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Veröffentlicht am 25.07.2021

Mitreißende Geschichte ohne Längen

Everything We Had
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„Everything we had“ von Jennifer Bright gilt offiziell als Auftakt ihrer Love & Trust Dilogie aus dem Forever Verlag. Aber aufgepasst: Ihr Debüt „The Right Kind of Wrong“ erzählt bereits ebenfalls eine ...

„Everything we had“ von Jennifer Bright gilt offiziell als Auftakt ihrer Love & Trust Dilogie aus dem Forever Verlag. Aber aufgepasst: Ihr Debüt „The Right Kind of Wrong“ erzählt bereits ebenfalls eine Geschichte aus diesem Universum. Die einzelnen Bände sind in sich abgeschlossen, aber die ehemaligen Protagonist*innen werden hier zu Nebencharakteren und andersrum.

Kate Fraser erfüllt sich ihren Traum, ein eigenes Café in London zu eröffnen. Die Sache hat nur einen Haken: Sie muss sich die Ladenfläche mit dem Neffen der Besitzerin und seiner Buchhandlung teilen. Aidan und Kate gehen sich ab Tag eins an die Kehle - und unter die Haut. Während Aidan nichts von Kates traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit ahnt, wird sie jedoch bald davon eingeholt.

Aidan war für mich von Anfang an perfekt geschrieben – und das meine ich nicht im Sinne eines Bookboyfriends. Nein, denn ich war die ganze Zeit wirklich sauer auf ihn und er hat bei mir genau die Nerven gereizt, dass ich die Beherrschung verloren und mich genauso über ihn aufgeregt habe, wie Kate. Das ist wirklich eine Kunst, die Jennifer Bright hier perfekt beherrscht. Grundsätzlich ist die Idee, Café und Buchhandlung in einem, vermutlich etwas, wo uns allen das Herz höherschlägt. Schade, dass Kate und Aidan die Synergie nicht erkennen - wobei, dann gäbe es die Story ja nicht.

Außerdem ist mir positiv aufgefallen, dass die Autorin Zeitsprünge und Szenenwechsel sehr gut einbaut. Ich hatte nie das Gefühl, etwas zu verpassen, sondern im Gegenteil: wenn das Buch drohte, Längen zu haben, hat sie es an genau der Stelle abgeschnitten und ist beispielweise zum nächsten Morgen gesprungen. Das verlangt sehr viel Feingefühl und für mich hat sie hier genau den richtigen Weg eingeschlagen.

Eine Sache hat mich allerdings gestört, denn ich fand Kates Reaktionen auf ihre emotionalen Trigger nicht stimmig. Ihr vergangenes Erlebnis belastet sie jeden einzelnen Tag ihres Lebens, auch ohne, dass es einen konkreten Auslöser gibt, als leider logische Langzeitfolge ihres Traumas. Wenn sie dann jedoch mit einem konkreten Trigger konfrontiert wird, belastet sie dies zum einen nur kurz (wenige Minuten später kann sie wieder lachen und ganz normale Unternehmungen bestreiten) und auch nicht so heftig, wie man es erwarten könnte. Mir fehlt hier die Eskalationsspirale. Jennifer Bright schafft es für mich nicht, Kates Schmerz weit genug nach oben zu schrauben. Ich möchte jetzt explizit betonen, dass es mir hier um das Verhalten einer fiktiven Person geht. Ich rede hier wirklich nur von der Dramaturgie und würde natürlich niemals einer realen Person vorschreiben, wie sie sich in diesem Fall zu verhalten hätte.

Zusammenfassend komme ich zu 4 von 5 Sternen. Die Geschichte ist mitreißend erzählt, ohne Längen, mir gefallen die Charaktere und das Setting mit London im Winter und Buchladen trifft Café ist einfach nur traumhaft. Kates Reaktionen haben sich für mich zwar teilweise nicht stimmig angefühlt, aber dennoch hat mich das Buch emotional gepackt. Band zwei (oder drei – wie man es nimmt; „Everything we lost“; ET 03.01.2022) und den Vorgänger werde ich ganz bestimmt ebenfalls noch lesen. Jetzt habe ich allerdings erstmal unfassbaren Appetit auf Muffins und Kuchen...

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Veröffentlicht am 18.07.2021

Unterhaltsamer Schlagabtausch mit wunderbaren Charakteren

Dear Enemy
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Mit „Dear Enemy“ startet Kristen Callihan ihre „Between Us“-Dilogie im LYX-Verlag. Delilah Baker und Macon Saint haben sich in der Highschool gehasst. Zehn Jahre hatten sie keinen Kontakt zueinander, bis ...

Mit „Dear Enemy“ startet Kristen Callihan ihre „Between Us“-Dilogie im LYX-Verlag. Delilah Baker und Macon Saint haben sich in der Highschool gehasst. Zehn Jahre hatten sie keinen Kontakt zueinander, bis Delilahs Schwester Sam Macon bestiehlt und untertaucht. Delilah ist bereit, alles zu tun, um ihre Schwester vor einer Anzeige zu beschützen - sogar ein Jahr als Assistentin und Köchin für ihren größten Feind arbeiten. Beide werden nicht nur mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, sondern auch mit Gefühlen, die mit Hass nicht mehr viel zu tun haben.

An diesem Auftakt hat mir besonders gut gefallen, dass es zwar nur wenige Charaktere gibt, aber diese sehr gut ausgearbeitet und individuell sind. Die Nebencharaktere begleiten die Haupthandlung, drängen sich aber nicht in den Vordergrund, was Macon und Delilah Raum gibt, sich und ihre Geschichte zu entfalten. Sie sind nicht perfekt, jeder hat sein Päckchen zu tragen und gegen bestimmte Ereignisse aus der Vergangenheit anzukämpfen.

Die Autorin lässt, zwischen den Kapiteln aus wechselnden Perspektiven, auch einige Szenen aus der gemeinsamen Vergangenheit der Protagonisten einfließen. Diese sind wohldosiert in ihrer Menge und Länge, sodass man die Geschichte weiterhin flüssig lesen und gut verfolgen kann. Auch in der Gegenwart gibt es ein paar düstere Handlungsstränge, auf die aber nur ein geringer Fokus gelegt wird. Hier hätte es gerne noch etwas mehr ausgearbeitet werden können um ein paar spannende Ereignisse hervorzubringen – das Potenzial war da. So ist es eher eine ruhige Geschichte geworden.

Man erlebt mit, wie sich die Beziehung zwischen Macon und Delilah langsam entwickelt. Hierbei ist der verbale Schlagabtausch zwischen den beiden jedes Mal ein besonderes Highlight. Mal humorvoll, mal prickelnd streiten sie sich leidenschaftlich und gewinnen so neue Einsichten in den Charakter und die Gefühle des Anderen.

Das Ende ist nicht übertrieben glücklich, was mir gut gefallen hat. Allerdings ist es auch etwas plötzlich gekommen und manche Handlungsstränge werden sehr leicht aufgelöst.

Zusammenfassend komme ich zu 4 von 5 Sternen. Die Charaktere und ihr Schlagabtausch waren wunderbar ausgearbeitet, die Geschichte selbst eher ruhig und hätte noch ein oder zwei spannende Akzente vertragen können. Das war mein erstes Buch von Kristen Callihan, aber ich freue mich auf den zweiten Teil („Sweet Enemy“; ET 30.09.2021), der eine andere enemies-to-lovers Geschichte erzählen wird.

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Veröffentlicht am 04.07.2021

Start einer neuen Kleinstadt-Dilogie

Still into you
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Mit „Still into you“, dem ersten Band einer zweiteiligen Reihe, gibt Jenny Holiday ihr Debut bei Forever Ullstein. Nach zehn Jahren kehrt Eve Abbott in die Kleinstadt Moonflower Bay zurück, denn ihre Großtante ...

Mit „Still into you“, dem ersten Band einer zweiteiligen Reihe, gibt Jenny Holiday ihr Debut bei Forever Ullstein. Nach zehn Jahren kehrt Eve Abbott in die Kleinstadt Moonflower Bay zurück, denn ihre Großtante hat ihr ein kleines, heruntergekommenes Hotel vererbt. Direkt an ihrem ersten Tag trifft Eve außerdem Sawyer Collins wieder: den Grund, aus dem sie der Stadt vor Jahren mit gebrochenem Herzen den Rücken zugekehrt hat. Beide haben versucht, einander und die gemeinsame Zeit zu vergessen, doch alte Gefühle flammen schnell wieder auf – ob man will oder nicht.

Auf den ersten Seiten habe ich mich zugegebenermaßen etwas schwergetan. Der Satzbau war sehr holprig, viele Sätze musste ich mehrfach lesen und es wollte sich kein wirklicher Lesefluss einstellen. Dies war jedoch nur von kurzer Dauer und hat sich schnell geglättet, sodass ich Seite um Seite angenehm durch das Buch geglitten bin. Jenny Holiday hat es geschafft, dass ich mir die kleine Stadt am Lake Huron in Kanada sehr gut vorstellen konnte, jedes Gebäude und die malerische Umgebung haben vor meinem Auge Gestalt angenommen.

Eve und Sawyer waren sympathische Charaktere, deren Handeln und Beweggründe ich gut nachvollziehen konnte. Dabei hat auch geholfen, dass der Roman jeweils im Wechsel aus beiden Perspektiven geschrieben wurde. Den Charme eines solchen Kleinstadt-Romans machen für mich zu einem ganz großen Teil aber auch immer die Nebencharaktere aus, sei es Eves extrovertierte Freundin, Sawyers gutherzige Schwester, seine verlässlichen Freunde oder die etwas aufdringliche Konditorin mit den blauen Haaren, die es manchmal zu gut mit Eve und Sawyer meint. Sie alle zusammen prägen das Bild von Moonflower Bay, bringen viel Humor in die Geschichte und entzünden die typische Wärme, die so ein Wohlfühlroman in meiner Brust entfaltet.

Natürlich muss man einräumen, dass Jenny Holiday die Kleinstadt-Romanze nicht neu erfindet. Lake Starlight und Redwood lassen grüßen, sowohl hinsichtlich der allgegenwärtigen Hilfsbereitschaft, aber auch dem Einmischen in die Angelegenheiten anderer mit Tendenzen zum Verkuppeln. Zum Teil sind dies aber einfach die typischen Charakteristika, die dieses Subgenre ausmachen oder ohne die eine darin angesiedelte Liebesgeschichte schwerlich in Gang käme. Und ganz ehrlich: das sind doch auch die Dinge, die Leserinnen an diesen Geschichten lieben, davon nehme ich mich nicht aus. Eine heile Welt in der das Glück fast ohne dein Zutun zu dir kommt.

Die Autorin setzt aber auch ein paar eigene Akzente, die mich angesprochen haben: Sawyers Schwester Clara, die er selbst großgezogen hat, wird erwachsen und beide versuchen ihre problematische Kindheit aufzuarbeiten. Dies passiert natürlich mit einer gewissen Oberflächlichkeit, sodass der Roman immer noch ein Wohlfühlbuch bleiben kann. Dennoch hat mich die Herzlichkeit der geschwisterlichen Beziehung sehr berührt.

Zusammenfassend komme ich zu 4 von 5 Sternen. Ja, Jenny Holiday erfindet die Kleinstadt-Romanze nicht neu – muss sie aber auch gar nicht. So, wie sie „Still into you“ geschrieben hat, konnte ich es (nach einem etwas hakeligen Start) absolut genießen. Ich freue mich sehr, diesen neuen Ort und seine wunderbaren Bewohner entdeckt zu haben und bereits im August mit dem zweiten Band zurückzukehren („Someone like you“; ET 30.08.2021). Darin wird Sawyers Freund Jake sein Glück finden und falls dann noch nicht geschehen, wünsche ich mir tatsächlich noch einen dritten Band für seinen anderen Freund Law. Und jede
r Leser*in wird jetzt schon genau wissen, welche Bewohnerin von Moonflower Bay ich für ihn im Sinn habe…

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Veröffentlicht am 28.06.2021

Selbstfindung statt verbotener Liebe

A Different Blue
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„A Different Blue“ ist ein Remake von „Für immer Blue“, geschrieben von Amy Harmon und nun im LYX-Verlag neu aufgelegt. Entgegen der ähnlichen Covergestaltung gehört es nicht zu einer Reihe mit „Making ...

„A Different Blue“ ist ein Remake von „Für immer Blue“, geschrieben von Amy Harmon und nun im LYX-Verlag neu aufgelegt. Entgegen der ähnlichen Covergestaltung gehört es nicht zu einer Reihe mit „Making Faces“ und „Infinity Plus One“, sondern jedes Buch ist ein Einzelband – eine angenehme Abwechslung im herrschenden Reihen-Wahn.

Protagonistin ist Blue Echohawk, vielleicht 19 Jahre alt, vielleicht auch nicht. Sie weiß nicht, wer ihre Eltern sind oder wo sie herkommt und gehört auch an der Schule nirgendwo dazu. Als ihr neuer Geschichtslehrer Darcy Wilson als Erster wirklich Interesse an ihr zeigt, beginnt Blue ihr Leben zu überdenken – und Gefühle für Darcy zu entwickeln.

Bezüglich des Inhalts direkt ein wichtiger Hinweis: Anders, als der Klappentext und das Marketing suggerieren, handelt es sich hier nicht um eine verbotene Liebesbeziehung zwischen einem Lehrer und seiner Schülerin. Es steht ganz klar Blues Selbstfindung, die Suche nach ihrer Vergangenheit und ihr Neuanfang im Mittelpunkt. Das Buch selbst hat auch einfach mehr verdient. Es braucht diesen dramatischen Aufhänger gar nicht. Auch wenn ich nach der Korrektur meiner Erwartungshaltung sehr zufrieden mit dem Buch war, könnte das die einen oder anderen Leser:innen enttäuschen.

Auf dem Cover gefällt mir die Mischung der Schriftarten sehr gut: groß, scharfkantig und klar das „BLUE“ und im Gegensatz dazu verspielt und einer Handschrift gleich „a different“. Die Farbgebung des Covers ist nicht nur wunderschön, sondern passt mit ihren vielen verschiedenen Blautönen auch exzellent zum Buchtitel und damit auch zur Protagonistin. Ich liebe es, wenn dieser perfekte Dreiklang aus Inhalt, Titel und Cover entsteht – ein großer Zusammenhang, nichts ist beliebig – da kriege ich direkt eine leichte Gänsehaut.

Amy Harmons Schreibstil fand ich ebenfalls gelungen. Zunächst war ich überrascht über den Prolog, der 1993 angesiedelt ist. Hier fühlte ich mich plötzlich wie in einem Krimi, was mich kurz verwunderte, aber danach direkt unglaublich gefesselt hat. Auf diesen Seiten schreibt die Autorin gradlinig und klar ohne schreckliche Dinge hinter schönen Worten zu verschleiern. Mit dem Sprung ins Jahr 2010 ändert sich dann auch der Schreibstil. Amy Harmon schreibt ausschließlich aus der Perspektive von Blue, was dazu führt, dass man sich gut in sie hineinversetzen kann. Ein Unterton von Melancholie, vor allem begleitend zu Blues Lebenssituation und ihrer Vergangenheit, schwingt immer mit, aber zwischendurch blitzt auch ein bisschen Humor durch. Blues rebellisches Verhalten gegenüber Darcy bringt mich zum Schmunzeln, auch wenn klar ist, dass es ein Verteidigungsmechanismus ist. Doch auch Blues Gedanken über ihre Mitschüler:innen lockern die düstere Stimmung etwas auf. Blue tut alles, um sich und ihre Gefühle vor der Welt zu verschließen. Lehrkräfte und Mitschülerinnen sollen ihr möglichst vom Leib bleiben. Sie baut keine Bindungen oder Freundschaften auf, sondern will mehr für sich bleiben. Ich habe großes Mitleid mit Blue. Vermutlich fällt es mir deswegen auch schwer, ihr unhöfliches Benehmen gegenüber Darcy zu rügen. Es ist unmöglich, zu vergessen, was man im Prolog erfahren hat und Blues Unwissen drückt mir als Leserin noch zusätzlich auf den Magen. Amy Harmon erzeugt auf wenigen Seiten direkt ein emotionales Minenfeld, das ich mit angehaltenem Atem durchquere und nur bei einigen kurzen Szenen Luft holen kann.

Darcy brennt für seinen Beruf und ist noch sehr jung. Er bringt noch einen unerschütterlichen Idealismus mit und will die Schüler:innen begeistern, aus einer Lethargie rütteln und wirklich etwas verändern. Die Resignation einiger älterer Lehrer:innen ist bei ihm noch weit entfernt. Dabei ist er sehr hartnäckig, was mir sympathisch war. Im weiteren Verlauf der Geschichte bleibt Darcy eher blass, was jedoch vor allem dem Fokus auf Blues Selbstfindung statt auf die Liebesgeschichte geschuldet ist.

Was mich etwas gestört hat, waren die zum Teil sehr großen Zeitsprünge. Wochen und Monate vergehen in wenigen Sätzen. Manche Phasen in Blues Geschichte hätte ich mir ein wenig detailreicher gewünscht. Gejubelt habe ich allerdings über das Ende des Buches: Es ist nicht übertrieben, nicht kitschig, nicht zu perfekt – was ich häufig an anderen Romanen kritisiere. Ich bin zudem froh, dass Amy Harmon nicht mehr Drama als nötig in die Geschichte eingestreut hat.

Zusammenfassend komme ich zu 4 von 5 Sternen. „A Different Blue“ ist eine bewegende Geschichte über ein junges Mädchen, was seine Familie und sich selbst sucht. Ja, es gibt eine Liebesgeschichte, aber diese steht keinesfalls im Vordergrund. Das ist jedoch absolut kein Manko. Ich hätte mir lediglich gewünscht, dass manche Szenen in Blues Leben etwas mehr Details bekommen hätten. Dieses Buch hat erneut meinen Eindruck bestätigt, dass sich Amy Harmon ganz außergewöhnlichen Geschichten widmet. Es sind keine Plots, die man schon zigfach gelesen hat und keine Klischees. Ich freu mich schon darauf, „Making Faces“ noch von meinem SUB zu befreien.

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Veröffentlicht am 19.06.2021

Erstaunliches Interview-Experiment

Was Männer nie gefragt werden
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Fränzi Kühne ist Gründerin, Geschäftsführerin und jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands in einem börsennotierten Unternehmen. Doch was wird sie in Interviews gefragt? „Verraten Sie uns, was Sie in Ihrem ...

Fränzi Kühne ist Gründerin, Geschäftsführerin und jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands in einem börsennotierten Unternehmen. Doch was wird sie in Interviews gefragt? „Verraten Sie uns, was Sie in Ihrem Koffer haben? Was werden Sie morgen anziehen?“, „Wie viel Zeit haben Sie noch für Ihre Kinder?“ und „Haben Ihre optischen Attribute Ihre Karriere beeinflusst?“. Fragen, die erfolgreichen Männern in Interviews nie gestellt werden. Das nahm Fränzi Kühne nun selbst in die Hand. 22 von 50 angefragten Männer haben einem Interview mit genau solchen Fragen zugestimmt. Über die teils unerwartet tiefgründigen und erstaunlichen Gespräche berichtet sie in diesem Buch, erschienen im Fischerverlag.

„Ein Arzt, ein Koch, ein Priesteranwärter“, so fängt in diesem Fall kein Witz an, sondern die Aufzählung von Fränzi Kühnes Interviewpartnern. Politiker, Unternehmer und Musiker bis hin zu Journalisten bieten ein breites Spektrum an erfolgreichen Berufstätigen aus unterschiedlichen Altersgruppen ab. Diese Bandbreite hat mir sehr gut gefallen, auch wenn die Autorin selbst nicht zögert zum Ende hin den Finger in die „Leerstellen“ ihres Buches zu legen: Alleinerziehende, Geschlechteridentität und Migrationshintergrund sind selbstverständlich wichtige Aspekte, die ebenfalls Einfluss auf die Gleichbehandlung haben. Zum Teil würden diese Analysen aber den Rahmen des Buches sprengen.

Nach ein paar einleitenden Worten, wie es zu der Idee zum Buch kam und wie sie vorgegangen ist, berichtet Fränzi Kühne nacheinander über die konkreten Fragen, die sie gestellt hat und die Antworten, die ihr darauf gegeben wurden. Nicht alle Interviewfragen finden Erwähnung und auch nicht alle Antworten, die gegeben wurden. Es handelt sich nicht um abgedruckte Interviews, wie man sie in Zeitschriften liest. Vielmehr beschreibt die Autorin auch die Gesprächssituationen oder die Körpersprache ihrer Gegenüber. Dies macht sie auf eine sehr feinfühlige Art mit viel Gespür für die Noten zwischen den Zeilen. Außerdem stellt sie die Antworten direkt gegenüber, denn so sind interessante Ähnlichkeiten oder Widersprüche direkt erkennbar. Manchmal bietet sich der direkte Verweis auf Folgefragen an, sodass wirklich eine fließende Erzählung entstehen kann.

Über die einzelnen Kapitel verteilt, stellt Fränzi Kühne ihre Interviewpartner zudem genauer vor. Sie gibt einen kurzen Abriss über deren Werdegang und erläutert bei Bedarf die aktuelle berufliche Tätigkeit. Dies hilft den Leser*innen, die Personen besser kennenzulernen und ihre Antworten in einen Kontext zu setzen. Ich verstehe auch, dass es für den Start vielleicht zu trocken gewesen wäre, die Kurzbiografien alle in einem Einstiegskapitel abzuhandeln. Es über das Buch zu verteilen, hat allerdings das Problem aufgeworfen, dass späte Biografien überhaupt keinen Einfluss mehr darauf hatten, wie ich die Antworten wahrgenommen habe. Auch habe ich die Personen zum Teil durcheinandergeworfen und keine Möglichkeit gehabt, ihre Biografien im Buch gezielt wiederzufinden.

Zusammenfassend komme ich zu 4 von 5 Sternen. Dieses Buch zeigt nochmal ganz klar auf, dass wir bei der Gleichberichtigung von berufstätigen Frauen und Männern noch lange nicht so weit sind, wie wir gerne glauben. Die Fragen haben mich zum Teil schockiert und wirklich wütend gemacht. Fränzi Kühne hat einen wichtigen Beitrag geleistet, um Augen zu öffnen und das in einem Stil, der mir das Gefühl gab, bei den Interviews selbst dabei gewesen zu sein.

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