Cover-Bild Alte Sorten

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20,00
inkl. MwSt
  • Verlag: DuMont Buchverlag
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 256
  • Ersterscheinung: 03.04.2019
  • ISBN: 9783832183813
Ewald Arenz

Alte Sorten

Roman
Sally und Liss: zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sally, kurz vor dem Abitur, will einfach in Ruhe gelassen werden. Sie hasst so ziemlich alles: Angebote, Vorschriften, Regeln, Erwachsene. Fragen hasst sie am meisten, vor allem die nach ihrem Aussehen.
Liss ist eine starke, verschlossene Frau, die die Arbeiten, die auf ihrem Hof anfallen, problemlos zu meistern scheint. Schon beim ersten Gespräch der beiden stellt Sally fest, dass Liss anders ist als andere Erwachsene. Kein heimliches Mustern, kein voreiliges Urteilen, keine misstrauischen Fragen. Liss bietet ihr an, bei ihr auf dem Hof zu übernachten. Aus einer Nacht werden Wochen. Für Sally ist die ältere Frau ein Rätsel. Was ist das für Eine, die nie über sich spricht, die das Haus, in dem die frühere An-wesenheit anderer noch deutlich zu spüren ist, allein bewohnt? Während sie gemeinsam Bäume auszeichnen, Kartoffeln ernten und Liss die alten Birnensorten in ihrem Obstgarten beschreibt, deren Geschmack Sally so liebt, kommen sich die beiden Frauen näher. Und erfahren nach und nach von den Verletzungen, die ihnen zugefügt wurden.

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Lesejury-Facts

  • Dieses Buch befindet sich in 28 Regalen.
  • 15 Mitglieder haben dieses Buch gelesen.
  • Dieser Titel ist das Lieblingsbuch von 1 Mitgliedern.

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.05.2019

Ein wunderbar multisensorisches Erlebnis

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Rezension zu "Alte Sorten" von Ewald Arenz


Achtung! Spoilerwarnung


Zusammenfassung:

Eine schicksalhafte Begegnung zweier auf den ersten Blick völlig verschiedener Frauen in einem Weinberg ist der ...

Rezension zu "Alte Sorten" von Ewald Arenz




Achtung! Spoilerwarnung


Zusammenfassung:

Eine schicksalhafte Begegnung zweier auf den ersten Blick völlig verschiedener Frauen in einem Weinberg ist der Beginn dieses außerordentlichen Buches. Sally, 17, voller Frust und unbändiger Wut in sich, streift allein durch die Lande, hauptsache weg von der Stadt, von der Klinik, von der ständigen geheuchelten Fürsorge. Liss, um die 50, blickt von ihrer täglichen Hofarbeit zurück auf eine schwere Vergangenheit.
An diesem Herbsttag kehren die beiden zusammen zurück auf den Hof, am Rande des altertümlichen, kleinen Dorfes. Und so beginnt, ganz langsam und leise, eine wunderbare, unendlich starke Freundschaft zu wachsen.

Meine Meinung:

"Alte Sorten" war mein erstes Buch von Ewald Arenz und außerdem mal etwas anderes. In meiner Freizeit greife ich eher selten zu solchen, "richtigen" Romanen. Und eins kann ich schonmal sagen: das werde ich in Zukunft öfter machen!


Von außen macht das Buch bereits mächtig was her. Der Dumont Verlag hat hier keine Mühen gescheut und das Exemplar mit hochwertigem Leineneinband, festem Material und detailverliebter Gestaltung zu einem echten Hingucker gemacht! Der Titel passt perfekt zum Inhalt, im ersten Moment sagt er nicht viel aus, doch es steckt sehr viel dahinter und hat den selben Geschmack wie das ganze Buch. Das Cover zeigt einen beigen, schlichten Hintergrund mit Titel und Autor und ein Stück eines Birnenzweigs mit zwei besonders aussehenden Birnen. Als Detail ist eine Biene daneben fliegend zu sehen. Diese beiden Motive lassen sich fühlen, sie heben sich leicht vom Buchdeckel ab und fühlen sich angenehm an. Zusätzlich enthalten ist ein integriertes Lesezeichen in einem passenden Gelb.

Das Cover repräsentiert genau den großartigen Schreibstil von Ewald Arenz wider. Dieses minimalistische, klare, ländliche, einfache aber gleichzeitig aussagekräftige mit so einer großen Bedeutung , dieses echte. Es erinnert mich an ein Stillleben, wo man das Gefühl hat, die Gegenstände anfassen zu können. Denn genau das schafft der Autor: jeden Geruch riechen, Geschmack schmecken, die Geräusche hören, die Dinge vor sich sehen zu können, dafür sorgt Ewald Arenz mit diesem einzigartigen, klaren, bildgewaltigen Schreibstil.

Diese aufwühlende, emotionale Geschichte reißt den Leser mit, er erlebt die Entwicklung dieser außergewöhnlichen Freundschaft, wie die beiden langsam eine funktionierende, effektive Dynamik aufbauen, sich vorsichtig aneinander herantasten, sich mehr und mehr öffnen, sich gegenseitig Halt geben, aufeinander wirken. Ganz besonders und leise wurde dies vermittelt.

Die beiden Protagonistinnen sind sich sehr ähnlich, dies merkt man während des Lesens ganz deutlich. Es wird zwischen den beiden Perspektiven hin- und hergewechselt, wobei man klar einen Unterschied in der Sicht auf die Dinge feststellt. Und obwohl ein Er-/Sie-Erzähler spricht, fühlt man sich Liss und Sally nah. Sally erinnert an die junge Liss, die auch zu kämpfen hatte und doch nur raus wollte, die Welt sehen wollte, die Gewalt vergessen wollte.
Durch perfekt ausgewählte Rückblicke in verschiedene Situationen der Vergangenheit der beiden, setzt sich langsam das Gesamtbild der jeweiligen vergangenen Geschichte der beiden zusammen.

Im Laufe dieses Werkes erkennt man einen klare Wendung in der Komposition: anfangs ist es Liss, die Sally half; sie gab ihr Halt, Stärke und stützte sie in ihrem aufwühlenden Inneren. Sie gewährte ihr einen Einblick in eine neue Welt, die sie angekommen fühlen ließ, und zur Ruhe verhalf. Dann, kurz nach der Hälfte, wird Sally zum Retter von Liss. Sie rettet primär natürlich ihr Leben, klar, doch nicht nur das. Es geht um die Zeit danach, wo sie Liss half, wieder auf die Beine zu kommen, weiterzuleben mit ihrer Last, wieder etwas zu fühlen. Sally ist es, die sie weiterleben lässt, und sie tut das, für sie.
Das zeigt nochmal deutlich die Stärke dieser Freundschaft, einer Freundschaft von zwei allein kaputten Frauen, die zusammen ein ganzes Stück weniger kaputt sind. Ihre Wunden sind zu tief, um je ganz zu verheilen, doch sie verbinden ihre Wunden gegenseitig, sodass der Schmerz weniger wird, in den Hintergrund rückt und nur noch dumpf widerhallt.
Sie sind wie zwei Puzzelstücke, zwei Dinge, die genau zueinander passen, einander ergänzen und nur zusammen gut funktionieren. Etwas ganz Besonderes.

Die Charaktere und alles andere ist so unglaublich echt und realitätsnah geschrieben, man kann jede noch so verquere Handlung der beiden nachvollziehen. Am Anfang ist man ein wenig misstrauisch, man weiß nicht genau, wie die Protagonistinnen so handeln, doch mit jeder Seite erfährt man mehr über sie und wird berührt von diesen unfassbar gut transportierten Emotionen.

Die alltägliche, harte Arbeit auf dem Hof wurde überragend gut porträtiert, hier hat der Autor ganze physische Recherche geleistet. Es ist ein durchgehendes, wunderschönes Element, wobei fast jeder sogar noch etwas dazu lernt. Es wird nichts romantisiert oder gar verweichlicht, alles kommt sehr authentisch, echt und real rüber.

Besonders gut gefallen haben mir die sinnspielenden Metaphern und wie echt alles transportiert wurde. Mit allen Sinnen liest man diese Geschichte und kann sich durch diesen grandiosen Schreibstil perfekt hineinfühlen.

Fazit:

Alles in allem schafft dieser Autor eine einzigartige, wunderbare Atmosphäre in dieser Geschichte. Man kann das Buch genießen, sich voll darauf einlassen, jede Seite und jedes Detail wunderbar erfassen. Die Charaktere sind unfassbar echt, die Handlung sehr interessant und spannend und der Schreibstil ein einziger Genuss!
Eine große Leseempfehlung, dieses Buch wird mich auch noch länger begleiten!


9,5/10 Punkten

Veröffentlicht am 19.05.2019

Stiller, atmosphärischer, überraschend tiefgründiger Roman, der berührt

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Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Sie scheinen grundverschieden zu sein: Die junge, rebellische Sally, die aus einer Klinik ausgebrochen ist, und die ruhige, stoische, um dreißig Jahre ältere Liss, die ...

Spoilerfreie Rezension!

Inhalt

Sie scheinen grundverschieden zu sein: Die junge, rebellische Sally, die aus einer Klinik ausgebrochen ist, und die ruhige, stoische, um dreißig Jahre ältere Liss, die zurückgezogen auf ihrem Bauernhof lebt. Als die beiden Frauen zufällig aufeinandertreffen und Sally Liss hilft, bietet diese ihr an, eine Nacht auf ihrem Hof zu verbringen. Aus dieser einen Nacht werden Wochen. Langsam entwickelt sich eine ganz besondere Beziehung zwischen den Frauen. Und bald wird klar, dass die beiden sich ähnlicher sind, als es auf den ersten Blick scheint…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: DuMont
Seitenzahl: 256
Erzählweise: Figuraler Erzähler, Präteritum
Perspektive: weibliche Perspektive (Liss und Sally)
Kapitellänge: mittel bis kurz
Tiere im Buch: - Für TierliebhaberInnen ist dieses Buch nicht immer leicht zu ertragen, da das Leben auf dem Dorf oft damit einhergeht, dass Tiere verletzt oder getötet werden. Es gibt Rinder, die immer noch in Kettenhaltung leben, ein Reh wird angefahren und durch einen Schuss mit einer Pistole erlöst, ein Schwein wird geschlachtet und Hühner werden getötet. Immerhin zeigt sich Liss (bis auf einen Vorfall) als Tierfreundin, was positiv ist.

Warum dieses Buch?

Bei diesem Buch habe ich mich ins Cover und in die sehr vielversprechende Leseprobe verliebt. Sofort war mir klar, dass ich diese Geschichte unbedingt lesen musste! Ich wollte unbedingt wissen, wie es mit Sally und Liss weitergeht.

Meine Meinung

Einstieg (+)

Der Einstieg fiel mir leicht. Es dauerte nur wenige Seiten, bis ich in der Geschichte angekommen war und ihre entschleunigende Wirkung beim Lesen gespürt habe.

"Auf den abgeernteten, von Stoppeln glänzenden Feldern stand der Weizen noch als überwältigender Geruch nach Stroh; staubig, gelb, satt. Der Mais begann, trocken zu werden, und sein Rascheln im leichten Sommerwind klang nicht mehr grün, sondern wurde an den Rändern heiser und wisperig." Seite 5

Schreibstil (♥)

Ewald Arenz hat einen unglaublich schönen, atmosphärischen, oft leisen, aber dennoch sehr eindringlichen Schreibstil. Er schreibt etwas anspruchsvoller (aber trotzdem flüssig und anschaulich) und verwöhnt seine LeserInnen mit unglaublich gelungenen sprachlichen Bildern und poetischen Formulierungen. Die kreativen Vergleiche und Metaphern zergehen einem auf der Zunge wie ein Stück reife Birne. Ich habe beim Lesen den Wind im Haar und die Hitze auf der Haut gespürt und den Geruch der reifen Früchte beinahe selbst gerochen. Es handelt sich hierbei um einen Schreibstil, der sowohl in ruhigen als auch in dramatischen, emotionalen und spannenden Momenten glänzen kann. Sehr gut gefallen hat mir auch, dass Ewald Arenz gefühlvoll erzählt, ohne dabei jemals pathetisch oder kitschig zu werden. Ein Balance-Akt, der dem Autor problemlos gelingt. Kurz: Es ist ein Schreibstil zum Hineinlegen und Genießen!

