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Veröffentlicht am 26.05.2020

Portrait der Zeit statt Krimi

1794
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„1794“ ist der zweite historische Kriminalroman aus der Feder von Niklas Natt Och Dag und folgt seinem Debüt „1793“. Jean Michael Cardell wird von einer Frau kontaktiert, deren Tochter in ihrer Hochzeitsnacht ...

„1794“ ist der zweite historische Kriminalroman aus der Feder von Niklas Natt Och Dag und folgt seinem Debüt „1793“. Jean Michael Cardell wird von einer Frau kontaktiert, deren Tochter in ihrer Hochzeitsnacht brutal ermordet wurde. Ihr Ehemann sitzt mit begrenzter Zurechnungsfähigkeit im Irrenhaus.

Wie bereits Band eins ist auch „1794“ in vier Teile gegliedert, die zumeist aus verschiedenen Perspektiven erzählt werden. Grundsätzlich ist das eine gute Methode, um die Handlung spannend und abwechslungsreich zu gestalten, zumal der Autor es hervorragend versteht, an den richtigen Stellen die Perspektive zu wechseln und dadurch Cliffhanger zu kreieren. Allerdings sollte der Erzählanteil der jeweiligen Charaktere einmal grundlegend überdacht werden:
Die ersten 100 Seiten fühlen sich an wie ein Prolog. Die Hintergrundgeschichte des eingewiesenen Ehemanns wird sehr ausführlich dargelegt, so auch die Entwicklung der Beziehung zu seiner späteren Ehefrau. Diese Erzählung ist auch gar nicht schlecht geschrieben oder uninteressant, aber 100 Seiten sind einfach viel zu viel für einen derartigen Nebencharakter und vor allem auch für die Leser/innen, die sich auf das historische Stockholm, Winge und Cardell und vor allem auch eine Mordermittlung freuen. Letztere startet dann de facto erst nach insgesamt 200 Seiten. Sie ist nur von kurzer Dauer: schnell erfahren die Protagonisten, wer der Mörder ist, und als Leser/in fragt man sich, ob nun die komplette zweite Hälfte des Romans noch davon handeln soll, wie der Mord nachgewiesen wird. Aber keine Sorge, weitere 100 Seiten werden erstmal darauf verwendet, das Leben eines anderen Nebencharakters nach Band eins weiterzuerzählen, obwohl dieser Charakter dort schon zu viel Raum eingenommen hat und hier jetzt noch viel weniger relevant ist. Man muss wirklich zugeben, dass Natt Och Dag interessante Charaktere entwirft, bei deren Lebensgeschichten man mitfiebert. Diese sind dennoch viel zu ausführlich im Vergleich zur dünnen bis kaum vorhandenen Relevanz für die kriminalistische Handlung. Denn das erwarte ich doch eigentlich hier zu finden: Einen Krimi und nicht ein Portrait des historischen Stockholms und seiner Bewohner – zumindest nicht so weit im Vordergrund.

Wenn man diese Rezension liest, kommt vermutlich die Frage auf, wie denn da noch 3 Sterne zusammenkommen konnten. Unter anderem vergleiche ich auch immer: War es wirklich so schlecht, wie andere Bücher, die zwei Sterne von mir bekommen haben? Nein, das war es nicht. Niklas Natt Och Dag besticht nach wie vor durch einen bildgewaltigen, düsteren Schreibstil ohne Tabus. Seine Charaktere sind menschlich und kaputt bis abstoßend. Sein Stil ist einfach einzigartig, wenn denn nur der Plot konsequenter wäre und mehr anziehen würde. Vielleicht ist er einfach im Krimi-Genre nicht gut aufgehoben?
Die finalen 80 Seiten hatten dann endlich die Spannung, die Wendungen, die überschlagenden Ereignisse und vor allem das Tempo, was man für ein Finale zum Luftanhalten braucht.
Somit komme ich zu 3 von 5 Sternen und werde die Reihe, so es noch einen Teil „1795“ geben wird (ich habe keine Informationen hierzu, es ist bloß ins Blaue überlegt), nicht weiterverfolgen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.05.2020

Humorvoller Liebesroman mit Kleinstadtflair

Lessons from a One-Night-Stand
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„Lessons from a One-Night-Stand“ von Piper Rayne ist der erste Band ihrer neuen Reihe rund um die Großfamilie Bailey in Alaska. Im kleinen Ort Lake Starlight bleibt nichts lange geheim. So auch nicht der ...

„Lessons from a One-Night-Stand“ von Piper Rayne ist der erste Band ihrer neuen Reihe rund um die Großfamilie Bailey in Alaska. Im kleinen Ort Lake Starlight bleibt nichts lange geheim. So auch nicht der One-Night-Stand zwischen Holly Radcliffe und Austin Bailey. Es sollte eine einmalige Sache bleiben, doch als sie am nächsten Tag feststellen, dass Holly die neue Rektorin an der Highschool ist, an der Austin unterrichtet, ist der Vorsatz, sich nie mehr wiederzusehen, gar nicht so leicht zu halten.

Dieses Buch war eine absolute Überraschung für mich. Ich habe Chick-Lit mit etwas Erotik erwartet, denn die Geschichte klingt ganz klassisch, das Ende eindeutig. Doch wie großartig der Weg dahin sein würde, habe ich nicht vorhergesehen.
Die Kapitel sind abwechselnd aus der Sicht von Holly und Austin geschrieben. Das ist immer ein tolles Mittel, um die Gedanken beider Protagonisten zu kennen und sich in beide gut hineinversetzen zu können. Was relativ schnell als ungewöhnlich auffällt: beide durchbrechen die Dritte Wand, sprechen also die Leser/innen direkt an: „Seht ihr?“, „Ihr kennt solche Mütter.“ und ähnliche Sätze werden unmittelbar an die Leser/innen gerichtet. Das kenne ich so gut wie gar nicht aus Büchern, war dementsprechend überrascht und habe ich mich zuerst etwas unwohl damit gefühlt. Schnell wurde aber klar, dass das ein Teil von Piper Raynes (bzw. der zwei dahinterstehenden Autorinnen) Humor ist. Und dieser Humor hat mir richtig gut gefallen! Ich habe nicht lauthals gelacht, aber so häufig geschmunzelt und vor mich hin gekichert, wie ich das sonst nicht von Liebesromanen, geschweige denn von erotischen Geschichten kenne. Wie Piper Rayne diese Aspekte verbindet, ist wirklich einzigartig.

Holly und Austin sind grundsätzlich aber eher die klassischen Charaktere eines Liebesromans. Man kann sie nur mögen, sie sind lieb und herzlich (Austin ist ausnahmsweise kein Bad Boy), haben daneben aber beide ihre Geschichte und ihr sprichwörtliches Päckchen zu tragen, denn in ihrem Leben ist nicht immer alles perfekt gelaufen. Sie lieben ihre Freunde und Familie und genau hier kam eine weitere Überraschung auf mich zu: Austin lebt in einer Großfamilie und Piper Rayne hat in jeden dieser Charaktere so viel Liebe gesteckt! Sie sind alle ganz unterschiedlich, man erfährt über den einen mehr und den anderen weniger und dennoch möchte ich sie alle besser kennen lernen und am liebsten zu jedem eine eigene Geschichte lesen. Ich habe mich zwischen ihnen direkt wohlgefühlt, in dem Trubel, den Streitereien und in dem Übermaß an Liebe, dass es in dieser Familie gibt. Die große Leidenschaft, mit der die Autorinnen diese Nebencharaktere aufbauen, hat mich einfach mitgerissen.
Natürlich ist das Ende der Geschichte vorhersehbar, aber nicht in allein Einzelheiten, was mir gut gefallen hat. Das Universum von Holly und Austin dreht sich nicht plötzlich nur um die beiden, sondern jeder von ihnen hat auch noch seine eigenen Probleme und Träume, die die Handlung bestimmen. Die Autorinnen haben dabei eine gute Balance gefunden.

Insgesamt habe ich tatsächlich überlegt, ob ich nicht 5 von 5 Sternen vergeben möchte, denn das Buch hat mich auf so viele Arten positiv überrascht und ich wollte es gar nicht mehr aus der Hand legen. Mir fehlt allerdings das letzte Pünktchen, was mich sprachlos zurücklässt und die Geschichte noch nachhaltig in mein Gedächtnis brennen wird. Daher komme ich zu 4 von 5 Sternen und dem eindeutigen Wunsch, die Reihe weiterzuverfolgen. Band zwei, „Kisses from the Guy next Door“, erscheint am 31.08.2020 und Band drei, „Twist of a Love Affair, am 02.11.2020.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.05.2020

Liebe, Erotik und Spannung erfrischend verknüpft

All of Me
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„All of Me“ von K.L. Kreig ist der Start ihres „Finding Me Duet“. Protagonist ist Shaw Mercer, ein erfolgreicher, aber auch skandalumwitterter Geschäftsmann. Um eben durch diese Skandale nicht die Bürgermeisterwahl ...

„All of Me“ von K.L. Kreig ist der Start ihres „Finding Me Duet“. Protagonist ist Shaw Mercer, ein erfolgreicher, aber auch skandalumwitterter Geschäftsmann. Um eben durch diese Skandale nicht die Bürgermeisterwahl seines Vaters zu gefährden, engagiert er Willow Blackwell, einige Monate seine Freundin zu spielen und seinem Leben einen gesetzten Eindruck zu verleihen. Schnell wird beiden klar, dass es nicht so leicht ist, Vertrag und Gefühle getrennt zu halten.

Von der Farbwahl ist das Cover überraschend schlicht. Paradoxerweise sticht es genau dadurch heraus, wenn man die ganzen bunten Cover im restlichen LYX-Portfolio betrachtet. Der blaugraue Hintergrund wird aus zwei Richtungen langsam von einer tiefschwarzen Tinte eingeschlossen. Es kann etwas Bedrohliches sein, aber auch die Chance, mit der Tinte etwas Neues zu schreiben – einen neuen Lebensabschnitt. Am allerbesten gefällt mir allerdings das Design des Titels. Die Worte „ALL“ und „ME“ sind gradlinig, in einem goldenen Farbton. Das „of“ windet sich in einem wunderschönen kalligrafischen Stil dazwischen.

„'Cause all of me
Loves all of you
Love your curves and all your edges
All your perfect imperfections
Give your all to me
I'll give my all to you”
John Legend – All of Me; geschrieben von Tony Gad und John Stephens

Ein ungewöhnlicher Start für eine Rezension, aber während des Lesens hatte ich permanent einen Ohrwurm von diesem Lied. Es ist ein absolut romantischer Text und eine ruhige Melodie, also nichts, was die meisten Menschen mit einem Erotikroman in Verbindung bringen würden. Natürlich gibt es in dem Buch explizite Sexszenen, aber im Vordergrund stehen die ganz großen Gefühle und wie die beiden Protagonisten sich dagegen wehren und es lange leugnen wollen. Durch einen stetigen Perspektivwechsel können die Leser*innen diese Emotionen sowohl in Shaw als auch in Willow sehr gut nachvollziehen. Für Willow ist es ein steter Kampf gegen ihre selbstauferlegten Grenzen, die in ihrem Escortberuf wichtig sind, um ihr Herz zu schützen. Bei Shaw steht immer seine Firma an erster Stelle. Er war sich sicher, dass nie eine Frau etwas daran ändern könnte und wollte auch keine von ihnen überhaupt so weit in sein Leben und seinen Kopf lassen. Ich finde es schön, dass er liebt, was er tut und wir nicht auf das Klischee der ungewollten Firmennachfolge stoßen.

Mir gefällt es immer sehr, wenn die unterschiedlichen Perspektiven von weiblichen und männlichen Protagonisten auch einen unterschiedlichen Sprachstil aufweisen und das hat die Autorin gekonnt umgesetzt. Angenehm war außerdem, dass sie nicht zu Wiederholungen zu neigen scheint, was vielen Autoren und Autorinnen gerade bei der Beschreibung der Optik ihrer Charaktere leicht passiert.

Es ist bedeutsam, dass vor allem Willow so intensiv an ihren Prinzipien festhält. Es gibt private, geheime Dinge, die man nicht jedem mitteilt, den man zum einen gerade erst getroffen hat und zum anderen an einem bestimmten Datum wieder aus dem eigenen Leben streichen wird. Viele Charaktere in anderen Liebesromanen schütten sich gegenseitig sehr schnell ihr Herz aus und erzählen einander die persönlichsten Dinge. „All of Me“ ist eines der wenigen Bücher, bei denen ich das Gefühl hatte, dass die emotionale Annäherung auf eine realistische Weise und in angemessenem Tempo erfolgt.

Viele Liebes- und Erotikromane schaffen es nicht, einen fesselnden Spannungsbogen aufzubauen. Bei romantischen Geschichten ist dies immer schwer, denn der Handlungsverlauf (Kennenlernen – glücklich sein – Problem tritt auf – Katastrophe - Happy End) ist doch immer recht ähnlich und das Ende vorprogrammiert. Dies kann man meist nur beleben, indem andere Handlungsstränge eingebracht werden. Das heißt nicht, dutzende Nebencharaktere mit eigenen Liebesgeschichten aufzubauen, sondern sich auch über die Liebe der Protagonisten hinaus zu wagen und andere Aspekte des Lebens hinein zu lassen. Kreig hat dies hervorragend gelöst, was vor allem die letzten Seiten zum Pageturner macht.

Etwas Punktabzug gibt es für Shaw, was paradox ist, weil ich ihn ohne Willow sehr gerne mag. Er arbeitet hart, liebt was er tut, ist aufopferungsvoll für seine Familie und ist ein guter Freund. Sobald Willow aber sein Denken beherrscht, wird er schroff, besitzergreifend und neigt zu aggressiven Kurzschlussreaktionen, die gar nicht zu dem cleveren, planenden Mann passen. In diesen Momenten entwickelt er sich total zurück und während ich vorher dachte, was für ein toller, interessanter Mann er ist, will ich ihn dann möglichst loswerden und mich für ihn schämen. Hinfort ist dann alles Reife, Selbstbewusste, Weltgewandte und Charismatische, was ihn vorher so anziehend machte. Es handelt sich um zwei verschiedene Männer und der, den ich nicht so gerne mag, hat in der Geschichte leider meist den Vortritt.
Ähnlich ist auch meine Meinung zu Willow. Am Anfang ist sie tough, lässt sich nichts gefallen, ist verantwortungsbewusst und fürsorglich. Im Verlauf der Handlung wird sie außerhalb des Schlafzimmers immer mehr zum schüchternen Mädchen, lässt sich treiben und nimmt nichts mehr selbst in die Hand. Außerdem – für mich ein absolutes No-Go – vernachlässigt sie Freunde und eigene Familie, je mehr sie sich auf Shaw einlässt.

Zusammenfassend hat K.L. Kreig hier einfach eine tolle Geschichte erzählt. Sie verbindet Erotik und Liebe ganz hervorragend und bringt auch andere Aspekte in die Handlung ein, welche die Spannung hochhalten. Dieser erfrischende Stil in einem Genre, das so vorhersehbar geworden ist, bringt mich, trotz der negativen Charakterentwicklung, zu 4 von 5 Sternen. Der Abschluss mit „All of you” folgt am 29.05.2020 und ich werde ihn direkt lesen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.05.2020

Zu groß gedacht, die Spannung fehlt

Die Frequenz des Todes
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„Die Frequenz des Todes“ ist nach „Auris“ der zweite Band der gleichnamigen Reihe von Vincent Kliesch nach einer Idee von Sebastian Fitzek. Wissen aus Teil eins ist meiner Ansicht nach zwingend erforderlich. ...

„Die Frequenz des Todes“ ist nach „Auris“ der zweite Band der gleichnamigen Reihe von Vincent Kliesch nach einer Idee von Sebastian Fitzek. Wissen aus Teil eins ist meiner Ansicht nach zwingend erforderlich. Es wird zwar ein unabhängiger Fall behandelt, aber die Erlebnisse aus Band eins spielen eine sehr große Rolle für die Motivation und Situation der Charaktere.

Bei der Berliner Feuerwehr geht ein Notruf ein. Das Baby der Anruferin ist verschwunden und überall ist Blut. Bevor ihr Name oder ihr Aufenthaltsort ermittelt werden kann, bricht der Anruf allerdings ab. Der forensische Phonetiker Matthias Hegel wird hinzugezogen, doch er braucht die Hilfe von der True-Crime-Podcasterin Jula Ansorge. Ihr Interesse, mit ihm zusammenarbeiten, ist nach den letzten gemeinsamen Erlebnissen allerdings sehr gering.

Das Buch ist in viele, kurze Kapitel von durchschnittlich fünf bis sechs Seiten unterteilt, was das Vorankommen erleichtert, da man immer denkt „Ach, ein Kapitel geht noch!“. Die Perspektiven wechseln zwischen mehreren Charakteren, was die Identifikation mit einzelnen Personen erschwert, aber die Handlung gerade in der zweiten Hälfte gut voranbringt.

