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Veröffentlicht am 21.06.2025

Wunderbare Wiederauflage eines Märchenklassikers

Die Schneekönigin
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Das Märchen „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen begeistert seit jeher mit seiner poetisch schönen und abenteuerlichen Geschichte von der Schneekönigin, die den kleinen Arne mit sich nimmt. ...

Das Märchen „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen begeistert seit jeher mit seiner poetisch schönen und abenteuerlichen Geschichte von der Schneekönigin, die den kleinen Arne mit sich nimmt. Nur seine Freundin Janna kann ihn von dem bösen Zauber erlösen. Und so macht sie sich auf den langen und gefährlichen Weg zum Palast der Schneekönigin in ewigem Eis und Schnee.
Die Neuerzählung von Bette Westerea bettet die Geschichte in eine schöne Rahmenerzählung von zwei Kindern auf einem Bauernhof, die nach dem ersten Schneefall Päckchen öffnen dürfen mit je einem Gegenstand und einer dazu passenden Geschichte, den einzelnen Abschnitten des Märchens. In die Erzählung eingebunden sind einfache Kinderreime, die eine fröhliche Stimmung erzeugen und den Erzähltext auflockern. Insgesamt erzählt sie die Geschichte kindgerecht und zugleich in einem angenehm weichen, leicht poetischen Ton.
Begleitet wird der Text von zauberhaften, zarten Zeichnungen der Illustratorin Aida de Jong, die der Geschichte auch viel Geborgenheit und Schönheit geben. Sie laden zum Verweilen und genauen Betrachten ein mit ihren vielen liebe- und stimmungsvollen Details. Farblich angepasst sind sie zum einen der jeweiligen vom bunten, fröhlichen Frühjahr hin in die eisige Finsternis einer Winternacht. Ansonsten spiegeln sich in ihnen zum Teil die nordischen Farben und Muster, aber auch moderne Gestaltungsprinzipien, sodass sich die Kinder gut mit den Figuren identifizieren können.
Insgesamt ein kostbarer Bücherschatz für jedes Bücherregal!

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Veröffentlicht am 15.06.2025

Packend auch ohne brutales Blutvergießen, Psychopathen und Thrill

Die Kriminalistinnen. Acht Schüsse im Schnee
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Die Beweislage ist klar: Mathias Berg zeigt auch im 2. Band der „Kriminalistinnen“, dass man für einen spannenden Krimi nicht unbedingt viel Blutvergießen oder perfide Täterprofile braucht. Auch der zweite ...

Die Beweislage ist klar: Mathias Berg zeigt auch im 2. Band der „Kriminalistinnen“, dass man für einen spannenden Krimi nicht unbedingt viel Blutvergießen oder perfide Täterprofile braucht. Auch der zweite Fall, bei dem es um die Frage geht, wer den Millionär Theo Ellerbeck mit sechs Schüssen vor seiner Haustür ermordet hat, zieht den Leser gleich in seinen Bann. Liegt das Motiv im Privaten, in der fragwürdigen Beziehungen zu seiner Ehefrau? Hat seine Stieftochter etwas damit zu tun? Oder ist Ellerbeck politisches Opfer des Kampfes gegen das kapitalistische Establishment geworden?
Was bei den „Kriminalistinnen“ im Vordergrund steht, sind die Figuren und ihr Beziehungsgeflecht sowie die zeitgeschichtlichen Hintergründe. Im Mittelpunkt steht wieder Lucia Specht, die neben ihrer Ausbildung bei der Polizei – diesmal im Sittendezernat – auch privat im Mordfall ihrer Mutter ermittelt. Mit ihren Mitstreiterinnen, die alle eins gemeinsam haben, den Wunsch Polizistin zu werden und sich in einer Männerwelt zu behaupten, und doch alle sehr unterschiedlich sind, schmiedet sie eine feste Allianz gegen die Vorurteile, die Ablehnung und die teilweise demütigende Behandlung durch Ehemänner, Kollegen und auch Vorgesetzte. Sehr gut spürbar ist der Zeitgeist der 70er Jahre: die angestaubte bigotte Moral der Männer, die ihre Frauen gerne als Heimchen am Herd sehen, aber sich zugleich nach der „Hure im Bett“ sehen, die zur Schau gestellte Gesellschaftsfähigkeit der besseren Gesellschaft, hinter deren schönem Schein sich Abgründe auftun. Und auf der anderen Seite die lockere Moral der Student:innen, die mit allem experimentieren, der Liebe, den Drogen, den Rollenvorstellungen, und zugleich gegen alles sind, sowie die Welt der Prostitution und des einfachen Malochers, wie Lucias Vater und Bruder, deren Leben außerhalb der Arbeit sich in der Kneipe nebenan abspielt.
Dabei gerät der Fall aber nie aus den Augen: in diesem Fall müssen alle Dezernate zusammenarbeiten, um den Tätern auf die Spur zukommen. Und von Spuren gibt es einige, vor allem falsche. Da ist neben Spurensicherung und kluger Verhörtaktik bisweilen auch weibliche Intuition gefragt.
Wer an Krimis mehr als die Faszination des Grauens schätzt und gerne in andere Zeiten und Lebensweisen abtaucht sowie spannende Figurenkonstellationen mag, kommt hier voll auf seine Kosten, von der Freunde am Miträtseln und Hypothesen Bilden einmal ganz abgesehen.