Ganz wunderbar fand ich auch, wie sich die Sprache den verschiedenen Persönlichkeiten der zwei Frauen in ihren jeweiligen Kapiteln anpasst. Das verleiht ihrer Erzählstimme große Authentizität. In sehr emotionalen Momenten zerfällt die geordnete Sprache auch mal in eine Art Bewusstseinsstrom, wird chaotisch und spiegelt die Gefühle der Figur eindrucksvoll wider. Großartig!

„Und dann spürte sie, wie es tief innen in ihr wild kratzte, wie das lange eingesperrte Tier in ihr zu toben begann und dann, wie ein plötzlich aufloderndes Feuer, die Wut in ihr hochschlug.“ Seite 83

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (♥)

„Alte Sorten“ ist ein sehr entschleunigendes Buch, das einem Kurzurlaub auf dem Lande gleicht. Das Leben auf dem Bauernhof hat etwas Beruhigendes. Es muss tröstlich sein, einen festen Tagesablauf ohne Überraschungen zu haben, am Tag hart körperlich zu arbeiten und am Abend müde ins Bett zu fallen. Viele verschiedene Arbeitsschritte werden dabei detailliert geschildert, ohne dass das Geschriebene jedoch je langatmig wird. Ganz nebenbei habe ich viel Neues (z. B. über Bienen) dazugelernt. Neben der interessanten Beziehung und Dynamik zwischen Sally und Liss wird auch das Dorfleben sehr gelungen porträtiert. Die schönen, aber auch die anstrengenden Seiten werden sehr treffend eingefangen – wodurch das Buch in geringem Maße auch Züge einer Milieustudie aufweist.

Was mich beim Lesen am meisten überrascht hat, ist die unerwartete Tiefe der Geschichte, die mich absolut begeistert hat. Es geht in „Alte Sorten“ um das Gefühl, nicht dazu zu passen, um gesellschaftliche Erwartungen, Engstirnigkeit, unerfüllte Träume, alte Verletzungen, Gewalt gegen Kinder, Einengung durch die Eltern, Suizidgedanken, psychische Krankheiten, Selbstverletzung und Einsamkeit. Alle diese Themen behandelt der Autor feinfühlig und tiefgreifend und hat so eine einzigartige Geschichte geschaffen, die mich berührt hat und die mir lange in Erinnerung bleiben wird. Das Ende hat mir ebenfalls sehr gut gefallen – ich mochte den hoffnungsvollen Unterton, der leise mitschwingt.

„Jede Frage und jede Antwort spann einen Faden zwischen dem Mädchen und ihr. Wenn man von jemandem alles wusste, dann konnte man ihn an tausend Fäden halten.“ Seite 49

Haupt- & Nebenfiguren (♥)

Die Figurenzeichnung ist ebenfalls sehr gut gelungen. Die wütende, rebellierende Sally und die ruhige, einzelgängerische Liss sind vielschichtige, komplexe Figuren, die beide ihr Päckchen zu tragen haben. Vereinzelt gibt es Rückblenden, die uns helfen, zu verstehen, wie Liss und Sally zu dem geworden sind, was sie heute sind. Beide sind auf ihre Weise sehr sympathisch, haben Schwächen und offenbaren nach und nach auch ihre verletzlichen Seiten. Mit jeder Seite sind mir diese zwei ungewöhnlichen Frauen mehr ans Herz gewachsen. Es ist erstaunlich, wie gut es dem männlichen Autor gelingt, sich in diese zwei Frauenseelen einzufühlen und wie nuanciert er ihr Innenleben einfangen kann. Vielleicht hat Ewald Arenz sein Beruf als Lehrer hierbei geholfen.

Es gibt nur sehr wenige Nebenfiguren, die eine Rolle in der Geschichte spielen – im Fokus stehen nämlich eindeutig die beiden starken Frauenfiguren. Jene Charaktere, die aber dennoch den Weg der beiden Frauen kreuzen, sind angemessen ausgearbeitet und wirken ebenfalls sehr glaubwürdig und authentisch. Am liebsten mochte ich hier Anni, diese beeindruckende alte Persönlichkeit, die es sich nicht nehmen lässt, auch im hohen Alter noch mit dem Rad durchs Dorf zu fahren.

