Albtraum oder zweite Chance?
“Es geht darum, die glücklichen Momente zu genießen. Wir müssen sie wie kostbare Schätze behandeln, denn wir wissen nie, wie viele wir von ihnen haben werden.“
Es tut mir wirklich leid, diese Rezension ...
“Es geht darum, die glücklichen Momente zu genießen. Wir müssen sie wie kostbare Schätze behandeln, denn wir wissen nie, wie viele wir von ihnen haben werden.“
Es tut mir wirklich leid, diese Rezension so zu schreiben, denn ich habe dieses Buch wirklich mögen wollen. Gay Romance, die große Liebe und ein Zeitschleifensetting? Count me in! - dachte ich zumindest. Die Rezi wird recht lang und detailliert, was der Leserunde zugrunde liegt, in der ich das Buch gelesen habe. So entdeckt man viel mehr Aspekte und tauscht sich darüber aus, als wenn man das Buch alleine gelesen hätte. Danke also!
Fangen wir erst einmal bei den Charakteren an, mit denen ich leider so gar nicht warmgeworden bin. Beide haben scheinbar nur eine einzige Charaktereigenschaft, die die gesamte Zeit erwähnt wird und nach der sie auch handeln. Henry ist der People Pleaser, was ihn damals ein leichtes Opfer für seinen kontrollsüchtigen Ex hat werden lassen, und Louis möchte gern seine eigenen Entscheidungen treffen, nachdem er früher immer für seinen alkoholsüchtigen Vater da sein musste. Das wars und mehr gibt es scheinbar auch nicht zu wissen. Darauf basieren alle Entscheidungen, Gespräche und Handlung im Buch. Mir fehlt dadurch einfach die Tiefe und ich konnte mit den Charakteren kaum mitfühlen. Das hat auch dafür gesorgt, dass ich weder den Autounfall, der bereits weit am Anfang eine Rolle spielt, besonders emotional fand noch dass ich die Liebesbeziehung zwischen Henry und Louis richtig gefühlt habe.
Das gesamte Ende basiert darauf, dass diese Liebesbeziehung so einmalig, so groß, so besonders ist. Ganz ehrlich? Das ging an mir leider komplett vorbei. Dafür sorgt einerseits die schnelle Entwicklung bzw. wenig erzählte Anfangsphase der Beziehung, so dass die Charaktere direkt, schwupps, drei Jahre zusammen sind, andererseits auch, dass jede Zeitschleife bzw. DAS tragende Ereignis, ein Streit zwischen den beiden ist. Scheinbar ist es aus unerfindlichen Gründen der erste Streit in der Beziehung (wohlgemerkt in drei (!) Jahren), denn so wie sich die beiden verhalten und auch sämtliche Nebencharaktere davon wissen und es als „so schlimm“ darstellen, fällt mir keine andere Erklärung ein. Nicht nur, dass die Leser erstmal hingehalten werden - dieses um den heißen Brei herumreden kann ich auch nicht besonders leiden -, so dramatisch wie es beschrieben wird und eben auch die Reaktionen ausfallen, denkt man sich, es ist sonst was passiert, einer der beiden ist fremdgegangen! Nein, nichts davon! Ich will jetzt hier nicht zu sehr spoilern, aber der Streitgrund war für mich in der Ausdehnung absolut nicht nachvollziehbar. Hier wurde aus einer Mücke ein Elefant gemacht, man kann es nicht schönreden. Abgesehen davon gab es in der erzählten Beziehung von drei Jahren bzw. eigentlich im gesamten Buch bis kurz vorm Ende nur eine einzige positive, schöne, fröhliche Szene zwischen den beiden. Das wars einfach! Sonst nur tiefgründige, ernste Gespräche oder Streit. Wie geht denn sowas?
Dann der Schreibstil. Man muss dem Autor zugutehalten, das Buch liest sich recht schnell weg. Das ist hier aber nicht so richtig ein Kompliment, denn es ist ein recht einfacher Schreibstil mit sehr viel „tell statt show“, damit auch die letzte Reihe weiß, was los ist. Das hat mich regelmäßig aus dem Lesefluss rausgerissen, denn es war einfach zu gewollt. Hierzu passend muss ich auch anmerken, dass die abgedruckten Chatnachrichten zwischen den Charakteren mehr nach 13-jährigen geklungen haben (hallo Fremdscham) und beide auch generell nicht den Eindruck von 22-jährigen gemacht haben. Die eine S*xszene war so kurz und nüchtern (es wurden auch nur Umschreibungen genutzt, kein einziges Mal die korrekte Bezeichnung des Geschlechtsteils bspw. oder die sexuelle Handlung), dass sie einfach fremd gewirkt hat und auch hätte weggelassen werden können.
Zuletzt noch etwas zur Handlung. Das Thema „Zeitschleifen“ beinhaltet ja schon an und für sich das Repetitive. Ich hatte mich also dementsprechend darauf eingestellt, doch dass so viele Zeitschleifen in großen Teilen copy und paste werden, hätte ich nicht gedacht. Und das, obwohl Louis schon versucht hat, die Handlung zu ändern! Dadurch war die Story natürlich in Teilen sehr langatmig. Fairerweise muss ich sagen, dass ich die ersten Schleifen recht spannend fand und hierbei wirklich Spaß hatte. Und dann das Ende, die letzte Schleife. Die damit verbundenen Emotionen waren alle gut beschrieben, auch der Werdegang dahin. Aber es war mir persönlich einfach zu kitschig; ohne zu spoilern. Dadurch sind mir die Emotionen wieder alle entglitten, weil es so verkrampft gewirkt hat. Auf Teufel komm raus Friedefreudeeierkuchen. Im Epilog hätte ich mir eher einen Zukunftsausschnitt gewünscht statt offene Fragen für Teil 2, der aber nicht wirklich was mit Band 1 zu tun hat. Das wirkte sehr abgehackt und werbetypisch, vor allem, da der Autor diese Intention auch genau so in seinem Nachwort bestätigt. Hatte für mich einen faden Beigeschmack und Band 2 werde ich wirklich nicht lesen.
Die Message des Buches, glückliche Momente zu genießen und vllt auch Streitigkeiten nicht zu viel Raum zu geben, ist ja an und für sich wichtig, jedoch hat es an der Umsetzung deutlich gehapert.
Was war denn positiv an dem Buch? Ohne gemein klingen zu wollen, hat es schon seinen Grund, warum das Buch nur 2/5 Sterne von mir bekommt. Nun, das Cover gefällt mir ganz gut. Auch die Gespräche mit der Oma haben mir zugesagt, sie waren witzig und weise zugleich. Und auch der Erzählwechsel zwischen den Zeitschleifen und was davor passiert ist, inkl. des ersten Kennenlernens, hat die Handlung aufgelockert und so die repetitiven Schleifen unterbrochen. Ich will gar nicht sagen, dass es ein schlechtes Buch ist, doch mir persönlich hat es nicht zugesagt. Ich hoffe, andere Leserinnen können dem Buch mehr abgewinnen, ich kann jedoch keine Empfehlung aussprechen.