Cover-Bild Mein Name ist Judith

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19,99
inkl. MwSt
  • Verlag: Penguin
  • Genre: Romane & Erzählungen / Erzählende Literatur
  • Ersterscheinung: 25.03.2019
  • ISBN: 9783641159740
Martin Horváth

Mein Name ist Judith

Roman
Wenn sich Geschichte wiederholt … ein hellsichtiger und sehr berührender Roman Wien in der nahen Zukunft. Seit einem Attentat auf dem Hauptbahnhof ist der Ausnahmezustand zur Regel geworden. Auch die Welt des Autors León Kortner ist aus den Fugen geraten: Bei dem Anschlag sind Frau und Tochter umgekommen, seitdem führt er ein Leben unter Toten. Einsam versucht er einen Roman über die jüdische Familie Klein zu schreiben, die bis zur Flucht vor den Nazis eine Buchhandlung in dem Haus führte, in dem León wohnt. Eines Morgens sitzt ein fremdes Mädchen in einem altmodischen Mantel in seiner Küche. Wer ist diese Judith, die behauptet, dass ihrem Vater der Buchladen gehört? Mit großem Feingefühl erzählt Martin Horváth von Verfolgung, Flucht und Exil einer jüdischen Wiener Familie und zieht Parallelen zu unserer Zeit – ein kluger, eindringlicher Roman über die Macht des Erzählens und das Vergessen, Vergessen-Wollen und Nicht-vergessen-Können.

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Veröffentlicht am 03.05.2020

Schrödingers Katze

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Der Ich-Erzähler trauert; doch nicht nur hierzu erschliessen sich Details erst langsam. Neben seinem Verlust nimmt das Haus, indem er eine Wohnung besitzt, einen großen Anteil an seiner Lebensrealität ...

Der Ich-Erzähler trauert; doch nicht nur hierzu erschliessen sich Details erst langsam. Neben seinem Verlust nimmt das Haus, indem er eine Wohnung besitzt, einen großen Anteil an seiner Lebensrealität ein, seinen Interessen. In besagtem Mehrfamilienhaus wurden zur Zeit des Nationalsozialismus mehrere Wohnungen „arisiert“, er hatte einst hierzu Nachforschungen betrieben und sich dabei verliebt in eine Nachfahrin der ursprünglichen Besitzer seiner Wohnung. Doch jetzt vermischen sich für ihn, León, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, kommt es zu Überschneidungen damaliger, heutiger und hypothetischer Ereignisse.

Lest nicht den Klappentext! Dieser Roman spielt mit Zeitebenen und Realtitäten, der Leser wird konfroniert mit so etwas wie Zeitsprüngen von Personen aus der Vergangenheit – oder der Option, dass diese Zeitsprünge in der Phantasie der Hauptperson León stattfinden, vermutlich als eine Art Trauerarbeit oder PTSB, Posttraumatische Belastungsstörung. Ab jetzt wird es schwierig, über das Buch zu schreiben, ohne zu spoilern: Es geht um die NS-Zeit in Wien, um Fluchterfahrung, um Grausamkeit, darüber, bei der Flucht nicht willkommen zu sein, um das schwere Erbe der Nachkommen. Es geht aber auch um eine imaginierte nahe Zukunft, in der in der Wüste eine Grenzmauer gebaut wird, um Flüchtlinge nach beziehungsweise von Europa abzuhalten, um heutigen Terrorismus; um Verlust, Vergessen, Vermissen.

Ich habe das Buch gerne gelesen, bei dem sich die gesamten Hintergründe erst sehr langsam aus den Andeutungen ergeben. Die Verknüpfung des Gestern und Heute fand ich geschickt gemacht, auch wenn mir phantastische Anteile sonst wenig liegen. Bezüglich der Verknüpfung mit aktuellen (oder weitergedachten zukünftigen) Themen zu Flucht und Flüchtlingen hingegen bin ich unsicher: der Part geht mir ein wenig unter. Menschlich nahe kommt das nur mit dem Neffen der Nachbarn, der aber eher als absolute Randfigur auftaucht, mir dadurch fernbleibt; viel zu schwach gegenüber dem Schicksal der kleinen Judith, von Max oder Lena.

Stärke bei Vergleichen entwickelt der Text für mich vielmehr beim Umgang mit dem Lösen von Problemen damals und heute: „Ja, es wird weitere Anschläge geben. Und trotzdem – ich fürchte mich mehr vor dem Verlust der Freiheit als vor dem Gewinn vermeintlicher Sicherheit. …Mehr vor dem starken Mann mit den einfachen Lösungen als vor den Problemen, die es zu lösen gilt.“ S. 103 Und, ja, ich werde weiterhin ein großes Problem haben an jeglichen Vergleichen mit dem Holocaust. Und ich halte es auch für nicht statthaft einen Vergleich zu ziehen zwischen der Flucht der Juden vor der Auslöschung durch den Nationalsozialismus mit den heutigen Gründen für Flucht und Auswanderung; ja, politische Gegner von beispielsweise Assad sind verfolgt, aber nicht aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Religion oder Ethnie. Da wären eher die Jesiden vergleichbar – aber: nein, Menschenleben vergleicht man nicht. Punkt.

Insgesamt literarisch toll, bei leichten inhaltlichen Schwächen. 4 Sterne

  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere