Profilbild von xxholidayxx

xxholidayxx

Lesejury Star
offline

xxholidayxx ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit xxholidayxx über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.05.2025

Sardinien wie man es noch nie gelesen hat

Der dunkle Sommer
0

Vera Buck, geboren in Nordrhein-Westfalen, ist eine vielfach ausgezeichnete Autorin, die sich mit ihren tiefgründigen und atmosphärischen Romanen einen Namen gemacht hat. Sie hat Journalistik, Literaturwissenschaft ...

Vera Buck, geboren in Nordrhein-Westfalen, ist eine vielfach ausgezeichnete Autorin, die sich mit ihren tiefgründigen und atmosphärischen Romanen einen Namen gemacht hat. Sie hat Journalistik, Literaturwissenschaft und Drehbuchschreiben unter anderem in Frankreich, Spanien und auf Hawaii studiert. Ihre Werke wie "Runa" oder "Wolfskinder" wurden für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert. Heute lebt und arbeitet sie als freie Schriftstellerin in der Schweiz – inspiriert von Reisen und Wanderungen durch einsame Berglandschaften.

Worum geht’s genau?

Tilda, eine deutsche Architektin, kauft sich ein verfallenes Haus in einem scheinbar verlassenen Dorf auf Sardinien – für nur 1€. Auf der Suche nach einem Neuanfang will sie das Haus renovieren und mit der Vergangenheit abschließen. Doch die Ruhe trügt: Glocken läuten sonntags wie von Geisterhand, Dorfbewohner:innen warnen vor einem Fluch, und dann taucht ihr jüngerer Bruder Nino auf – samt verdrängter Erinnerungen. Als Nino plötzlich verschwindet, begibt sich Tilda gemeinsam mit dem Journalisten Enzo auf Spurensuche. Dabei stoßen sie auf dunkle Geheimnisse, eine lange verdrängte Geschichte der Gewalt – und eine sardische Tradition, die vor allem für Frauen lebensverändernde Konsequenzen hatte. Alles scheint mit Tildas eigener Vergangenheit verbunden zu sein.

Meine Meinung

Was mich sofort gepackt hat, war das atmosphärische Cover – geheimnisvoll, düster, mediterran. Als Italien-Fan war ich sofort neugierig und konnte nicht widerstehen. Ich habe "Der dunkle Sommer" als Hörbuch über NetGalley und den Argon Verlag gehört – an dieser Stelle ein großes Dankeschön für das Rezensionsexemplar.

Die Geschichte selbst entwickelt früh eine Sogwirkung: Die düstere Atmosphäre des Geisterdorfs, die angedeuteten Familienkonflikte und die Frage, was wirklich in diesem Dorf geschehen ist, haben mich nicht mehr losgelassen. Trotz einer Spielzeit von über zehn Stunden habe ich das Hörbuch in wenigen Tagen durchgehört.

Inhaltlich war für mich überraschenderweise weniger der Thriller-Aspekt (wobei ich allgemein sagen muss es ist mehr Familiendrama als Thriller ist) überzeugend, als vielmehr das historische und gesellschaftskritische Fundament, das mich beeindruckt hat. Die Erzählung ist ein Familiendrama, das gleichzeitig die Geschichte eines sardischen Dorfes und einer patriarchalen Tradition erzählt. Besonders die Thematik des „matrimonio riparatore“ – also der Zwangsheirat zur "Wiederherstellung der Ehre" nach einer Vergewaltigung – war für mich erschütternd und gleichzeitig faszinierend. Es war mir neu, dass diese Praxis bis in die späten 1970er Jahre gesetzlich erlaubt war. Auch wenn einem die Grundidee der „Ehrrettung“ durch Heirat leider aus vielen Kulturen vertraut ist, war die vormals gesetzliche Verankerung in Italien für mich ein Schock.

Hinzu kommt: Ich war selbst schon einmal in Orgosolo – einem der erwähnten sardischen Dörfer mit rebellischen Geschichte und den berühmten Wandbildern – und hatte dabei keinen blassen Schimmer von diesem düsteren Teil der Vergangenheit. Umso spannender war es, nun literarisch so tief in die Thematik einzutauchen. Die feministische Perspektive der Autorin hat mir besonders gefallen: Die Kritik an patriarchalen Strukturen zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung, ohne je plump oder belehrend zu wirken.

