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Veröffentlicht am 08.03.2020

Zum Glück leben wir noch nicht in QualityLand...

QualityLand (QualityLand 1)
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Ich muss es gleich gestehen: ich war selten so zwiespältig in der Beurteilung eines Buches wie bei „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling... Zwischendurch war ich immer wieder kurz davor, abzubrechen – und trotzdem ...

Ich muss es gleich gestehen: ich war selten so zwiespältig in der Beurteilung eines Buches wie bei „QualityLand“ von Marc-Uwe Kling... Zwischendurch war ich immer wieder kurz davor, abzubrechen – und trotzdem war ich fasziniert vom Einfallsreichtum und der sprühenden Phantasie des Autors, seinen kleinen Seitenhieben auf unsere heutige Gesellschaft und seinem wirklich spritzigen Schreibstil. Und ja: ich habe es jetzt beendet und nein: ich bereue es nicht!
„QualityLand“ ist laut Wikipedia „eine satirische Dystopie, die bereits erkennbare Tendenzen der Digitalisierung weiterspinnt“.
Zum Buch: Peter Arbeitsloser (die Nachnamen leiten sich vom Beruf des gleichgeschlechtlichen Elternteils zum Zeitpunkt der Zeugung ab) bekommt von „TheShop“ einen rosafarbenen Delfinvibrator geschickt, ohne dass er ihn sich bestellt, ihn sich gewünscht oder ihn benötigt hat. Dies ist vollkommen normal in „QualityLand“, da die Algorithmen der marktbeherrschenden Plattformen (zu denen natürlich u.a. „TheShop“ gehört“) das Leben steuern. Doch Peter ist verärgert und will den rosafarbenen Delfinvibrator unbedingt wieder zurückgeben. Dies bereitet jedoch immer größere Schwierigkeiten und Komplikationen, da es sich das System nicht leisten kann, ein einmal erstelltes Profil zu ändern, das „würde zu einer Verunsicherung führen, die einen langfristigen ökonomischen Schaden von mehr als zwei Billionen Qualities verursachen würde.“ (S. 294, E-Book). Peter gibt nicht auf, steht dem System immer kritischer gegenüber, was letztendlich zu einem Show-Down führt, bei dem er u.a. von einem Kampfroboter mit posttraumatischen Belastungsstörungen, einer Drohne mit Flugangst, einer E-Poetin mit Schreibblockade, einem Quality-Pad, das die Revolution plant und einem Sexroboter mit Erektionsstörungen unterstützt wird. Ach ja, Kiki, eine taffe junge (Menschen)Frau hilft ihm auch…
Wie eingangs erwähnt: die Ideen gefielen mir gut, ich habe an vielen Stellen schmunzeln müssen, war manchmal erschrocken, wie „punktgenau“ auf unsere heutige Zeit die Pointen gesetzt waren… Aber zwischendurch ermüdet auch die beste Satire. Ich hatte den Eindruck, ich müsse nicht über alle Facetten von QualityLand informiert werden, deshalb hätte mir eine Straffung der Ereignisse (und vielleicht eine Halbierung der Seitenzahlen) besser gefallen. Ich wollte zwar gern wissen, wie Peters Kampf um die Rückgabe seines rosafarbenen Delfinvibrators ausgeht, aber der anfängliche Lesespaß verflüchtigte sich leider immer mehr…
Dieses Buch ist sicherlich interessant und als Warnung gedacht, was uns mit der fortschreibenden Digitalisierung geschehen kann, aber hier wäre „weniger mehr gewesen“ – zumindest für mich (oder es entsprach einfach nicht meinen Vorstellungen von Dauer-Humor). Aber eigentlich – und jetzt werde ich wieder zwiespältig, ich weiß - finde ich, dass es sich durchaus lohnt, mal einen Blick in das Buch zu werfen – einfach nur, um QualityLand kennenzulernen!

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Veröffentlicht am 24.02.2020

Brooklyn 1912: Alltag und Träume der 11-jähreigen Francie...

Ein Baum wächst in Brooklyn
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„Ein Baum wächst in Brooklyn“ von Betty Smith war die Lektüre, die vor sehr vielen Jahren mein erstes „Erwachsenen-Buch“ gewesen ist. Wie alt ich damals genau war, weiß ich nicht mehr und ob ich alles ...

