Cover-Bild Luzies Erbe
(18)
  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere

Klicken Sie hier, um den Weitersagen-Button zu aktivieren. Erst mit Aktivierung werden Daten an Dritte übertragen.

22,00
inkl. MwSt
  • Verlag: Insel Verlag
  • Themenbereich: Belletristik - Belletristik: Generationenroman
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 288
  • Ersterscheinung: 09.09.2019
  • ISBN: 9783458178149
Helga Bürster

Luzies Erbe

Einen Schritt vor, zwei zurück: Die fast hundertjährige Matriarchin Luzie Mazur hat sich Zeit gelassen mit dem Sterben. Doch nun ist sie doot bleeven, und hinterlässt ihrer Familie kaum mehr als einen abgewetzten Koffer voller Erinnerungen auf dem Kleiderschrank und fast ein Jahrhundert »Mazur’sches Schweigen«, das besonders ihrer Enkelin Johanne, selbst längst in ihren Fünfzigern, in den Ohren dröhnt. Es lässt ihr keine Ruhe, was damals war, als ihre junge Großmutter Luzie Krusenbusch sich in den »Fremdarbeiter« Jurek verliebt hat. Johanne will endlich Frieden machen mit der Geschichte ihrer Familie und dem bis in die Gegenwart andauernden Getuschel der Leute im Dorf. Und sie will mehr über »ihn« erfahren, Luzies große Liebe Jurek, eine Liebe, die nicht sein durfte, weil da ein Krieg wütete, der der Liebe einen gehörigen Strich durch die Rechnung machen wollte.
Helga Bürster erzählt wunderbar leicht und dabei doch tief bewegend davon, wie ein Schicksal die Jahrzehnte überdauert, wie das Schweigen über die Vergangenheit eine Familie überschattet. Sie erzählt von vier Generationen starker Frauen – und davon, dass es für Versöhnung nie zu spät ist.

Weitere Formate

Dieses Produkt bei deinem lokalen Buchhändler bestellen

Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 23.09.2019

In einer herrlichen Sprache erzählte berührende Geschichte

0

"Luzies Erbe" hat mich von der ersten Minute an gefesselt. Das liegt zum einen an dem ganz wundervollen Schreibstil, der das ganze Buch hindurch eine wahre Freude ist. Helga Bürster schreibt schnörkellos, ...

"Luzies Erbe" hat mich von der ersten Minute an gefesselt. Das liegt zum einen an dem ganz wundervollen Schreibstil, der das ganze Buch hindurch eine wahre Freude ist. Helga Bürster schreibt schnörkellos, lakonisch. Das paßt ausgezeichnet zu ihren Charakteren, die in einem emsländischen Dorf leben und deren Leben von harter Arbeit geprägt ist. Kummer ist was für die "feinen Leute". Diese Charaktere sind der andere Grund, aus dem ich gleich richtig im Buch drin war.

Luzie ist fast hundertjährig verstorben und schon auf der ersten Seite merken wir, daß wir in ein dysfunktionale Familie hineinschauen. In wenigen Worten gibt uns die Autorin eine Fülle an Informationen und ich wollte gleich mehr erfahren über Luzie, ihre Geschichte und die Familie Mazur, die so sprachlos ist, daß sie dafür schon einen eigenen Begriff haben: das Mazur'sche Schweigen.

Das Buch führt uns auf mehreren Zeitebenen durch die Geschichte, hauptsächlich die Gegenwart, in der sich die Familie auf die Beerdigung vorbereitet und Johanne, Luzies Enkelin, versucht, durch die Wand des Schweigens zu stoßen; und die Kriegsjahre, in denen Luzie und der polnische Zwangsarbeiter Jurek sich ineinander verliebt haben und damit nach Ansicht der menschenverachtenden Diktatur "Rassenschande" begehen. Ab und an gibt es Rückblicke Johannes in ihre Kindheit. Die unterschiedlichen Zeitebenen werden durch nichts angezeigt, keine Überschriften oder Jahreszahlen weisen darauf hin, aber man findet sich schnell in den Zeitenwechseln zurecht.

