Ein dichtes, hochpolitisches und spannungsvolles Werk
Ich mochte schon das Debüt von Felicitas Prokopetz sehr gern und ihr neuer Roman konnte das noch einmal toppen. Eine wirklich runde Erzählung mit hohem Tempo, pointierten Perspektivwechseln, einer scharfzüngigen ...
Ich mochte schon das Debüt von Felicitas Prokopetz sehr gern und ihr neuer Roman konnte das noch einmal toppen. Eine wirklich runde Erzählung mit hohem Tempo, pointierten Perspektivwechseln, einer scharfzüngigen politischen Komponente und einer Prise Raben-Mystik.
Die Figuren sind alle total spannend und ergänzen sich ganz toll. Ich bin besonders beeindruckt davon, wie die Autorin Perspektivwechsel einsetzt, um die Geschichte dichter zu machen. Das Tempo der Wechsel zieht manchmal so stark an, dass wir in einer bestimmten Szene quasi mit dabeisitzen und die verschiedenen Wahrnehmungen und Gedanken gleichzeitig erleben dürfen. Außerdem gelingt es ihr, die Spannung verschiedener Situationen auszuhalten. Die Empfindungen der Figuren in einem bestimmten Moment sind teilweise völlig gegensätzlich und diesen Raum zu halten ist anstrengend, aber eben eine wahre Kunst.
Die Sprache ist teils anspruchsvoll, die Sätze wirken nahezu wie Wort für Wort kuratiert. Das ist nicht immer mein Fall, hier ist es aber wohldosiert eingesetzt und bei einem so schmalen Buch nehme ich auch gern in Kauf, manche Sätze doppelt lesen zu müssen.
Ich finde es großartig, dass hier so politisch geschrieben wird. Feminismus, Veganismus, Klimakrise - alles ganz wichtige Themen und Prokopetz nimmt hier kein Blatt vor den Mund. Außerdem liebe ich ältere Frauenfiguren, die happily single sind und sich nicht dem gesellschaftlichen Narrativ einer „richtigen" Familie unterordnen wollen. Männer kommen dagegen nicht so gut weg und auch, wenn Polly als etwas klischeehaft eingeordnet werden kann, akzeptiere ich das gern - denn viele cis Männer sind eben genau auf diese Art „feministisch“. Wie subtil sexistisches Denken wirkt, fand ich unglaublich fein herausgearbeitet.
Das Ende greift die mystische Raben-Storyline noch einmal auf und hinterlässt seine Lesenden mit ein paar Fragezeichen. Das passt für mich nicht immer, aber hier war es mit Blick auf die gesamte Interaktion mit dem Raben stimmig. Nicht alles wird geklärt und das ist auch okay so.
Eine wirklich tolle, intensive Erzählung mit starken Figuren, die uns dank vieler Perspektivwechsel keineswegs schonen. Prokopetz jongliert eine schiere Masse an Themen und vermittelt sie auf anspruchsvolle, aber kluge Weise, die mich völlig für sich eingenommen hat. Die Kürze des Romans verhindert an manchen Stellen eine gewisse Tiefe, die mein Urteil insgesamt aber nicht verändert. Bitte mehr davon!