„Ein Baum wächst in Brooklyn“ von Betty Smith war die Lektüre, die vor sehr vielen Jahren mein erstes „Erwachsenen-Buch“ gewesen ist. Wie alt ich damals genau war, weiß ich nicht mehr und ob ich alles richtig verstanden habe, daran kann ich mich leider auch nicht mehr erinnern... Auf jeden Fall hat es bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen!
Und so ging es mir jetzt erneut: wir begleiten die 11-jährige Francie aus Brooklyn in der Zeit von 1912 bis 1918. Für uns alle eigentlich ein historischer Roman, für die Autorin Betty Smith (1896 – 1972) wohl eher in Teilen eine autobiographische Geschichte, denn „sie wuchs als Tochter deutscher Immigranten in armen Verhältnissen in Brooklyn auf.“ (Klappentext). Das Buch wurde erstmals 1943 veröffentlicht und 1944 für den Pulitzer-Preis nominiert.
Wir Leser*innen sehen die Zeit und Williamsburg (als Teil von Brooklyn /New York) mit den Augen von Francie Nolan, die mit ihrem ein Jahr jüngeren Bruder und ihren Eltern in heute kaum vorstellbarer Armut lebt. In der Woche sammeln beide Kinder Trödel (Lumpen, Papier, Metall, Gummi), um es am Samstagmorgen beim Trödler zu verkaufen. Da herrschen strenge Riten und Gebräuche: der Trödler „mochte Mädchen lieber als Jungen. Mädchen bekommen einen extra Penny, wenn er sie in die Wange kneifen durfte.“ (S.12) Deshalb verkauft Francie auch Neeleys Trödel, den „Kneifpenny“ behält sie, vom Rest (16 Penny) geht die Hälfte in die familiäre Bank (eine alte Blechdose), 8 Cent werden unter den Geschwistern geteilt, so dass Francie stolze Besitzerin von 5 Cents ist: „Welch ein wundervolles Gefühl, etwas in die Hand zu nehmen, einen Augenblick zu halten, die Konturen zu spüren, mit der Hand über die Oberfläche zu streichen und es dann sorgsam wieder hinzulegen. Dieses Vorrecht gab ihr der Fünfer. (…) Nach einer Orgie von Berührungen tätigte sie ihren wohlgeplanten Kauf – für fünf Cents rosa-weiße Pfefferminzwaffeln.“ (S. 17) Francie ist auch eine begeisterte Leserin, sie liest die Bücher ihrer Bibliothek alphabetisch – und sie hat den großen Traum, Schriftstellerin zu werden!
Der Stil der Autorin zieht uns in ihren Bann, lässt uns intensiv teilhaben an dem Leben von Francie: mit ihrer Familie, in ihrer Schule, der großen Armut der Familie, Glück und Unglück. Wir leiden und freuen uns mit, sind stolz auf Erfolge, trauern bei Misserfolgen, schmunzeln über witzige Begebenheiten. Ich fühlte mich als Teil der Familie Nolan...
Ausdruck und Schreibstil ist zwar ruhig und sachlich, fesselt aber gewaltig. Das Kopfkino springt immer wieder an und zaubert beim Lesen die entsprechenden Bilder. Der „ganz normale Alltag“ von Francie und ihrer Familie über einen Zeitraum von sechs Jahren wird so intensiv geschildert, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen konnte. Dieses Buch hat mir auch wieder einmal deutlich gezeigt, dass es sich lohnt, für die eigenen Träume und Überzeugungen zu kämpfen.
Ich wage zu bezweifeln, dass ich als Teenager die vielen Facetten dieses Buches tatsächlich verstanden habe /verstehen konnte. Nun bin ich mir aber sicher, dass „Ein Baum wächst in Brooklyn“ nicht nur zu meinen Jahres-Highlights 2020 gehören wird, sondern es hat einen festen Platz in meiner „ewigen“ Lieblingsbücher-Liste mühelos erobert – eine klarere Leseempfehlung kann es kaum geben!

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Veröffentlicht am 03.02.2020

Violet, eine der Broderinnen (Stickerinnen) von Winchester

Violet
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„Violet“ von Tracy Chevalier (auch die Autorin von „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) ist ein eindringliches und stilles Buch geschrieben, dass uns nach Winchester in das Jahr 1932 führt.
Violet ist ...

„Violet“ von Tracy Chevalier (auch die Autorin von „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“) ist ein eindringliches und stilles Buch geschrieben, dass uns nach Winchester in das Jahr 1932 führt.
Violet ist 38 Jahre alt und hat im 1. Weltkrieg ihren Verlobten verloren und kann das Wort „Frauenüberhang“ (durch den Krieg gab es 2 Millionen weniger Männer als Frauen) nicht mehr hören. Sie hat viele Zeitungsartikel darüber gelesen: „In einer Gesellschaft, die auf der Institution Ehe basierte, galt das einerseits als Tragödie, andererseits sahen manche in den vielen ledigen Frauen auch eine Bedrohung.“ (S. 29) Nach dem Tod ihres Vaters lebt sie weiterhin mit ihrer dominanten und herrschsüchtigen Mutter, hält das Zusammenleben jedoch nicht länger aus und zieht nach Winchester. Dort fristet sie ihr Leben eher schlecht als recht, ihr Verdienst als Schreibkraft ist gering: „Einmal in der Woche gönnte sie sich einen Kinoabend, ihr einziger Luxus, allerdings verzichtete sie an dem Tag auf das Mittagessen.“ (S. 35) Sie fühlt sich einsam, empfindet ihre Situation aber als Preis der Freiheit, ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben zu führen.
Ihr Leben verändert sich jedoch, als sie zufälligerweise in einen Segnungsgottesdienst der Stickerinnen der Kathedrale von Winchester gerät. Beeindruckt einerseits von der Schönheit der Kniekissen, die diese Broderinnen für die Kathedrale geschaffen haben, aber auch andererseits auf der Suche nach sozialen Kontakten, tritt sie dem Stickclub bei. Diese Entscheidung verändert ihr Leben: sie gewinnt Freundinnen und lernt durch diese Arthur kennen, einer der „bellringers“ (Glockenläuter) kennen. Und langsam wird Violet immer selbstbewusster und entschlossener, sich gegen die gängigen Konventionen (die es damals für unverheiratete Frau in Hülle und Fülle gab – manchmal staunte ich beim Lesen, was „frau“ damals alles nicht machen durfte!) zu stellen.
Tracy Chevalier ist ein Roman gelungen, der uns Violet sehr nahebringt. Ähnlich wie bei dem „Mädchen mit dem Perlenohrring“ werden wir Leserinnen in die Geschichte einbezogen, die uns berührt und bewegt. Da ich selbst mal eine „Stickphase“ hatte, fand ich die Beschreibung der Sticktätigkeit sehr eindrucksvoll. Im Nachwort steht, dass Louisa Pesel (Leiterin der Stickgesellschaft) eine reale Person ist und tatsächlich in Winchester gelebt und gearbeitet hat, gegoogelt habe ich dann noch, dass ihre Stickbilder zu einem großen Teil in der Universität von Leeds ausgestellt sind. Und über die schwere Kunst und Tradition des Glockenläutens in England hatte ich schon vor sehr vielen Jahren in einem Krimi von Dorothy Sayers gelesen und mich hatte schon damals die notwendige Perfektion dieser Tätigkeit fasziniert.
Ich möchte an dieser Stelle aber nicht verheimlichen, dass ich ungefähr in der Mitte des Buches einen „Durchhänger“ hatte (ich fand einige Beschreibungen zu detailliert), ich musste für mehrere Tage pausieren. Dann jedoch bin sofort wieder gut in die Handlung gekommen und konnte bei der 2. Hälfte das Buch kaum noch aus der Hand legen. Der Schluss war überraschend, hat mich berührt und hat mir gezeigt, dass Violet ihren eigenen Weg gut gemeistert und auf die Normen der damaligen Zeit „gepfiffen“ hat. Dieses Buch hat mir auch gezeigt, dass vieles, was wir heutigen Frauen als selbstverständlich betrachten, mühsam von den Frauen früherer Generationen erkämpft werden musste!
Alles in allem: ich kann dieses Buch mit sehr gutem Gewissen an alle Liebhaber
innen historischer, leiser, sensibler Romane weiterempfehlen!

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Veröffentlicht am 27.01.2020

Wo sind eigentlich unsere eigenen Grenzen zwischen Gut und Böse?

Die Toten von Marnow
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Oh, Asche auf mein Haupt – ich kannte den Autor von „Die Toten von Marnow“, Holger Karsten Schmidt, bisher nicht, mich hatte nur der Klappentext angesprochen. Doch schon bei der Autorenvorstellung im Buch ...

Oh, Asche auf mein Haupt – ich kannte den Autor von „Die Toten von Marnow“, Holger Karsten Schmidt, bisher nicht, mich hatte nur der Klappentext angesprochen. Doch schon bei der Autorenvorstellung im Buch erfuhr ich, dass er unter (offenen) Pseudonym Gil Ribeiro, der Verfasser der „Lost in Fuseta“ Bücher ist, einer Krimireihe, mit der ich schon länger liebäugele. Neugierig geworden konnte ich dann bei Wikipedia nachlesen, dass er mehrfacher Grimme-Preisträger, als Drehbuchautor u.a. für die Serie „Nord bei Nordwest“ verantwortlich ist, mehrere „Tatorte“ stammen aus seiner Feder, für „Gladbeck“ hat er den Deutschen Fernsehpreis erhalten und, und, und... Also glatt eine Bildungslücke bei mir...
„Die Toten von Marnow“ ist der Start einer Krimireihe, mit dem der Autor uns in „ein höchst ambivalentes Kapitel deutsch-deutscher Geschichte führt – und keine einfache Grenze zwischen Gut und Böse kennt.“ (Klappentext vorn)
Lona Mendt und Frank Elling arbeiten bei der Rostocker Kripo. Sie sind grundverschieden: Elling (den alle nur Elling nennen, sogar seine Ehefrau) ist der absolute Familienmensch, Lona genau das Gegenteil: lebt ohne festen Wohnsitz allein in einem Wohnmobil, ist unabhängig, unnahbar. Da dieser Krimi viele überraschende Wendungen nimmt, habe ich mich entschlossen, zum Inhalt lieber nichts zu schreiben, außer: es ist von der ersten bis zur letzten Seite sehr spannend und dramatisch, die Dialoge lebendig, die Szenen lassen das Kopfkino anspringen, der Schluss ist logisch und glaubwürdig – und hat noch eine letzte Überraschung parat!
Ein weiterer Aspekt dieses Buches ist, dass wir als Leser*innen häufig mit Werten, Normen und moralischen Standpunkten konfrontiert werden, die wir teilen oder ablehnen können, die uns aber wiederum sehr dazu anregen (zumindest ist es mir so ergangen), über unsere eigenen Grenzen zwischen Gut und Böse nachzudenken, wie würden wir uns in dieser oder jener Situation verhalten? Auch hier möchte ich wegen der großen Spoiler-Gefahr nicht zu sehr ins Detail gehen, sondern Wolfgang Schorlau zitieren, der auf dem hinteren Cover schreibt: “Die säuberliche Trennung zwischen Ermittler und Täter ist aufgehoben, wir Leser wissen nicht immer genau, ob die Guten wirklich gut sind – und erwischen uns dabei, wie wir ihnen trotz ihrer Fehltritte fest die Daumen drücken.“ Ja, diesen Satz kann ich vorbehaltlos unterschreiben. Einige Fragestellungen aus dem Buch hallen noch lange nach...
Mit hat das Buch ausgezeichnet gefallen, ich bin immer ganz begeistert, wenn ich die Kommissare auch in ihrem Privatleben kennenlerne, die Figuren werden für mich authentischer (dies nur als kleiner Hinweis für Leser, denen das private „Gedöns“ schnell zu viel wird!), ich fand hier die Mischung perfekt.
Wirklich, aus vielerlei Gründen ein lesenswertes Buch, dass ich vollkommen uneingeschränkt weiterempfehlen kann / möchte / muss (ist übrigens bei NDR-Kultur das „Buch des Monats“ - also ich und der NDR, wir können uns doch nicht irren und täuschen...?)!

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Veröffentlicht am 11.01.2020

Von einem auf den anderen Tag veränderte sich die Welt: vom abrupten Ende einer Kindheit...

Wir sind dann wohl die Angehörigen
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Das Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Johann Scheerer hat mich sehr beeindruckt, berührt und hallt noch immer nach... Meistens lese ich mindestens zwei Bücher parallel – das war mir bei dieser ...

Das Buch „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ von Johann Scheerer hat mich sehr beeindruckt, berührt und hallt noch immer nach... Meistens lese ich mindestens zwei Bücher parallel – das war mir bei dieser Geschichte unmöglich, ich hatte das Gefühl, hier könne ich mich nur auf dieses eine Buch konzentrieren!
Als Hamburgerin kenne ich Jan Philipp Reemtsma, wobei das Wort „kennen“ natürlich vollkommen übertrieben ist: ich hatte viel von ihm gehört, als er in den 80er Jahren als Mäzen einer pädagogischen Einrichtung tätig wurde. Und ich kann mich gut an die Nachricht vom positiven Ende seiner Entführung erinnern: mein großes Erstaunen darüber, dass alle Medien tatsächlich geschwiegen hatten (der zähe Kampf um dieses Schweigen ist mir jetzt erst durch das Buch bekannt geworden!)
Johann Scheerer ist der Sohn von Ann Kathrin Scheerer und Jan Philipp Reemtsma, er wurde im November 1982 geboren, war also zum Zeitpunkt der Entführung (25.3.1996) seines Vaters 13 Jahre alt. Er beschreibt 2018 – 22 Jahre später – wie er sich während der 33 Tage dauernden Geiselnahme gefühlt hat. Und das hat er m.E. ganz ausgezeichnet gemacht!
Ein 13-jähriger ist per se in einer schwierigen Phase: Pubertät, Abgrenzung vom Elternhaus, eigene Wege finden – ein schwieriger Balanceakt zwischen dem Wunsch nach Selbstständigkeit und dem Wunsch nach Geborgenheit... Und in diese Zeit „knallt“ die Entführung des eigenen Vaters!
Johann Scheerer erinnert sich an seine widersprüchlichen Gefühle: der intensive Wunsch, dass der Vater überlebt, Sorge/Angst, dass Entführungsopfer niemals überleben (deshalb: sich selbst keine Hoffnungen machen). Liebevolle Erinnerungen an den Vater, aber auch genervte Gedanken („Warum war ich am Tag zuvor nur so genervt gewesen von meinem penetrant schlauen Vater?“ E-book, S. 11). Er versteht sich manchmal als einen „Jungen ohne Gefühle. Ohne Hoffnung. Ohne eine leise Ahnung, was jetzt passieren würde.“ (E-book, S. 27). Johann fragt sich, ob er überhaupt noch lachen dürfe und ist beruhigt, als er einen Polizeibeamten mit dem helfenden Rechtsanwalt scherzen hört: “Man durfte also lachen. Das beruhigte mich.“ (E-book, S. 38) Aber gleichzeitig auch: „Ich stellte mir kurz den erschrockenen mitleidigen Blick vor, der sich auf mich richten würde. Mitleid, das meine Trauer, meine Panik und meine Verzweiflung nur befeuern würde. Das wollte ich nicht. Keine Hoffnung, keine Angst, keine Trauer, keine Tränen.“ /E-book, S. 93)
Ja, natürlich merkt man am Schreibstil, dass dieses Buch von einem erwachsenen Menschen geschrieben wurde, aber Johann Schereer hat seine damaligen Empfindungen, Ideen, Gedanken, Hoffnungen sehr authentisch und wunderbar nachvollziehbar beschrieben. Der Stil ist eher „cool“, passt aber deshalb sprachlich sehr gut zu einem 13-jährigen, dessen bekannte Welt gerade zusammenbricht... Bis zum Schluss mit der Illusion, „ich könnte doch noch irgendwie wieder zurück in mein früheres Kinderleben, ...“ (E-book, S. 171)
Obwohl ich den „Ausgang“ der Entführung kannte, konnte ich dieses Buch kaum aus der Hand legen, es hat mich regelrecht in seinen Bann gezogen (von „fesselnd“ möchte ich gerade in diesem Zusammenhang nicht schreiben). Aus diesem Grund spreche ich hier eine absolute Leseempfehlung aus!

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