Erzählerisch überzeugt mich die doppelte Zeitebene: Die Ereignisse in der Gegenwart werden durch Rückblenden in die Vergangenheit sinnvoll ergänzt, was dem Roman Tiefe verleiht und die Spannung kontinuierlich aufrechterhält. Besonders stark fand ich, wie sich nach und nach die einzelnen Puzzleteile zusammenfügen. Die hochkarätige Besetzung des Hörbuchs mit Leonie Landa; Laura Maire; Uve Teschner; Julian Mehne; Jeremias Koschorz und Lydia Herms sorgt dafür, dass die zahlreichen Figuren gut unterscheidbar sind und lebendig wirken.

Kritisch sehe ich allerdings das Ende: Es wirkte auf mich etwas überhastet und nicht vollständig stimmig – einige Fragen blieben offen, was mich leicht unbefriedigt zurückließ. Zudem hatte ich etwa eine Stunde vor Schluss eine klare Ahnung, wohin sich die Handlung entwickelt. Die Auflösung war für mich daher keine große Überraschung mehr – aber das mindert nicht die emotionale Wucht der Geschichte.

Fazit

Der dunkle Sommer ist ein atmosphärischer Roman mit Thriller-Elementen, der eine düstere Familiengeschichte mit realhistorischem Hintergrund und feministischer Tiefenschärfe verknüpft. Trotz kleiner Schwächen im Finale ein packender, nachdenklich stimmender Hörgenuss. 4,5 von 5 Sternen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.04.2025

Mehr als eine Biografie - Mama, Deutschland und ich

»Mama, bitte lern Deutsch«
0

In seinem Buch "Mama, bitte lern deutsch" erzählt Tahsim Durgun seine persönliche Geschichte als Sohn einer kurdischen Mutter in Deutschland. Schon in jungen Jahren muss er für seine Mutter Formulare lesen, ...

In seinem Buch "Mama, bitte lern deutsch" erzählt Tahsim Durgun seine persönliche Geschichte als Sohn einer kurdischen Mutter in Deutschland. Schon in jungen Jahren muss er für seine Mutter Formulare lesen, Arztbesuche übersetzen und mit der deutschen Bürokratie kämpfen. Das Buch schildert nicht nur seine individuellen Erlebnisse, sondern beleuchtet auch gesellschaftliche Strukturen, die Menschen mit Migrationsgeschichte vor Herausforderungen stellen. Dabei wechseln sich humorvolle Anekdoten mit ernsten Momenten ab, und Durgun gelingt es, ein sehr authentisches Bild der postmigrantischen Realität zu zeichnen.

Meine Meinung

Ich muss zugeben, dass mich der Klappentext zunächst nicht sofort angesprochen hat. Doch die zahlreichen positiven Rückmeldungen in meinem Umfeld haben mich schließlich dazu bewegt, das Buch zu lesen – und ich habe es nicht bereut.

Das Buch lässt sich als Mischung aus Biografie und Sachbuch beschreiben. Während es auf der einen Seite eine sehr persönliche Erzählung ist, vermittelt es gleichzeitig wichtige Erkenntnisse über Integration und gesellschaftliche Zugehörigkeit. Berührend war für mich, wie viele der beschriebenen Situationen ich aus den Erzählungen meines Mannes mit eigener Migrationsbiografie wiedererkannte. Besonders beeindruckt hat mich, wie Durgun trotz des ernsten Themas seinen Humor beibehält. Mehrmals musste ich beim Lesen laut lachen – besonders über die absurd-komischen Szenen, wie die Fußwaschung im Religionsunterricht oder die Schulbasar-Episode mit Mareikes Mutter und den toten Tieren. Gleichzeitig gibt es auch zutiefst bewegende Momente. Eine der letzten Geschichten hat mich sogar zu Tränen gerührt.

Stilistisch beeindruckt Durgun mit poetischer Sprache und starken Metaphern. Schon die Widmung am Anfang des Buches ist ein kleines Meisterwerk:

„Dieses Buch widme ich allen Kindern, die ihre Träume kleinhalten, damit ihre Mütter eines Tages größer träumen können. Doch selbst darin liegt ein Geschenk, denn Mamas träumen immer für euch mit.“
Auch andere Passagen haben mich besonders berührt, etwa auf Seite 49 (E-Book):

„Ich trinke den Çay nicht nur, um Çay zu trinken. Ich trinke ihn, um meinen Kummer wegzuspülen. Mit jedem leeren Çay-Glas wird mein Herz leichter. Die Last, die deine Seele zu tragen hat, wird kleiner, du wäschst sie mit dem Çay ab – wie ein fließender Bach, der deinen Körper reinigt.“
Oder das eindringliche Zitat auf Seite 53 (E-Book) :

„Manchmal, so denke ich heute, ist es egal, welche Sprache der Empfänger spricht, denn Schmerz folgt keiner Grammatik, Schmerz sprechen wir alle.“
Diese Worte zeigen Durguns sprachliche Feinfühligkeit und seine Fähigkeit, Gefühle präzise einzufangen.

Das Buch thematisiert auch alltagsrassistische Erfahrungen und den Druck, den viele Kinder mit Migrationsgeschichte verspüren, wenn sie für ihre Eltern dolmetschen müssen. Besonders stark war für mich die Stelle auf Seite 133 (E-Book) :

„Ich finde es immer lustig, wenn sich die Leute der Sprache meiner Mutter anpassen und ein weißer Arzt, der gerade noch erklärt hat, dass er an irgendeiner prestigeträchtigen Universität studiert hat, so redet, als müsse er demnächst einen Asylantrag stellen. Ich bin unsicher: Entweder ist das eine abgewandelte Anwendung leichter Sprache im Alltag oder eine neue Form der kulturellen Aneignung.“
Neben gesellschaftskritischen Aspekten greift Durgun auch alltägliche Themen auf, wie Geschwisterstreitigkeiten oder die Rolle von Müttern, die oft ihre eigenen Bedürfnisse hintenanstellen. In vielen dieser Passagen habe ich meine eigene Mutter wiedererkannt. Besonders schön fand ich auch das Rezept für Kisir-Salat, das ich definitiv ausprobieren werde – schon beim Lesen lief mir das Wasser im Mund zusammen.

Ein kleiner Kritikpunkt ist für mich, dass das Buch für Leser:innen, die sich bereits intensiv mit dem Thema Diskriminierung und Integration befasst haben, nicht allzu viele neue Erkenntnisse liefert. Beispielsweise war mir das Problem mit der Benachteiligung im Schulsystem – etwa die vorschnelle Empfehlung für Förderklassen bei Kindern mit nicht-deutscher Erstsprache – bereits durch andere Autor:innen wie die von Tupoka Ogette bekannt. Zudem hätte ich mir an manchen Stellen eine noch stärkere Sensibilität gewünscht, insbesondere in Bezug auf Genderfragen oder intersektionale Perspektiven (gerade bei dem Teil zum Thema Gesundheitssystem).

Fazit

"Mama, bitte lern deutsch" ist ein bewegendes, nachdenklich machendes und zugleich humorvolles Buch über Migration, Zugehörigkeit und das Aufwachsen zwischen zwei Welten. Besonders die poetische Sprache und die eindrücklichen Anekdoten machen es zu einem eindrucksvollen Leseerlebnis. Der halbe Punkt Abzug resultiert lediglich daraus, dass einige Themen für mich nicht mehr ganz neu waren. Dennoch: Eine klare Leseempfehlung! 4,5 von 5 Sternen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.03.2025

Tiefseetauchen mit Gänsehaut-Garantie

Die Kammer
0

Will Dean, ein britischer Thriller-Autor, zog nach seinem Studium an der London School of Economics nach Schweden und lebt dort mit seiner Familie in einem abgelegenen Holzhaus. Seine Bücher sind im englischsprachigen ...