Die erste Hälfte ist leider sehr zäh. Es gibt wenig konkrete Fortschritte in der Ermittlung und das persönliche Tauziehen zwischen Hegel und Jula steht im Mittelpunkt. Der Phonetik-Aspekt ist interessant und einzigartig und hat mich bereits vor dem ersten Teil in seinen Bann gezogen. Negativ aufgefallen ist mir aber ein Kapitel in dem sehr ausführlich auf die fachlichen Aspekte der Phonetik eingegangen wird. Das mag grundsätzlich interessant sein, hat mich in seiner Ausführlichkeit und Wortwahl aber ermüdet.
Richtige Spannung kommt erst im Finale auf und das reicht einfach nicht für einen guten Psychothriller. Die Auflösung der Basis-Geschichte ist früh vorhersehbar. Dennoch ziehe ich hierfür nicht allzu viele Punkte ab, denn es ist trotzdem ein wohl überlegter Ausgang und kein künstliches Rumreißen der Ergebnisse wir in Band eins.

Das ganz große Problem liegt für mich darin, dass der Fall nur das Fundament für eine größere Rahmenhandlung bieten soll. Eine grundsätzlich gute Idee wird so zurechtgebogen, sodass eine noch bösere, erstaunlichere Geschichte darübergelegt werden kann, um diese vermutlich in kommenden Bänden weiter zu verfolgen. Auf künstliche Art und Weise werden vergangene Fälle und Personen, sowie neue Nebencharaktere dazu gedichtet, ohne dass die Leser*innen eine Beziehung dazu knüpfen könnten. Die Fakten werden hingeworfen, sind zu akzeptieren und gut zu merken, denn sonst macht das fragile Konstrukt schnell keinen Sinn mehr.

Zusammenfassend komme ich zu 3 von 5 Sternen. Vincent Kliesch hätte besser daran getan, sich voll auf die Geschichte des Klappentexts zu fokussieren und diese spannend auszuarbeiten. Dass er das kann, zeigt „Auris“. Unter dem Zwang eines „Großen Falls“ leidet sie Spannung einer ursprünglich tollen Idee. Ich bin mir nicht sicher, ob ich weitere Bände der Reihe lesen werde.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.04.2020

Intensiv und mitreißend

All Saints High - Die Prinzessin
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Mit „All Saints High – Die Prinzessin“ startet L.J. Shen ihre Spin-Off Trilogie der „Sinners of Saint“-Reihe. In jedem Band geht es um die Kinder der ehemaligen Hotholes – Vorwissen ist allerdings nicht ...

Mit „All Saints High – Die Prinzessin“ startet L.J. Shen ihre Spin-Off Trilogie der „Sinners of Saint“-Reihe. In jedem Band geht es um die Kinder der ehemaligen Hotholes – Vorwissen ist allerdings nicht zwingend erforderlich.

Protagonistin des ersten Bands ist Daria Followhill, die Geschichte ihrer Eltern Jamie und Melody erschien lediglich als ebook Novella und Hörbuch unter dem Titel „Rough Love“. Nach außen hin hat sie alles: Geld, gutes Aussehen und viele Freunde. Doch sie ist so eifersüchtig auf Sylvia Scully mit der sie zum Ballett geht, dass sie mit vierzehn deren Zukunft zerstört. Auch einige Jahre später fühlt sie sich noch schuldig und versucht diese Schuld an Sylvias Bruder Penn zu tilgen, der ein Dach über dem Kopf braucht. Penn hatte viele Jahre Zeit, seinen Hass auf Daria zu schüren, aber das Kribbeln zwischen ihnen können beide nicht ignorieren.

Vorab: Das Buch startet mit einer Triggerwarnung: „Dieses Buch enthält Darstellungen von körperlicher und sexueller Gewalt, die triggern können.“

Das Cover ist mir direkt aufgefallen. Vor allem aber deswegen, weil rosa gar nicht meine Farbe ist. Hier könnte es natürlich (wenn man Klischees folgt) die Farbe zu „Prinzessin“ sein, also trotz allem passend gewählt. Als ich dann aber den Titel und die Autorin gelesen habe, wusste ich sofort, dass das Buch auf meine Wunschliste kommt, denn die „Sinners of Saint“-Reihe habe ich geliebt! Wenn man dem Cover von „All Saints High – Die Prinzessin“ einen genaueren Blick zuwirft, erkennt man in der Mitte auch den Rauch, welcher langsam in den Titel strömt: ein vertrautes Motiv aus der ersten Reihe. Besonders gefällt mir allerdings die Symbolik bei der Gestaltung des Titels. Die Schriftart ist klar und gradlinig – das wird in Darias sozialer Schicht und auch vor allem beim Ballett von ihr erwartet. Der Rauch, hier ihre Eifersucht oder vielleicht auch neue Einflüsse (z.B. Penn), bringt einen Bruch hinein. Es wird versucht die ursprüngliche Linie beizubehalten, aber es ist dennoch nicht mehr wie vorher. Für solche Botschaften durch ein einziges Cover liebe ich LYX.

L.J. Shen versteht es wie keine andere, gleichzeitig schön und traurig zu schreiben. Ihre Worte geben dem Leser schon einen tieferen Blick in die Seele der Charaktere, denn in allem, was diese wahrnehmen, schwingen auch ihre Gefühle mit. Ihre Charaktere sind immer etwas melancholisch, zum Teil düster und die leicht philosophische Art wie sie ihre Gefühle beschreibt, hebt ihre Bücher einfach von allen anderen Liebes-/YA-Romanen da draußen ab.

Ein absolutes Highlight sind für mich die Zitate zu Beginn jedes Kapitels. Sie sind so emotional und ehrlich und vermitteln die Gefühle einer Hassliebe hervorragend. Auch die wechselnden Perspektiven zwischen Daria und Penn lassen diese Gefühle auf jeder Seite neu auflodern, sodass sie beim Lesen immer intensiv wahrzunehmen sind. Was romantische Aspekte betrifft, findet Shen genau die richtige Balance zwischen Kitsch und Realität, wodurch die Situationen glaubwürdiger sind.

Sehr gelungen finde ich insgesamt, wie man zu Beginn erst nach und nach Darias genaue Situation kennenlernt. Es ist interessant, laufend etwas Neues zu erfahren und wirkt viel natürlicher, als wenn die Protagonistin auf den ersten fünf Seiten direkt ihre ganze Lebensgeschichte darlegt. Auch Darias Sprachstil gefällt mir, er ist altersgemäß und dadurch authentisch.

Daria ist eine sehr interessante Protagonistin. Sie sehnt sich so sehr nach der Anerkennung ihrer Mutter und ist dabei von Eifersucht getrieben. Ihr ist klar, was richtig und was falsch ist, aber sie kann trotzdem nicht anders handeln. Sie ist in der Lage darüber zu reflektieren und ihr Tun verfolgt sie noch lange. Diese Ambivalenz fasziniert mich. Daria tut den Leser*innen einfach nur leid, denn sie weiß sich nicht anders zu helfen, fühlt sich alleine und verlassen und, trotz aller rationalen Argumente, fühlt sie sich nicht genug geliebt und niemals den Ansprüchen ihrer Mutter genügend.

Penn liebt seine Schwester und hat keine Impulskontrolle - eine gefährliche Kombination, denn er neigt zu gewalttätigen Ausbrüchen, wenn er sie bedroht sieht. Sein Beschützerinstinkt ist generell sehr ausgeprägt. Somit ist sein Hass auf Daria die einzige logische Konsequenz, denn sie hat seiner Schwester geschadet und dadurch auch ihn verletzt. Gleichzeitig ist Penn aber auch unberechenbar: Auf der einen Seite hat die Begegnung mit Daria ihn nachhaltig beeindruckt, auf der anderen Seite entschließt er sich bewusst, sie zu hassen. Diese Hassliebe ist eine perfekte Grundlage für ein bewegendes Auf und Ab der Gefühle. Beim Lesen wird man nicht schlau aus Penn, was aber kein Nachteil ist, denn die Geschichte ist so weniger vorhersehbar.

Ein kleiner Kritikpunkt ist das Ende. Man kennt es von der Autorin bereits, dass sie es im Epilog etwas übertreibt. Es wird ein Bild von einer „perfekten Welt“ gemalt, die zum einen übertrieben ist, weil jede Handlung die nächste überbieten und immer noch etwas draufgesetzt werden muss, und zum anderen einen Großteil der echten Beziehungen nicht wiederspiegelt.

L.J. Shen holt wirklich das Optimum an Spannung und Spannungen aus der Situation raus. Ich wollte unbedingt weiterlesen und hatte gleichzeitig Angst davor. Die Gefühle der Charaktere sind immer unglaublich intensiv, die Handlung ist mitreißend und es ist häufig nicht vorhersehbar, was als nächstes geschieht. Ihre Charaktere sind so verletzlich, etwas düster, etwas melancholisch und dabei wahnsinnig nahbar.

Ich bin absolut begeistert von dem Buch, sodass ich zu 5 von 5 Sternen komme und Band zwei („Der Rebell“, ET 28.07.2020) und drei („Der Verlorene“, ET 21.12.2020) unmittelbar auf meine „kaufen und sofort lesen“-Liste setze.

  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
  • Cover
  • Gefühl