Wenn es um die Greuel der Nazizeit geht, ist die lakonische Sprache der Autorin ebenfalls sehr wirksam. Sie erzählt unsentimental die furchtbarsten Dinge und genau durch diese knappen, sachlichen Worte ist die Wirkung intensiv. Die Sprache erfreute mich immer wieder. "Kinderarmeen, die von Greisen angeführt wurden, sollten jetzt das Reich retten". "...und ihm fiel wieder ein, daß er kein Enkel mehr war, sondern ein Gefangener" - eindrücklich wird das Wesentliche zusammengefaßt. Luzies und Jureks Geschichte vermischt sich mit der der Dorfes und auch hier gelingt Helga Bürster ein sehr lebensechter Blick auf Dorfleben und -mentalität, sowohl vor wie auch nach dem Krieg, wenn die Naziverbrechen eher vergessen werden, als die "Schande" unehelicher Kinder mit einem Ausländer.

Es gibt so viele Themen in diesem nicht einmal dreihundert Seiten umfassenden Buch. Der Umgang mit dem Tod ist ein weiteres und auch dieses ist ausgezeichnet dargebracht. Ehrlich und schnörkellos werden die Belastungen häuslicher Pflege genauso geschildert, wie die empfundene Trauer. Der Umgang der Familie mit Luzies Tod liest sich faszinierend. Ich hätte über diese Familiendynamik gerne noch mehr erfahren, insbesondere Luzies Töchter hätten noch ihre eigene Geschichte zu erzählen. Es war schade, daß dieser Themenkomplex ein wenig zu kurz kam, aber letztlich wollte die Autorin die Geschichte von Luzie und Jurek erzählen und das tut sie auf packende Weise.

So ist "Luzies Erbe" eines jener seltenen Bücher, in dem ich mich immer wieder über Formulierungen und Sätze freute, in dem kein Wort zu viel steht. Ein Buch, das mich gepackt hat und nachwirken wird, so daß ich es am liebsten gleich noch mal lesen möchte.

Veröffentlicht am 10.09.2019

Ein Familiengeheimnis, über das niemand spricht

0

„Die Blechdose blieb Johanne die Antwort schuldig, so wie Luzie sie ihr schuldig geblieben war.“ (Zitat Seite 247)

Inhalt

Als Luzie Mazur stirbt, ist sie beinahe hundert Jahre alt. Doch für Johanne, ...

„Die Blechdose blieb Johanne die Antwort schuldig, so wie Luzie sie ihr schuldig geblieben war.“ (Zitat Seite 247)

Inhalt

Als Luzie Mazur stirbt, ist sie beinahe hundert Jahre alt. Doch für Johanne, ihre Enkelin, ist es dennoch zu früh, denn viele offene Fragen, die Geschichte der Mazur-Frauen betreffend, bleiben unbeantwortet. Johannes Großvater Jurek Mazur, der Vater von Johannes Mutter Thea und deren Schwester Helene, war im zweiten Weltkrieg als polnischer Zwangsarbeiter ins deutsche Dorf gekommen und diese Liebe war ein Verstoß gegen die strengen Rassengesetze und damit lebensgefährlich. Nach dem Krieg können sie endlich heiraten, doch im Dorf bleiben sie Außenseiter. Jurek arbeitet in der Kaserne für die Engländer, das Wochenende verbringt er mit seiner Familie. Bis er eines Tages nicht mehr kommt. Luzie schweigt und spricht nie mehr über ihn. Auch in den zu Lebzeiten streng gehüteten Unterlagen ihrer Großmutter findet Johanne weniger Hinweise, als erhofft, doch sie gibt die Suche nicht auf.

Thema und Genre
Dieser Generationenroman mit zeitgeschichtlichem Hintergrund basiert auf wahren Begebenheiten aus der Familie der Autorin. Im Mittelpunkt stehen die Frauen, vier Generationen von starken Frauen, es geht um Liebe, Mut, Familiengeheimnisse, unerfüllte Träume und schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen. Ein wichtiges Thema ist auch das belastende, starre Schweigen einer ganzen Generation.

