Cover-Bild Vater unser

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22,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 284
  • Ersterscheinung: 18.02.2019
  • ISBN: 9783446262591
Angela Lehner

Vater unser

Die Polizei hat sie hergebracht, in die psychiatrische Abteilung des alten Wiener Spitals. Nun erzählt sie dem Chefpsychiater Doktor Korb, warum es so kommen musste. Sie spricht vom Aufwachsen in der erzkatholischen Kärntner Dorfidylle. Vom Zusammenleben mit den Eltern und ihrem jüngeren Bruder Bernhard, den sie unbedingt retten will. Auf den Vater allerdings ist sie nicht gut zu sprechen. Töten will sie ihn am liebsten. Das behauptet sie zumindest. Denn manchmal ist die Frage nach Wahrheit oder Lüge selbst für den Leser nicht zu unterscheiden. In ihrem fulminanten Debüt lässt Angela Lehner eine Geistesgestörte auftreten, wie es sie noch nicht gegeben hat: hochkomisch, besserwisserisch und zutiefst manipulativ.

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Lesejury-Facts

  • Dieses Buch befindet sich in 6 Regalen.
  • 3 Mitglieder haben dieses Buch gelesen.

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.04.2019

verwirrende Erinnerungen

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Eva wird von der Polizei in die Psychiatrie eingeliefert, sie soll angeblich eine Kindergartengruppe erschossen haben. Doch das ist eine Lüge, nicht die erste und nicht die letzte die Eva in ihrem Leben ...

Eva wird von der Polizei in die Psychiatrie eingeliefert, sie soll angeblich eine Kindergartengruppe erschossen haben. Doch das ist eine Lüge, nicht die erste und nicht die letzte die Eva in ihrem Leben erzählt hat. Schnell stellt sich heraus, dass auch ihr Bruder Bernhard in ebenjener psychiatrischen Einrichtung in Behandlung ist. Die Familienverhältnisse sind schwierig, doch Eva hat sich in den Kopf ihrem Bruder zu helfen. Und sie hat auch schon einen Plan: Der Vater muss sterben, damit es Bernhard wieder besser gehen kann.

Eva war für mich zu Beginn ein furchtbarer Charakter. Sie ist unhöflich, egoistisch, manipulativ, aufbrausend, leicht eingeschnappt und sieht nur das, was sie sehen will. Sie hat sich in den Kopf gesetzt, Bernhard zu retten, seien es die Ärzte, die Mutter oder die Vergangeheit. Dabei geht sie in der Sorge um ihren Bruder einfach über die Gefühle anderer hinweg und nur ihr Weg ist der richtige, alles andere akzeptiert sie nicht. Dass ihr Bruder diese Hilfe gar nicht möchte ist dabei nebensächlich. Nach und nach werden die psychischen Abgründe Evas immer offensichtlicher, etwas hat sie in der Vergangenheit stark traumatisiert und der Leser kommt nur langsam hinter die Geheimnisse. Auch die Familienverhältnisse sind recht schwierig, alles hängt irgendwie mit dem vater zusammen, doch so ganz wird die Vergangenheit nicht aufgedeckt. Der Leser muss ständig zwischen den Zeilen lesen, um zu erkennen, was der Wahrheit entspricht und was nur in Evas Phantasie stattfindet/stattfand. Den Erinnerungen von Eva kann man nicht trauen, oft will sie damit provozieren, an anderen Stellen scheint sie selbst nicht zu wissen, was real ist.

Die Sprache ist bissig, manchmal provokativ und erfrischend ehrlich. Immer wieder sind österreichischen Begriffe eingestreut, die jedoch auch für Nicht-Österreicher sofort verständlich sind. Das ist vielleicht nicht unbedingt nötig, aber es hat mich auch nicht weiter gestört. Die Vergleiche und Beschreibung sind zwar nicht immer nett, passen jedoch wie die Faust aufs Auge. Angela Lehner schafft es, das Verwirrspiel von Eva auf die Spitze zu treiben. Man hat das Gefühl mit jeder Seite versteht man weniger. Immer wieder werden zwar Bröckchen der (vermeintlichen?) Wahrheit eingestreut, doch das Gesamtbild erschließt sich dem Leser bis zum Schluss nicht. Und hier ist auch mein größter Kritikpunkt: Das Ende hat mich extrem enttäuscht zurück gelassen. Man hat das Gefühl, dass nichts abschließend geklärt wurde. Ich bin zwar stets dafür, Raum für die Fantasie des Lesers zu lassen, dennoch blieb mir hier am Ende doch zu viel ungeklärt.

Eva ist ein komplizierter Charakter, der es einem nicht leicht macht, sie zu mögen. Leider bleiben die anderen Figuren ein klein wenig blass neben ihr. Die Sprache ist ein großer Pluspunkt des Romans, doch alles in allem blieb mir zu viel offen. Es lohnt sich definitiv, das Buch zu lesen, konnte mich jedoch nicht vollends überzeugen.

Veröffentlicht am 11.04.2019

Was ist Wahrheit und was ist Fantasie?

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Der äußeren Aufmachung nach erinnert das in grellem Rot und Pink gestaltete Cover an die sog. Pop-Art. Und auch inhaltlich ist der Roman der damit einhergehenden Popliteratur zuzuordnen. Typisch für diese ...

Der äußeren Aufmachung nach erinnert das in grellem Rot und Pink gestaltete Cover an die sog. Pop-Art. Und auch inhaltlich ist der Roman der damit einhergehenden Popliteratur zuzuordnen. Typisch für diese ist ja, dass sie in realistischer Erzählweise häufig aus dem Leben von Heranwachsenden oder von gesellschaftlichen Außenseitern berichten, so wie hier von der „geistesgestörten“ Eva. Diese wird in eine Wiener psychiatrische Anstalt eingeliefert und erzählt in den Therapiesitzungen mit dem Psychiater aus ihrem bisherigen Leben. Sie zeichnet sich durch Schlagfertigkeit, besserwisserische Art, Intrigantentum aus. Das eigentlich Faszinierende aber ist, dass sich schon bald deutlich manche Widersprüche auftun und am Ende der Leser ratlos dasteht mit seinen Fragen, was an Evas Geschichte wahr ist und was ihrer Fantasie entsprungen ist. So völlig im Gegensatz dazu stehen religiöse Bezüge der Geschichte und eingeflossene österreichische Begriffe. Mein einziger Kritikpunkt ist, dass ich die Protagonistin keineswegs als hochkomisch ansehe, wie sie auf dem Buchrückentext charakterisiert wird, so dass evtl. Erwartungen, einen humorvollen Roman zu lesen zu bekommen, nicht erfüllt werden.

Veröffentlicht am 08.04.2019

Ich bin geflasht

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Die Sprache ist lässig wie ein Schulterzucken, mit zahlreichen österreichischen Einsprengseln, die dankenswerterweise nicht als mühsam aufgetragene Lokalkolorit-Patina daherkommen, sondern einfach passen. ...

Die Sprache ist lässig wie ein Schulterzucken, mit zahlreichen österreichischen Einsprengseln, die dankenswerterweise nicht als mühsam aufgetragene Lokalkolorit-Patina daherkommen, sondern einfach passen. So manches Grinsen hat mir Angela Lehners unbestreitbares Talent für Vergleiche entlockt. Da ist ein Beamter „klein und bullig wie ein Eierbecher“, die Mutter „langweilig wie ein Beutel Kamillentee“, eine Mit-Patientin hat „Ohren größer als Vorarlberg“ und der Imbiss ist „trostloser als ein dickes Kind auf einer Poolparty“. Fand ich spaßig.

Zur Handlung: Im Zentrum des Romans steht die Protagonistin und Ich-Erzählerin Eva Gruber, die aufgrund ihrer Behauptung, eine Kindergartenklasse erschossen zu haben, in die Psychiatrie eingewiesen wird. Die Behauptung war eine Lüge – und auch nicht Evas letzte – und diente einzig dem Ziel, in derselben Einrichtung untergebracht zu werden wie Evas Bruder Bernhard. Denn um ihn, den lebensbedrohlich Magersüchtigen, geht es Eva in erster Linie, darum, ihn zu „retten“. Und Eva weiß auch schon wie: Sie müssen ihren Vater umbringen, diese Wurzel allen Übels. Er ist das Geschwür, das unter der Haut schwärt: „Jedes Jahr füllt es sich mehr mit Eiter, nur um eines Tages überraschend zu platzen und den ganzen Menschen implodieren zu lassen.“

Das Buch ist dreigeteilt, jeder Teil im Sinne der Trinität jeweils mit „Vater“, „Sohn“ und „Heiliger Geist“ überschrieben. Und obwohl die drei Teile jeweils einen anderen Schwerpunkt haben, fügen sie sich zu einem stimmigen Ganzen. Während des ersten Teils, Evas „Therapie“, war ich hin- und hergerissen, ob ich Eva schütteln will und ihr sagen, sie möge sich jetzt mal bitte am Riemen reißen – oder ob ich sie nicht doch besser mit nach Hause nehme, ihr einen Teller heiße Suppe gebe und ihr sage, sie solle sich mal richtig ausschlafen. Zu Beginn des zweiten Teils (ohne zu spoilern: die Szene, in der Eva die alte Frau beobachtet, die in der prallen Sonne steht, und dann mit ihr, nennen wir es: ‚interagiert‘) war mir klar: Ich spiele im Team Eva. Auch wenn sie lügt und manipuliert, das Klinikpersonal verarscht und man als Leser*in nie weiß, was Dichtung ist und was Wahrheit, ob die geschilderten Ereignisse Wirklichkeit sind oder nur in Evas Kopf existieren. Mit der Eva als Kind, wie sie sich in ihren Rückblicken darstellt („Ich bete nicht für einen Lutscher“), wäre ich als Kind gern befreundet gewesen. Auch oder gerade weil meine Mutter diese Freundschaft höchstwahrscheinlich argwöhnisch beäugt hätte. Und die erwachsene Eva nehme ich mit heim und koche ihr Suppe. Auch Alphatiere müssen sich mal ausruhen.

Ungeachtet meiner nicht zu leugnenden Sympathie für die Autorin, kann ich schon jetzt behaupten, dass „Vater unser“ zu meinen Lesehighlights 2019 gehört. Very well done, Angela Lehner!