagt nicht. Mir hat es sowohl beim Selbstlesen als auch Zuhören sehr gut gefallen und extrem berührt. Ich bin gespannt, ob und wie Ruths und Glorias Geschichte weitergeht. Denn jedem Ende wohnt ein Anfang inne …

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Veröffentlicht am 14.04.2022

Der Styx von Wien

Das Mädchen und der Totengräber (Die Totengräber-Serie 2)
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Leopold von Herzfeldt muss sich auf seiner Dienststelle immer noch gegen die Anfeindungen seiner Kollegen wehren, die ihn hassen, weil er jung ist und mit modernen Methoden arbeitet und, weil er Jude ist. ...

Leopold von Herzfeldt muss sich auf seiner Dienststelle immer noch gegen die Anfeindungen seiner Kollegen wehren, die ihn hassen, weil er jung ist und mit modernen Methoden arbeitet und, weil er Jude ist. Auch sein Vorgesetzter ist nicht immer gegen Vorurteile gefeit, aber er traut ihm einiges zu und betraut ihn mit der Aufklärung eines sehr ungewöhnlich Falls – im Kunsthistorischen Museum wird die mumifizierte Leiche von Professor Alfons Strössner gefunden, der angeblich seit 3 Monaten auf Ausgrabungen in Ägypten weilt. Strössner war vor Jahren auf einer Expedition, deren Mitglieder inzwischen fast alle gestorben sind – sind sie dem Fluch einer Mumie erlegen?! Man wünscht sich Diskretion und keinerlei Aufsehen oder gar eine Pressemeldung. Da Leo so unauffällig wie möglich ermitteln soll, sucht er Hilfe bei Totengräber Augustin Rothmayer, der sich schon von Berufs wegen mit Mumien auskennt und gerade ein Buch über die Totenkulte verschiedener Völker schreibt. Auch Leos heimliche Freundin, die Tatortfotografin Julia Wolf, hilft ihm bei seinen Nachforschungen.
Doch noch ein anderer Fall beschäftigt Wien. Immer wieder tauchen verstümmelte Leichen junger Männer in verschiedenen Stadtteilen auf. Sie alle scheinen Stricher gewesen zu sein und nach ihrem Tod fehlt ihnen etwas Entscheidendes: „Gegen das hier wäre Jack the Ripper nicht mehr als ein blutiger Witz.“ (S. 294) Der Täter wurde bereits zwei- oder dreimal gesehen, verschwand immer aber urplötzlich – geht ein mordendes Phantom um in Wien?!

„Das Mädchen und der Totengräber“ ist bereits der zweite Fall der Reihe mit Leo, Julia und Totengräber Rothmayer und hoffentlich noch lange nicht der letzte. Oliver Pötzsch hat mit ihnen sehr eigenwillige, unangepasste und unverwechselbare Protagonisten geschaffen, die es in ihrem Leben nicht leicht haben.
Leo kann seine gute Kinderstube und das reiche Elternhaus nicht ablegen, man sieht sie ihm schon von weitem an und nicht wenige halten ihn darum eher für einen Dandy oder Schnösel, als einen Inspektor. Dabei ist er sehr gut in seiner Arbeit, ihm fallen logische Fehler und andere Ungereimtheiten sofort ins Auge. Dann beißt er sich daran fest und gibt nicht auf, bis er wirklich alles aufgedeckt hat – sehr zum Leidwesen seiner vorgesetzten. Er setzt auf die neuesten Ermittlungsmethoden wie Tatortfotografie, Fingerabdrücke (ein Trick, um den Täter zu überlisten) und Stadtpläne, auf denen er die Tatorte kennzeichnet um den Täter einzukreisen und näher kennenzulernen, zudem versuchte er ein Psychogramm von ihm zu erstellen. Doch je mehr er sich in seine aktuellen Fälle stürzt, um so mehr vernachlässigt er Julia …
Julia ist etwas halbseiden und geheimnisvoll. Sie lebt mit ihrer unehelichen Tochter im Bordell und macht die Arbeit als Tatortfotografin nur, weil Leo sie ihr versorgt hat und sie das Geld braucht. Dabei gehen ihr die Leichen, die sie fotografieren muss, sehr zu Herzen. Sie ist neugierig und hat ein Auge für Details, entdeckt, wenn etwas auf einem Foto bzw. am Tatort nicht stimmt und ermittelt dann auf eigene Faust. Sie liebt Leo, aber die Unterschiede zwischen ihnen scheinen immer größer und unüberwindbarer zu werden. Er versucht sie in seine Welt zu ziehen, geht nicht auf ihre Wünsche und Vorstellungen ein. Ist ihre Liebe zum Scheitern verurteilt?
Rothmayer ist ein echter Kauz, der seine ganze Familie verloren hat und seit einiger Zeit ein Mädchen bei sich auf dem Friedhof wohnen und arbeiten lässt, das ihn an seine Tochter erinnert. Allerdings ist das Jugendamt dagegen und Rothmayer hat so seinen ganz eigenen Methoden, sich die ungeliebten Besucher vom Hals zu halten …

Oliver Pötzsch hat wieder einen extrem spannenden Fall konstruiert – eigentlich sind es sogar zwei – auf deren Auflösungen ich nie gekommen wäre.
Der Fall mit der Mumie zieht Kreise bis nach ganz oben, selbst Erzherzog Ferdinand scheint involviert zu sein, und Leo muss sich auf großem Parkett beweisen.
Für die Morde an den Strichern hingegen muss er in der Wiener Unterwelt (Kanalisation) hinabsteigen und auch dafür ist er sich nicht zu schade. „Hier wird alles angespült, das Schöne und das Hässliche, das Leben und der Tod. Aber in letzter Zeit, so seit vielleicht einem Jahr …“ (S. 356)

Geschickt integriert der Autor historische Details wie die Völkerschau im Wiener Tiergarten, gegen die vor allem Julia rebelliert. Sie kämpft dagegen an, dass afrikanische Ureinwohner wie wilde Tiere gehalten und ausgestellt werden.

Für mich ist dieser Krimi rundum gelungen! Ich bin schon sehr gespannt auf den Nächsten Fall des dynamischen Trios.

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