Community-Leserunde mit @literarischernerd zu "Die Fletchers von Long Island" von Taffy Brodesser-Akner

Eine große jüdisch-amerikanische Familiengeschichte, Jahrzehnte umspannend, die sich bereits jetzt wie ein Klassiker liest
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Taffy Brodesser-Akner (Autor)

Die Fletchers von Long Island

Roman – »Ein großer Roman, ein drei Generationen umfassendes, vor absurden Szenen und schillernden Figuren überbordendes Epos« Die Zeit

Sophie Zeitz (Übersetzer)

"Ein herrlich saftiges Familien-Epos, sehr jüdisch-amerikanisch und dementsprechend überbordend an Details, Fabulierlust und exzentrischen Figuren. Taffy Brodesser-Akner segelt mit lakonischer Distanz zu ihnen, aber nie ohne Liebe und Mitgefühl, mitten hinein ins Auge des Sturms." SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

1980 im wohlhabenden Long Island: Carl Fletcher wird vor seinem Haus gekidnappt. Kurz darauf, nach Zahlung eines üppigen Lösegelds, wird er freigelassen, und die Familie versucht, den Vorfall hinter sich zu lassen. Doch als sie vierzig Jahre später bei einer Feier wieder zusammentrifft, wird klar, dass die lange zurückliegende Entführung unerwartete Spuren hinterlassen hat - und zwar nicht nur bei Carl, sondern bei der ganzen Familie. Und diese Auswirkungen gestalten sich mal verstörend und mal überaus amüsant!

Eine große jüdisch-amerikanische Familiengeschichte, Jahrzehnte umspannend, die sich bereits jetzt wie ein Klassiker liest: sprachlich virtuos, fein beobachtet und sehr, sehr lustig.

»Dieses Buch steht Klassikern wie DIE KORREKTUREN und MIDDLESEX in nichts nach.« LOS ANGELES TIMES

Timing der Leserunde

  1. Bewerben 31.01.2025 - 09.02.2025
  2. Lesen 17.02.2025 - 16.03.2025
  3. Rezensieren 17.03.2025 - 30.03.2025

Bereits beendet

Schlagworte

Familie Entführung Trauma Vater Verdrängung Reichtum Elite Ostküste Neurosen jüdische Familie schwarzer Humor Fleishman is in Trouble New Yorker Generationen psychische Probleme Komödie Tragikomödie Gegenwartsliteratur

Teilnehmer

Diskussion und Eindrücke zur Leserunde

Veröffentlicht am 25.03.2025

Familie Fletcher, bitte hier entlang zur Gruppentherapie!

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Worum geht’s?

Carl Fletcher, ein reicher Jude, wird in den achtziger Jahren direkt vor seiner Villa entführt. Fünf Tage später taucht er nach Zahlung eines beträchtlichen Lösegeldes wieder auf. Seine ...

Worum geht’s?

Carl Fletcher, ein reicher Jude, wird in den achtziger Jahren direkt vor seiner Villa entführt. Fünf Tage später taucht er nach Zahlung eines beträchtlichen Lösegeldes wieder auf. Seine Mutter Phyllis tut alles, um ihn davon zu überzeugen, dass er das Erlebte nicht an sich heranlassen soll, das »sei nur seinem Körper passiert, nicht ihm.« In der Folge wird das Erlebte quasi totgeschwiegen und für Familie Fletcher beginnt eine neue Zeitrechnung, es gibt eine Zeit vor der Entführung und eine Zeit danach.

Im Roman begleiten wir die drei Kinder der Fletchers, Beamer, Nathan und die zum Zeitpunkt der Entführung noch ungeborene Jenny durchs Leben und stellen fest, dass so ein Trauma sich auch an spätere Generationen vererben lässt.

Beamer, der als erfolgloser Drehbuchautor in immer neuen Versionen seiner Manuskripte ständig die Entführung seines Vaters nachspielt und sich von Dominas erniedrigen lässt, Nathan, der sich als Anwalt für Bodenrecht lieber in seinen Akten verkriecht, als sich mit realen Menschen zu beschäftigen und der es nicht schafft, seiner Frau wichtige Neuigkeiten wie den Verlust seines Jobs mitzuteilen, und Jenny, die trotz ihrer hohen Intelligenz orientierungslos durchs Leben treibt, an Depressionen leidet und schließlich zum ersten Mal Erfüllung im Leben erfährt, als sie ein Computerspiel entdeckt, in dem sie dafür sorgen muss, dass ihr Avatar ein geregeltes Leben führt.

Wie war’s?

Die Fletchers sind mit ihren über 500 Seiten zwar keine leichte Kost und vor allem der mittlere Teil um Jenny hätte meiner Meinung nach gut ein wenig kürzer ausfallen können, aber insgesamt konnte mich das Buch sehr begeistern.

Die Charaktere sind wie aus dem Leben gegriffen, man kann ihre Beweggründe und Probleme sehr gut nachvollziehen. Man weint, leidet und lacht mit ihnen, denn die Fletchers sind vor allem eins: bitterböse und tragisch-komisch.

Die deutsche Übersetzung von Sophie Zeitz ist ebenso Weltklasse wie das Buch. Ich, ebenfalls Literaturübersetzerin, verneige mich vor den genialen Ideen der Kollegin.

Schon dieser Satz: »Ein anderer Kellner brachte einen Teller Whiskey Bacon Double Mayo Slam Jams, entweder weil die Schicht gewechselt hatte oder weil Lewis die erste Kellnerin gewarnt hatte, keine Knickerwichserin zu sein … einfach herrlich!


Fazit

Von mir eine uneingeschränkte Leseempfehlung und volle Punktzahl! Ich kann mir gut vorstellen, dass eines Tages auch dieses Buch wie das Erstlingswerk der Autorin »Fleishman steckt in Schwierigkeiten« verfilmt wird, Stoff für eine Serie bieten die Fletchers jedenfalls mehr als genug.

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Veröffentlicht am 24.03.2025

Unter dem Jutesack

3

"Sie waren sprachlos, sagten sie immer wieder, sprachlos!
Bei aller Sprachlosigkeit konnten sie nicht aufhören, darüber zu reden."

Das Ereignis, das 1980 in Long Island die Gemüter derartig erregt, ist ...

"Sie waren sprachlos, sagten sie immer wieder, sprachlos!
Bei aller Sprachlosigkeit konnten sie nicht aufhören, darüber zu reden."

Das Ereignis, das 1980 in Long Island die Gemüter derartig erregt, ist die Entführung des jüdischen Fabrikanten Carl Fletcher. Eine Woche später wird er gegen Zahlung eines hohen Lösegeldes wieder freigelassen. Schnell verurteilt man Täter und die vermögenden Fletchers versuchen, zur Tagesordnung überzugehen. "Das ist nur deinem Körper passiert", ist die Parole von Carls Mutter.

Doch schon bald zeigt sich, dass nichts ist wie zuvor. Nicht nur bei Carl, sondern bei allen Familienmitgliedern hat die Entführung tiefe Spuren hinterlassen. Es scheint, als seien alle Fletchers in Geiselhaft genommen worden und steckten noch immer unter dem Jutesack, der Carl über den Kopf gestülpt worden war.

Mit nahezu chirurgischer Präzision seziert die Autorin die Abgründe ihrer Protagonisten und gibt jedem eine unverwechselbare Stimme. Da sind der beinahe fiebrige, drogeninduzierte Bewusstseinstrom von Carls jüngeren Sohn Beamer, die angstgetriebenen Gedanken seines älteren Bruders Nathans, der sich in Logik und Recht flüchtet, während die Erzählung mit der Perspektive der Tochter Jenny und deren Depression fast auf der Stelle zur treten scheint.

Und mittendrin immer wieder Sätze von kristalliner Klarheit, die die Lesenden durch ihre Zitierfähigkeit von den Seiten geradezu anzuspringen scheinen, gewürzt mit einem so überwältigend scharfsinnigen Humor, dass er aus Zähnen und Klauen zu bestehen scheint.

Die erste Generation baut das Haus, die zweite wohnt darin und die dritte brennt es nieder. Getreu diesem Motto erleben wir hautnah die Familiengeheimnisse der Fletchers. Hier von einem Lesesog zu sprechen, hieße zu untertreiben. Geraten bin ich vielmehr in einen Leserausch. Kein Wunder, dass der Roman schon jetzt als moderner Klassiker gehandelt wird!

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Veröffentlicht am 23.03.2025

Ein Lesevergnügen der ganz besonderen Art

2

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Taffy Brodesser Akner steht die Entführung von Carl Fletcher bzw. die Auswirkungen, die diese Tat auf jedes einzelne Familienmitglied hat.
1980 wird Carl, reicher Fabrikant ...

Im Mittelpunkt des neuen Romans von Taffy Brodesser Akner steht die Entführung von Carl Fletcher bzw. die Auswirkungen, die diese Tat auf jedes einzelne Familienmitglied hat.
1980 wird Carl, reicher Fabrikant und männliches Oberhaupt der amerikanisch-jüdischen Familie Fletcher, vor seinem Haus in Long Island gekidnappt. Nach einer Lösegeldzahlung wird er zwar einige Tage später wieder freigelassen, doch so einfach wie sich die Familie das vorstellt, lassen sich die Ereignisse nicht verdrängen.
Und so erfahren wir, vor allem anhand der drei Kinder Beamer, Nathan und Jenny, wie dieses traumatische Erlebnis das Leben jedes einzelnen beeinflusst und lernen gleichzeitig auf höchst unterhaltsame Weise einiges über jüdische Familientraditionen und Denkweisen.
Nacheinander lernen wir Beamer, Nathan und Jenny kennen und schnell wird deutlich, dass nicht allein der Entführungsfall, sondern vielmehr der Reichtum der Familie ihre sehr unterschiedlichen Lebenswege stark beeinflusst hat.
Denn jeder von ihnen kämpft mit seinen eigenen Dämonen. Statt eines glücklichen Lebens in Saus und Braus geht es bei den Geschwistern um Ziellosigkeit, Drogen, Depressionen und Ängste.
Aus meiner Sicht ist der Autorin sowohl sprachlich als auch bei der Kreation der Figuren ein großer Wurf gelungen. Nathan, Beamer und Jenny werden als Charaktere komplett durchleuchtet und auseinandergenommen, und auch die Mutter Ruth sowie deren Schwiegermutter sind eindrucksvolle Persönlichkeiten, deren Aussagen einen manchmal fassungslos zurücklassen.
Manche Episoden im Buch sind einfach herrlich skurril, andere stimmen nachdenklich, aber unterhaltsam bleibt es durchgehend.
Vor allem der wirklich besondere, bissige Humor hat es mir angetan.
Selten habe ich mir so viele Zitate aufgeschrieben, denn dieser Roman strotzt nur so vor Sätzen, die es wert sind, öfter gelesen zu werden.
Mit dafür verantwortlich ist sicher auch die tolle Übersetzung, die ich an dieser Stelle unbedingt erwähnen möchte.

Fazit
„Die Fletchters von Long Island“ ist eine außergewöhnliche Familiengeschichte, grandios geschrieben und unbedingt lesenswert.

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Veröffentlicht am 20.03.2025

Grandioses Buch über familiäre Folgen einer Traumatisierung

2

Ich war von Anfang an in den Bann dieses Buches gezogen. Carl, ein 33 jähriger, reicher, jüdischer Fabrikbesitzer, wird entführt. 40 Jahre später erfährt man, wie dies Spuren bei allen Familienmitgliedern ...

Ich war von Anfang an in den Bann dieses Buches gezogen. Carl, ein 33 jähriger, reicher, jüdischer Fabrikbesitzer, wird entführt. 40 Jahre später erfährt man, wie dies Spuren bei allen Familienmitgliedern hinterlassen hat.

Schon auf der ersten Seite brilliert Taffy Brodesser Akner sprachlich mit „das Wetter hielt sich damals noch weitgehend an die Jahreszeiten“. Sätze, die so plötzlich aus dem Buch hervorsprießt und mit ihrem Witz aber auch ihrer Bissigkeit den Lesefluss unterbrechen ... damit man sich nicht gemütlich in die Geschichte einkuscheln kann, sondern immer wieder wach gerüttelt wird.

Anfangs war ich noch leicht verunsichert und schwankte, ob ich diese humorvolle Beschreibung der tragischen Umstände der Entführung angemessen finde.... um dann aber festzustellen, dass es für mich ein guter Umgang mit einer unaushaltbaren Situation ist. Um nicht fühlen zu müssen.

Und immer wieder diese großartigen Sätze, die einen mit Humor die Tragik um die Ohren hauen: „Die Entführung als kurze Phase, in der der Dibbuk im Getriebe war. Ein Ärgernis, ein Rückschlag, eine Fußnote in der Familiengeschichte. Ein Engpass, wie damals als Bernhards Blinddarm platze, oder der Holocaust“.

Dass die Entführung bei dieser Familie tiefe Wunden hinterlassen hat wird immer wieder deutlich. Carls Frau und seine Mutter hatten gemeinsam das Ziel, „sich auf Carl zu legen, als könnte er wie eine scharfe Handgranate jederzeit explodieren“. Und die Fürsorge von Mutter Frau folgte „einer strengen Hierarchie, was heißt, dass sie sich zuerst um Carl kümmerte, dann um sich selbst (damit sie immer in der Lage war, sich um Carl zu kümmern) ...“. Hier ahnt man, dass wahrscheinlich alle 3 Kinder mit ihren Sorgen und Nöten in ihrer Entwicklung alleine gelassen wurden. Die Entführung und deren Folge scheint alle positive Energie aus der Familie abgezogen zu haben.

„post-traumatisch! wer das Wort erfunden hatte, hatte keine Ahnung. Es gab kein danach.“

Aber die Autorin schafft es immer wieder durch grandiose Sätze die Tragik aus der Geschichte zu nehmen „Marjorie sah aus wie ein ausgefranstes Kabel, wie etwas, das sich stets in einem gefährlichen Zustand der Auflösung befand. .... und das dunkle Haar war verschwunden und durch eine graue Krone wuchernder Drähte ersetzt worden, die ihr vom Kopf abstanden wie abtrünnige Nervenfasern, die auf der Flucht aus dem Gehirn verendet waren“. Was für eine Bildsprache. Gewaltig !

Die Geschichte nahm allerdings immer wieder ein rasantes Tempo auf und ich krallte mich mehr und mehr ins Sofa, wie bei einer Schlittenfahrt, bei der man schon den unausweichlichen Baum vor sich sieht.

Ich kann diesen Roman aufs wärmste empfehlen. Er hat mir humorvolle, nachdenkliche, kapitalismus-kritische, traumasensible und spannende Stunden bereitet.



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Veröffentlicht am 18.03.2025

Der Long Island Kompromiss

3

Jahrzehnte nach Carls Entführung schwebt diese noch über den Fletchers. Er selbst, seine Frau Ruth, Mutter Phyllis und die Kinder schlagen sich durch, zugegeben auf einem weichen Geldpolster. Und alle ...

Jahrzehnte nach Carls Entführung schwebt diese noch über den Fletchers. Er selbst, seine Frau Ruth, Mutter Phyllis und die Kinder schlagen sich durch, zugegeben auf einem weichen Geldpolster. Und alle gehen verschieden damit um. Als Matriarchin Phyllis stirbt, stürzt das wackelige Konstrukt der Fletchers ein, denn nun ist auch noch das Geld weg und jeder Einzelne von ihnen muss sich mit seinem Leben auseinandersetzen.
„Die Fletchers von Long Island“ von Taffy Brodesser-Akner beinhaltet eine ganze Familiengeschichte und erzählt nicht nur die Konsequenzen der Entführung, sondern auch wie die Fletchers zu einer der reichsten Familien Long Islands wurden. Das Augenmerk liegt jedoch auf der Katastrophe, die sich zwar lange anbahnt, doch dann trotzdem plötzlich hereinbricht.
Gerade der Anfang ist ziemlich stark, also der Anfang nach der Entführung. Taffy Brodesser-Akner betrachtet alle drei Kinder und deren Leben, der Reihe nach schonungslos unter dem Brennglas und ist dabei oft wunderbar überspitzt. Ihr jüdischer, schwarzer Humor hat mich oft auflachen lassen, denn gerade die Jungs sind alles andere als unversehrt und es driftet immer wieder ins Absurde. Sie schafft es, dass ich tatsächlich Mitleid mit diesen reichen Snobs hatte, die mit einem Platinlöffel im Mund geboren wurden, was gerade Jenny sehr bewusst ist.
Nach dem sehr starken Einstieg schleichen sich ein paar Längen ein, trotzdem wollte ich weiterlesen und erfahren, wie es mit den Fletchers endet, ob sie aus der Misere, eine Reiche-Leute-Misere, wieder rauskommen. Und auch wenn, die Lebensrealität dieser Superreichen nicht weiter von meiner entfernt sein könnte, waren sie mir teilweise sehr nah. Alles Übrige hat Taffy Brodesser-Akner mit ihrem wunderbaren Humor und ihrer Erzählweise aufgefangen.
Und ich kann mir vorstellen, dass auch dieser Roman wie ihr Debüt verfilmt wird.

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