Cover-Bild Das Gewicht von Schnee
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24,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Hoffmann und Campe
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: zeitgenössisch
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 288
  • Ersterscheinung: 07.10.2020
  • ISBN: 9783455009323
Christian Guay-Poliquin

Das Gewicht von Schnee

Roman
Sonja Finck (Übersetzer), Andreas Jandl (Übersetzer)

In der weißen Hölle des Winters

 

Nach einem schweren Autounfall ist ein junger Mann gezwungen, auszuharren: in einem Dorf, das durch einen landesweiten Stromausfall und unaufhörlich fallenden Schnee immer mehr von der Außenwelt abgeschnitten wird, und bei einem älteren, hier ebenfalls nur gestrandeten Mann. Der nimmt ihn bloß auf, weil die Dorfgemeinschaft ihm im Gegenzug die Versorgung mit Lebensmitteln verspricht sowie einen Platz im einzigen Bus, der im Frühjahr Richtung Stadt aufbrechen wird.
Während das Dorf immer tiefer im Schnee versinkt, schwanken die beiden vom Zufall zusammengezwungenen Männer zwischen Mitleid und Misstrauen, Hilfsbereitschaft und Hass. Werden sie durchhalten bis es taut?
Sprachlich präzise und lyrisch zugleich erzählt Christian Guay-Poliquin einen ungewöhnlichen Pageturner, dessen dramatische Intensität seinesgleichen sucht und der vielfach preisgekrönt wurde.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.02.2021

Kälte und Poesie

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Mein Land ist kein Land, es ist der Winter, hat ein kanadischer Dichter einmal geschrieben, und diese Zeilen gingen beim Lesen von Christian Guay-Poliquins Buch "Das Gewicht von Schnee" wie ein Echo ...

Mein Land ist kein Land, es ist der Winter, hat ein kanadischer Dichter einmal geschrieben, und diese Zeilen gingen beim Lesen von Christian Guay-Poliquins Buch "Das Gewicht von Schnee" wie ein Echo durch meinen Kopf. Denn in diesem ungewöhnlichen Roman voll spröder Poesie spielt der Winter und das Überleben zwischen Schnee- und Eismassen eine Hauptrolle. Schon bei den zunächst verwirrenden Kapitelüberschriften - das Buch beginnt mit "38" - kein Fehler bei der Gliederung, sondern die aktuelle Schneehöhe, wie sich nach und nach herausstellt.

Und auch wenn der Autor viele eindrucksvolle Wort und Formulierungen findet, um diesen gewaltigen Winter immer wieder neu zu beschreiben, ist "Das Gewicht von Schnee" kein Naturroman, sondern ein distopisches Kammerspiel voll zunehmender Paranoia. Der namenlos bleibende Ich-Erzähler ist in sein Heimatdorf zurückgekehrt, um noch einmal seinen Vater zu sehen. Doch auf dem Weg dahin hatte er einen schweren Unfall, beide Beine sind mehrfach gebrochen, er ist vollkommen hilflos. Fast hätten die Dorfbewohner, die ihn fanden, ihn wie ein verletztes Tier von seinen Leiden erlöst, zumal sie fürchteten, die knappen Medikamente könnten für ihn verbraucht worden. Doch in dem Moment, in dem er als einer der Ihren erkannt wurde, erhält er die Chance zum überleben.

Es ist ein Fremder, ein alter Mann namens Matthias, der sich um den Verletzten kümmert - in einem Haus, etwa eine Stunde Fußweg vom Rest des Dorfes entfernt und selbst gestrandet. Er möchte nichts lieber, als wieder zurückzukehren in die Stadt, aus der er gekommen ist, um sich um seine in einem Pflegeheim wartende Frau zu kümmern. Doch das ist nicht möglich: Der Himmel voller Schneewolken hat seit Wochen nicht aufgehört, "das Land zu begraben. Die Welt steht still. Wartet auf den Frühling. Von hier gibt es keinen Ausweg. Die Berge zerschneiden den Horizont, der Wald umzingelt uns von allen Seiten, das Weiß sticht ins Auge."

Doch es ist nicht alleine der strenge Winter, der die Dorfbewohner gefangen hält. Die Stromversorgung ist zusammengebrochen, aber wohl auch die öffentliche Ordnung im ganzen Land. Gerüchteweise ist von Plünderungen die Rede in den Städten, von Milizen, von bürgerkriegsähnlichen Zuständen - vielleicht aber gibt es jenseits des eingefrorenen Dorfes, in dem die Lebensmittel immer knapper werden, auch ein besseres Leben. Heimlich arbeitet jeder an seiner Exit-Strategie, auch Matthias, während der Erzähler zunächst zu schwach ist, um überhaupt zu reden oder irgendwelches Interesse an seiner Umgebung zu entwickeln. Als er die Lage erkennt, will aber auch er nicht alleine zurück bleiben. Bis dahin, so schreibt er sei jeder "der Gefangene des anderen".

In einer Welt, in der alle Gewissheiten dahin sind und die Natur allemal stärker, können die Einzelnen nur auf ihr Überleben hoffen. Viele der Umstände der Außenwelt bleiben dabei vage, der Erzähler und Matthias gefangen in ihrer Einsamkeit, der wechselseitigen Abhängigkeit in dem entlegenen Dorf und der Hoffnung, am Ende zu überleben. Der Winter steht dabei für die Schönheit und Brutalität des Lebens an sich. Nicht nur das isolierte (Über-)leben in einem verlassenen Haus - eigentlich nur seiner Veranda, die ist leichter zu heizen) schafft eine klaustrophobische Atmosphäre, in der menschliche Nähe und gegenseitiges Belauern gleichermaßen im Spiel sind. Für diese verstörende Schönheit voller Ängste hat Guay-Poliquin mit "das Gewicht von Schnee" die passende Sprache gefunden.

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Veröffentlicht am 11.12.2020

Wunderbar sentimentaler Roman

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Mein erstes Buch des französischen Autors, das mich herrlich auf die bevorstehenden Wintermonate eingestimmt hat.

Der Klappentext verspricht bereits eine spannende Story, die rasanter nicht hätte beginnen ...

Mein erstes Buch des französischen Autors, das mich herrlich auf die bevorstehenden Wintermonate eingestimmt hat.

Der Klappentext verspricht bereits eine spannende Story, die rasanter nicht hätte beginnen können. Bei einem Autounfall verliert ein junger Mann fast sein Leben. Der Unfall passiert in einem kleinen Dorf, in dem es sehr familiär zugeht. Natürlich ist man sofort zur Stelle und hilft dem Verletzten, aber wohin mit ihm? Durch seine Verwandtschaft mit einem verstorbenen Einwohner bringt man ihn bei Matthias, einem Außenseiter außerhalb des Dorfes, unter. Da er den Verletzten pflegt erhält Matthias im Gegenzug Hilfe aus dem Dorf in Form von Lebensmitteln.

Die beiden Männer schweigen sich zunächst nur an. Doch mit der Zeit kommen sie sich näher und die Realität beginnt. Es ist dem Autor hier sehr schön gelungen, die gemeinsamen Situationen zu beschreiben, die die beiden Männer erfahren. Eingepfercht auf engstem Raum, abgeschnitten von der Außenwelt durch heftigen Schneefall und auch noch ohne Strom, müssen sie ihr Zusammenleben in den Griff bekommen. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht.

Aus der Ich-Perspektive beschreibt der Verletzte seine Erlebnisse im Präsens und gibt dem Leser auch Einblicke in seine Gefühlswelt preis. Der Schreibstil ist sehr lyrisch und bildhaft und regt den Leser oft zum Nachdenken an. So sind es die kleinen Gesten, die das Zusammenleben einfach macht. Füreinander da zu sein, seinen Egoismus abzulegen und vor allem zusammenzuhalten. Genau das fällt den beiden Protagonisten sehr schwer und der Leser spürt regelrecht die Kälte, die von beiden Charakteren, die eigentlich das gleiche Schicksal haben, ausgeht.

Der Autor hat hier echtes Können bewiesen, da er dem Leser gleich mehrere Botschaften übermittelt. Er assoziiert praktisch die Schönheit der Natur mit dem genauen Gegenteil. Er erzählt von Liebe und Barmherzigkeit und hält dem Leser als Kontrast gleichzeitig Neid und Hass vor Augen. Er versteht es, den Leser an das Buch zu fesseln, das aufgrund seines poetischen Schreibstils bei mir sehr viele Emotionen ausgelöst hat.

Generell steht das Thema Natur stark im Mittelpunkt. Immer wieder geht der Autor darauf ein und beschreibt neben den Witterungsverhältnissen auch die allgemeine Veränderung der Landschaft. Hierbei gelingt es ihm sehr gut, auf die gesellschaftlichen Parallelen hinzuweisen. Übrigens sollte der Leser sich von den Nummerierungen der Kapitel nicht irritieren lassen. Das Buch startet bei Kapitel 39, was einen Bezug zur Sage von Ikarus hat. Diese Metapher ist sehr präzise gewählt und spiegelt sich in der Handlung stark wieder.

Auch der Schlussteil hat mir sehr gut gefallen. Hier bleibt der Autor seinem Stil treu und driftet nicht ins Utopische ab.

Persönliches Fazit: Ein wunderbarer Roman, der auf sentimentale Art von einem schweren Winter erzählt, der auf die Menschen ganz unterschiedliche Wirkungen hat. Auf poetische Weise erlebt der Leser Menschlichkeit, Liebe und Hass in einer Story. Grandios!

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Veröffentlicht am 11.11.2020

Gefangen im Schnee

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Das Schicksal hat sie zusammengeführt, der Schnee hält sie fest. In einem eingeschneiten Dorf weitab draußen verunfallt ein junger Mann und wird dem Außenseiter des Dorfes zur Pflege übergeben. Dieser ...

Das Schicksal hat sie zusammengeführt, der Schnee hält sie fest. In einem eingeschneiten Dorf weitab draußen verunfallt ein junger Mann und wird dem Außenseiter des Dorfes zur Pflege übergeben. Dieser will eigentlich nur weg, zurück nach Hause. Widerwillig, aber zuverlässig kümmert er sich um seinen Patienten, der zusehends an Kraft gewinnt. Doch als der Schnee nicht weichen will, stoßen die beiden Männer in ihrer unfreiwilligen Gemeinschaft an ihre Grenzen.

Guay-Poliquins Roman nimmt den Leser schon mit den ersten Seiten in seinen eiskalten Griff und lässt ihn erst los, wenn das Schicksal der beiden Protagonisten zu einem Ende gekommen ist. Die ganze Handlung ist geprägt von einer tristen Endzeitstimmung, einer bitteren Kälte und einer großen Einsamkeit; denn obwohl die zwei Männer sich selbst zu Gesellschaft haben, ist doch jeder von ihnen sehr allein. Der Autor kann die Gefühle ungefiltert an den Leser weitergeben. Auch die Beschreibung der Umgebung ist sehr bildhaft; Schnee, Eis und die unbarmherzige Winterlandschaft werden greifbar, fast poetisch der Stil. Die Handlung selbst ist reduziert, nur wenige Figuren treten auf, der Zerfall der weltweiten Gesellschaft wird nur am Rande erwähnt; gerade weil er für die beiden in ihrer Hütte kaum Bedeutung hat. Man verfolgt das Schicksal der beiden fasziniert und atemlos. Ich fand den Roman sehr gelungen, auch wenn ich manche Entwicklung nicht ganz stimmig fand. Ein toller Roman für kalte Winternächte.

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Veröffentlicht am 08.11.2020

sehr interessantes Setting

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Die Welt, in der der Roman spielt, scheint eine dystopische zu sein. Allerdings wird das nur am Rande erwähnt. Dass das Dorf abgeschnitten ist, dass es kaum mehr Treibstoff gibt und der Strom wegbleibt, ...

Die Welt, in der der Roman spielt, scheint eine dystopische zu sein. Allerdings wird das nur am Rande erwähnt. Dass das Dorf abgeschnitten ist, dass es kaum mehr Treibstoff gibt und der Strom wegbleibt, dass ein Schwerverletzter nicht in ein Krankenhaus geschafft werden kann, sondern bei einem alten Mann zur Pflege bleiben muss. Was im Rest des Landes passiert ist, bleibt aussen vor und weitgehend ungesagt. Es ist für die Geschichte die der Autor erzählen will, zweitrangig. Als Leser muss man das akzeptieren und anfangs fiel mir das etwas schwer. Aber mit jedem Zentimerter gefallenen Schnees bin ich mehr angekommen bei den beiden Männern, die hier die Hauptrolle spielen. Und während die beiden sich ganz langsam annähern und kennenlernen, gerät man in einen Lesesog, der einen durch diese Geschichte zieht - stetig, ruhig, kraftvoll.

Ein Buch, welches hervorragend in diese Quarantäne-Zeiten passt und perfekt für einen kalten Winter geeignet ist. Ein sehr interessanter Autor. Ich hoffe auf weitere Geschichten.

Veröffentlicht am 10.10.2020

Christian Guay-Poliquin - Das Gewicht von Schnee

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Sie finden ihn schwerverletzt unter seinem Auto liegend, die Beine eingeklemmt. Obwohl die Situation schwierig ist, will man dem Besucher helfen. Die Veterinärin kümmert sich um die Wunden und der alte ...

Sie finden ihn schwerverletzt unter seinem Auto liegend, die Beine eingeklemmt. Obwohl die Situation schwierig ist, will man dem Besucher helfen. Die Veterinärin kümmert sich um die Wunden und der alte Matthias, dem etwas abseits des Dorfes eine Hütte zugewiesen wurde, soll sich um seine Pflege kümmern. Schon länger haben sie keinen Strom mehr, der Winter naht und der Schnee steigt täglich höher. Es herrscht Endzeitstimmung, abgeschieden von der Außenwelt, mit langsam zur Neige gehenden Lebensmittelvorräten, sieht sich die kleine Gemeinschaft den Naturgewalten ausgeliefert. Die beiden ungleichen Männer ertragen derweil ihr Schicksal tapfer. Beide wortkarg beäugen sie sich zunächst stumm, bis sie langsam Vertrauen fassen auf den wenigen Quadratmetern, die sie miteinander teilen.

Christian Guay-Poliquin schildert zwar ein gänzlich anders geartetes Szenario in der kanadischen Provinz, es könnte aber kaum besser in die Welt passen, die man im Jahr 2020 erlebt. Zwar sind die Menschen nicht von der Außenwelt abgeschnitten und haben auch Strom und zahlreiche Kommunikationsmittel, aber das gemeinsam ans Haus gefesselt sein, die Schwierigkeit, einander aushalten zu müssen und nicht zu wissen, wann und ob sich die Situation entspannen wird, teilt die Fiktion mit der Realität. Mit dem steigenden Gewicht des Schnees, der anfangs nur kniehoch liegt, dann aber dramatische und bedrohliche Dimensionen annimmt, steigt auch der Druck auf die Menschen, die einerseits in der Krise voneinander abhängig sind, gleichzeitig aber auch feindseliger und egoistischer werden.

Dem Autor gelingt es mit einer einerseits sehr klaren und präzisen, andererseits aber auch hochpoetischen Sprache die Emotionen, die selten offenkundig gezeigt werden, einzufangen. Die Gleichförmigkeit der Tage, die Langsamkeit der Zeit, Langeweile durch das Eingesperrt sein und im Falle des Erzählers zudem der Immobilität werden immer wieder deutlich spürbar. Einzig das Feuer im Kamin versprüht bisweilen eine gewisse Wärme, ansonsten herrschen Kälte und unbarmherzige Natur. Aber auch die Menschen offenbaren ihre grausamen Seiten.

Die Kapitel – zunächst irritierend, da der Roman mit „Neununddreissig“ beginnt, was sich aber rasch erklärt – werden von der Ikarus-Sage eingerahmt, die in sieben Teilen untergliedert ist. Es beginnt im Labyrinth und der Leser ist gewarnt, dass zu viel Übermut das Leben kosten kann.

Eine sehr dichte Erzählung, deren reduzierte Handlung und Schauplatz beinahe zu erdrücken drohen, der jedoch zugleich wie eine Hommage an die Natur und den kanadischen Winter wirkt.