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Veröffentlicht am 26.04.2025

Aufschlussreich

Scham
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Eigentlich kennt man das Gefühl sich zu schämen nur zu gut. Man weiß, wie es sich anfühlt, man weiß, welche Situationen es auslösen können. Und zwar so genau, dass es einen selbst bis in Träume hinein ...

Eigentlich kennt man das Gefühl sich zu schämen nur zu gut. Man weiß, wie es sich anfühlt, man weiß, welche Situationen es auslösen können. Und zwar so genau, dass es einen selbst bis in Träume hinein verfolgen oder es beim Denken an bestimmte Situationen antizipieren kann. Vieles davon findet sich auch in der Monographie gleichlautenden Titels von Matthias Kreienbrink. In vielen beschriebenen Situationen kann man sich also gut wiederfinden. Trotzdem bringt der Autor viel Neues und Aufschlussreiches in seiner logisch aufgebauten Darstellung. Er beginnt mit einer ersten Annäherung an das Thema und verfolgt es dann durch unser gesamten Leben von der Geburt bis in den Tod. Dabei zeigt er Konstanten, aber auch Veränderungen in der Gefühlswelt des Schämens auf, die unter anderen durch die neuen Medien bedingt sind. Seine Quellenlage reicht von Schriften aus dem Mittelalter bis hin zum vor nicht allzu langer Zeit erschienen Buch Rushdies über das Messerattentat auf ihn. Dabei überrascht er den Leser immer wieder, in welchen Zusammenhängen das Thema zu finden ist. Nicht nur das breit aufgestellte Spektrum an Blickwinkeln auf das Gefühl der Scham machen die Lektüre so reizvoll und lohnenswert, sondern auch die keinesfalls störende subjektive Herangehensweise und die Vielzahl an illustrierenden Beispielen, die einen großen Gewinn darstellen. Es ist ein Buch, das einlädt, sich mit seinen eigenen Schamgefühlen auseinanderzusetzen, aber vor allem auch nachdenklich macht darüber, wie das Beschämen anderer zum nicht tollerierbaren Machtinstrument werden kann. Der Autor zeigt die Notwendigkeit der Scham als gesellschaftskonstituierendes Element auf und gewinnt ihr neben der kritischen Auseinandersetzung mit ihren negativen Aspekten somit auch positive Seiten ab. Insgesamt hat das Buch einen ermutigenden Charakter, die eigene Würde und die der anderen zu respektieren, für die man sich keinesfalls zu schämen hat.

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Veröffentlicht am 27.03.2025

Wussten Sie, dass Ping ein chinesischer Vorname ist?

Ping
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Nicht nur das erfährt der Leser in Thomas Heimgartners „Zweiseitenspiel“, sondern auch jede Menge über Tischtennis. Doch gleich vorweggenommen, der Roman ist nicht nur etwas für eingefleischte Tischtennisexperten ...

Nicht nur das erfährt der Leser in Thomas Heimgartners „Zweiseitenspiel“, sondern auch jede Menge über Tischtennis. Doch gleich vorweggenommen, der Roman ist nicht nur etwas für eingefleischte Tischtennisexperten oder die, die es noch werden wollen und denen das eingeflochtene Glossar zum sportiven Fachvokabular gute Dienste leisten kann.
Das Schöne an dem schmalen Bändchen ist, dass man ihn als Hommage an eine Tischtennisjugend lesen kann. Als leichtfüßige, vielleicht ein wenig nostalgische Retrospektive in eine von nichts als vielleicht ein wenig Liebeskummer belastete Sommerferienzeit der späten 80er. Als anregenden Generationenroman im Gespräch zwischen Tochter und Vater, die beide auf der Suche sind nach ihrem Platz im Leben und die beide indirekt um das Verständnis des anderen werben: Der Vater, indem er von seiner Jugend im Sommer 1989 erzählt, seiner Leidenschaft für Tischtennis, seiner Sehnsucht nach Zugehörigkeit und seiner ersten zarten Liebe zu Ping, einem chinesischen Mädchen, das verschwindet, bevor er es überhaupt kennenlernen kann. Die Tochter, die sich vom Vater verlassen fühlt, der Frau, 25jähriges „Kind“ und Heimat hinter sich gelassen hat, um in Bangkok herauszufinden, wer er ist – oder vielleicht findet er es heraus in dem sich dadurch neu eröffnenden Gespräch mit seiner Tochter. Die Tochter fordert Antwortnt, provoziert in pointiertem, (selbst)ironischem Stil und offenbart damit auch sich selbst als Suchende nach einem eigenen Ort, an den sie gehört, nach einem passenden Beruf, einem passenden Partner, denn der ihr bekannte Ort von Zuhause oder Heimat ist ihr mit der Flucht des Vaters ja auch ein Stück weit genommen worden, unabhängig davon, dass ihr Alter diesen Schritt ins Leben von ihr verlangt.
Und so kann man dieses „Zweiseitenspiel“ auch lesen als literarisches Experiment mit der Metapher des Ping-Pong-Spiels, wie der Laie es nennt, die nicht nur für die unberechenbaren Bälle steht, die einem das Leben zuspielt, sondern auch für eine Form des Dialogs und damit die strukturelle Form des Textes: ein Hin und Her, ein Schlagabtausch zwischen Vater und Tochter mit je eigenem Spielstil und wechselnder Intention. Scheint es zu Beginn noch um Sieg und Niederlage, Angriff (der Tochter) und Verteidigung (des Vaters) zu gehen, so wird daraus bald eine Zu(sammen)spiel, das bemüht ist, die Bälle möglichst lange in der Luft zu halten. Kunstvoll und fast unmerklich – den genauen Leser fordernd – webt der Text in die zwei zunächst zusammenhanglos nebeneinander stehenden Nachrichten – die Tochter schreibt über sich in Reaktion auf das Verlassenwerden vom Vater, der Vater hält scheinbar zusammenhanglos seine Jugendgeschichte dagegen – erste zarte Bezüge, Antworten ein, die sich immer mehr zum echten Dialog auswachsen. Die Tochter schreibt im inkohärenten Stakkato-Stil einer digital geprägten Short-Message-Generation (mit herrlich selbst- und medienkritischen Exkursen), der Vater erzählt behäbiger, mit der Muße eines Jungen, der sechs Wochen sorgenfreie Ferien und jede Menge – fast schon zu viel – freie Zeit vor sich hat.
Meine Ausführungen zeigen schon das, was für mich die absolute Freude an dem kleinen Büchlein ausmacht: Man kann sich Tochter und/oder Vater nahe fühlen, sich in ihre Situationen hineinversetzen, ohne das man viel von ihnen erfährt, womit sich gleichzeitig eine Offenheit ergibt, die Anregungen gibt und Platz lässt für ganz viele Gedanken und Bezüge, die sich herstellen lassen. Das zum Teil rasante Ping-Pong des Dialogs – Ping ist wohl auch ein Maß für die Zeitspanne eines digital gesendeten Nachrichtenpakets und der darauf folgenden Antwort („Paketumlaufzeit“) – erzeugt beim Lesen das Gefühl, da noch einmal genauer hinschauen und noch mal nachlesen zu müssen, um einen flüchtigen Gedanken aufnehmen und weiter denken zu können.
Was will man mehr von einem Buch, das einen gut unterhält, mit dessen Figuren man sich gerne austauschen mag, als dass es – man verzeihe mir diese Schülerinterpretationsaufsatzpauschalphrase – zum Nachdenken anregt und fast zwangsläufig zum Reden über sich bringt.

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Veröffentlicht am 22.03.2025

Beeindruckend

Schwebende Lasten
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Das Leben von Hanna umspannt ein langes 20. Jahrhundert. Aufgewachsen bei der „halben Schwester“ als Gehilfen im Blumenladen in Magdeburg über den eigenen Blumenladen bis zur Kranführerin der Kruppwerke ...

Das Leben von Hanna umspannt ein langes 20. Jahrhundert. Aufgewachsen bei der „halben Schwester“ als Gehilfen im Blumenladen in Magdeburg über den eigenen Blumenladen bis zur Kranführerin der Kruppwerke in den Zeiten des Zweiten Weltkriegs und dann im Betrieb der DDR lebt Hanna das Leben einer Frau, die viel erlebt und erleidet. Sie heiratet, der Mann trinkt, verliert ein Bein, trinkt mehr, die Kinder werden gezeugt, geboren, abgetrieben, geboren usw. Sechs Kinder erblicken das Licht der Welt, zwei gehen verloren. Für sie gibt es kein Grab. Sie erleidet Verluste und gewinnt hinzu: Schwiegersöhne, Enkelkinder. Andere zerbrechen an der Grausamkeit des Krieges, an den Repressalien des Systems, an den Kindern, den gewollten und den ungewollten. Aber Hanna hält Stand, immer, irgendwie. Weitermachen, das ist die Devise. Die einzige Konstante ist der Wandel. Und Hannas Blumen.
Annett Gröschel gelingt es phänomenal die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts aus weiblicher Perspektive auf nur 280 Seiten zu schreiben und dabei ein so intensives Lebensgefühl zu vermitteln, wie es kein Geschichtsbuch kann. Hanna stammt aus einfachen Verhältnissen, lernt aber über die Schwestern, die eine „bessere Partie“ gemacht haben, auch ein wenig materielles Glück kennen. Sie heiratet einen Sozialdemokraten und ist durch ihre Arbeit im Werk dem Sozialismus sicherlich näher. Aber sie verfällt keiner Ideologie, weder den Nazis noch dem Sozialismus der DDR. Sie verfügt über keine umfangreiche Schulbildung, aber über Menschenverstand und Herzensbildung. Vielleicht sind es die Blumen, die sie unanfällig für Ideologien und menschlicher machen als viele Mitmenschen ihrer Zeit. Sie wächst dem Leser ans Herz mit ihrer Lebensklugheit. Er ist beeindruckt von ihrer Pragmatik, ihrem Lebenswillen, auch wenn er manchmal mehr aus dem Muss als aus dem Wollen stammt, von ihrer Liebe zu und ihrem Händchen für die Blumen. Er leidet mit ihr im Hinblick auf die schwierige Ehe, die Entfremdung von den Kindern, den Verlusten im Krieg, der Ausbeutung durch das DDR-System. Und wie könnte man besser Geschichte erfahren und begreifen als so nah an der Seite einer Frau, die mitten im Leben steht!
Elke Heidenreich spricht von der „perfekten Balance zwischen lakonisch und herzzerreißend“, ich würde sagen, das Buch ist durch die Lakonie so herzzerreißend. Die im Buch häufig so klar und schnörkellos beschriebenen Bilder für das Grauen und das Leid und den seelischen Schmerz prägen sich nicht nur Hanna unvergesslich ein. Aber auch die Bilder für das Schöne, die hier immer Blumenbilder sind, sind anrührend und vermitteln einen versöhnlichen Schluss, ohne kitschig oder illusorisch zu sein.
Ein beeindruckendes, ein großartiges, ein absolut lesenswertes Buch!

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