Roman | Shortlist Deutscher Buchpreis 2025: Die Vermessung des Unfassbaren
Die Vermessung des Unsagbaren
Am letzten Tag der Abiturprüfungen im Jahr 2002 fallen Schüsse im Erfurter Gutenberg-Gymnasium. Unser Erzähler erlebt diesen Tag als Elfjähriger, wird mit seinen Mitschülern evakuiert und registriert in den folgenden Wochen die Hilflosigkeit der Erwachsenen im Angesicht dieser Tat. Mehr als zwanzig Jahre später bricht das Ereignis völlig unerwartet erneut in sein Leben ein und löst eine obsessive Beschäftigung mit dem Sujet aus, die in ein Romanprojekt resultieren soll. Aber warum nach so vielen Jahren alte Wunden aufreißen? Hat er ein Recht dazu? Wie verhält es sich mit seinen Erinnerungen, welche Geschichten hat er so häufig erzählt, dass sie wahr wurden?
Kaleb Erdmanns Roman
Die Ausweichschule
ist ein gekonntes Spiel mit Perspektiven, ein Stück Autofiktion, das gleichermaßen publikumskritisch (wie voyeuristisch ist unser Interesse an der Aufarbeitung von Gewalttaten?) wie autokritisch ist (was gibt mir das Recht, über diesen Tag zu schreiben?). Ein pointierter, persönlicher, erschütternder Text über ein Phänomen, das uns weltweit umtreibt.
»Wie sich Kaleb Erdmann dem Erfurter Amoklauf literarisch annähert ist ein Kunststück – er findet Worte für das Unsagbare und lässt einen wortlos zurück. Das Traurigste, Lustigste und Beste, was ich seit langem gelesen habe.« Caroline Wahl
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Berührend, aber nie schwermütig, tatsächlich sowohl informativ als auch intelligent unterhaltsam und nie langweilig.
Eine Autofiktion über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vor mittlerweile ...
Berührend, aber nie schwermütig, tatsächlich sowohl informativ als auch intelligent unterhaltsam und nie langweilig.
Eine Autofiktion über den Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium vor mittlerweile über zwanzig Jahren - das kann ja nur schief gehen und wer will sowas eigentlich lesen, könnte man denken, aber Kaleb Erdmann ist es tatsächlich gelungen, sich diesem Ereignis in seiner Kindheit zu stellen und mit "Die Ausweichschule" ein wirklich überaus gelungenes Buch darüber zu schreiben, das meiner Meinung nach immer den richtigen Ton trifft und die Begleitumstände des Amoklaufs persönlich und (selbst-)kritisch, aber ohne Schuldzuweisung darstellt.
Das Buch und sein namensloser Protagonist werden mir in Erinnerung bleiben und ich drücke Kaleb Erdmann die Daumen für den Deutschen Buchpreis!
Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung, es sei denn, die auf der Hand liegenden Trigger sind zu belastend.
Kaleb Erdmann ist 11 Jahre alt, als am 26. April 2002 die ersten Schüsse fallen. Er besucht die 5. Klasse des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums, an dem an diesem Tag 16 Menschen das Leben verlieren, ehe der ...
Kaleb Erdmann ist 11 Jahre alt, als am 26. April 2002 die ersten Schüsse fallen. Er besucht die 5. Klasse des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums, an dem an diesem Tag 16 Menschen das Leben verlieren, ehe der Amokläufer die Waffe gegen sich selbst richtet.
Mehr als 20 Jahre später sorgt eine zufällige Begegnung dafür, dass die erschreckende Tat in Erdmanns Leben zurückkehrt. Er beginnt sich zu erinnern, an sein Leben in Erfurt, die Stunden am Tattag und die Zeit nach dem Amoklauf. Er stellt den Wahrheitsgehalt seiner Erinnerungen in Frage, recherchiert Zusammenhänge und überlegt, wie man über etwas schreiben kann, das kaum in Worte zu fassen ist.
Kaleb Erdmann erlebte als Schüler den Amoklauf am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. In „Die Ausweichschule“ berichtet er über die damaligen Geschehnisse sowie seine persönlichen Erlebnisse und Erinnerungen. Die Art, wie er all das niedergeschrieben hat, empfinde ich als mehr als gelungen. Er schafft es, diese erschütternde Tat weder sensationslustig noch aufmerksamkeitsheischend zu verpacken, sondern nähert sich dem Geschehenen behutsam. Erdmann beschreibt dabei den Prozess, wie er sich als Autor an das Thema herangewagt hat. Er hinterfragt, ob man nach so langer Zeit alte Wunden aufreißen sollte, ob er der Richtige ist, darüber zu schreiben und erzählt schließlich von einem Treffen mit einem Dramatiker. In regelmäßigen Rückblicken schildert er unter anderem Telefonate, die er vorab mit dem Dramatiker geführt hat und in denen beide ihr Wissen und ihre Ansichten miteinander teilten. Diese Zeit- und Szenenwechsel bringen Abwechslung sowie Spannung in den Roman. Gleichzeitig sorgt der Aufbau dafür, dass Erdmanns Ausführungen zum Anschlag in kleinere Abschnitte geteilt werden, was die Geschehnisse zwar nicht weniger entsetzlich macht, sich beim Lesen aber besser aushalten lässt – andernfalls hätte ich wohl häufiger Lesepausen gebraucht.
Während sich große Teile des Buches dem Schreibprozess des Autors und dem Amoklauf widmen, lenkt Kaleb Erdmann die Aufmerksamkeit auch auf die Folgen für die Überlebenden. Das breite Medieninteresse und damit die Berichterstattung sind schon wenige Wochen nach dem Anschlag abgeebbt, Betroffene kämpfen dagegen teils noch heute mit dem erlittenen Trauma. Doch wie kann man solche Ereignisse verarbeiten und kann man jemals damit fertig werden?
Ich bin sehr angetan von der Art und Weise, wie Erdmann den Erfurter Amoklauf aufarbeitet. Angesichts der Tatsache, dass es sich um reale Ereignisse und keine fiktive Geschichte handelt, fühlt es sich dennoch falsch an, in überschwängliche Lobeshymnen zu verfallen. Daher nur kurz und knapp: Unbedingte Leseempfehlung für „Die Ausweichschule“!
Herr Mertens, Lektor eines mittelgroßen Verlages, hat das Manuskript neben sich liegen. Der Kellner schenkt Wein nach. Der Autor blickt in seine übergroße Ramenschüssel. Mit den Stäbchen bekommt er etwas ...
Herr Mertens, Lektor eines mittelgroßen Verlages, hat das Manuskript neben sich liegen. Der Kellner schenkt Wein nach. Der Autor blickt in seine übergroße Ramenschüssel. Mit den Stäbchen bekommt er etwas zu greifen, das wie gebratenes Ei aussieht. Ein Stück davon gelangt in seinen Mund, es ist so heiß, dass ihm die Tränen in die Augen schießen. Der Rest plumpst in die Nudelbrühe und zaubert ein Stücken grünen Spargel nach oben. Herr Mertens schiebt sich ein großes Stück glasiertes Irgendwas in den Mund und kaut nachdenklich. Ob der Autor glaube, dass die Geschichte für ein größeres Publikum interessant wäre, der hegt gerade Zweifel. Sie sei so, Herr Mertens ringt um Worte, entschuldigt sich, beliebig. Er müsse sich überlegen, ob er etwas Literarisches schreiben oder den Zeitgeist treffen wolle. Das Ganze sei fast akademisch brav und er sei doch nicht traumatisiert. Schließlich habe er zwar den Täter gesehen, aber keine Toten. Aber im Grunde sei er, Herr Mertens, eh so was wie ein Unterhaltungsonkel und fände Krimis super. Deswegen also auch gar nicht der richtige Ansprechpartner. Er könne ihn aber gerne weiterempfehlen, schmatzt er wohlwollend. Ja, das wäre schön.
Die unerwartete E-Mail-Anfrage eines Dramatikers trifft ein. Er möchte ein Stück über Amokläufer auf die Bühne bringen und habe ein paar Fragen. Als sie telefonieren, legt er große Behutsamkeit in seine Stimme und fragt, ob der Autor sich dazu im Stande fühle. „Imstande fühle“, der Autor will sich über die Wortwahl nicht lustig machen, glaubt aber, dass dieses ganze „Mental Health“ zu mehr Ratlosigkeit als zu echter Hilfe für die von Trauma Betroffenen führt. Im Laufe des Gesprächs entspinnt sich ein möglicher Plot. Wer war Steinhäuser?
Der Autor erinnert sich an die sechzehn brennenden Kerzen und die eine Abseits stehende, die nicht recht brennen wollte. Sechzehn Menschen hat Steinhäuser am 26.04.2002 am Erfurter Gutenberg-Gymnasium hingerichtet und sich danach selbst erschossen.
Fazit: Kaleb Erdmann erinnert sich an das tödliche Drama seiner Kindheit. Damals war er ein elfjähriger Fünftklässler. Während die Ältesten ihre Abiprüfungen schrieben, wartete die 2A auf das Läuten, das die letzte Unterrichtsstunde dieses Tages ankündigen würde, als ein Schuss fiel. Kurz darauf wurde die Klassentüre aufgerissen und eine schwarz gekleidete Gestalt mit Skimaske schaute in den Raum und verschwand wieder. Das Gespräch mit dem Dramatiker reißt nicht geahnte Wunden auf und er beginnt zwanghaft das Geschehen und die Folgen zu sezieren. Eineinhalb Jahre Therapie konnten seine Dissoziation, seine Panikattacken und sein Kontrollbedürfnis nicht auflösen. Er hinterfragt alles, so auch den Umgang der Presse, der Behörden und der Schulleitung mit den Konsequenzen des Massakers. Warum haben die Eltern Steinhäuser nicht gemerkt, wie ihr Sohn abdriftete? Erst als er versucht, sich dem Thema schreibend zu nähern, wird ihm klar, wie stark er traumatisiert ist. Mir gefällt die Herangehensweise, wie er die Geschichte durch Anekdoten auflockert, gut. Es ist die Verarbeitung eines Kriegsszenarios, das sich im Großen wie im Kleinen weltweit immer wieder ereignet, auch jetzt in diesem Moment, wo ich hier sitze, schreibe und mir bewusst wird, wie glücklich ich mich schätzen kann, derzeit keiner Bedrohung ausgesetzt zu sein. Die Geschichte ist spannend und hat mich zum Mitdenken angeregt. Meine große Empfehlung für diese kluge Aufarbeitung. Ich mochte auch sein Debüt „Wir sind Pioniere“ sehr.
Für mich ist klar: der emotionalen und literarischen Kraft dieses Buches kann man nicht „ausweichen“. Beim Lesen des autofiktionalen Werks von Kaleb Erdmann, in dem er dem Amoklauf von 2002 am ...
Für mich ist klar: der emotionalen und literarischen Kraft dieses Buches kann man nicht „ausweichen“. Beim Lesen des autofiktionalen Werks von Kaleb Erdmann, in dem er dem Amoklauf von 2002 am Gutenberg-Gymnasium aufarbeitet, kommt man nicht umhin, sich von der ehrlichen Erzählung ergreifen zu lassen. Dazu beweist der Autor auch literarisches Talent und schreibt seinen Text nicht wie einen bloßen Tatsachenbericht o.ä. herunter.
In verschiedenen Episoden reflektiert er abwechselnd darüber, wie der Amoklauf sich ereignet hat und welche Nachwirkungen er hatte, wie er das dramatische Ereignis selbst als Fünftklässler erlebt hat und wie er nun als Erwachsener sich diesem nun selbst literarisch zur Aufarbeitung nähren will. Ob das überhaupt möglich ist, inwiefern er anderer Leute Perspektive einnehmen darf oder ob sein Roman alte Traumata aufreißen würde, ist Thema der „Ausweichschule“.
Dass ein objektiv verstellter Blick auf die Tat nicht möglich sein kann, zeigt Kaleb Erdmann sehr ergreifend auf. Ich habe durch die Lektüre noch einmal viel neues über den Amoklauf und vor allem, wie die Opfer damit umgehen (müssen) gelernt. Man denkt ganz neu über solche schrecklichen Taten, Opfer und Täter nach und da man hier von jemanden liest, der selbst in das Geschehen involviert ist, ist der Text und die Erfahrungen absolut authentisch! Sehr beeindruckend!
Trotz der Schwere des Themas schreibt Kaleb Erdmann aber auch Lustiges und bietet dem Leser so Momente des Durchatmens und Schmunzels. Sein ironischer, nonchalanter, manchmal flapsiger Ton hat mir sehr gefallen und ich konnte mir dadurch den Charakter des Autors gut vorstellen und mich in ihn hineinversetzen.
Es wird beim Lesen klar, dass der Amoklauf Kaleb Erdmann immer noch verfolgt und er sich selbst manchmal gar nicht im Klaren ist, wie tief und subtil psychische Wunden sein können. „Die Ausweichschule“ steht für seinen Versuch, in einen normalen Alltag zurückzufinden, den Amoklauf hinter sich zu lassen und den posttraumatischen Belastungen „auszuweichen“. Doch das scheint eben so Unmöglich, wie der Stärke dieses Romans auszuweichen.
Ich habe dieses Buch im Rahmen einer Vorablese-Aktion gewonnen, was mich sehr freut, denn der Titel hätte mich im Buchladen nicht spontan abgeholt. Womit ich dann aber eindeutig etwas verpasst hätte. Dieser ...
Ich habe dieses Buch im Rahmen einer Vorablese-Aktion gewonnen, was mich sehr freut, denn der Titel hätte mich im Buchladen nicht spontan abgeholt. Womit ich dann aber eindeutig etwas verpasst hätte. Dieser Roman im Biografiegewand oder die Biografie im Romangewand mit dem Thema Amoklauf von Erfurt ist etwas sehr besonderes. Es enthält die Geschichte des Entstehens des Romans "Unterm Herrenberg", den es wahrscheinlich gar nicht gibt und falls doch, läge er in einer Schublade. Auf relativ überschaubaren 298 Seiten werden durch dessen Entstehungsberichts hier verschiedenste Themen im Zusammenhang mit dem Amoklauf angesprochen,überlegt, verworfen - und das alles absolut persönlich. Da ist die Ebene des jungen Schriftstellers in einer Branche, die sich nach Lesergeschmäckern auszurichten hat, um schnell und einfach erfolgreich zu sein und sich fragen muss, wieviel seiner Ideale er dafür opfert und wie allgemein er schreiben möchte. Dann ist die Ebene des Zeugens einer Straftat, der an seinen Erinnerungen zweifelt und versucht, die Kontrolle durch journalistischen Umgang mit dem Thema Amok in Erfurt zu bekommen und doch immer wieder als Zeuge mit seinen Panikattacken konfrontiert wird. Es gibt die Sicht als Patient von langjährigen Psychotherapien mit erlernten Skills und Erkenntnissen und als ehemaliger Schulfreund eines Mitschülers, der angibt, seinerseits kein Problem mit der gemeinsamen Erfahrung zu haben. Er ist aber auch kritischer Leser von anderen Abhandlungen über die Tat und Fan eines anderen Autors, der sich mit seinen Fiktionen zu anderen Taten selber traumatisiert zu haben scheint. Natürlich wird der Amoklauf von Erfurt mit seinen Umständen selber geschildert, aber anhand des offiziellen Untersuchungsberichtes und somit sehr unaufgeregt und sachlich. Die Begleitgedanken hierzu liefert der Autor, aber offensichtlich subjektiv und nicht immer logisch, wie man als Mensch halt so denkt. Die Ausweichschule selber ist ein Gebäude, aber ich denke eher, dass der Titel hier aus einem tieferen Grund gewählt wurde. Der Autor fragt sich selber, vor wem oder was man ausweicht und wieso Füllspachtel und Farbe nicht ausgereicht hätten, um das Gutenberggymnasium wieder herzurichten. Die Ausweichschule ist eng, überfüllt und schlecht gelegen, seltsam, dass man das traumatisierten Schülern und Lehrern aufbürdet. Also vor wem oder was weicht man tatsächlich aus? Eine große Stärke des Romans ist der Blick aufs Menschliche: das Erinnerungen nicht in Stein gemeißelt sind, dass die Reaktionen auf solches Grauen völlig verschieden sein können, dass Essen mehr als Nahrung ist, dass es manchmal nötig zu sein scheint, die Geschichte spannender zu machen, dass auch Täter Kerzen und Rosen bekommen und dass es keine einfachen Antworten gibt. Und am Ende steht die Gewöhnung oder Resignation oder Abgeklärtheit, die dennoch eine Ruhe gibt ?!
Es handelt sich trotz seines Inhaltes um ein durchaus humorvolles Buch, da die handelnden Personen so einige liebevolle Macken haben oder wunderliche Dinge tun. Ich sage nur die Szene mit der Performance oder Gurkenwasserflaschen.
Ein faszinierendes Buch, wenn man nicht nur unterhalten sein will, sondern auf der menschlichen Ebene nachdenken möchte, ohne hochphilosophisch werden zu müssen.