Will Dean, ein britischer Thriller-Autor, zog nach seinem Studium an der London School of Economics nach Schweden und lebt dort mit seiner Familie in einem abgelegenen Holzhaus. Seine Bücher sind im englischsprachigen Raum sehr erfolgreich, und mit Die Kammer liegt nun erstmals eines seiner Standalone-Thriller in deutscher Übersetzung vor.

Worum geht's genau?

Sechs erfahrene Taucher:innen – fünf Männer und eine Frau – verbringen mehrere Tage in einer Druckkammer, bevor sie zu ihrem Tiefsee-Einsatz aufbrechen. Ein Routinevorgang, bis plötzlich ein Mord geschieht. Die Gruppe gerät in Panik: Die Kammer ist versiegelt, niemand kann fliehen. Nach und nach sterben weitere Insassen, während die Überlebenden in einem Strudel aus Paranoia und Angst gefangen sind. Steckt einer von ihnen hinter den Morden? Oder gibt es eine äußere Bedrohung? Das Buch entwickelt sich zu einem nervenaufreibenden Psychothriller, bei dem es ums Überleben geht.

Meine Meinung

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar angefordert, weil mich der Klappentext sofort angesprochen hat – und wurde nicht enttäuscht. Der Thriller hat mich direkt in seinen Bann gezogen, und ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Die Spannung ist durchweg hoch, es gibt kaum Verschnaufpausen, und das beklemmende Setting in der Kammer verstärkt das unbehagliche Gefühl beim Lesen. Man kann förmlich spüren, wie die Luft knapp wird und die Nerven der Figuren bis zum Zerreißen gespannt sind.

Besonders gut gelungen ist die Darstellung des Tiefseetauchens. Man erfährt viele spannende Details über Druckkammern, Tauchtechniken und die psychischen Belastungen, die mit solchen Extremsituationen einhergehen. Dadurch wirkt die Geschichte sehr realistisch. Ich fand es auch bemerkenswert, dass Will Dean als männlicher Autor eine weibliche Hauptfigur gewählt hat – und das für meinen Geschmack sehr überzeugend. Sogar frauenspezifische Themen wie Menstruation und deren Auswirkungen beim Tauchen werden aufgegriffen, was in Thrillern nicht gerade alltäglich ist.

Inhaltlich ist "Die Kammer" für mich eher ein Psychothriller als ein klassischer Thriller. Der ständige Verdacht, dass jede:r der Mörder:in sein könnte, hat mich immer wieder zum Miträtseln gebracht. Ich fand es faszinierend, wie die Gruppendynamik sich verändert, das Misstrauen wächst und die Protagonist:innen an ihre psychischen Grenzen stoßen. Wer Thriller mit einem Whodunit-Element mag, wird hier definitiv auf seine Kosten kommen.

Allerdings gab es auch ein paar kleine Kritikpunkte: Zum einen hätte das Buch ruhig 50 Seiten kürzer sein können, da einige Szenen sich leicht wiederholen. Zum anderen war ich mit der Auflösung nicht ganz zufrieden – das Ende bleibt relativ offen, was sicher Geschmackssache ist, mir aber nicht ganz gefallen hat. Außerdem sind mir einige Wortfehler im E-Book aufgefallen, was jedoch eher ein technisches Problem sein könnte.

Ein weiterer Punkt ist das Gendern: Im Roman selbst wird es nicht verwendet, aber im Nachwort zeigt sich, dass sich der Autor bewusst ist, wie wichtig eine inklusive Sprache ist. Das macht es für mich akzeptabel. Besonders schön fand ich seinen persönlichen Dank ganz am Anfang, in dem er Buchhändler:innen und Tiefseetaucher:innen als „Rockstars“ bezeichnet – eine nette Geste, die mir den Autor sympathisch gemacht hat.

