Cover-Bild Wallace

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22,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Schöffling
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 264
  • Ersterscheinung: 05.02.2019
  • ISBN: 9783895611322
Anselm Oelze

Wallace

Roman
Frühjahr 1858: Ein Brief verlässt eine kleine Insel in den Molukken. Sein Ziel ist Südengland, sein Inhalt: ein Aufsatz über den Ursprung der Arten. Kaum ein Jahr später sorgt die Schrift für Aufsehen und wird bekannt als Theorie der Evolution. Doch nicht der Verfasser des Briefes, der Artensammler Alfred Russel Wallace, erntet den Ruhm dafür, sondern sein Empfänger, der Naturforscher Charles Darwin. Von Wallace bleibt lediglich eine nach ihm benannte Trennlinie der Arten im Malaiischen Archipel.
Einhundertfünfzig Jahre später stößt der Museumsnachtwächter Albrecht Bromberg auf das Schicksal des vergessenen Wallace. Er begibt sich auf seine Spuren und je länger er mit Wallace unterwegs ist, desto mehr zweifelt Bromberg an, ob alles so bleiben muss, wie es ist. Er fasst einen Plan, der endlich denjenigen ins Licht rücken soll, der bisher im Dunkeln war, und erkennt: Geschichte wird nicht gemacht, sondern geschrieben.
Mit seinem Debüt ist Anselm Oelze ein philosophischer Abenteuerroman gelungen, ein literarisches Denkmal für die Außenseiter des Lebens und der Geschichte.

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.02.2019

Gerechtigkeit für Alfred Russell Wallace

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Den meisten Menschen der Welt, die das Glück hatten und haben, eine Schule besuchen zu dürfen, ist Charles Darwin vermutlich ein Begriff. Der Begründer der Evolutionstheorie. Weniger bekannt dürfte den ...

Den meisten Menschen der Welt, die das Glück hatten und haben, eine Schule besuchen zu dürfen, ist Charles Darwin vermutlich ein Begriff. Der Begründer der Evolutionstheorie. Weniger bekannt dürfte den Meisten hingegen Alfred Russell Wallace sein, der praktisch parallel zu den gleichen Ergebnissen gelangte, mit denen zeitlebens Charles Darwin verbunden ist.
Als Alfred Bromberg, Nachtwächter im Museum für Natur- und Menschheitsgeschichte, zufällig auf ein Foto von Wallace stößt und von einem befreundeten Antiquar dessen Lebensgeschichte erfährt, beginnt er auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen, ob Darwins Ruhm nicht eigentlich Wallace zusteht. Kann er, Bromberg, ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen?
Abwechselnd zu Brombergs Geschichte wird auch von Wallaces Leben erzählt, seinen Reisen nach Südamerika wie auch Asien. Der Autor besitzt einen herrlichen, leicht altertümlich liebenswürdigen Stil, der einem praktisch die gesamte Lesezeit ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Ein richtiger Lesegenuss! („Umringt von den Kindern räumte er seine Kisten an Land. Ein kleines, langhaariges Mädchen befühlte zaghaft den groben Stoff seiner Hose, ein anderes grub, während er sich nach unten beugte, vorsichtig ihr dünnes Händchen in das haarige Knäuel unter seinem Kinn.“ Oder „… (er) wünschte, es würde sich in diesem Moment seine Diarrhö bemerkbar machen. Mit jenem Grummeln im Unterleib, das von außen so klang und sich von innen so anfühlte, als braue sich ein Gewitter zusammen.“)
In den Erzählungen über die beiden Männer finden sich neben manch naturwissenschaftlichen Abhandlungen (die problemlos zu lesen und zu verstehen sind) auch Exkurse zu philosophischen Gedanken: Was ist Gerechtigkeit? Gibt es sie überhaupt? Ist ein Mensch mehr wert als der andere? Stets sehr anschaulich und unterhaltsam geschrieben, was bei solchen Themen nicht unbedingt selbstverständlich ist.
Dennoch störte mich etwas. Die Beziehung Brombergs zu Wallace leuchtete mir während des Lesens immer weniger ein. Mir blieb unklar, weshalb diese historische Persönlichkeit einen solch großen Einfluss auf Brombergs Leben zu nehmen beginnt. Und so empfand ich den Zusammenhang der beiden Geschichten immer weniger glaubwürdig, fast schon aufgesetzt. Schade, denn beide Teile für sich genommen sind überaus lesenswert! Nichtsdestotrotz bleibt es eine empfehlenswerte Lektüre.

Veröffentlicht am 16.02.2019

Gelungenes Debut

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Ein kleines, feines Buch hat der Schöffling-Verlag in diesem Jahr mit „Wallace“ herausgebracht. Sein Autor, Anselm Oelze, stellt uns dabei Alfred Russel Wallace (1823-1913) vor. Ein Naturwissenschaftler, ...

Ein kleines, feines Buch hat der Schöffling-Verlag in diesem Jahr mit „Wallace“ herausgebracht. Sein Autor, Anselm Oelze, stellt uns dabei Alfred Russel Wallace (1823-1913) vor. Ein Naturwissenschaftler, der zur gleichen Zeit wie Darwin seine Überlegungen zur Evolution niederschrieb. Oelze inszeniert in seinem Buch sehr geschickt Wallace als Kontrahent Darwins, dem zu Unrecht der Ruhm versagt wurde.

Erzählt wird die Geschichte von Wallace auf zwei Ebenen. Oelze lässt den Nachtwächter eines Museums auf dieses scheinbare Unrecht stoßen. Der, nachdem er erst einmal Lunte gerochen hat, vertieft sich immer mehr in das Leben von Wallace und schmiedet schließlich einen Plan, der Wallace doch noch zu seinem Recht (und seinem Ruhm) in der Geschichte bringen soll. Zu dieser Schelmengeschichte gesellt sich ein zweiter Erzählstrang, die Entdecker- und Abenteuergeschichte von Wallace bis zum Jahr 1858, wobei Oelze Wallace – wozu auch immer diese Marotte dienen soll – immer nur den „jungen Bärtigen“ bzw. später den „Bärtigen“ nennt.

Oelze orientiert sich dabei an der Biographie von Wallace, lässt zum Beispiel auch dessen Hang zum Spiritismus nicht aus. Hinzu kommt allerdings Oelzes sprachgewaltige Ausschmückung der beschriebenen Szenen. Wenn Wallace seine Theorie von der Entstehung der Arten entwirft, so tut er das in einem Fieberrausch, bei dem der Leser die explodierende Begeisterung, das Heureka! miterleben kann. Vergessen ist der unerträgliche Geruch des verwesenden Schweins vor der Hütte, wenn sich kaskadenhaft Überlegung an Überlegung reiht. Denn: „seine Gedanken rasten so schnell, dass er sie nicht anzuhalten vermochte“.

An solchen Stellen spürt man förmlich den Spaß am Spiel mit Worten und Formulierungen. Manches mag zwar etwas überzogen beschrieben sein, manches wirkt eher wie ein Exkurs als zur Handlung gehörig, anderes dafür ist einfach nur großartig erzählt. „Wallace“ ist ein Roman, der mir mit seiner Erzählkraft und mit seinem Witz beim Lesen enorm viel Freude bereitet hat.

Veröffentlicht am 13.02.2019

Kein Knaller, nur ein Böllerchen

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Am Anfang dieses Roman stand vermutlich eine Idee: Wie ungerecht es nämlich ist, dass Darwin und Wallace zwar gleichzeitig auf die Evolutionstheorie kamen, aber nur der eine sich als Ikone der Wissenschaft ...

Am Anfang dieses Roman stand vermutlich eine Idee: Wie ungerecht es nämlich ist, dass Darwin und Wallace zwar gleichzeitig auf die Evolutionstheorie kamen, aber nur der eine sich als Ikone der Wissenschaft in das Gedächtnis der Menschheit brannte, obwohl der andere die Idee sogar als Erster aufs Papiergebracht hat: in einem Brief von Wallace an Darwin. Aus dieser Idee entwickelt Oelze zwei Erzählstränge: Zum einen folgen wir dem Leben Wallaces in ausgewählten Streiflichtern, zum anderen dem Museumsnachtwächter Albrecht Bromberg in einem Wendepunkt seines eingefahrenen Lebens.
Es ist alles da für einen runden Roman: eine erstklassige Ausstattung durch den Verlag Schöffling & Co., ein faszinierendes Gelehrtenleben, exotische Schauplätze, ein epochaler Konflikt und ein stimmiger Antiheld mit extravaganter Entourage (ein Stammtisch namens „Elias-Birnstiel-Gesellschaft“).
Und dennoch halte ich den Roman für misslungen. Warum?
Das liegt am Stil und dem schlecht angefassten Personal sowie einer hanebüchenen Wendung.
Zunächst ist es die Sprache, die ungemein störend ist. Oelze befleißigt sich eines eigenartigen, umständlichen Stils, bei dem die Zeilen mit Adjektiven geflutet werden, dass jeder Stilkunde die Blätter aus der Bindung rutschen. „Gelbschnabelige Tukane“ (S. 56) bevölkern statt Gelbschnabeltukanen den Urwald, von denen manche auch noch „breitschnabelig“ (S. 57) sind, der „malaiische Maat in seinen ockergeben Puffhosen schlug so laut und energisch mit dem messingenen Klöppel gegen das glänzende Gehäuse der Glocke“ (S. 8), „sommersprossige Bananen“ (S. 225) erfinden ein neues Adjektiv und „vielförmig gemusterte Jaguare“ (S. 57) lassen den Leser sich wundern, wie wohl einförmig gemusterte Jaguare aussehen würden. Gepaart wird diese Lust am Attributieren mit einer verirrten Wortwahl, die sich offenbar aus der falschen, aber unmittelbar benachbarten Schublade bedient: „Weltgewandtheit“ statt Weiterfahrenheit (S. 59), „Auskommen“ statt Lebensgrundlage (S. 66) und dergleichen mehr.
Am unerklärlichsten bleibt die Entscheidung des Autors, seinem Titelhelden das ganze Buch über seinen Namen zu verweigern. Von den ersten Szenen bis zum Schluss wird Wallace in seinem Erzählstrang konsequent als „der junge Bärtige“ bezeichnet, der später dann zum „Bärtigen“ reift. Unerklärlich ist diese gekünstelte Distanz zur Person auch deshalb, weil sie den Schwerpunkt nicht etwa auf den Forscher, Weltreisenden, Denker oder Geographen legt, sondern auf das äußere Merkmal des Bartträgers. Hierin war Wallace seinem Evolutionszwilling immerhin voraus: Wallace hatte schon einen bemerkenswerten Bart, als Darwin noch auf den Backenbart beschränkt war (im Alter von 45 Jahren). Aber so bemerkenswert ist das dann auch wieder nicht.
Überhaupt dieser Titelheld: Alfred Russel Wallace ist gewiss keine einfach zu fassende Persönlichkeit gewesen. Sein Lebenslauf ist eher krumm - zum Naturforscher wurde er erst „auf dem zweiten Bildungsweg“, einen ersten durchschlagenden Erfolg verhinderte der schicksalhafte Verlust von fünf Jahren Forschungsleistung in Brasilien bei einem Seeunglück, und am Ende protestiert Wallace nicht einmal, als Darwin das ihm zugesendete Manuskript über die Entstehung der Arten nicht nur nicht veröffentlicht, sondern einen eigenen Aufsatz mit denselben Ideen veröffentlichte. Warum nicht? Ist es die Schüchternheit Wallaces, von der uns Oelze in seinem Roman berichtet? Ist es die Unsicherheit, ob die Theorie überhaupt ankommt und in der Öffentlichkeit bestehen kann? Oder ist es vielleicht auch die Tatsache, dass Wallace schon gewusst hat, dass Darwin mit einer solchen oder ähnlichen Idee seit Jahren schwanger ging, weshalb er sich gar nicht ausgestochen gefühlt hat? Wissen wir nicht - die Darwin- und die Wallace-Biographen wissen es auch nicht, geben aber unisono Darwin den Vorzug. Zurück zur Figur Wallaces: Ist er eigentlich ein Naturforscher? Einer, der für die Verbreiterung des menschlichen Wissens kämpft? Der für das Wissenschaftlerleben brennt? Er ist es nicht. Er ist ein Sammler, und zwar ein richtig guter, nicht nur was Käfer betrifft. Er bedient - auch aus finanziellen Gründen - das Bedürfnis von Sammlern in England und sammelt auf seinen Reisen nach Brasilien und Indonesien mit den Absichten des Verkaufs. Die so gelehrt daherredenden Herren sind seine Sache sowieso nicht (S. 87) - und als er nach dem Brasiliendesaster erneut aufbrechen möchte, lässt er sich nicht etwa von einem eigenen Erkenntnisinteresse, einer eigenen Forschungsidee leiten, sondern lässt sich Malaysia vom Präsidenten der Geographischen Gesellschaft empfehlen (S. 135). Wallace ist kein Visionär, er ist ein Sammler und Beobachter mit guten Ideen. Zum Beispiel zum Ursprung der Arten und zur Biogeographie („Wallace-Linie“), aber auch zu gesellschaftlichen Problemen und spiritistischen Modellen. So schwer das Leben des historischen, wirklichen Albert Wallace zu fassen ist, so schwer ist es auch Oelze gefallen, seinen literarischen Titelhelden zu fassen. Der „junge Bärtige“ bleibt unverständlich und funktioniert als Romanfigur nur so lala, auch weil er so, wie er angelegt ist nicht zum Helden taugt.
Was darüber hinaus unbegreiflich bleibt - weil sie das eigentlich Interessante an Wallace ist, wenn man ihn Darwin gegenüber stellt -, ist die mangelhaft ausgeführte Forscherinnensicht: Erst zum Ende hin dürfen wir Wallace einen klugen Gedanken zu Ende denken lesen. Zuvor auf S. 66 f. wird diese wichtige Szene verschenkt: Wallace fragt sich nach dem Ursprung der Vielfalt und mithin nach dem Ursprung der Arten – einem Kern von Wallaces Schaffen! Und was macht Oelze aus der Szene? Sie mündet in einem Urwaldklamauk, bei dem der "junge Bärtige" nackt den Schmetterling jagt. Dieselben Gedanken versenkt Oelze dann auf S. 86 erneut in der Nackedeigroteske. Vielleicht ist das verzögernde Absicht? Damit entscheidende Erkenntnisse erst später, im malaiischen Dschungel geliefert werden können? Selbst dann aber empfinde ich die clowneske Unterbrechung als schlechte Autorentscheidung.
Was ist mit der zweiten Hauptfigur Albrecht Bromberg? Er funktioniert ziemlich gut - ein talentierter Mensch ohne persönlichen Ehrgeiz landet er nach einigem Herumstudieren als Nachtwächter im Naturkundemuseum. Hier richtet er sich in einem Leben ein, das er dank eingetaktetem Ablauf nicht mehr hinterfragen muss. Solchen Menschen kann man immer wieder begegnen - und dass sie sich dann doch irgendwann für eine Sache begeistern, kommt immer wieder vor. Soweit, so plausibel. Wie genau Brombergs Interesse geweckt wird, finde ich diskutabel (der „Stolperer“), aber egal. Brombergs morgendlicher Stammtisch - die „Elias-Birnstiel-Gesellschaft“ - ist der Höhepunkt des Buchs. Die skurrilen Figuren hier (es hätte auch ein Frau dabei sein können …) knattern ihre intellektuellen Wortspiele nur so herunter und reißen einige großen Themen an - Geniebegriff, Theodizee, Voltaire versus Leibniz etc. -, womit auch ein paar Flanken abgedeckt sind, die man braucht, wenn man die Ungerechtigkeit von Darwin/Wallace, die ich als Ursprung des Romans bezeichne, thematisieren möchte. Das ist nicht zu tiefgeschürft und unterhaltsam. Auch der Antiquar Schulzen würzt das Personal des Romans mit seinem skurrilen Auftreten. Alles wäre nochmal gut gegangen, wenn Oelze nicht mit Rosa die Frau in Brombergs Leben hätte treten lassen, die den Charakter des Romans mit einer Schnapsidee umkehrt: Sie schlägt vor, den verschwundenen Begleitbrief Wallaces, in dem er Darwin um Veröffentlichung des zugesendeten Aufsatzes bittet, zu fälschen. Zwar wäre damit immer noch nicht Wallace der Erfinder der Evolutionstheorie - da sind in Fachkreisen sowieso Darwin und Wallace gleichberechtigt -, aber Darwin stünde als mieser Kollege da, der dem anderen den Ruhm gestohlen hätte, als erster publiziert zu haben. An dieser Stelle (S. 231) bricht die Urmotivation des Romans heraus, Wallace zu retten, hier werden Oelze und Bromberg/Rosa eins, denn Oelze lässt in einem letzten, lahmen Kapitel Wallace tatsächlich einen solchen Brief geschrieben haben.
Im Übrigen wird dieser Brief nicht zitiert, sondern nur beschrieben, dass er existiert. Wie überhaupt Oelze nicht ein Schriftstück mit eigenem Wortlaut reden lässt, Nicht einmal das kurze Telegramm des verhinderten Brautvaters, das eine so niederschmetternde, auf Seiten ausgebreitete Wirkung auf den abgewiesenen Wallace hat, wird wörtlich wiedergegeben (S. 131 f.). Fad.
Dafür spickt Oelze den Roman mit mehr oder minder passenden Exkursen - zum Überleben der Zikaden dank Primzahlenintervall (S. 116 ff.), zur Landkartenverzerrung (S. 191 ff.), zu wählerischen Bienenvölkern (S. 205 ff.), zum Wunderbaren (S. 217 ff.) u.s.w. Fast immer „nice to know“, aber fremd in der Geschichte.
Als Fazit bleibt mir nur, die Befürchtung Brombergs zu bemühen, dass manche als „Knaller“ gedachte Idee „als armselige, kleine Böllerchen“ verrecken (S. 227). Ein schöner Roman mit viel Potenzial ist hier misslungen.

Veröffentlicht am 10.02.2019

Ein Verlierer der Geschichte

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„Wallace“ betitelt der Autor Anselm Oelze seinen Roman, der englische Naturforscher Herbert Russell Wallace ist damit gemeint. Das ist aber auch das einzige Mal, dass Oelze seinen Protagonisten beim Namen ...

„Wallace“ betitelt der Autor Anselm Oelze seinen Roman, der englische Naturforscher Herbert Russell Wallace ist damit gemeint. Das ist aber auch das einzige Mal, dass Oelze seinen Protagonisten beim Namen nennt. Er wird der „Junge Bärtige“ genannt, im Lauf der Jahre verliert sich das Attribut jung und es bleibt nur der „Bärtige“ über.

Aber ich beginne von vorn: Bromberg ist ein Museumsnachtwächter, eine Aufgabe so gut wie jede andere, die Bromberg seine Routine lässt. Er scheint überhaupt ein in Gewohnheiten und zeitlichen Ritualen feststeckender Mensch zu sein, dessen Alter anfangs deutlich höher scheint, als sich im Lauf der Geschichte erweist. Eines Nachts stolpert er über eine alte Fotografie, die den blassen, bärtigen jungen Herbert Russell Wallace zeigt und erklärt, dass er zusammen mit Darwin als Entdecker der natürlichen Selektion der Arten gilt, aber leider nie die Anerkennung bekam, der ihm zusteht. Das elektrisiert Bromberg und er sinnt darüber nach, wie er Wallace posthum zum verdienten Ruhm verhelfen kann.

Abwechselnd begleiten wir den Bärtigen auch auf zwei seiner Reisen, haben Teil an seiner Sammelleidenschaft, seinen Strapazen und Abenteuern. Die erste Reise war anfangs erfolgreich, aber dann verliert er durch ein Schiffsunglück seine gesamten Präparate und damit ist der finanzielle Erfolg dahin. Einige Jahre später lässt er sich zu einer zweiten Reise inspirieren und beginnt seine Gedanken über die Selektion der Arten zu formulieren. Doch ein Landsmann ist schneller. Darwin, der von Freunden auf den jungen Mann aufmerksam gemacht wurde, lässt nur sein schon lange in Schublade liegendes Manuskript veröffentlichen und heimst damit den alleinigen Ruhm der Nachwelt ein.

Es gibt in der Geschichte viele Beispiele von fast gleichzeitigen Entdeckungen und Erkenntnissen, die einen Verlierer zurücklassen. Wallace ist einer davon und ich hätte gern mehr über diesen Sammler und Amateurforscher gelesen. Doch ausgerechnete diese Kapitel konnten mich nicht so recht begeistern. Sicher lag es auch am inflationären Gebrauch der Bezeichnung „Junger Bärtiger“, die eine unnötige Distanz herstellten. Die Sprache empfand ich überladen, gewollt blumig um vielleicht „altmodisch gelehrt“ zu scheinen. Ich hatte den Eindruck, Oelze versucht durch eine Vielzahl von Adjektiven, die manchmal arg konstruiert schienen, der Geschichte eine bedeutsame Atmosphäre zu verleihen. Dazu gehören auch immer wieder eingestreute Exkurse in alle möglichen Randgebiete, zum Beispiel Spiritismus, dem sich Wallace im späteren Leben auch zuneigte.

Lebendiger erschienen mir Bromberg und sein erwachter Lebensgeist, der aber letztlich in einer Aktion verpuffte, die eher einen Schelmenstreich darstellt.

Eines macht dieses Buch aber besonders: das ist die Ausstattung, die der Schöffling Verlag dem Roman mitgibt. Ein wunderschönes Cover, edles Papier und ein Lesebändchen. Es ist ein sinnliches Vergnügen das Buch in Händen zu halten.

Als Fazit bleibt aber eine gewisse Enttäuschung, ich hatte mir von diesem Roman mehr erhofft.

Veröffentlicht am 07.02.2019

The Winner Takes It All

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Für Zweitplatzierte gibt es in der Geschichte keinen Platz, Ruhm ernten allein die Sieger. Was aber, wenn ein Sieger nicht zurecht gewonnen hat, nur früher losgelaufen ist? Kann und darf man die Geschichte ...

Für Zweitplatzierte gibt es in der Geschichte keinen Platz, Ruhm ernten allein die Sieger. Was aber, wenn ein Sieger nicht zurecht gewonnen hat, nur früher losgelaufen ist? Kann und darf man die Geschichte dann umschreiben, zur Not mit drastischen Methoden? Darum geht es im Debütroman „Wallace“ des 1986 geborenen Anselm Oelze.

Alfred Russel Wallace (1823 – 1913), britischer Zoologe und Botaniker, war mir bisher unbekannt. Dass er zumindest gleichzeitig mit Darwin die Evolutionstheorie entwickelt hat, wusste ich vor der Lektüre dieses historischen Abenteuerromans nicht. Wallace regte 1858 durch einen Aufsatz, den er aus Bescheidenheit oder aufgrund von Selbstzweifeln statt an ein Journal an Charles Darwin schickte, diesen erst zu einer Veröffentlichung seiner eigenen Forschungen an. Zwar weist Darwin auf der ersten Seite der Einleitung seines Hauptwerkes „Über die Entstehung der Arten“ auf Wallaces Entdeckung hin, doch blieb dies weitgehend unbeachtet.

Genau mit diesem Umstand will sich Albrecht Bromberg, Nachtwächter im Museum für Natur- und Menschheitsgeschichte nicht abfinden. Den schrulligen Mann, der bisher seinen Dienst überpünktlich und korrekt ausgeführt hat, katapultiert die Entdeckung von der Ungerechtigkeit der Geschichte aus seinem gleichförmigen Leben und hin zu einer Mission: Er möchte die Geschichtsschreibung korrigieren und Gerechtigkeit herstellen, egal um welchen Preis.

In elf Kapiteln, umrahmt von Prolog und Epilog, erzählt Anselm Oelze abwechselnd episodenhaft von Wallaces beiden Forschungsreisen 1848 bis 1852 an den Amazonas und den Rio Negro sowie 1854 bis 1862 zum Indonesischen Archipel und von Albrecht Brombergs schockierender Erkenntnis. Wie konnte es dazu kommen, dass Wallace heute nur für die nach ihm benannte tiergeografische Trennlinie zwischen Bali (asiatische Tierwelt) und Lombok (australische Tierwelt) bekannt ist, nicht aber für seine 1858 während einer durchwachten Malariafiebernacht aufgestellte Evolutionstheorie? Und was stand im verschollenen Begleitbrief zu jenem Aufsatz, den er an Darwin schickte?

Anselm Oelze von Humor durchsetzter Roman in zwei Zeitebenen ist vor allem in den in der Vergangenheit spielenden Kapiteln in einer opulenten, adjektivreichen Sprache verfasst. Meist haben mir diese oft langen, verschachtelten Sätze Spaß gemacht, weil sie gerade noch rechtzeitig zum Punkt kamen. Auch die teils umständlichen Formulierungen haben mich nicht gestört, mit einer Ausnahme: Wallace wird in seinen Kapiteln nie mit Namen genannt, vielmehr ist er während seiner ersten Reise „der junge Bärtige“, später „der Bärtige“. Auch wenn Oelze so illustriert, dass Wallace sich keinen Namen machen konnte, wirkten die Bezeichnungen wie Stolpersteine im Lesefluss und haben mich zunehmend genervt. Überhaupt kam ich dem Charakter von Wallace nicht nah, ganz im Gegensatz zum Nachtwächter und seinen skurrilen Freunden von der Elias-Birnstiel-Gesellschaft. Als ebenso unterhaltsam wie informativ empfand ich die Exkurse in andere Gebiete, egal ob sie die Anordnung der Exponate im Naturkundemuseum, die Intelligenzforschung, die verzerrte Darstellung von Weltkarten oder die Bedeutung der Primzahlen für die Zikaden betrafen.

Herstellungstechnisch ist dem Verlag Schöffling & Co. alles an diesem Buch meisterhaft gelungen: der seidig glänzende Umschlag mit dem Prachtkäfer, die Landkarten im Deckel, der großzügige Druck, das cremefarbene Papier und das Lesebändchen.