„‘Und ich weiß, wie es ist, wenn dieses Gefühl, wenn diese Sicherheit, besonders zu sein, Stück für Stück kaputt geht wie ein Baum, den man in die falsche Erde gepflanzt hat, und ihn mit Stricken und Pfählen dazu zwingt, von der Sonne weg zu wachsen.‘“ Seite 157

Spannung & Atmosphäre (♥)

„Alte Sorten“ ist ein stiller, eindringlicher kleiner Roman, der mich fasziniert hat und absolut überzeugen konnte. Die entschleunigende, dichte Atmosphäre hat mir von Anfang an gut gefallen – und gerade in dem Moment, in dem ich mir dachte, dass ich etwas mehr Spannung vertragen könnte, bekam ich diese auch, weil einige unerwartete Wendungen und atemlos spannende, emotionale und dramatische Ereignisse folgten. Auch was den Spannungsaufbau betrifft, hat der Autor in diesem Buch also alles richtig gemacht.

Feministischer Blickwinkel (♥)

Ich finde es toll, dass zwei so starke, mutige Frauen im Zentrum dieser Geschichte stehen. Ewald Arenz zeigt, dass auch eine Frau alleine einen Bauernhof führen und die körperlich fordernde Arbeit erledigen kann. Es gibt zwar einige Momente, in denen frauenfeindliche Sprache und gegenderte Beschimpfungen vorkommen (Schlam--, Fo---), aber diese Wörter benutzt Sally, um in jugendlicher Manier zu rebellieren und möglichst zu schockieren, weswegen diese Ausdrücke einen Zweck haben und ich sie verzeihen kann.

Mein Fazit

„Alte Sorten“ ist ein stiller, eindringlicher kleiner Roman, der mich absolut verzaubern konnte. Ewald Arenz schreibt wunderschön, atmosphärisch, poetisch und feinfühlig. Die kreativen Vergleiche und Metaphern zergehen einem auf der Zunge wie ein Stück reife Birne. Es ist ein Schreibstil zum Hineinlegen und Genießen! Es handelt sich um ein entschleunigendes Buch, das aber trotzdem auch seine dramatischen, spannenden, berührenden und hochemotionalen Momente hat. Zudem behandelt der Autor Themen wie das Dorfleben, gesellschaftliche Erwartungen, Engstirnigkeit, unerfüllte Träume, alte Verletzungen und Einsamkeit unerwartet tiefgründig. Es ist erstaunlich, wie gut es Ewald Arenz gelingt, sich als Mann in seine beiden starken, vielschichtigen Heldinnen hineinzufühlen und wie nuanciert und mühelos er deren Innenwelt einfängt. Beide Hauptfiguren, die stoische Liss und die wütende Sally, sind sehr komplex, zeigen sich verletzlich, und sind mir mit jeder Seite mehr ans Herz gewachsen. Auch was die dichte Atmosphäre und den Spannungsaufbau betrifft, bin ich sehr zufrieden, denn: Gerade in dem Moment, in dem ich mir dachte, dass ich etwas mehr Spannung vertragen könnte, folgten einige unerwartete Wendungen und atemlos spannende, emotionale und dramatische Ereignisse. Kurz: „Alte Sorten“ ist ein rundum gelungener, tiefgründiger Roman, den ich euch nur wärmstens ans Herz legen kann.

Bewertung

Idee, Themen, Botschaft: 5 Sterne ♥
Umsetzung: 5 Sterne ♥
Worldbuilding: 5 Sterne ♥
Einstieg: 5 Sterne
Schreibstil: 5 Sterne ♥
Figuren: 5 Sterne ♥
Atmosphäre: 5 Sterne ♥
Spannung: 4,5 Sterne
Ende / Auflösung: 5 Sterne ♥
Emotionale Involviertheit: 5 Sterne ♥
Feministischer Blickwinkel: ♥

Insgesamt:

❀❀❀❀❀♥ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir fünf begeisterte Lilien und ein Herz – und somit den Lieblingsbuchstatus!

Veröffentlicht am 19.05.2019

Von alten Birnensorten und dem Finden eines Weges in die Welt

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Als Liss in ihrem Weinberg der 17jährigen Sally begegnet, braucht sie Hilfe. „Bist du stark?“, will sie von Sally wissen, und diese packt überrascht mit an. Liss stellt kaum Fragen, nimmt das Mädchen bei ...

Als Liss in ihrem Weinberg der 17jährigen Sally begegnet, braucht sie Hilfe. „Bist du stark?“, will sie von Sally wissen, und diese packt überrascht mit an. Liss stellt kaum Fragen, nimmt das Mädchen bei sich auf und gewährt ihr Unterschlupf. Im Gegenzug hilft Sally bei den täglichen Arbeiten auf dem Hof.

Liss erkennt sehr schnell, dass Sally ohne Halt, wütend und gegen jeden und jedes ist. Aus ihrer Sicht versteht sie niemand, nicht ihre Eltern, die Lehrer in der Schule. Sie lehnt sich gegen Normen und Regeln auf, denen sie bislang ausgesetzt war. Sie will nirgendwohin, sondern vielmehr von allem weg. Darum ist sie aus einer Klinik abgehauen, in die ihre Eltern sie wegen ihrer psychischen und angeblichen Ess-Probleme gebracht hatten.

Hier auf dem Bauernhof verläuft das Leben in einem anderen Tempo. Der Alltag ist ein anderer als der, den Sally aus der Stadt gewohnt ist. Liss, eine Mittvierzigerin, wirtschaftet allein, backt ihr eigenes Brot, hat Hühner, Bienen und einen Garten mit alten Birnenbäumen, aus den Früchten brennt sie selbst Schnaps. Die Gelassenheit, mit der sie Sally behandelt, irritiert diese zunächst. Doch Sally beginnt sich hineinzufinden und lernt eine unbekannte Seite des Daseins kennen, mit der sie bisher wenig in Berührung gekommen ist. Sie entdeckt die Erfüllung in der Arbeit auf dem Feld, im Weinberg, dem Obstgarten und mit den Hühnern und Birnen. Sie hat wieder Freude am Essen. Und deshalb verschwinden mehr und mehr ihr Misstrauen und ihre Protesthaltung.

Indes haben Sallys Eltern die Suche nach ihrer Tochter nicht aufgegeben. Und außerdem gibt es einen Grund dafür, dass Liss den anderen Dorfbewohnern fern bleibt und nicht gern gesehen ist. Sowohl Liss als auch Sally werden mit ihrer Vergangenheit konfrontiert...


„Alte Sorten“ ist ein leises Buch, wenn auch vor allem dessen junge Heldin Sally laut(stark) ihren Unwillen und ihren Frust zum Ausdruck bringt. Der Roman wirft einen Blick auf das Existenzielle, und Ewald Arenz lässt den Leser in einer stimmungsvoll wechselnden Wortgewandtheit und mit atmosphärisch dicht beschriebenen Naturbildern teilhaben an einem entschleunigten Leben auf dem Land, wo vieles noch so abläuft, wie es schon immer gewesen ist.

„Im sattgrünen Laub leuchteten die Äpfel wie Farbtupfer. Wie gut es sich manchmal anfühlte, einfach am Leben zu sein. Nichts sonst. Einfach nur am Leben zu sein.“ (Seite 63)

Er erzählt von den Mühen der Arbeit, der Schinderei, des Eingebundenseins in einem Rhythmus, der Teil der Natur ist und sich dieser anpasst, außerdem von der Glückseligkeit, mit dem von eigener Hand Geschaffenen zufrieden zu sein, weil es einen Grad der Unabhängigkeit ermöglicht. Von den Momenten der Stille. Den Blick auf das verschwindende Licht des Tages. Dem Hinsetzen. Miteinander reden. Schweigen. Zuhören. Verstehen. Auch die ungesagten Dinge.

„Das Schweigen um sie wurde tiefer, aber nicht schwerer. Es war gut, dass sie beide nichts sagen mussten.“ (Seite 47)

Es ist ein Geschichte, die Gerüche, Geräusche und Geschmäcker bis zum Leser transportiert. Es ist eine Geschichte, die vollgepackt mit aufwühlenden und reichhaltigen Emotionen ist und mehr als eine Seite im Inneren zum Klingen bringt.

Ewald Arenz erstes Bild seiner Protagonistinnen Liss und Sally kann nicht gegensätzlicher sein. Auf der einen Seite die wortkarge, verschlossene Bäuerin auf ihrem Hof auf dem Land, die geringen Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern hat. Auf der anderen Seite das aufmüpfige Mädchen aus der Stadt, das schnell aus der Haut fährt und sich von seinen Eltern verfolgt fühlt.

Gleichwohl offenbaren sich im Laufe des Geschehens, das sich lediglich auf wenige Wochen beschränkt, viele Gemeinsamkeiten.

„Sie dachte an die Bienen. Manchmal fühlte es sich gut an, zusammenzuarbeiten. Weil der andere bewirkte, dass man einen eigenen Platz im Ganzen erkannte. Dass man auf einmal Bedeutung in einem Ganzen hatte und nicht einfach nur existierte.“ (Seiten 81 f.)

Beide sind einsam, empfindsam, glauben sich von ihrer Umwelt missverstanden. Besonders Sally reagiert oft grob und unflätig. Aber Liss nimmt bezüglich Sally Parallelen zu dem jungen Mädchen wahr, das sie einmal gewesen ist. Sie empfand sich einst ebenfalls als gefangen auf dem Hof ihres Vaters, weil sie nicht der gewünschten Norm entsprach, wurde enttäuscht von ihr nahe stehenden Bezugspersonen. Was folgten, waren Verletzungen und innere seelische Konflikte, die bis in die Gegenwart reichen.

Und während Liss Sally mit mildem Gleichmut und Respekt behandelt, vertieft sich das Band der Freundschaft zwischen ihnen, und darüber hinaus vermag es Sally, die Liss' einschnürenden Knoten zu lösen und den Weg aus dem Schweigen und für Verzeihen und Vergeben freizumachen. Liss und Sally werden aufeinander aufpassen...

Veröffentlicht am 19.05.2019

Hat mir sehr gut gefallen!

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Insgesamt fand ich das Buch wunderschön. Es hat zwar eine kleine Weile gedauert bis ich wirklich „drin“ war in der Story, so genau kann ich aber nicht erklären woran es lag. Wahrscheinlich aber am Schreibstil, ...

Insgesamt fand ich das Buch wunderschön. Es hat zwar eine kleine Weile gedauert bis ich wirklich „drin“ war in der Story, so genau kann ich aber nicht erklären woran es lag. Wahrscheinlich aber am Schreibstil, der sich so stark von den Autoren unterscheidet, die ich sonst vorzugsweise lese. Extrem gefühlvoll und einfühlsam schreibt der Autor die Geschichte der beiden Frauen.
Auch inhaltlich war die Story etwas komplett anderes als ich erwartet hatte, aber ich bin positiv überrascht und mehr als begeistert. Das ist definitiv ein Buch, das ich ggf.noch einmal lesen werde. Ich denke, da gibt es zwischen den Zeilen noch einiges zu entdecken, was beim ersten Lesen vielleicht übersehen wird.

Danke für diese Geschichte und die schönen Stunden im Rahmen der Leserunde!

Veröffentlicht am 19.05.2019

Großartiger Roman über eine außergewöhnliche Freundschaft

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INHALT
Sally und Liss: zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sally, kurz vor dem Abitur, will einfach in Ruhe gelassen werden. Sie hasst so ziemlich alles: Angebote, Vorschriften, ...

INHALT
Sally und Liss: zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Sally, kurz vor dem Abitur, will einfach in Ruhe gelassen werden. Sie hasst so ziemlich alles: Angebote, Vorschriften, Regeln, Erwachsene. Fragen hasst sie am meisten, vor allem die nach ihrem Aussehen.
Liss ist eine starke, verschlossene Frau, die die Arbeiten, die auf ihrem Hof anfallen, problemlos zu meistern scheint. Schon beim ersten Gespräch der beiden stellt Sally fest, dass Liss anders ist als andere Erwachsene. Kein heimliches Mustern, kein voreiliges Urteilen, keine misstrauischen Fragen. Liss bietet ihr an, bei ihr auf dem Hof zu übernachten. Aus einer Nacht werden Wochen. Für Sally ist die ältere Frau ein Rätsel. Was ist das für Eine, die nie über sich spricht, die das Haus, in dem die frühere Anwesenheit anderer noch deutlich zu spüren ist, allein bewohnt? Während sie gemeinsam Bäume auszeichnen, Kartoffeln ernten und Liss die alten Birnensorten in ihrem Obstgarten beschreibt, deren Geschmack Sally so liebt, kommen sich die beiden Frauen näher. Und erfahren nach und nach von den Verletzungen, die ihnen zugefügt wurden.
(Quelle: DuMont Buchverlag)
MEINE MEINUNG
In seinem neuen Roman „Alte Sorten“ erzählt der deutsche Autor Ewald Arenz eine großartige, sehr berührende Geschichte über eine schicksalhafte Begegnung zweier Frauen, die ihr beider Leben auf ungeahnte Weise für immer verändert und über eine außergewöhnliche Freundschaft, die deutlich macht, was wirklich bedeutsam im Leben ist.
Trotz der Schwere der angesprochenen Themen von Verletzungen, Ängsten, Schuld, Verlusten und Tod schwingt der einfühlsamen Erzählung eine wundervolle Leichtigkeit mit, die dafür sorgt, dass dieses grandiose Leseerlebnis noch lange im Gedächtnis bleibt und nachwirkt.
Ewald Arenz gelingt es in seinem wundervollen Roman hervorragend, zarte Stimmungen aber auch rohe, ungezügelte Emotionen prägnant und mit äußerst viel Feingefühl einzufangen und zu einer unglaublich dichten, bewegenden Geschichte zu verweben, die einen bald völlig gefangen nimmt. Er erzählt die Geschichte über diese beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Frauen – zwei „beschädigte“ Seelen – sehr behutsam, nuancenreich und in einer faszinierend virtuosen Sprache.
Die Charaktere der beiden Hauptfiguren sind äußerst vielschichtig angelegt. Zwei Außenseiter, die sich vom Charakter her ähnlich sind; zwei Seelenverwandte, die mit seelischen Verletzungen aus ihrer Vergangenheit und ihrem Elternhaus zu kämpfen haben und sich zum Schutz eine harte Schale zugelegt haben.
Geschickt lässt Arenz uns an der wechselhaften Gedanken- und Gefühlswelt seiner beiden faszinierenden Hauptfiguren teilhaben und beschreibt sehr anschaulich in verschiedenen Rückblicken bedeutsame Episoden aus ihrem Leben, die ihre Entwicklung und Persönlichkeit erklären. Beide haben eine Menge schmerzvoller Erfahrungen, Demütigungen und herber Enttäuschungen durchmachen müssen. Sehr fesselnd ist es, die Dynamik ihres aufeinander Einlassens und ihre Entwicklung in dem Roman zu verfolgen, von ihrem anfänglichen Schweigen, über ihre allmähliche Annäherung während der gemeinsamen, alltäglichen Arbeit auf dem Hof und in der Natur bis hin zum Kennenlernen ihrer Eigenheiten und dem Erkunden ihrer Verletzlichkeiten und Geheimnisse. Sehr beeindruckend wird dargestellt, wie zwischen den beiden Frauen eine intuitive Verbindung entsteht, sie einander ungeheuer viel Stabilität und Zufriedenheit geben und schließlich eine Freundschaft voller Toleranz und Vertrauen zwischen den beiden Seelenverwandter erwächst.
Äußerst anschaulich und mit atmosphärisch dichten Beschreibungen fängt der Autor auch die Natur, das ländliche Umfeld und die alltäglichen Tätigkeiten auf dem Hof ein, so dass man das Gefühl hat selbst bei der Birnenernte oder Weinlese dabei zu sein und das Destillieren des Birnen-Brands hautnah mit alles Sinnen mitzuerleben.

FAZIT
Ein wunderschöner Roman, der noch lange nachklingt und äußerst lesenswert ist.