Auf Spurensuche
Vor einigen Monaten war ich geradezu geflasht von dem Roman "Hen na e - Seltsame Bilder", der unter stilistischen Gesichtspunkten unsere (europäischen) Lesegewohnheiten durchbricht. Hinter dem Pseudonym ...
Vor einigen Monaten war ich geradezu geflasht von dem Roman "Hen na e - Seltsame Bilder", der unter stilistischen Gesichtspunkten unsere (europäischen) Lesegewohnheiten durchbricht. Hinter dem Pseudonym Uketsu verbirgt sich ein japanische Autor und YouTuber, der seine wahre Identität durch das Tragen einer Maske und eines Ganzkörperanzugs verbirgt. Uketsu ist ein absolutes Phänomen, das sich verorten lässt in den literarisches Genres Krimi, Thriller, Mystery und True Crime, und ich war sehr gespannt auf seinen zweiten Roman "Hen na ie - Das seltsame Haus", den ich mir nicht entgehen lassen wollte. Streng genommen, handelt es sich um den Vorgänger des Bestsellers "Hen na e - Seltsame Bilder". Die vorgegebene Reihenfolge muss nicht eingehalten werden. Denn jedes Buch erzählt eine in sich abgeschlossene Geschichte, die keinerlei Vorkenntnisse erfordert.
Das exotische Cover fällt aus dem Rahmen des Üblichen. Farblich gesehen, ist es in Schwarz, Weiß und Blau gehalten. Der Einband ist verziert mit kindlich wirkenden Zeichnungen, die zum Nachdenken anregen wie der denkwürdige Titel. Der schwarze Buchschnitt strahlt eine düstere Faszination aus. Hier werden streng gehütete Geheimnisse ans Tageslicht befördert. Auf diese Weise ist es ein absoluter Hingucker in allen Buchhandlungen.
Der Roman ist getragen von der an Riten reichen Kultur Japans, die sich in alltäglichen Situationen und religiösen Praktiken widerspiegelt. Wer entsprechende Kenntnisse mitbringt, wird sich leicht in die interessante Lektüre einfinden können, ansonsten fällt das Einlassen auf den vorliegenden Text etwas schwer. Konträr zu seinem Bestseller "Hen na e - Seltsame Bilder " erzählt Uketsu linear die Geschichte eines Schriftstellers, der das Geheimnis hinter einem unkonventionell gestalteten, versteckte Räumlichkeiten enthaltenden Haus ergründen will und sich auf eine spannende Spurensuche begibt, tatkräftig unterstützt von einem erfahrenen Architekten. Nach und nach werden die zugrunde liegenden Geheimnisse gelüftet, auf der Basis von schlichten Grundrissen mehrerer Häuser, die gemeinsam betrachtet und analysiert werden.
Alles in allem hat mich dieser Roman etwas enttäuscht zurückgelassen. Einerseits bin ich begeistert von dem außergewöhnlichen Plot, der der grafischen Gestaltung und der eigenwilligen Erzählkunst seines literarischen Werkes von Uketsu, das von Dialogen seiner Protagonistinnen lebt. Andererseits habe ich mich an der ständig wiederkehrenden Visualisierung der Grundrisse etwas gestört. Auch die Umsetzung des (an sich innovativen) Plots wirkte sehr konstruiert. Insbesondere das (Vor-) Wissen der Protagonistinnen hat mich nicht überzeugt. Die aus dem Rahmen fallenden Grundrisse geben Rätsel auf, aber sie werden gleich als Ausgangsbasis für ein zugrundeliegendes Verbrechen interpretiert. Die handelnden literarischen Figuren stellten ihre Gedankengänge nicht einziges Mal in Zweifel, sondern waren konsequent von "ihrer" Wahrheit überzeugt. Etwas verwirrt hat mich die (nicht zwingend schlüssige) Auflösung des komplizierten Falles zurückgelassen, nicht zuletzt aufgrund der weitverzweigten familiären Bande von Beteiligten.
Eine gerechte Bewertung fällt mir schwer. Aus meiner Sicht halten sich Pro und Contra sozusagen die Waage. Die Leser*innen müssen selbst entscheiden, ob Uketsu ihren persönlichen Geschmack getroffen hat oder nicht.