Charaktere
Luzie ist die Matriarchin der Familie. Gewohnt, hart zu arbeiten, sichert sie damit das Überleben ihrer Familie. Für ihre Töchter bleibt da kaum Zeit. Das Leben hat sie ernst und schweigsam gemacht. Die vielen unbeantworteten Fragen belasten vor allem auch Thea und Johanne, wobei Johanne nicht aufhört, nach Antworten zu suchen.

Handlung und Schreibstil
Es sind zwei Geschichten, die abwechselnd erzählt werden, die von Luzie und Jurek und die der Familie nach Luzies Tod. Erinnerungen der einzelnen Familienmitglieder ergänzen die Hintergründe. Die Trennung in Kapitel vereinfacht den Überblick. Sehr spannend sind die Schilderungen aus den Kriegsjahren. Der flüssig zu lesende Schreibstil legt auch die Gefühle der einzelnen Charaktere offen und erzählt eine lebendige, nachvollziehbare Geschichte von Konflikten und Entscheidungen, die sich aus den Ereignissen ergeben, unvermeidbar sind und dennoch tiefe Auswirkungen haben.

Fazit
Ein spannender Generationenroman, getragen von starken Frauen und eine von Schweigen und unbeantworteten Fragen geprägte Familiengeschichte. Ein Buch, das noch lange nachklingt.

Veröffentlicht am 07.10.2019

Bleibt in Erinnerung

0

Dieser Generationenroman basiert teilweise auf wahren Begebenheiten der Familie der Autorin.
Als Luzie Mazur fast hundertjährig zuhause stirbt, hinterlässt sie nur einen Koffer und viele unbeantwortete ...

Dieser Generationenroman basiert teilweise auf wahren Begebenheiten der Familie der Autorin.
Als Luzie Mazur fast hundertjährig zuhause stirbt, hinterlässt sie nur einen Koffer und viele unbeantwortete Fragen. Ihre Tochter Thea und ihre Enkelin Johanne haben sie die letzten Jahre gepflegt und trotzallem war das Schweigen im Hause übermächtig. Die Mazurs lebten am Rande der Gesellschaft - sie gehörten nicht wirklich dazu. Dieses Gefühl ist bereits seit drei Generationen übermächtig. Dabei war Luzie einst eine fröhliche junge Frau, die gerne lachte und tanzte. Sie war mit August verlobt, als der Zweiten Weltkrieg ausbricht. Und in den kommenden Jahren sollte sich für Luzie alles ändern....

In "Luzies Schweigen" erzählt die Autorin auf zwei Zeitebenen. Diese sind nicht wie üblich voneinander getrennt, sondern springen oftmals unkontrolliert hin und her, was ein konzentriertes Lesen erfordert. Allerdings gewöhnt man sich schnell daran. Rückblicke und Erinnerungen der einzelnen Familienmitglieder ergänzen die Geschichte rund um Luzies Leben und die Nachwirkungen, die sich daraus ergeben haben.

Man hat beim Lesen das Gefühl nicht in der Gegenwart, sondern irgendwann in den 50iger Jahren zu stecken. Die Frauen leben in ärmlichen Verhältnissen und nehmen ihr Schicksal ergeben hin. Nur Helen, die Schwester von Thea ist aus dem "Mazurschen Schweigen" ausgebrochen und hat das Dorf in jungen Jahren verlassen. Enkelin Johanne lässt der Kofferinhalt keine Ruhe und sie beginnt nachzuforschen. Sie will endlich die Vergangenheit abschließen. Dabei stößt sie auf den polnischen Zwangsarbeiter Jurek Mazur, der ihr Großvater und Luzies große Liebe war. Die Rassengesetze der damaligen Zeit erlaubten keine Liebe zwischen einer deutschen Frau und einem Zwangsarbeiter einer minderwertigen Rasse. Trotzdem wurden Luzie und Jurek ein Paar und waren vortan vielen Gefahren ausgesetzt. Harte Arbeit und die unterschwellige Angst machten beiden das Leben schwer. Luzie wird ernst und schweigsam. Nach dem Krieg durften sie endlich heiraten, doch an ihrer Lage änderte sich rein gar nichts. Das Dorf ächtete die junge Familie und in Folge auch ihre Nachfahren. Und Johanne fragt sich: Warum hat Jurek Luzie verlassen?

