Profilbild von -Leselust-

-Leselust-

Lesejury Profi
offline

-Leselust- ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit -Leselust- über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.09.2016

Kindliche Idylle vs Rassismus und Vorurteil

Wer die Nachtigall stört ...
0

Kurzmeinung
Bei diesem Pulitzer-Preis-Gewinner hatte ich etwas anderes erwartet, etwas schweres, hochliterarisches. Stattdessen überraschte mich eine atmosphärische Geschichte aus dem Leben zweier Kinder ...

Kurzmeinung
Bei diesem Pulitzer-Preis-Gewinner hatte ich etwas anderes erwartet, etwas schweres, hochliterarisches. Stattdessen überraschte mich eine atmosphärische Geschichte aus dem Leben zweier Kinder in den Südstaaten der 1930er. Es liest sich sehr leicht; dennoch werden einige schwierige Themen behandelt.


Zum Buch
Die Geschichte wird aus Sicht der aufgeweckten Jean Louise, genannt Scout, erzählt. Sie lebt mit ihrem älteren Bruder Jem und ihrem Vater Atticus Finch in der fiktiven Kleinstadt Maycomb Alabama . Zunächst taucht man ein in die Atmosphäre der Südstaaten der 1930er und erlebt durch Souts Augen eine unbeschwerte Kindheit dieser Zeit. Es sind Sommerferien und die Kinder spielen den ganzen Tag draußen, können sich frei in der Nachbarschaft bewegen und jeder kennt jeden in dieser Kleinstadt- Idylle. Bald bekommt das Geschwisterpaar Verstärkung in Form des Nachbarjungen Dill und zu dritt verbringen sie einen unbeschwerten Sommer. Viel Raum nehmen dabei auch die Spekulationen über den mysteriösen Nachbarn Arthur (Boo) Radley ein. Dieser soll irgendwie gestört sein und nie das Haus seines Vaters verlassen. Der ältere Je schmückt die Gerüchte mit gruseligen Details für die beiden Jüngeren es entwickelt sich so manche Mutprobe, sich zum Beispiel Boos Haus zu nähren.
Im Laufe der Geschichte lernen die Geschwister jedoch die menschliche Seite an Boo kennen, der ihnen kleine Geschenke in einem Astloch in einem Baum hinterlegt, den sie auf ihrem Schulweg passieren.

Die kindliche Idylle der Finch- Geschwister wird jedoch je Erschüttert, als ihr Vater, Rechtsanwalt, die Verteidigung des schwarzen Farmarbeiters Tom Robinson übernimmt. Dieser soll eine weiße junge Frau geschlagen und vergewaltigt haben.
In Maycomb herrscht immer noch starker Rassismus und die weißen Bevölkerung ist schockiert darüber, dass "einer der Ihren" einen "Neger" vertritt. Und so setzt Atticus seinen Ruf und sein Ansehen aufs Spiel, und sogar sein Leben. Denn die aufgebrachten Farmer wollen nicht auf das Urteil des Gerichts warten und an Tom Selbstjustiz üben. Atticus, des so etwas schon geahnt hatte, ist zwar zur Stelle und versucht, die Männer zu beschwichtigen. Letztendlich ist es aber Scout, die mit ihrer kindlichen Unschuld die aufgeheizte Situation beruhigen kann.
Auch Scout und Jem bekommen den Unmut ihrer Mitschüler zu spüren und müssen sich mit schweren moralischen Fragen auseinandersetzen. Ihr Vater ist dabei immer Vorbild und Leitfigur in moralischen Fragen. Er ist immer bereit, den Kindern sein Verhalten zu erklären und zu begründen.

Schließlich findet die Gerichtsverhandlung statt und es kommt zu so manch überraschenden Wendung. Atticus' Schlussplädoyer ist ein Appell and die Menschlichkeit und er fordert Gleichberechtigung von Schwarzen und Weißen. Doch die Kleinstadt ist noch nicht bereit für diese Einsicht.

Meine Meinung
Wie gesagt, hatte ich etwas anderes erwartet. Von dem Pulitzer Preis- Gewinner war ich immer etwas eingeschüchtert. Als ich mich jetzt aber an die Lektüre gewagt habe, hat mich die sommerliche Kleinstadt-Atmosphäre gleich gefangen genommen und die aufgeweckte Scout habe ich sofort ins Herz geschlossen.
Bis zur Hälfte des Buches ungefähr ist die Geschichte ausgefüllt von den Erzählungen über die Abenteuer und den Alltag der Kinder. Das ist nicht übermäßig spannend und auch nicht von großem moralischen Anspruch oder Ähnlichem. Aber es ließt sich sehr flüssig und die Autorin nimmt sich viel Zeit, die einzelnen Charaktere vorzustellen und dem Leser ein Gefühl für die Menschen und die Stimmung in der Kleinstadt Maycomb zu geben.
Die Schilderung der ganzen Rassen- Problematik und der Gerichtsverhandlung ist absolut gelungen, besonders, da man die Geschehnisse ja durch die Augen der kleinen Scout sieht. Und oft ist es ihre kindliche Unschuld und ihre naiven Fragen, die einem die Absurdität der Vorurteile der Erwachsenen besonders offensichtlich erscheinen lassen.

Anfangs musste ich ein bisschen schlucken, als immer wieder Begriffe wie "Neger" oder "Nigger" vorkamen. Doch nach einer Weile konnte ich diese Ausdrucksweise als zu der Atmosphäre und der Zeit gehörig akzeptieren und im Gesamtbild ist es ja auch durchaus stimmig. Dennoch erfordert es natürlich zunächst einmal ein Umdenken, wenn man als Leser so vollkommen anders sozialisiert wurde.

Mein Highlight aus dem Buch ist Atticus Finch. Ein wundervoller Charakter, der versucht, allen gerecht zu werden und seine moralischen Werte über sein Ansehen und das seiner Familie stellt. Er ist dabei ein liebevoller Vater, der sich immer Zeit nimmt, die Fragen seiner Kinder zu beantworten und sie ihre eigenen Schlüsse ziehen zu lassen. Er hat hohe Ansprüche an sich und an seine Kinder, ist aber gleichzeitig voller Verständnis und Respekt für sie und die anderen Bewohner der Stadt, die diese Ansprüche nicht erfüllen und ihn und auch andere schlecht behandeln. Es ist diese Größe, die mich so beeindruckt hat. Er lehrt seine Kinder Besonnenheit, und das man erst in die Haut des anderen schlüpfen und darin herumwandern muss, bevor man sein Verhalten beurteilen darf.
Viele seiner Aussagen habe ich mir herausgeschrieben, um sie nicht zu vergessen, weil aus ihnen so viel Weisheit spricht. So zum Beispiel:


Scout: Atticus, du musst dich irren. Atticus: Wieso? Scout: Weil die meisten Leute denken, dass du dich irrst. Atticus: Sind berechtigt so zu denken und können verlangen, dass wir ihre Meinung akzeptieren. Aber bevor ich mit anderen leben kann, muss ich mit mir selbst leben. Das einzige, das sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen.


Fazit
Insgesamt kann man die vorherrschende Stimmung und Werte in Alabama der 1930er sehr gut nachempfinden und völlig in die Kleinstadtatmosphäre eintauchen. Man kann seine eigenen Einstellungen hinterfragen und sie an den hohen Standards von Atticus messen.
Das Problem der Vorurteile ist ja in irgendeiner Form leider immer noch aktuell und wird es wahrscheinlich auch noch eine weile bleiben.
Daher kann ich dieses Buch wirklich uneingeschränkt empfehlen, wobei es gleichzeitig auch eine schön geschriebene Geschichte ist und sich toll lesen lässt.
Es ist eine Geschichte, die man mit seinen Kindern lesen kann und bietet sicherlich auch dort viel Stoff für Diskussionen, ob in der Familie oder als Lektüre in der Schule.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Was ist schon normal?

Veronika beschließt zu sterben
0

Kurzmeinung:
Dieses Buch hat mir wirklich bewegt und zum Nachdenken angeregt. In wunderschöner Sprache hinterfragt Coelho, was eigentlich "normal" ist und zeigt die alltäglichen Zwänge der Gesellschaft ...

Kurzmeinung:
Dieses Buch hat mir wirklich bewegt und zum Nachdenken angeregt. In wunderschöner Sprache hinterfragt Coelho, was eigentlich "normal" ist und zeigt die alltäglichen Zwänge der Gesellschaft auf. Sehr eindrücklich werden das Leben und Leiden der Charaktere beschrieben. Das Bucht ist voller schöner Zitate, die mich noch lange verfolgt haben und werden.


Klappentext:
Die Geschichte einer unglücklichen jungen Frau, die sterben will und erst angesichts des Todes entdeckt, wie schön das Leben sein kann, wenn man darum kämpft und etwas riskiert. Ein wunderbares Buch über die Prise ›Verrücktheit‹, die es braucht, um den eigenen Lebenstraum Wirklichkeit werden zu lassen, und eine große Liebeserklärung an das Glück in jedem von uns



S.17 "Veronika hatte beschlossen, an diesem schönen in Ljubljana zu sterben, während bolivianische Musiker auf dem Platz spielten, ein junger Mann unter ihrem Fenster vorbeiging, und sie war glücklich über das, was ihre Augen sahen und ihre Ohren hörten. Noch glücklicher war sie, dass sie dies nicht noch weitere dreißig, vierzig oder fünfzig Jahre sehen musste, denn es würde sich abnutzen und zur Tragödie eines Lebens werden, in dem sich alles wiederholte und ein Tag dem anderen
gleicht."


Zum Buch:

Gleich zum Anfang des Buches lernen wir Veronika kennen, die nicht mehr so richtig Lust auf das Leben hat und keine Perspektive für sich sieht. Sie beschließt daher sich das Leben zu nehmen.



S.13 "Ihr Leben verlief gleichförmig, und wenn die Jugend erst einmal vorbei war, würde es nur noch abwärts gehen, sie würde altern, krank werden, Freunde verlieren. Letztlich würde Weiterleben nichts bringen, vermutlich nur mehr Leid."

So nimmt Veronika eine Überdosis Pillen und legt sich hin, um auf den Tod zu warten. Der Selbstmordversuch misslingt allerdings und sie erwacht in der Psychiatrie "Villette". Dort teilen die Ärzte ihr mit, dass ihr Herz durch die Pillen stark geschädigt wurde und sie in den nächsten Tagen sterben wird.
So ist die Protagonisten nun gezwungen, sich mit dieser skurrilen Situation zu arrangieren und lernt das Leben in Vilette und seine Bewohner kennen.


S. 21 "Wie sollte man in einer Welt, in der man um jeden Preis versucht zu überleben, Menschen beurteilen, die zu sterben beschließen?"

Und in dieser ungewöhnlichen Umgebung und im Austausch mit den vermeintlich "Verrückten" lernt sie, dass es im Leben so viel mehr gibt, als sich an Regeln zu halten und sich den Normen entsprechend zu verhalten. Sie lernt sich selbst (wieder) kennen und entdeckt ihre alten Wünsche und Träume. Losgelöst von den Zwängen der Gesellschaft hinterfragt sie, was denn "normales" Verhalten ist und wem es eigentlich zusteht, sie zu bewerten.


S.181 "Jeder Mensch ist einmalig und einzigartig, mit seinen Eigenschaften, Trieben, Begierden und Abenteuern. Doch die Gesellschaft zwingt ihm ein kollektives Verhaltensmuster auf..."

Sie kann frei und ungezwungen einfach sie selbst sein, ohne das sie von jemandem beurteilt wird -und findet dadurch zu sich selbst und ins Leben zurück.


S. 46 "Hier drinnen können alle sagen, was sie denken, tun, was sie wollen, ohne auf Kritik zu stoßen."
S. 73 "Als ich die Tabletten genommen habe, wollte ich jemanden umbringen, den ich hasste. Ich wusste nicht, dass es in mir auch Veronikas gab, die ich lieben könnte."


Natürlich ist das kein leichter Weg und Veronika hadert immer wieder mit ihrem Schicksal. Es findet in ihr eine Entwicklung statt, die man als Leser auch gut nachvollziehen kann.



Meine Meinung:
Was für ein schönes Buch. Es hat mich wirklich sehr bewegt. Wie ihr eventuell schon gemerkt habt, habe ich mir sehr viele schöne Zitate rausgeschrieben, die mich sehr zum Nachdenken angeregt haben. (Deswegen habe ich für das Lesen dieses eigentlich recht kurzen Buches auch so lange gebraucht...)

Die Charaktere sind komplex und anders, als andere Charaktere, die man sonst so aus Büchern kennt. Es war bei mir nicht so, dass ich die Charaktere besonders mochte, oder ihnen besonders nahe war. Trotzdem konnten sie mich berühren und mir (und Veronika) ihre Lektionen erteilen.
Man lernt die Villette- Bewohner kennen, ihre Geschichten, wie sie aus dem "Leben draußen" nach Vilette gekommen sind. Die Geschichten sind alle sehr unterschiedlich und immer sprechen die Personen sehr reflektiert über ihre Reise, so dass man als Leser viele tiefe Einblicke und Erkenntnisse gewinnen kann.


S.42 "Ich hoffe allerdings, dass diese Substanz mir nur das Problem meiner chronischen Depression löst. Ansonsten möchte ich weiterhin verrückt sein, mein Leben so leben, wie ich es mir erträume, und nicht so, wie die anderen es von mir erwarten."

Es geht um Liebe, Freundschaft, persönliches Leid und um Ängste, den Ansprüchen der Gesellschaft und den Erwartungen an eine aufgedrängte Rolle nicht erfüllen zu können.
Man wird als Leser gezwungen, seine eigenen Ansichten über "normales Verhalten" zu überdenken und wird mit seinen eigenen Vorurteilen gegen psychisch Kranke konfrontiert. Stigmatisierung spielt eine große Rolle.

Mir hat das Buch gut gefallen, gerade weil es mich teilweise aus meiner Komfortzone gedrängt hat und ich mir schwierige Fragen stellen musste.
Und auch das ich über mein eigenes Leben nachdenken musste, warum ich es lebenswert finde, und das ich die alltäglichen Freuden zumindest für eine Zeit nicht mehr als so selbstverständlich annehme, hat mir gefallen.
Ich finde, die Lektüre dieses Buches ist auf jeden Fall eine Bereicherung.



Verfilmung:
Manche von euch kennen vielleicht auch den Film. Der hat mir auch sehr gut gefallen und hat viele Szenen aus dem Buch gut umgesetzt. Allerdings wurde auch einiges geändert und vor allem das Ende ist deutlich anders. Aber sowohl Buch als auch Film sind als eigenständige Werke zu empfehlen.
Ich habe den Film vorher gesehen und war beim Lesen dementsprechend manchmal etwas überrascht. Im Film nimmt zum Beispiel die Liebesgeschichte zwischen Veronika und einem schizophrenen Insasse viel mehr Raum ein.
Das Buch konnte mit der wunderschönen Sprache und den vielen tollen Zitaten wirklich überzeugen.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Eindrückliches Psychogramm einer Familie

Was ich euch nicht erzählte
0

Kurzmeinung:
Ein spannender Familienroman, der sehr eindrücklich das Psychogramm einer auf den ersten Blick ganz normalen Familie zeichnet. Doch jedes Familienmitglied hat seine kleinen Geheimnisse und ...

Kurzmeinung:
Ein spannender Familienroman, der sehr eindrücklich das Psychogramm einer auf den ersten Blick ganz normalen Familie zeichnet. Doch jedes Familienmitglied hat seine kleinen Geheimnisse und so komm es nach jahrelangem Anstauen von kleinen Missverständnissen und Lügen zur Katastrophe. Erzählt in einer klaren Sprache und sehr beklemmender Atmosphäre.


Klappentext:

"Lydia ist tot." Der erste Satz, ein Schlag, eine Katastrophe. Am Morgen des 3. Mai 1977 erscheint sie nicht zum Frühstück. Am folgenden Tag findet die Polizei Lydias Leiche. Mord oder Selbstmord?
Die Lieblingstochter von James und Marilyn Lee war ein ruhiges, strebsames und intelligentes Mädchen. Für den älteren Bruder Nathan steht fest, dass der gutaussehende Jack an Lydias Tod Schuld hat. Marilyn, die ehrgeizige Mutter, geht manisch auf Spurensuche. James, Sohn chinesischer Einwanderer, bricht vor Trauer um die Tochter das Herz. Allein die stille Hannah ahnt etwas von den Problemen der großen Schwester. Was bedeutet es, sein Leben in die Hand zu nehmen? Welche Kraft hat all das Ungesagte, das Menschen oft in einem privaten Abgrund gefangen hält? Nur der Leser erfährt am Ende, was sich in jener Nacht wirklich ereignet hat.

Zum Buch:
Zu Beginn des Buches verschwindet also die "Lieblingstochter" der Familie: Lydia. Nach einiger Zeit der Suche wird bald die Leiche der 16-jährigen gefunden. Diese schockierenden Ereignisse reißen die Familie aus ihrem Trott und jahrelang angestaute Geheimnisse kommen langsam ans Licht.

Das Buch wird abwechselnd aus Sicht der verschiedenen Familienmitglieder geschrieben. Da gibt es zum einen die Mutter Marilyn, die ihre großen Karrierewünsche für die Familie aufgab.
"Ich hätte das schaffen können" Das hypothetische Plusquamperfekt, die Zeit der verpassten Chancen. (Marilyn, S.99)
Den Vater James, der als Immigrant aus China sein Leben lang mit Vorurteilen zu kämpfen hatte und nie richtig seinen Platz in der Gesellschaft gefunden hat. Dann gibt es noch den ältesten Sohn, Nathaniel, der nie die Erwartungen seinen Vaters erfüllen konnte. Und Hannah, die Jüngste und meist von allen Übersehene.
Diese auf den ersten Blick idyllische und völlig typische Familie hat aber viele Geheimnisse, die nach und nach ans Licht kommen. Jeder glaubt, den anderen zu kennen, und tut es doch nicht. Sie sind eine Familie, und doch ist jeder auf seine Art einsam, weil sich die Familienmitglieder zu wenig sagen, zu wenig zuhören und zu viel verschweigen, aus Angst, sich zu offenbaren und damit auch verletzlich zu machen. Ein Buch das zeigt, das man nie wirklich wissen kann, was in einem anderen Menschen vorgeht. Auch wenn man ihn noch so gut zu kennen glaubt.

Das Buch spricht viele wichtige Themen an: Es geht um Immigration und Vorurteile, um Emanzipation, um Erwartungen der Eltern an ihre Kinder, um Mobbing, Einsamkeit und Kommunikation in der Familie.
So kommt nach und nach zum Vorschein, wie sehr Lydia unter dem Druck gelitten hat, die Erwartungen ihrer Mutter zu erfüllen, die all ihre Wünsche und Träume auf ihre älteste Tochter projiziert hat.
Und auch Nath kann die Erwartungen seinen Vaters nicht erfüllen. James erkennt sich selbst sehr stark in seinem Sohn und hätte sich doch eigentlich so viel Anderes, aus seiner Sicht Besseres für ihn gewünscht. James kann die Probleme seines Sohnes nachvollziehen, hatte er doch selbst mit Vorurteilen und Mobbing zu kämpfen. Und doch kann er nicht über seinen Schatten springen und ihm zeigen, dass er ihn versteht -oder noch viel wichtiger, dass er ihn liebt. Der Vater hat letztendlich auch Schuldgefühle gegenüber dem Sohn, die eine echte Nähe unmöglich machen.

Meinung:
Für mich ingesamt ein sehr gutes Buch. Die Charaktere sind sehr plastisch und echt, die Gefühle und Beziehungen gut beobachtet und feinfühlig beschrieben. Die Geschichte wird in einer klaren Sprache erzählt, die einen schnell ins Geschehen finden lässt.
Die Erzählung ist gespickt mit kleinen Beobachtungen und Erinnerungen, die das Geschehen nah und echt wirken lassen. So zum Beispiel, als James sich mitten im Streit mit Marilyn daran erinnert, wie sie beide bei einer zärtlichen Berührung gleichzeitig Gänsehaut bekommen haben, und James dieser engen Verbindung nachtrauert.

Der Aufbau ist meistens klar, doch die erwähnten Perspektivwechsel passieren oft recht abrupt und mitten in einem Absatz, so dass für mich manchmal nicht ganz klar war, aus wessen Sicht wir das Geschehen gerade geschildert bekommen. Da muss man wirklich aufmerksam lesen. Aber das lohnt sich auf jeden Fall, denn neben den Perspektivwechseln gibt es auch immer wieder Zeitsprünge und so erfahren wir Stück für Stück mehr über die Familie Lee.
Die Zeitsprünge fand ich auch in sofern spannend, da zu anderen Zeiten eben andere Konventionen geherrscht haben, und man sich mit einem anderen Gesellschaftsbild konfrontiert sieht. So ist etwas, was uns heute selbstverständlich erscheint -zB das beide Elternteile arbeiten gehen- damals noch ein Tabu. Unter diesem Aspekt bekommen die Gedanken, Wünsche und Handlungen der jeweiligen Charaktere eine neue Bedeutung.

Die Geschichte ist dabei die ganze Zeit plausibel und nachvollziehbar. Der Leser bemerkt voll Bedauern, wie all die kleinen Missverständnisse und Zurückweisungen sich über ein Leben addieren und schließlich in einer Katastrophe münden. Dabei ist man als Leser so nah am Geschehen, dass man von einer starken Beklommenheit erfasst wird.
An vielen Stellen habe ich gedacht "Hätten man diese Kleinigkeit anders gemacht oder hätte sie hier einmal genauer zugehört, dann wäre möglicherweise alles anders gelaufen." Und gerade dieses Realistische, diese Nähe, die Kleinigkeiten sind es, die in mir so eine bedrückende Stimmung erzeugt haben.


Man liebte so sehr und erhoffte so viel, und am Ende hatte man nichts. (S.240)

Leider ist der Schluss für mich ein bisschen aus diesem stimmigen Gesamtkonzept herausgefallen und hat mit dieser toll heraufbeschworenen Stimmung gebrochen. Für mich war es unglaubwürdig und nicht ganz stimmig, wie sich dann auf einmal doch alle Familienmitglieder versöhnen und sich verstehen wollten. Ich hätte mir gewünscht, dass mich die Autorin mit diesem beklemmenden Gefühl zurücklässt. So hatte ich das Gefühl, dass auf Krampf eine Art "Happy End" gesucht wurde.
Insgesamt aber ein eindringlicher und einfühlsam geschriebener Familienroman, den ich sehr empfehlen kann. Das Buch lässt einen über seine eigenen Beziehungen nachdenken und es gibt viele eindringliche Zitate, die mich noch eine Weile begleitet haben.


So wie die Erinnerung an geliebte Menschen, die man verloren hat, sich immer weiter glätten, vereinfachen und ihre Vielschichtigkeit verlieren (S.263)

Veröffentlicht am 15.09.2016

Ein Roman übers Vergessen, Verzeihen und den Mut zu Lieben

Die Ungehörigkeit des Glücks
0

Kurzmeinung:
Ein wunderschöner Roman über Familie, über Liebe und das Vergessen. Übers Mensch Sein, das Fehler Machen und das Verzeihen.
Für alle, die das Thema Alzheimer oder auch LGBT interessiert.

Zum ...

Kurzmeinung:
Ein wunderschöner Roman über Familie, über Liebe und das Vergessen. Übers Mensch Sein, das Fehler Machen und das Verzeihen.
Für alle, die das Thema Alzheimer oder auch LGBT interessiert.

Zum Buch:
Es geht also um 3 Generationen von Frauen. Carolines und Katies Alltag wird auf den Kopf gestellt, als ihre Mutter und Großmutter Mary bei Ihnen einzieht. Es bedeutet für sie ein Umdenken und Reflektieren ihrer alten Verhaltensmuster. Katie, die ja bis dahin nicht mal wusste, dass sie eine Großmutter hat, nimmt sich vor, mehr über die Geschichte ihrer Familie herauszufinden. Schnell entwickelt sich eine wunderschöne Beziehung zwischen ihr und Mary. Katie kümmert sich wirklich sehr rührend und ihre Oma und schreibt für sie ein Erinnerungsbuch, in dem sie Marys Geschichten aufschreibt und ihr dann später wieder vorliest. Die sehr brave und angepasste Katie wird durch Mary inspiriert, mehr zu sich selbst zu stehen und mutiger zu sein.
Auch Caroline durchläuft eine Veränderung, als sie sich endlich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt und ihren lang gehegten Groll nach und nach aufgibt. Sie muss lernen, die Mauern um sich herum einzureißen und Gefühle zuzulassen.
Die Geschichte wird aus Sicht der Enkelin Katie und der Großmutter Mary geschrieben. Außerdem gibt es 2 Erzählzeiten: Neben den Kapiteln in der Gegenwart gibt es auch immer wieder Rückblicke zu Marys Kindheit und Jugend und auch ihr späteres Leben, in dem auch ihre Schwester Pat eine große Rolle spielt.

Meinung:
Besonders gut gefallen hat mir an dem Buch, dass es eine Geschichte wie aus dem Leben ist. Von Anfang an fühlt man sich wie mitten im Geschehen. Die Charaktere sind wundervoll komplex dargestellt und durchweg menschlich. Jeder hat seine Stärken und Schwächen, macht Fehler und verletzt andere, weil man nicht über seinen Schatten springen kann. Als Leser ärgert man sich manchmal über die Charaktere, aber man kann niemandem als "den Bösen" hinstellen, weil man immer die Motive und Beweggründe der Charaktere nachvollziehen kann. Das finde ich unglaublich gelungen. Die Familiendynamik ist sehr komplex dargestellt.
Ebenso gefallen hat mir der herrlich unaufgeregte Erzählstil. Bei vielen Rezensionen hab ich gelesen, dass die Leser das Buch langweilig fanden. Ja, es ist kein Pageturner, aber langweilig fand ich es kein bisschen. Es ist eben eine sehr realitätsnahe Geschichte. Sie erzählt aus dem Alltag des Familienlebens, aus dem Alltag in der Betreuung eines dementen Angehörigen. Und das ist nicht immer super spannend, aber ich finde, die Autorin hat das Zusammenleben der drei Generationen sehr einfühlsam geschildert.
Mein Lieblingscharakter ist Mary. Durch die aus ihrer Sicht geschriebenen Kapitel gewinnt man wertvolle Einblicke in das Empfinden einer an Demenz erkrankten. Es muss schrecklich sein, wenn einem seine wertvollen Erinnerungen langsam aus dem Gedächtnis schwinden. Und trotzdem bleibt Mary so optimistisch. Alles am ihr hat so eine Leichtigkeit. Mir gefällt auch, dass bei ihr manchmal so etwas Kindliches durchkommt, dadurch, dass sie sich nicht mehr um soziale Zwänge schert. Außerdem ist sie so voller Weisheit und lässt uns daran teilhaben. Oft habe ich mir Stellen markiert und Zitate von ihr rausgeschrieben. Sie war so eine starke und emanzipierte Frau, ist ihr Leben lang allein klar gekommen, hat sich durchgekämpft. Und nun ist sie auf andere angewiesen, wird bevormundet. Das hat mich wirklich sehr berührt.

Katie ist auch ein guter Charakter; sie macht über das Buch hinweg eine Entwicklung durch, die man als Leser recht gut nachvollziehen kann. Zwischendurch waren mir ihre Liebesdramen aber ein bisschen zu platt geschrieben, da hat die Tiefe gefehlt. Die LGBT Thematik ist im Prinzip ein spannender Ansatz, aber die Umsetzung hätte für mich noch etwas geschmeidiger erfolgen können.
Caroline ist ein spannender Charakter, der am Anfang sehr viele Asympathien auf sich zieht. Ich hätte es toll gefunden, wenn auch mal Kapitel aus ihrer Sicht geschrieben worden wären. Aber durch die Rückblicke bekommt man nach und nach ein besseres Bild von ihr. Sie ist wirklich ein sehr komplexer Charakter, der mir im Laufe des Buches immer besser gefallen hat.
Die Männer im Buch bleiben etwas blass. Da gibt es einmal Chris, Katie Bruder, der an einer ominösen Krankheit leidet, die wiederholt thematisiert wird, ohne jedoch je richtig erklärt zu werden. Als Leser habe ich mich dich ganze Zeit gefragt, warum man dieses Element in die Geschichte einbauen musste, bis relativ zum Schluss die Bedeutung für die Handlung deutlich wird. Dann gibt es noch Steve, den (Ex-) Mann von Caroline, über den man so gut wie gar nicht erfährt; und Pats und Marys Vater, der wieder ein interessanterer Charakter ist.
Und Jack, den verstorbenen Lebensgefährten von Mary. Er findet mehr Platz im Buch und ist ein sehr sympathischer Charakter. Er stirbt am Anfang des Buches, erscheint Mary aber an verschiedenen Stellen und taucht auch in den Rückblicken auf. Ein sehr liebevoller Mann, der Mary wirklich sehr geliebt haben muss. Eine meiner absoluten Lieblingsstellen im Buch ist die, als Katie in Marys Wohnung Klebezettel von Jack findet, die er für Mary geschrieben hat, wenn sie sich im Alltag in ihrer Wohnung nicht mehr zurecht fand. Was für eine romantische Geste.
Insgesamt also ein Buch voller spannender, verschiedener Charaktere, die meist sehr differenziert und nachvollziehbar beschrieben werden.

Veröffentlicht am 21.04.2021

Unterhaltsam, gute Beobachtungen und bitterböser Humor. Und typisch Passmann.

Komplett Gänsehaut
0

Kurzmeinung:
Komplett Gänsehaut von Sophie Passmann ist ein Buch zum so Weglesen. Es ist gut geschrieben, lässt sich flüssig lesen. An der ein oder anderen Stelle musste ich Schmunzeln; das ein oder andere ...

Kurzmeinung:
Komplett Gänsehaut von Sophie Passmann ist ein Buch zum so Weglesen. Es ist gut geschrieben, lässt sich flüssig lesen. An der ein oder anderen Stelle musste ich Schmunzeln; das ein oder andere Mal fühlte ich mich wahlweise ertappt oder verstanden. Ansonsten hat es nicht großartig was mit mir gemacht. Aber das ist ja vielleicht auch ok so.


Meine Meinung:
Ich war mir nach dem Lesen des Klappentextes von Komplett Gänsehaut von Sophie Passmann unschlüssig, ob ich das Buch wirklich lesen möchte. "Literarischer Selbsthass" –ist das etwas, was ich im Moment brauche? Ich habe im Moment eh wenig Kraft und Zeit zu lesen, und dann steht mir eigentlich eher der Sinn nach Eskapismus. Aber dann habe ich die ersten begeisterten Rezensionen gelesen und meine Neugier war dann doch sehr groß.
Nach dem Lesen des Buches kann ich mich der Begeisterung nicht so ganz anschließen. So richtig "vom Hocker gehauen" hat mich das Buch nicht. Aber es war bei Weitem auch keine schlechte Lektüre.
Ich mag Sophie Passmann. Ich bin interessiert an ihrer Meinung, an ihren Ansichten, auch wenn ich sie nicht immer teile. Ich folge ihr auf Instagram, schaue ihre Stories und höre fast jeden Podcast, bei dem sie zu Gast ist. Und wenn man das Buch liest, ist es, als würde man ihr bei einem langen Monolog zuhören. Denn der Text liest sich so, wie Sophie Passmann auch spricht. Dabei wechselt sie zwischen sachlicher Erklärung, feinen, teils ironisch-überspitzen Beobachtungen und bitterbösem Humor. Eigentlich viel bitterbösem Humor. Die Erkenntnisse sind jetzt nicht bahnbrechend neu oder aufregend. Aber es ist halt einfach gut geschrieben und macht mir Spaß zu lesen. Sogar dann, wenn ich mich selbst ertappt gefühlt habe. Erst recht, wenn ich mich beim Lesen verstanden gefühlt habe.


Fazit:
Komplett Gänsehaut von Sophie Passmann ist für mich kein Lesehighlight. Dennoch kann ich es euch mit bestem Gewissen empfehlen. Es bietet unterhaltsame Lesestunden, vielleicht auch einige neue Einsichten und auf jeden Fall den ein oder anderen Lacher oder Satz zum kurz Innehalten. Wer schon immer einmal "diese Millenials" besser verstehen, oder einen genaueren Blick auf die eigene Generation werfen wollte, dieder ist mit diesem Buch gut beraten. Genauso wie jeder, die*der Sophie Passmann mag oder einfach mit klugen Beobachtungen und jeder Menge bösem Humor gut unterhalten werden möchte.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere