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Veröffentlicht am 20.12.2019

Hat mit Amsterdam nur wenig zu tun und Weihnachtsstimmung kommt auch nur mässig auf.

Weihnachten in Amsterdam
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Festlich beleuchtete Grachten, schneebedeckte Hausboote, geschmückte Straßen und urholländische Gemütlichkeit – in der Weihnachtszeit ist Amsterdam stimmungsvoller denn je.
Yvette van Boven, die charmanteste ...

Festlich beleuchtete Grachten, schneebedeckte Hausboote, geschmückte Straßen und urholländische Gemütlichkeit – in der Weihnachtszeit ist Amsterdam stimmungsvoller denn je.
Yvette van Boven, die charmanteste Köchin der Niederlande, nimmt uns mit in ihre Heimat und versorgt uns mit über hundert einfachen Wohlfühl-Rezepten und vielen nützlichen Tipps für ein entspanntes Fest. Denn sie weiß, wie man es sich an kalten Tagen gutgehen lässt und sich perfekt auf Weihnachten einstimmt: von süßen Sachen für zwischendurch wie Brioche-Schnecken mit roten Früchten oder heißer Ingwer-Schokolade über Kürbiscremesuppe mit Sternanis und Flusskrebsschwänzen bis hin zum Festtagsperlhuhn mit Prosecco-Soße.
Um die Planung des Weihnachtsessens zu erleichtern, finden sich am Ende des Bandes vielfältige Menüvorschläge: Egal, ob Sie einen Brunch für die ganze Familie, ein romantisches Dinner zu zweit oder ein kaltes Buffet für viele Freunde geplant haben – mit diesem Kochbuch sind Sie bestens vorbereitet, um die Feiertage voll und ganz genießen zu können ...
(Klappentext)

❆❆❆❆❆

"Aber es muss natürlich nicht Weihnachten sein, um etwas Leckeres für andere zu kochen. Ein romantisches Winteressen zu zweit, eine große Silversterparty mit Freunden, ein Adventsnachmittag für die Nachbarschaften - in diesem Buch ist für jeden Anlass etwas dabei. Denn zusammen kochen und zu essen ist doch das Schönste, was es gibt."
(S. 8)


Die Niederländische Küche ist ein kulinarisches Kultur- und Länder-Sammelsurium, welches vor allem von der britischen, französischen und deutschen Küche geprägt wurde. Trotzdem haben die Niederländer ihre eigene spezielle Hausmannskost.
Die Niederländische Küche ist die Küche der Eintöpfe, Frikadellen und vor allem der Borrelsnacks. Borrelsnacks sind quasi die Tapas der niederländischen Küche, welche bei einem gemütlichen Treffen von Freunden/Familie aufgetischt werden. Also wenn das nicht entspannt und gemütlich klingt.
Ich erwartete also ein weihnachtliches Kochbuch mit eventuell ein paar typischen Borrelsnacks, Eintöpfen und was Holland eben noch so zu bieten hat.
Dann wollen wir mal einen Blick in dieses Kochbuch werfen und schauen, ob meine Erwartungen erfüllt wurden.

Das Cover war für mich gleich ein besonderer Hingucker und auch das Schmökern darin macht Spaß, was vor allem an den stimmungsvollen Bildern liegt. Wenn hier jedoch nicht hin und wieder ein Bild von Christbaumkugeln vorhanden wäre, hätte es auch ein allgemeines Herbst-Winter-Kochbuch sein können. Von Amsterdam selbst sieht man hier nicht wirklich viel.

Dafür gibt es zu jedem Rezept ein großartiges Bild des Endproduktes, welches einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. So viel zum ersten optischen Eindruck, doch was verbirgt sich zwischen diesen wundervollen Bildern?

Wie viele Weihnachtsbücher beginnt auch dieses mit Tipps und Tricks für ein entspanntes Weihnachtsessen. Angefangen bei der Planung, Umsetzung, wie man Stress vermeidet, bis hin zu einer kleinen Checkliste. Für mich war da jetzt nichts Neues zu entdecken, doch für manchen anderen sind hier sicher einige nützliche Tipps zu finden.

Das Buch ist in verschiedene Themen unterteil, wie z.B.: Getränke, Suppen, Vorspeisen, Hauptgerichte, etc. Auch Rezepte für den Vorratsschrank und Menüvorschläge sind enthalten.

Doch, oh weh, wo ist die Niederländische Hausmannskost? Wo sind Eintöpfe, Frikadellen, Kroketten und Waffeln?
Die niederländische Autorin lässt zwar in ihren Kochtopf blicken, doch in diesem brodelt wohl eher selten etwas Niederländisches.
"Weihnachten bei Yvette van Boven" wäre ein passenderer Titel für dieses Kochbuch gewesen, denn mit Amsterdam, bzw. mit den Niederlanden hat es nur wenig zu tun.

Einige Rezepte enthalten exotische Zutaten, benötigen viel Vorbereitung und sind eben nicht mal schnell zusammengerührt. Eine entspannte Weihnachtsküche sieht für mich anders aus.

"Wenn Sie die Beeren im Oktober pflücken und in Gin einlegen, können Sie den Sloe Gin an Weihnachten trinken. Noch besser wird er allerdings, wenn Sie damit noch ein bis zwei Jahre warten."
(S. 54 - Die wohl längste Vorbereitung für ein Weihnachtsgetränk)


Zudem beinhaltet fast jedes Rezept Alkohol und das oft nicht unbedingt wenig. Wenn man zu den Gerichten auch noch alkoholische Getränke serviert, liegt man bereits beim Hauptgang besoffen unterm Tisch. Nun ja, auch eine Art zu entspannen. Für Kinder und trockene Alkoholiker sind diese Rezepte also eher weniger geeignet, falls man diese 1:1 nachkochen möchte.

Wo wir auch schon beim nächsten Manko wären - dem 1:1-Nachkochen. Ich habe einige Rezepte daraus nachgekocht, doch es musste bei den meisten Gerichten etwas abgeändert werden. Entweder, indem ich den Alkohol oder auch andere Zutaten ersetzte oder ganz weggelassen habe, um ein schmackhaftes oder gelungenes Gericht zu erhalten. Nicht immer lag es an meinem persönlichen Geschmack, sondern das es sonst allgemein nicht so hinhauen wollte.

Als begeisterte Hobbyköchin war das für mich kein Problem, doch Kochanfänger könnten hier eventuell verzweifeln, ergo - nix mit entspannter Weihnachtsküche.

Bei dem Kapitel "Dessert" fand ich tatsächlich nichts, was mich ansprach. Ich habe noch nie so viele Rezepte mit Baiser auf einem Haufen gesehen (Baiser-Haselnussrolle, Blutorangen-Baiser-Törtchen, Baiser-Trifle,...). Tja, und wenn nicht das, dann Rezepte mit getrockneten Früchten oder viel Alkohol. Mein kulinarischer Gaumen wurde also nicht ein kleines bisschen gekitzelt, was natülich Geschmackssache ist.

Es sind jedoch auch ein paar vegetarische Rezepte enthalten. Diese sind zwar auch nicht unbedingt festlich, doch ich werde sicherlich einige davon noch ausprobieren, wie z.B. "Rosenkohl á la Carbonara" oder "Lauwarmer Bohnensalat mit Pesto".

Es sind natürlich nicht alle Rezepte von diesen Mankos betroffen. "Herhafte Arme Ritter", das "Apfel-Brombeer-Crumble mit Granola" und der "Hirschschmortopf mit Blätterteighaube" sind meine absoluten Favoriten und fanden den Weg in meine Rezeptsammlung.

Der Schreibstil ist angenehm und flüssig und auch die Rezepte werden leicht verständlich erklärt. Es ist, als würde man einem lockeren Küchengeplaudere lauschen. Es kam beim Lesen zwar nur mässig Weihnachtsstimmung auf, aber es umgab mich beim Schmökern eine durchaus gemütliche Atmosphäre.

"Wenn meine Mutter damals den Torf im Kamin angezündet hatte, stellte sie eine Pfanne mit selbst gesammelten Maronen hinein. Wir haben sie anschließend in geschmolzene irische Butter gedippt und sie mit einer Prise Salz bestreut; eine der leckersten Sachen überhaupt."
(S. 74)


Fazit:
Leider erfüllte dieses Kochbuch nicht meine Erwartungen.
Nur mässig weihnachtliche Stimmung, keine typisch niederländische Küche und nur wenig wirklich festliche Rezepte, dafür solche mit viel Aufwand.
Trotzdem finde ich es schön darin zu schmökern, denn die Bilder und die gesamte Aufmachung sind großartig. Man kann sich ja doch von so einigen Rezepten inspirieren lassen. Ich werde also sicherlich noch mehrmals einen Blick in dieses Buch werfen und das ein oder andere Rezept ausprobieren.

© Pink Anemone (inkl. Rezept aus dem Buch und vielen Bildern

  • Cover
  • Gestaltung
  • Rezepte
Veröffentlicht am 16.12.2019

Informativ, schockierend, ekelerregend und trotzdem habe ich mich selten bei einem Sachbuch so köstlich amüsiert. Ein Lesehighlight!

Abgründe der Medizin
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Eine schaurig-schöne Reise durch die Abgründe der Medizingeschichte – rezeptfrei und mit Gänsehautgarantie!
Wieselhoden als Verhütungsmittel, Aderlass gegen Blutverlust oder glühende Eisen bei Liebeskummer: ...

Eine schaurig-schöne Reise durch die Abgründe der Medizingeschichte – rezeptfrei und mit Gänsehautgarantie!
Wieselhoden als Verhütungsmittel, Aderlass gegen Blutverlust oder glühende Eisen bei Liebeskummer: Aus heutiger Sicht mögen solche Behandlungsmethoden völlig absurd erscheinen. Aber es gab Zeiten, da glaubte man fest an ihre Wirkung. Entweder weil man wissenschaftliche Erkenntnisse bewusst ignorierte oder die Medizin einfach noch nicht so weit war. Dieses reich bebilderte Buch ist ein ebenso informatives wie unterhaltsames Sammelsurium dessen, was den Menschen im Laufe der Jahrhunderte fälschlicherweise als Heilung versprochen wurde – und nicht selten das genaue Gegenteil bewirkte ...
(Klappentext)

✙✙✙✙✙

"Schlichte Gesundheit ist vielen von uns nicht genug. Wir wollen mehr; ewige Jugend, vollkommene Schönheit, grenzenlose Energie und die Manneskraft eines Zeus."
(S. 6)


.... und dies ist nicht nur heute so, sondern war auch schon vor Jahrhunderten der Fall.
Schon immer wollten die Frauen schöner und jünger sein, die Männer wünschten sich schon immer eine besondere "Standhaftigkeit" und alle wollten sie gesund sein und lange leben. Doch auch Krankheiten wollten schon vor Jahrhunderten behandelt werden und das, wenn möglich, mit Erfolg.
Heutzutage stützen wir uns auf wissenschaftliche Studien, doch wie sah es damals aus, als die Medizin noch in den Kinderschuhen steckte, die Religion diesbezüglich eine wichtige Rolle einnahm und selbst Alchimisten hinzugezogen wurden, um zu heilen?

Das Buch beinhaltet ein Sammelsurium von verschiedenen Heilungsmethoden der Geschichte. Von Metallen angefangen, über Pflanzen und tierischen, wie auch menschlichen "Arzneimitteln", bis hin zum groben Handwerk der Chirurgie und mysteriösen Heilkräften.
Skurril, ekelerregend, schockierend, abscheulich und meist mit dem Ergebnis Tod ... wenn man Glück hatte einen schnellen.

Wenn man das Buch liest, wird einem schnell klar, dass es den Ärzten (und auch Nicht-Ärzten, ergo den Quacksalbern) nicht immer um das Wohle ihrer Patienten/Kunden ging, sondern eher um Macht, Prestige und Geld.
Kommt einem das nicht etwas bekannt vor? hustPharmaindustriehust.
Doch damals bediente man sich jeglicher Mitteln, um dies zu erreichen und das im wahrsten Sinne.

"Man nehme das Hirn eines jungen gewaltsam verstorbenen Mannes mitsamt Häuten, Arterien und Venen, Nerven ... und zerstoße diese in einem steinernen Mörser, bis sie eine Art Brei ergeben. Dann gebe man so viel Weingeist hinzu, dass er bedeckt ist ... [dann] lasse man ihn ein halbes Jahr in Pferdemist reifen. (Rezept für >>Essenz aus Menschenhirn<< aus "The Art of Distillation" 1651 von John French)
(S. 236)


Arsen gegen Hauterkrankungen und Bauchschmerzen (erkennt jemand die Ironie hinter Letzterem?), Strychnin als Viagra des 19. Jahrhunderts (nicht auf dumme Gedanken kommen) und wie Strychnin erklären könnte, weshalb sich Hitler auffällig benahm. Schädelöffnung inklusive Hirnhautabschabung gegen Schizophrenie, Chloroform-Partys und Leichenmedizin (Gebrauch menschlicher Körperteile für medizinische Zwecke) oder Masturbation bei Frauen durch die Hand eines Arztes auf Verordnung, etc.
Da kann einem schon mal ganz anders werden, wenn man das liest.

Jedes Mittel und jede Heilungsmethode wird mit einer kleinen Geschichte eingeleitet. Danach bekommt man interessante und informative Einblicke in die jeweilige Entstehungsgeschichte und wieso diese Methoden und Mittelchen in der damaligen Zeit ein regelrechter Renner waren, welche Auswirkungen diese auf den Körper hatten und wie diese zum Tode führten.
Erfinder und berühmte Konsumenten werden ebenso aufgeführt, wie auch Betrüger, welche Pantschereien an die Leute verhökerten, Anwendungsmethoden, bei denen man nicht selten verständnislos den Kopf schüttelt und inwiefern so manche Mitteln in der heutigen Medizin Verwendung finden und wieso.

"Damals schätzte Thomas Jefferson die Sterblichkeitsrate beim Gelbfieber auf 33 Prozent. Viel später, nämlich erst 1960, wurde bei Rushs Patienten eine Sterblichkeit von 46 Prozent festgestellt. Hier übertraf also der Onkel Doktor den Gevatter Tod."
(S. 15)


Obwohl sich einem hier beim Lesen die Nackenhaare aufstellen und einem sich gleichzeitig die Zehennägel aufrollen, ist es ein informativer und lehrreicher Blick in die Medizingeschichte. Ich habe schon einige Fach- und Sachbücher zu dieser Thematik gelesen, doch bei keinem habe ich gleichzeitig entsetzt die Augen aufgerissen und lauthals gelacht.

Dies liegt an dem herrlich lockeren Schreibstil, welcher vor morbiden Humor und Sarkasmus nur so strotzt.
Zusätzlich wird auch darauf geachtet, dieses Wissen auch für Laien verständlich zu erklären und bei so manchem Thema ist es sicher nicht schlecht es etwas auzulockern.
Für schwache Nerven und sensible Mägen ist es trotzdem nur bedingt zu empfehlen, denn gleichzeitig ist der Schreibstil äußerst plastisch.

"Hatte man diesen praktischen Metallstab in die weiche Gehirnmasse gestoßen, fuhr eine rotierende Drahtschlaufe aus, die alles schön verquirlte. Weniger wie ein Schneebesen im Pudding, sondern mehr wie ein Kugelausstecher in einer überreifen Honigmelone. Die Hirnkonsistenz wurde später vom amerikanischen Chirurgen James Watt mit >>Butter, die eine Weile nicht mehr im Kühlschrank war<< beschrieben.
(S. 154)


Ein weiterer Pluspunkt ist die Aufmachung des Buches.
Passend zum Thema kommt es im Vintage-Stil daher, was mich persönlich sehr begeistern konnte.
Zusätzlich ist es reich bebildert und das Schmökern macht deshalb riesigen Spaß. Ja, richtig gelesen! Dieser Blick in die Geschichte der Medizin macht Spaß und das so richtig.

"Übrigens war der Blasebald eine erfreuliche Erweiterung der Klistiergerätschaften. Vor dessen Einführung blieb einem nämlich nichts anderes übrig als die direkte Mund-zu-Po-Beatmung. Dabei durfte man bloß nicht versehentlich inhalieren."
(S. 97)


Fazit:
Dieses Buch ist eines meiner absoluten Lesehighlights!
Ich habe es meist im Nachtdienst gelesen und zusammen mit Kollegen (Ärzte und Pflegepersonal) geschmökert. Wir haben uns dabei köstlich amüsiert und selbst für so manchen "alteingesessenen" Arzt, war so Manches neu und vor allem schockierend. Ich hatte Mühe das Buch wieder in meine Hände zu bekommen.
Dieses Sachbuch ist also nicht nur für diejenigen geeignet, welche mit der Materie zu tun haben, sondern auch für Medizin- und/oder Geschichts-Interessierte. Meines Erachtens auch als Ideen-Lektüre für Horror-Autoren sehr zu empfehlen g.
Also seid Ihr bereit beim "therapeutischen" Menschenversengen, Vergiften und Hirnmixen dabei zu sein? Dann tretet ein in die bizarre, wie auch schockierende Geschichte der Medizin. Aber Achtung: hier hilft Ihnen garantiert kein Arzt oder Apotheker!

© Pink Anemone (inkl. Leseprobe, viele Bilder und Rezept zum Buch..hihihi)

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.12.2019

Eine der schönsten Adaptionen dieses Klassikers, welche zum Betrachten und Träumen einlädt.

Der Zauberer von Oz
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Sébastien Perez hat die berühmte Geschichte in einem leichten und poetischen Stil neu gefasst; er erzählt sie aus der Perspektive der Vogelscheuche, die sich fälschlich für dumm hält. Denn sie beschützt ...

Sébastien Perez hat die berühmte Geschichte in einem leichten und poetischen Stil neu gefasst; er erzählt sie aus der Perspektive der Vogelscheuche, die sich fälschlich für dumm hält. Denn sie beschützt nicht nur Dorothy, sondern hält auch die Gruppe um Dorothy, deren Hund Toto, den Blechmann und den Löwen zusammen und findet in gefährlichen Situationen stets eine Lösung. Und trotzdem ist es ausgerechnet die kluge Vogelscheuche, die von dem Zauberer mit Verstand ausgestattet werden möchte, so wie der beherzte Blechmann mit einem Herzen und der tapfere Löwe mit Mut … (Klappentext)

❁❁❁❁❁

"In wenigen Minuten hatten sie die schöne Wiese mit dem frischen Gras hinter sich gelassen und befanden sich wieder auf dem goldgelben Weg. Der war jetzt längst nicht mehr so düster wie in den Wäldern, sondern in ebenso gutem Zustand wie im Land der Munchkins."
(S. 66)


Jeder kennt den Märchenklassiker "Der Zauberer von Oz" des Amerikaners Lyman Frank Baum. Dieser erschien in den USA 1900 unter dem Originaltitel "The Wonderful Wizard of Oz", in deutscher Übersetzung jedoch erst 1940.

Vor allem durch den Film aus dem Jahr 1939 mit der jungen Judy Garland als Dorothy feierte dieses Märchen große Erfolge.
Doch um was geht es überhaupt in diesem Märchenklassiker?

In diesem Märchen gelangt das Mädchen Dorothy mit ihrem kleinen Hund Toto durch einen mysteriösen Wirbelsturm in das Land des Zauberers von Oz. Dabei landete sie mitsamt ihrem Haus im Ostland namens Munchkins und auch gleich direkt auf der dort lebenden bösen Hexe.
Da trifft sie auf die gute Nordhexe und bittet sie, sie doch wieder nach Hause nach Kansas zu schicken. Leider kann ihr die Hexe nicht helfen, gibt ihr aber den Rat den großen Zauberer von Oz aufzusuchen, welcher ihr bestimmt helfen kann. Dafür gibt sie ihr noch die silbernen Schuhe der plattgedrückten bösen Hexe mit. Und so macht sich die kleine Dorothy auf den Weg zur Mitte des Reiches, wo der besagte Zauberer herrscht.
Dabei macht sie die Bekanntschaft von ganz besonderen Wesen. Sie begegnet einer Vogelscheuche, die sich gern Verstand wünscht, um nicht mehr so dumm zu sein, immerhin ist ihr Kopf voller Stroh. Ein Blechmann kreuzt ebenso ihren Weg und dieser wünscht sich ein Herz in seiner verrosteten Brust und auch ein Löwe kommt des Weges, der nur zu gerne so mutig wie andere Löwen wäre, da er sich selbst als großen Feigling sieht.
Und so macht sich diese ungewöhnliche Truppe gemeinsam auf den Weg zum großen Zauberer von Oz, jeder mit seinem ganz eigenen Wunsch.

Dies ist die Originalstory und es gibt zu dieser schon unzählige Adaptionen in Form von Filmen, Theaterstücken und Musicals.
Was macht nun gerade dieses Buch für mich so besonders?

"Dorothy musste Hindernisse umgehen, Toto sprang über Löcher, und er selbst, der Strohkerl, stolperte und fiel immer wieder der Länge nach hin. Jedes Mal half das Mädchen ihm lächelnd wieder auf die Beine. Er war gerührt von ihrer Freundlichkeit und schrieb seine Ungeschicklichkeit dem Umstand zu, dass er nur Stroh im Kopf hatte. Und das machte ihn sehr traurig..."
(S. 18)


Jeder der das Märchen gelesen hat, fand darin eine Figur, welche man besonders ins Herz schloß.
Für die einen war es der ängstliche Löwe, der mutig sein wollte, das kleine Mädchen Dorothy, welches zurück nach Hause möchte, der Blechmann, der so gern ein richtiges Herz in seiner Brust schlagen spüren will oder die Vogelscheuche, die gerne Verstand hätte, weil sie meint sie wäre dumm.
Für mich war es immer schon die Vogelscheuche, da sie so tollpatschig ist, sich daher für dumm hält aber auch gleichzeitig unheimlich witzig war.
Diese Adaption wird aus eben deren Sicht erzählt und somit bekommt man Einblick in eine ganz andere Perspektive.

Man ist dabei als die Vogelscheuche zusammengebaut wird und wie sie es empfindet plötzlich hören, sehen, riechen und sprechen zu können, wie es ist auf Dorothy und die beiden anderen zu treffen und erlebt all die Abenteuer auf ihrer Reise zum Zauberer von Oz.

Diese Reise ist keineswegs einfach und sie müssen viele Hindernisse überwinden, Gefahren bestehen, wie z.B. ein Mohnfeld, welches herrlich duftet, einen jedoch ewig schlafen lässt, wenn man sich zu lange darin befindet oder einen breiten reißenden Fluss, der unüberwindbar erscheint. Man trifft aber auch auf andere Wesen, wie z .B. die Mäusekönigin.

"Um sie herum war der Mohn an die Stelle der Kornblumen getreten. Dann verschwanden auch die Veilchen und die Rosen und schließlich die Nelken. Bald waren sie nur noch von den großen roten Blumen umgeben, die sehr stark dufteten, weil sie so viele waren."
(S. 53)


Während der Blechmann, der Löwe und vor allem die Vogelscheuche weiterhin ihren Wünschen hinterherjagen, wird dem Leser im Verlauf der Geschichte klar, dass der Blechmann bereits ein ganz großes Herz besitzt, der Löwe durchaus mutig ist, wenn es darauf ankommt und die Vogelscheuche, die immer an sich selbst und ihrer Intelligenz zweifelt, die besten Einfälle hat.

Der Schreibstil ist flüssig und gleichzeitig märchenhaft poetisch, wobei die Message, welche diese Geschichte inne hat, keinesfalls verloren geht und im Verlauf der Story immer deutlicher wird. Nämlich, dass unglaublich viel in einem steckt und es an einem selbst liegt alles zu erreichen, was man sich wünscht, ebenso das man im Team alles schaffen kann, denn "gemeinsam ist man stark".
Die Geschichte ist also spannend, witzig und tiefgründig zugleich.

"Dem Löwen sträubten sich die Rückenhaare, er brüllte und zeigte seine Krallen. Mais stellte sich vor Dorothy, das Mädchen nahm Toto auf den Arm.
Geflügelte Affen zerteilten mit ihren Schwingen die Luft und waren im Nu über ihnen."
(S. 83)


Begleitet wird diese Geschichte von wunderschönen Illustrationen von Benjamin Lacombe, welche der Story auf traumhafte Weise Leben einhauchen und zum Träumen und vor allem zum längeren Betrachten einladen.
Die Kombination aus Story und diesen Illustrationen hat nahezu etwas magisches und lässt einen in die Welt von Mais, der Vogelscheuche, und deren Freunden eintauchen, ihre Abenteuer erleben und ist dabei, wie sie sich auf der Reise sich selbst finden.

Fazit:
Dies ist eine der schönsten und märchenhaftesten Adaptionen dieses Klassikers und dies aufgrund der äußerst gelungenen Kombination aus stimmungsvollem und poetischem Schreibstil und der traumhaft schönen Illustrationen.
Immer wieder blätterte ich während des Lesens durch das Buch und betrachtete ein ums andere Mal diese wunderschönen farbenprächtigen Zeichnungen.
Die Reise ging für mich viel zu schnell zu Ende, doch zum Glück gibt es noch mehr dieser Adaptionen von diesem Autor und Illustrator.

© Pink Anemone (inkl. Book-Soundtrack, Leseprobe und Filmtrailer)

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.12.2019

Eine wunderschöne Geschichte und eine Hommage an die Phantasie und die Bücher mit deren Geschichten

Die unendliche Geschichte
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Bastian Balthasar Bux entdeckt in einer Buchhandlung ein geheimnisvolles Buch, „Die unendliche Geschichte“. Begeistert liest er von den Abenteuern des Helden Atréju und seinem gefährlichen Auftrag: Phantásien ...

Bastian Balthasar Bux entdeckt in einer Buchhandlung ein geheimnisvolles Buch, „Die unendliche Geschichte“. Begeistert liest er von den Abenteuern des Helden Atréju und seinem gefährlichen Auftrag: Phantásien und seine Herrscherin, die Kindliche Kaiserin, zu retten. Zunächst nur Zuschauer, findet er sich unversehens selbst in Phantásien wieder. TU WAS DU WILLST lautet die Inschrift auf dem Symbol der unumschränkten Herrschaftsgewalt. Doch was dieser Satz in Wirklichkeit bedeutet, erfährt Bastian erst nach einer langen Suche. Denn seine wahre Aufgabe ist es nicht, Phantásien zu beherrschen, sondern wieder herauszufinden. Wie aber verlässt man ein Reich, das keine Grenzen hat? ... (Klappentext)

❉❉❉❉❉

"Die Kronen der anderen Bäume, die noch ganz in der Nähe standen, waren grün, doch das Laub der Bäume, die dahinter lagen, schien jede Farbe verloren zu haben, es war grau. Und noch ein wenig weiter entfernt schien es auf eine seltsame Art durchsichtig, nebelhaft, oder besser gesagt, einfach immer unwirklicher zu werden.
Und dahinter lag nichts mehr, absolut nichts. Es war keine kahle Stelle, keine Dunkelheit, es war auch keine Helle, es war etwas, das den Augen unerträglich war und einem das Gefühl gab, blind geworden zu sein. Denn kein Auge kann es aushalten, ins völlige Nichts zu blicken."
(S. 60)


Bastian, ein Junge von zehn oder elf Jahren, ist ein stiller Junge, dicklich, ungeschickt, ängstlich und somit ein Außenseiter. In der Schule wird er gemobbt und zu Hause hat er einen Vater, der ihn nicht zu sehen scheint. Seit dem Tod seiner Mutter hat sich alles verändert und zwar zum Schlechten. Seine einzigen Freunde sind seine Bücher und deren Abenteuergeschichten.
Eines Tages läuft er, wieder einmal, vor seinen Schulkameraden davon und landet auf seiner Flucht in einem antiquarischen Buchladen. Der Besitzer hält von Kindern allgemein nicht viel und brummelt vor sich hin. Doch Bastian hat nur Augen für das eine Buch, welches dieser Herr Koriander in seinen Händen hält. Ohne zu wissen, welche Geschichte sich darin verbirgt, zieht es ihn magisch an und dann tut er etwas, was er selbst nie für möglich gehalten hat. Als Herr Koriander abgelenkt ist, stiehlt er das Buch und macht sich aus dem Staub. Er flüchtet auf den Speicher der Schule, macht es sich gemütlich und schlägt das Buch auf ... und gemeinsam mit Sebastian taucht man ein in "Die Unendliche Geschichte".

In dieser wird die Geschichte von dem Land Phantásien erzählt, welches dem Untergang geweiht ist.
Die kindliche Kaiserin leidet an einer rätselhaften Krankheit, die selbst fünfhundert Ärzte nicht heilen können. Ausgerechnet jetzt greift überall das Nichts um sich und fängt an Phantásien stückchenweise zu verschlingen. Boten von nah und fern eilen zum Elfenbeinturm, dem Sitz der kindlichen Kaiserin, um ihr davon zu berichten und sie um Hilfe zu bitten.
Zwei Katastrophen bedrohen also Phantásien, oder hängt doch alles zusammen? Wie kann man Phantásien retten und was hat das alles mit Bastian zu tun? Wieso soll gerade er, der Außenseiter, dieses Land retten und wie?
Lange liest Bastian nur von Phantásien, doch plötzlich IST er in Phantásien. Zum Glück ist er nicht alleine und es stehen im Freunde bei, die ihm helfen und unterstützen. Freunde wie der junge Krieger Atréju und der Glücksdrache Fuchur, doch wird Bastian je wieder nach Hause und in seine Welt finden?

"Was da erzählt wurde, war seine eigene Geschichte! Und die war in der Unendlichen Geschichte. Er, Bastian, kam als Person in dem Buch vor, für dessen Leser er sich bis jetzt gehalten hatte!
Und wer weiß. welcher andere Leser ihn jetzt gerade las, der auch wieder nur glaubte, ein Leser zu sein - und so immer weiter bis ins Unendliche!"
(S. 207)


Ich habe das Buch bereits mit zwölf Jahren gelesen und auch den Film gesehen. Obwohl der Film wirklich wunderschön gemacht ist, so ist das Buch um Längen besser, denn erst beim Lesen springt diese ganz eigene Magie auf einen über. Zudem wird im Buch die gesamte Geschichte erzählt und die geht noch viel, viel weiter, während der Film nur die Hälfte des Buches enthält.
Man taucht gemeinsam mit Bastian in diese Buchwelt ein, erlebt Abenteuer, begegnet wunderlichen Wesen, wie z.B. dem Steinbeißer, Atréjus sprechenden Pferd Artax und zankenden Gnomen. Man klettert auf Berge, durchschreitet einen singenden Wald und das trauernde Moor. Man gewinnt neue Freunde, stellt sich Herausforderungen und erleidet Verluste.
Dies alles auf so wunderbare und märchenhafte Weise, sodass man, wie Bastian, mitfiebert, mitleidet und mitfreut.

"Am zweiten Tag kamen sie durch das Land der singenden Bäume. Jeder von ihnen hatte eine andere Gestalt, andere Blätter, eine andere Rinde, aber der Grund, warum man dieses Land so nannte, war, dass man ihr Wachstum hören konnte wie eine sanfte Musik, die von nah und fern erklang und sich zu einem mächtigen Ganzen vereinte, das an Schönheit mit nichts sonst in Phantásien zu vergleichen war."
(S. 50)


Der Schreibstil ist flüssig und übt einen ganz speziellen Sog auf einen aus, den man das letzte Mal als Kind beim Lesen eines Buches verspürt hat. Die Figuren sind fantastisch gezeichnet und jede einzelne schließt man ins Herz und die Settingbeschreibungen sind atmosphärisch und wunderschön.

Es ist ein Märchen für Jugendliche, wie auch Erwachsene, welches in einem das ganz eigene und spezielle Lesegefühl aufkommen lässt, bei dem man in einer Geschichte nahezu versinkt, alles andere um einen herum vergessen lässt und nicht mehr darauf auftauchen möchte.
Zugleich ist es eine Hommage an Bücher und deren Geschichten und an die Phantasie selbst, die man im Laufe des Erwachsenwerdens nur allzu leicht verliert. Dieses Buch schafft es, diese wieder zu erwecken und die Geschichte zu genießen, wie man es als Kind getan hat.

"Fuchur, der weiße Glücksdrache, sang. Hoch am nächtlichen Himmel zog er über der Silberstadt und dem Tränensee Kreise und ließ seine Glockenstimme ertönen.
Es war ein Lied ohne Worte, die große, einfache Melodie des reinen Glücks. Und wer sie hörte, dem öffnete sich weit das Herz."
(S. 281)


Auch die Optik ist bei dieser Ausgabe nicht zu verachten.
Wie auch im Buch geschrieben steht, so sieht man auf dem Cover die beiden Schlangen und auch die Schrift ist in Grün und Rot mit wunderschönen großen Buchstaben am Kapitelanfang.

"Bei flüchtigem Durchblättern sah er, dass die Schrift in zwei verschiedene Farben gedruckt war. Bilder schien es keine zu geben, aber wunderschöne große Anfangsbuchstaben. Als er den Einband noch einmal genauer betrachtete, entdeckte er darauf zwei Schlangen, eine helle und eine dunkle, die sich gegenseitig in den Schwanz bissen und so ein Oval bildeten. Und in diesem Oval stand in eigentümlich verschlungenen Buchstaben der Titel:
DIE UNENDLICHE GESCHICHTE"
(S. 11)


Dies trägt ebenso zu dieser märchenhaften "wahren" Stimmung während des Lesens bei und man hat fast das Gefühl, als wäre das Buch für einen selbst geschrieben worden.

Fazit:
Dieses Jugendbuch enthält eine wunderschöne Story und ist eine Hommage an die kindliche Phantasie und Bücher.
Ich habe es schon als 12-jährige geliebt und nun, beim neuerlichen Lesen, ist die Magie sofort wieder übergesprungen. Wie damals versank ich in dieser Geschichte, welche mich nach Phantásien führte und allerhand Abenteuer erleben ließ. Zudem hat es eine wichtige und schöne Message an all die unsicheren und stillen Kinder und Jugendlichen dort draußen.
Für alle die in fantastische Welten tauchen und Abenteuer erleben wollen, für alle, die Bücher lieben und die Phantasie in einem wiedererwecken möchten, ist dieses Buch ans Herz zu legen. Und falls Ihr den Film kennt und dieser Euch gefallen hat, dann werder Ihr das Buch lieben!
Ein Hoch auf die Pahntasie und die Bücher!

© Pink Anemone (inkl. Book-Soundtrack, Leseprobe und Filmtrailer)

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.12.2019

Eine Rumpelstilzchen-Adaption mit herrlich düsterer Atmosphäre, undurchsichtigen Figuren und einer unglaublichen Wendung am Ende.

Nora Bendzkos Galgenmärchen / Kindsräuber
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Prag, 1620: Krieg, Hunger und ein Geist mit dem Namen »Rumpelstilzchen« suchen die Stadt heim. Wo immer er erscheint, verschwindet ein Kind.
Alene, die die Gabe besitzt, die Geister der Toten zu sehen, ...

Prag, 1620: Krieg, Hunger und ein Geist mit dem Namen »Rumpelstilzchen« suchen die Stadt heim. Wo immer er erscheint, verschwindet ein Kind.
Alene, die die Gabe besitzt, die Geister der Toten zu sehen, ist ihm bereits vor einem Jahr begegnet. Nun ist sie selbst schwanger. Gequält von der Angst, ihr Kind verlieren zu können, schlägt sie sich im zerrütteten Prag durch. Aber sie scheint nur ein Spielball höherer Mächte zu sein: Wieso tritt ihr lang verlorener Kindheitsfreund Patrik Emil wieder in ihr Leben? Warum will er sie zum König von Prag bringen? Alene muss nach Antworten suchen … doch ihr bleiben nur drei Tage. Denn Rumpelstilzchen hat ihren Tod prophezeit.
Eine dunkelfantastische Thriller-Adaption zur Zeit des 30-jährigen Krieges, angelehnt an das bekannte Märchen der Brüder Grimm: »Rumpelstilzchen«...
(Klappentext)

♜♜♜♜♜

">>Dir bleiben drei Tage. Drei Tage, in denen du herausfinden musst, was sich hinter dem Kindsdieb verbirgt. Schaffst du das nicht, wird dein Kind nicht nur gestohlen: Es wird sterben, und du mit ihm...<<"
(S. 218)


Prag anno 1620 und der 30-jährige Krieg hat gerade begonnen. In dieser zerrütteten Welt schlägt sich Alene als Spinnerin und Strohbinderin durch, um sich und ihren kranken Vater zu ernähren.
Alene ist auch im Besitz einer besonderen Gabe - sie kann die Geister von Verstorbenen sehen und so sieht sie auch immer diesen gruselig aussehenden Jungen, der immer ein Liedchen singt. Jedes Mal, wenn er auftaucht, verschwindet in Prag ein Kind. Als ob das nicht alles schon schlimm genug wäre, wird Alene mit ihren sechzehn Jahren auch noch schwanger.
Armut, Hunger und Sorgen zerren an ihr, als plötzlich ein Freund aus Kindheitstagen wieder in ihr Leben tritt. Dieser eröffnet ihr ein Angebot, welches persönlich vom Königspaar an sie gerichtet ist und alles verändert. Alles, bis auf die Angst vor Rumpelstilzchen, denn dem ist sie nun näher als ihr lieb ist. Doch so leicht lässt sich Alene nicht unterkriegen. Sie will nun endlich wissen, wer oder was hinter diesem Rumpelstilzchen steckt.

Jeder kennt das Märchen "Rumpelstilzchen" von den Gebrüdern Grimm und auch in diesem Buch gibt es eine schöne Spinnerin, einen König und eben das Rumpelstilzchen. Man erkennt das Märchen auch durchaus wieder und doch hat die Autorin etwas gänzlich Neues erschaffen und das nicht nur die Storyline und die Charakterzüge der Figuren betreffend.

"Völlig steif stand sie da, mit aufgerissenen Augen hinter den Gärtner starrend, auf das, was nur sie sehen konnte. Es drang vor Matyas aus der Burgwand: Verdrehte Arme und ein schlanker Körper in einem Kleid, das von durchgestoßenen Knochen zerfetzt war - als würde etwas von innen die Knochen nach außen drücken."
(S. 156)


Bei den Galgenmärchen dieser Autorin ist manches nie wie es anfangs erscheint, vor allem was die Figuren betrifft. Bei ihr werden die Märchen und deren Figuren durchgeschüttelt, umgestülpt und neu zusammengesetzt und das auf herrlich düstere und grausame Art und Weise.
Mit dieser Märchenadaption hat mich Nora Bendzko jedoch völlig aus den Socken gerrissen, so unglaublich düster, spannend und faszinierend zugleich kommt "Kindsräuber" daher.
Es eröffnet sich hier einem nämlich ein absolut fesselnder Märchen-Thriller mit Gänsehauteffekt. Dies alles eingebettet in eine unglaubliche Atmosphäre, welche das historische Setting ebenso betrifft, wie auch die Grundstimmung. All das umgibt einen, sobald man die erste Seite gelesen hat und endet erst mit der letzten Seite und dem Zuschlagen des Buches.

"Alene sagte nichts dazu. Stumm sah sie auf den langen Schatten, den der forteilende Prinz warf, sowie ein Stückchen Sonne durch die Sturmwolken bracht; ein Schatten so dunkel wie das Schweigen, das die verschwundenen Kinder umgab."
(S. 152)


Der Schreibstil ist flüssig, klar und so manche Settingbeschreibung nahezu lyrisch.
Die Figuren sind durchwegs authentisch gezeichnet, wobei man bei manchen nicht so wirklich weiß woran man ist und die bis zum Ende undurchsichtig bleiben.
Die Story selbst ist fesselnd, spannend und, wie schon erwähnt, düster und beklemmend, wobei sich einem manchmal durchaus die Nackenhaare aufstellen. Das Ende hält eine unglaubliche Wendung bezüglich Story und auch der ein oder anderen Figur bereit.

Fazit:
Kennt Ihr das Gefühl, wenn das Ende eines Buches naht, Ihr nicht wollt, dass es endet und Ihr deshalb plötzlich langsamer liest, um das Ende hinauszuzögern? Für manche sind das Wohlfühlbücher, für mich war es dieses düstere Galgenmärchen. Die Protagonistin würde noch Stoff für so einige Bücher hergeben, was vor allem an ihrer Gabe liegt.
Ich war schon von Bendzkos "Bärenbrut" und "Wolfssucht" begeistert, doch mit "Kindsräuber" hat sie einen großen schriftstellerischen Schritt gemacht und das erkennt man auf jeder Seite. Zum Glück habe ich noch ein ungelesenes Galgenmärchen dieser Autorin im Regal stehen, welches ich mir wohl demnächst gönnen werde.

© Pink Anemone (inkl. Song der Autorin, Leseprobe)

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