Die Frauen der Familie sind allesamt ohne Vater aufgewachen und haben eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, die sich erst bei den Enkelkindern ändert. Ein Krieg, der nicht nur die Generation, die ihn miterleben musste beeinflusste, sondern auch die Kriegskinder und -enkel. Es geht um unerfüllte Träume und Ausgrenzung. Eigene Gefühle sind dabei kaum zulässig, denn jede der drei Frauen versucht mit der mütterlichen Unzulänglichkeit umzugehen. Erst durch Johannes Nachforschungen und durch ihre Tochter Silje wird das Mazurische Schweigen langsam durchbrochen und ein Schicksal, das über Jahrzehnte andauerte, überwunden.

Schreibstil:
Der manchmal poetische und dann wieder nüchterne Schreibstil der Autorin nimmt der Geschichte etwas von der Düsternis und Traurigkeit. Eindringlich beschreibt Helga Bürster die Gefühlswelt der Frauen aus vier Generationen, die nicht aus sich herausgehen können und das Schweigen der Kommunktion gegenüber bevorzugen.
Die plattdeutschen Dialoge geben dem Roman mehr Authentizität und versprüht Lokalkolorit.

Fazit:
Ein nachdenklich machender Roman, der die Auswirkungen des Krieges auf mehrere Generationen einer Familie aufzeigt. Die Geschichte bleibt in Erinnerung und hat mich sehr berührt. Ich gebe gerne eine Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 27.09.2019

Das Mazursche Schweigen

0

Luzies Erbe – Helga Bürster

"Was auch immer passiert war, was auch immer sie sich angetan hatten, es hatte sie gegeben, diese Liebe." Seite 189

Wie man an obigem Zitat schon erkennen kann, geht es in ...

Luzies Erbe – Helga Bürster

"Was auch immer passiert war, was auch immer sie sich angetan hatten, es hatte sie gegeben, diese Liebe." Seite 189

Wie man an obigem Zitat schon erkennen kann, geht es in diesem Roman um eine große Liebe. Doch es geht noch um viel mehr. Johannes Großmutter Luzie stirbt fast hundertjährig und hinterlässt einen Koffer voller Erinnerungen. Nun endlich macht sich die Enkelin daran, den Familiengeheimnissen der Familie Mazur auf den Grund zu gehen. Denn Luzie hat sich damals im Krieg in den falschen Mann verliebt, in einen Polen. Diesen Verstoß gegen die damals geltenden Rassengesetze hat ihr das Dorf niemals verziehen.
Aus der lebenslustigen Luzie wurde im Laufe der Zeit eine verbitterte Frau und nicht nur das. Eine große Unfähigkeit Liebe zu zeigen und zu geben, wird noch über Generationen weitergegeben. Aus dem Mazurschen Schweigen wird der Mazursche Schmerz. Oder andersrum.
Und so ist nicht nur ein alter Koffer Luzies Erbe, sondern auch dieses Mazursche Schweigen.
4 Generationen von Frauen, die versuchen, viel zu spät ihren eigenen Weg aus dem Schweigen zu finden.

Ist Anfangs deutlich ein lockerer, humorvoller Unterton in der Geschichte erkennbar, so dominiert im weiteren Verlauf immer mehr ein tieftrauriger und melancholischer Grundton. Diese Veränderung findet parallel zur Resignation Luzies statt. Die Geschichte einer großen Liebe, die keine Chance hatte in Zeiten der Rassentrennung wird hier sehr gefühlvoll erzählt. Wie so oft im Leben hätte man jedoch mit einer besseren Kommunikation untereinander manches Leid verhindern können.
Letztendlich hat mir aber inhaltlich doch die eine oder andere Information zur Auflösung gefehlt, bzw. war der ein oder andere Grund war für mich nicht ganz überzeugend oder ausreichend.

Faszinierend, wie eine doch recht nüchterne Sprache mit plattdeutschen Einschüben eine solch starke Emotionalität transportieren kann. Sprachlich hat mir das Ganze sehr gut gefallen. Die Autorin hat einen angenehm unaufgeregten, trotzdem oft beinahe poetischen Erzählstil. Einfach schön.
Man muss aber dennoch aufpassen, oder gerade deshalb, dass man alles mitbekommt, denn die Informationen kommen Schlag auf Schlag. Und beinahe unauffällig.

Das Nachwort hält schließlich noch eine Überraschung bereit: So ist dieser Roman keine ganz und gar erfundene Geschichte, sondern es ist im Wesentlichen die Geschichte von Bürsters Großeltern. Diese Tatsache lässt mich einiges nochmal mit anderen Augen sehen.
Insgesamt lässt mich dieses Buch tief berührt zurück. 4,5 Sterne.


Veröffentlicht am 25.09.2019

Nordisch-kühl und dennoch sehr gelungen

1

Kriegsromane gibt es wie Sand am Meer, doch Helga Bürsters Roman „Luzies Erbe“ sticht durch nordische Nüchternheit und den außergewöhnlichen Blickwinkel heraus.

„Der Krieg war ein schrecklicher Tölpel, ...

Kriegsromane gibt es wie Sand am Meer, doch Helga Bürsters Roman „Luzies Erbe“ sticht durch nordische Nüchternheit und den außergewöhnlichen Blickwinkel heraus.

„Der Krieg war ein schrecklicher Tölpel, er warf die Dinge um und stellte sie verkehrt herum wieder auf.“

Im Bremer Umland ist der Krieg eingezogen und niemanden lässt er unbeachtet. Auch die Magd Luzie hat zu kämpfen mit den Entwicklungen, aus dem elterlichen Nest zum Bauern getrieben, der Verlobte im Krieg verschollen und ein junger Mann auf dem Hof, der ihr einfach nicht aus dem Kopf geht. Doch ist dieser der polnische Zwangsarbeiter Jurek und jede Annährung verboten.
Jahrzehnte später stirbt Luzie und hinterlässt ihre zwei Töchter, ihre Enkelin und Urenkelin einen Koffer voller Rätsel der Vergangenheit, denn was mit ihr und Jurek geschehen ist unterlag dem Mazur’schen Schweigen und so beginnt eine Schnitzeljagd durch die Zeit.

Ein Roman geprägt von nordisch, kühler Nüchternheit, was durch die kurzen, präzisen Formulierungen schon ab der ersten Seite auffällt. Nichts wird beschönigt, nicht um den heißen Brei geredet. Und doch war gerade das anfänglich ein kleines Problem für mich, weil es eine Distanz geschaffen hat, die im Rückblick aber doch sehr gekonnt eingesetzt ist. Dazu zählte für mich auch, dass der Roman mit sehr vielen Menschen, verschiedenen Zeiten und Perspektiven begonnen hat, sodass es nur durch ungeteilte Aufmerksamkeit gelingt alle Zusammenhänge zu verstehen und jeden richtig einzuordnen. Dies wird jedoch selbst nach kleinen Startschwierigkeiten im Laufe des Romans immer leichter.

Die großen Pros des Buches sind für mich klar Setting und Figuren. Die nordisch-ländliche Atmosphäre wird stilvoll untermalt durch einige plattdeutsche Einwürfe und die gesamte Szenerie so wunderbar bildlich, dass man in Gedanken neben Luzie im Heu liegt und das Geschehen beobachtet. Die Charaktere sind so komplex und durch die Vergangenheit gezeichnet, dass alles ein großes Netz an Wirkungen mit sich zieht. So wird aus vielen kleinen Puzzleteilen nach und nach ein stimmiges Ganzes. Auch die Auswahl den Fokus auf die polnischen Zwangsarbeiter und die mittellose Magd zu legen ist sehr gelungen, abwechslungsreich und bringt Spannung in die Geschichte.

Insgesamt ein sehr gelungener Roman, der durch Bodenständigkeit, Realitätsbezug, sowie interessante Figuren und eine ganz besondere Sprache besticht.