Fazit

Ein fesselnder, atmosphärischer Psychothriller, der mit seinem beengenden Setting und starken Charakteren punktet. Das Gefühl der Isolation und Paranoia ist meisterhaft eingefangen, und die Geschichte bleibt bis zur letzten Seite spannend. Kleine Abzüge gibt es für das offene Ende und einigen überflüssigen Wiederholungen, aber insgesamt ist "Die Kammer" ein absolut lesenswerter Thriller. 4,5 von 5 Sternen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.03.2025

Eine vergessene Komponistin im Schatten Vivaldis

Die Melodie der Lagune
0

"Anna Maria della Pietà hatte Töne, bevor sie Worte hatte, und diese Töne waren immer schon farbig." Zitat, S. 234 (E-Book Version)

Harriet Constable erzählt in ihrem Debütroman Die Melodie der Lagune ...

"Anna Maria della Pietà hatte Töne, bevor sie Worte hatte, und diese Töne waren immer schon farbig." Zitat, S. 234 (E-Book Version)

Harriet Constable erzählt in ihrem Debütroman Die Melodie der Lagune die Geschichte von Anna Maria della Pietà – einer talentierten Violinistin und Komponistin des 18. Jahrhunderts, die in der Geschichte kaum Beachtung fand. Constable, preisgekrönte Journalistin und Filmemacherin, verbindet ihre Liebe zur Musik mit ihrer Fähigkeit, bewegende Erzählungen zu schaffen. Ihr Roman wurde bereits vom Guardian zu den besten Debütromanen des Jahres gezählt.

Worum geht's genau?

Anna Maria wächst im Ospedale della Pietà, einem Waisenhaus in Venedig, auf und entdeckt früh ihre außergewöhnliche Begabung für die Violine. Ihr Talent bleibt nicht unbemerkt – Antonio Vivaldi nimmt sie unter seine Fittiche. Doch während er als gefeierter Komponist Ruhm erntet, bleiben ihre eigenen Werke unbekannt. Sie träumt von einer Karriere als Musikerin, doch in einer Welt, in der Frauen nur als Interpretinnen, nicht als Schöpferinnen anerkannt werden, stößt sie an unsichtbare Grenzen.

Anna Maria muss sich nicht nur gegen gesellschaftliche Konventionen behaupten, sondern auch gegen Neid und Rivalität. Freundschaften spielen eine zentrale Rolle in ihrem Leben – besonders zu Paulina und Agata, mit denen sie eine enge Verbindung teilt. Doch auch Intrigen, Eifersucht und die harte Realität der damaligen Zeit prägen ihren Weg.

Meine Meinung

Ich habe das Buch als Rezensionsexemplar angefordert, da mich sowohl das wunderschöne Cover als auch der Klappentext sofort angesprochen haben – besonders, weil ich selbst Violine spiele. Die bildhafte Beschreibung Venedigs hat mich direkt in die Geschichte gezogen. Man spürt die Atmosphäre der Stadt förmlich durch die Seiten.

Eine meiner Lieblingsszenen spielt in der Dachkammer, als Anna Maria die Stadt beobachtet und sich vorstellt, sie zu dirigieren:

"Sonnenstrahlen überfluten ihr Gesicht, und die Holzbohlen knarren unter ihren Füßen. Sie rafft ihren fleckigen Baumwollrock und lässt sich im Schneidersitz auf dem heißen Holzfußboden nieder. Zufrieden blickt sie sich in ihrem Königreich um. In ihrer Stadt bestehen die Straßen aus Wasser. Überall herrscht Leben, alles ist voller Energie, farbenfroh und laut." Zitat, S. 34 (E-Book Version)

Anna Maria selbst ist eine starke Figur, aber sie hat mich nicht immer für sich gewinnen können. Ihr Ehrgeiz ist bewundernswert, aber oft auch egoistisch – sie betrachtet viele ihrer Mitschülerinnen als unterlegen und sieht „niedrigere Arbeiten“ als wertlos an. Dennoch wird im Laufe des Romans klar, dass sie sich vor allem selbst schützen will und durch viele Schicksalsschläge eine harte Schale entwickelt hat.

Ein weiterer starker Aspekt des Buches ist seine feministische Botschaft. Besonders dieses Zitat hat mich bewegt:

"Männer«, sagt er und tippt schneller und heftiger auf die Noten. »Alles Stücke von Männern.«
»Wahrscheinlich stecken die Ideen von Frauen dahinter. Frauen, die von selbstgefälligen Männern wie Ihnen in den Staub getreten wurden. Sie fördern uns gerade bis zu dem Punkt, wo wir begreifen, was wir alles nicht dürfen. Und wenn wir es trotzdem versuchen, nehmen Sie uns alles weg. Warum bringen Sie uns bei, unseren Verstand zu benutzen, wenn Sie uns alles verweigern, was er hervorbringt?« " Zitat, S. 233 (E-Book Version)

Dass das Buch sprachlich nicht gegendert wurde, fand ich etwas schade, auch wenn die Autorin im Nachwort darauf eingeht. Dieses Nachwort gehört für mich zu den großen Stärken des Romans, da es die historischen Hintergründe beleuchtet und zeigt, dass viele berühmte Kompositionen möglicherweise von Frauen stammen, deren Namen vergessen wurden.

Fazit

Die Melodie der Lagune ist ein beeindruckender historischer Roman über eine Frau, die ihrer Zeit weit voraus war. Er zeigt auf bewegende Weise, wie Frauen in der Musikgeschichte übergangen wurden, und schafft gleichzeitig eine dichte, fesselnde Atmosphäre. Trotz kleiner Kritikpunkte bleibt es ein großartiges Buch, das zum Nachdenken anregt. 4,5 von 5 Sternen

"Ich habe diesen Roman geschrieben, weil einige der berühmtesten Musikstücke der Welt einen anderen Ursprung haben, als wir bislang dachten. Sie stammen von Hunderten Mädchen und Frauen. Ich hoffe, Sie fragen sich jetzt, was es noch alles zu entdecken gibt. Welche Genies gab es, die ebenso wenig von uns gewürdigt werden?" Zitat, S. 297 (E-Book Version)

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.03.2025

Ein Buch über Mut, Widerstand und Solidarität - Jin, Jiyan, Azadî!

Meine wundervollen Schwestern
0

Der Ausdruck >>Patriarchat

Der Ausdruck >>Patriarchat<<< ist für sie vielleicht ein Fremdwort. Aber sie wissen, dass in ihrer von Gewalt geprägten Realität das Leben einer Frau wenig zählt. Unter den Taliban werden die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Frauen in Afghanistan ausradiert. Buchzitat, S. 292

In ihrem Buch Meine wundervollen Schwestern erzählt Khalida Popal ihre beeindruckende Lebensgeschichte. Als Mitbegründerin und Kapitänin der afghanischen Frauenfußballnationalmannschaft kämpfte sie nicht nur für das Recht, Fußball zu spielen, sondern auch gegen tief verwurzelte patriarchale Strukturen und sexuelle Gewalt im afghanischen Fußballverband. Nach Morddrohungen musste sie aus ihrer Heimat fliehen, doch ihr Einsatz für die Rechte afghanischer Frauen hörte damit nicht auf. Besonders nach der Machtübernahme der Taliban im August 2021 setzte sie alles daran, ihre Mitspielerinnen und andere gefährdete Frauen zu retten. Das Buch ist mehr als eine Biografie – es ist ein bewegendes Zeugnis über Mut, Widerstand und den unermüdlichen Kampf für Gerechtigkeit.

Meine Meinung

Bereits zu Beginn des Buches hat mich Khalida Popals Geschichte tief berührt. Sie beschreibt eindrücklich die Schwierigkeiten, mit denen sie als Frau im afghanischen Fußball konfrontiert war – von gesellschaftlicher Ächtung bis hin zu Morddrohungen. Besonders erschreckend fand ich die Schilderungen des Machtmissbrauchs durch Trainer und Offizielle sowie die systematische sexuelle Gewalt, die gedeckt und vertuscht wurde. Khalidas Mut, dies öffentlich anzuprangern, zeigt, wie wichtig es ist, dass Frauen ihre Stimmen erheben, auch wenn sie dadurch große persönliche Risiken eingehen.

Was mich beim Lesen besonders beeindruckt hat, war Khalidas unermüdlicher Einsatz für ihre Mitspielerinnen, selbst nach ihrer Flucht. Ihre Selbstlosigkeit ist bewundernswert – sie hätte sich in Sicherheit bringen können, doch sie kämpfte weiter, um auch anderen Frauen zu helfen. Dabei wird in der Erzählung sehr deutlich, wie sehr sie dieser Kampf auch persönlich belastet: Panikattacken, posttraumatische Belastungsstörungen und die ständige Angst vor erneuten Drohungen begleiten sie. Die Schilderungen ihrer psychischen Belastung haben mich tief bewegt, weil sie zeigen, wie hoch der Preis für ihren Mut war.

Besonders spannend fand ich den Einblick in das Asylsystem. Die detaillierten Schilderungen der bürokratischen Hürden, der zermürbenden Interviews und der absurden Erwartung, dass Geflüchtete jede Aussage perfekt wiederholen müssen, um nicht als unglaubwürdig zu gelten, sind erschreckend realistisch. Manche dieser Prozesse kommen mir aus Österreich bekannt vor, was das Ganze umso eindrücklicher machte. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass bestimmte Begriffe, wie etwa das „Dublin-Abkommen“, für Leser:innen ohne Vorwissen kurz erklärt werden.

Etwas kritischer sehe ich allerdings einige sprachliche Aspekte. Die Übersetzung wirkt stellenweise unreflektiert – insbesondere die Verwendung des Begriffs „Asylanten“, der im deutschen Sprachraum eine abwertende Konnotation hat, hätte sensibler gewählt werden müssen. Zudem störte mich eine Passage, in der Khalida eine Art Hierarchie des Leidens aufstellt. Kein Mensch kann das subjektive Leid eines anderen objektiv bewerten, weshalb diese Stellen für mich etwas unangenehm zu lesen waren.

Ein Lichtblick in der Geschichte ist die Figur Hendrik – ein Unterstützer, von dem ich gerne noch mehr erfahren hätte. Auch Khalidas Begegnung mit ihrem Professor in Dänemark war ein positiver Moment: Endlich wird sie ernst genommen, und zum ersten Mal erhält sie psychologische Hilfe. Gleichzeitig bleibt das Buch bis zum Schluss eine emotionale Achterbahnfahrt – besonders als Khalida 2021 erneut Verantwortung übernehmen muss, um über Leben und Tod zu entscheiden, als sie hilft, gefährdete Spielerinnen außer Landes zu bringen. Erschreckend fand ich hier, wie sich verschiedene Parteien und Medien die Rettungsaktion auf ihre Fahnen schreiben wollten. Es zeigt, dass Menschlichkeit oft nur dann zählt, wenn sie für die eigene Reputation genutzt werden kann.

Ein weiterer Punkt, der mich nachdenklich gemacht hat: Warum gab es so wenig Unterstützung von männlicher Seite? Weder von afghanischen noch von internationalen Fußballern gab es spürbare Solidarität mit den Spielerinnen. In einer von Männern dominierten Sportwelt hätte ich hier mehr Engagement erwartet.

Besonders stark fand ich das Nachwort, in dem Khalida über die Macht einzelner Geschichten reflektiert. Sie macht deutlich, dass Geflüchtete mehr sind als Zahlen in Statistiken – sie sind Menschen mit Träumen, Hoffnungen und einem unermüdlichen Überlebenswillen.

Fazit

Meine wundervollen Schwestern ist ein eindringliches, feministisch geprägtes Buch über Mut, Widerstand und die Kraft der Solidarität. Khalida Popal zeigt mit ihrer Geschichte, was es bedeutet, für die eigenen Rechte zu kämpfen – und wie hoch der persönliche Preis dafür sein kann. Trotz kleinerer Kritikpunkte hat mich das Buch tief bewegt und mir neue Einblicke gegeben. Eine absolute Leseempfehlung!⭐ 4,5 von 5 Sternen ⭐

Wenn dein Team dabei ist, das Spiel zu verlieren, gibt es diesen Moment, in dem du aufgeben willst. Doch dann schaust du dich um, siehst deine Mitspielerinnen und ihren entschlossenen Blick, der dir sagt: Es ist noch nichts verloren." (Mach die Augen auf. Jin, Jiyan, Azadî!) - Buchzitat, Seite 294

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere