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Veröffentlicht am 01.03.2021

Land der weißen Männer

Das Land der weißen Männer
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Dieses Buch ist ein absolutes Must-Read, wenn man sich für Politik und Geschichte der USA interessiert.

Ijeoma Oluo beleuchtet blinde Flecken und legt den Finger in die tiefe Wunde, auf die viele weiße ...

Dieses Buch ist ein absolutes Must-Read, wenn man sich für Politik und Geschichte der USA interessiert.

Ijeoma Oluo beleuchtet blinde Flecken und legt den Finger in die tiefe Wunde, auf die viele weiße Menschen lieber ein winziges Pflaster kleben würden, um dann nicht mehr darüber nachdenken zu müssen.
So werden die klassischen Cowboys enthe­ro­i­sie­rt, das Leid der amerikanischen Ureinwohner aufgezeigt, Sklavenhandel, Rassismus und Misogynie thematisiert und am Ende einfach sämtliches Unrecht schonungslos offengelegt.
Dabei tut das Lesen oft ziemlich weh, vor allem, weil so viele Fälle von Gewalt geschildert und misogyne Rassisten ungefiltert zitiert werden, aber auch, weil man immer einen Bogen zu unserer heutigen Gesellschaft schlagen kann und muss.

Die Autorin verbindet geschichtliche Fakten, die aktuelle Situation und eigene Anekdoten über ihre Erfahrung als Schwarze Frau sehr geschickt.
Außerdem zieht sie keine Grenzen und kritisiert nicht nur Trump (eh klar), sondern zum Beispiel auch Biden und Sanders - und in einem sehr überraschenden Kapitel (von dem ich nicht wusste, dass ich es brauchte, aber es tat SO gut) männliche Feministen. Alles natürlich gut begründet, mit Hand und Fuß.

Ich kann das Buch wirklich nur empfehlen, man lernt einfach unfassbar viel.

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Veröffentlicht am 10.02.2021

why we matter

Why We Matter
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Dieses Buch ist ein grandioser, intersektionaler, feministischer Rundumschlag.
Die Autorin schreibt gradlinig und auf den Punkt, füllt dabei Wissenslücken, webt gekonnt ihre persönliche Geschichte mit ...

Dieses Buch ist ein grandioser, intersektionaler, feministischer Rundumschlag.
Die Autorin schreibt gradlinig und auf den Punkt, füllt dabei Wissenslücken, webt gekonnt ihre persönliche Geschichte mit ein (die aber nie im Mittelpunkt steht) und scheut nicht davor zurück, Rassismus oder Homofeindlichkeit in ihrer eigenen Familie zu benennen.

Manches war mir schon bewusst, einiges kannte ich noch nicht. Die Empathie-Lücke erklärt zum Beispiel so vieles, was ich vorher nicht greifen konnte.

Obwohl wir so unterschiedliche Leben führen und Erfahrungen machen, habe ich mich beim Lesen mit der Autorin verbunden gefühlt. Das hat mich selbst überrascht, weil ich ähnliche Bücher von Feministinnen mittlerweile ein bisschen kritischer betrachte und deren Backround sich oft wie ein Graben zwischen uns anfühlt. Beim Kapitel über LGBTQI+ habe ich mich z.B. in ihrer Story teilweise wiedergefunden und kam mir gleich weniger allein und merkwürdig vor. Außerdem erkennt und benennt sie die verschiedenen "Härtegrade" der Diskriminierung, so sind schwule Männer meistens viel sichtbarer als lesbische Frauen (kennt man ja, dass es um Homosexualität geht und nur von "den Schwulen" die Rede ist) und Bisexuelle und trans Personen werden besonders abgewertet (oft sogar innerhalb der Community).

Rassismus nimmt zu Recht sehr viel Raum ein und als Nicht-Betroffene bin ich dankbar für jede Aufklärung und das Sichtbarmachen. Wir müssen noch so viel lernen und dieses Buch ist eine große Hilfe.

Am besten gefallen hat mir aber, dass Kapitalismus, Klasse und Armut hier ausnahmsweise mal nicht ignoriert werden. Die Autorin ist, wie fast alle Personen mit Reichweite, die sich öffentlich feministisch äußern (ob in Podcasts, auf Social Media oder eben in Büchern), Akademikerin und profitiert vom aktuellen System. Dennoch kritisiert sie es scharf und macht deutlich, dass Menschen, die zum Beispiel aus welchen Gründen auch immer grade keiner Lohnarbeit nachgehen (können), als faul, dumm und wertlos abgestempelt werden.
Ja, sie stellt das Konzept von Lohnarbeit (und Geld!) sogar komplett infrage und zeigt auf, dass wir eine sehr enge Sichtweise davon haben, was als Arbeit gilt und was nicht, wer wertvoll ist und wer nicht.
Dennoch bin ich der Meinung, dass es insgesamt mehr Stimmen von Nicht-Akademiker:innen und Menschen aus der Arbeiter:innenklasse und der sogenannten Unterschicht braucht... dass wir sichtbarer werden und uns organisieren müssen. Viele (so auch ich lange) sind so voller Scham und Ohnmacht, dass sie nicht mal wissen, dass sie unterdrückt werden und das Recht haben, sich zu wehren.
Und hier setze ich auch mit meiner Kritik an: das Buch ist nicht sonderlich niedrigschwellig und enthält einige Fremdwörter. Die Arbeiterin/Hartz IV-Empfängerin aus der Kleinstadt wird andere, konkretere Sorgen haben und es wohl eher selten lesen, was schade ist, weil genau da die Diskriminierung im Alltag greift und Wissenslücken gefüllt werden müssen.
Dafür ziehe ich allerdings keinen Stern ab, weil das Buch ansonsten zu gut ist!

Auch andere Themen, wie das große Konzept "Wissen", werden spannend beleuchtet. Was ist das überhaupt und wer entscheidet, welches Wissen richtig und wertvoll ist?
Und warum gilt die Sichtweise Nicht-Betroffener (häufig die weißer Männer) als objektiv und unvoreingenommen, während den Betroffenen immer Subjektivität und "zu wenig Abstand von der Thematik" unterstellt wird?
Obwohl doch grade sie über ein Wissen verfügen, das anderen vielleicht verborgen bleibt?

In jedes Kapitel fließt ein wenig Geschichtsunterricht mit ein und ich bin immer wieder fassungslos, dass ich über bestimmte Themen absolut gar nichts in der Schule gelernt habe.

Als es um Krankenhäuser und das Gesundheitssystem ging, konnte ich zum ersten mal mein eigenes Erlebnis, das mittlerweile 10 Jahre her ist und mich nicht loslässt, einordnen. Ich bin damals vom Personal schlecht behandelt und sexistisch beleidigt worden, der Arzt meinte sogar "typisch Frau, wegen ein bisschen Bauchschmerzen rumheulen und die Notaufnahme belasten".
Einen Tag später bin ich zusammengebrochen und wurde notoperiert.
Sowas passiert jeden Tag. Frauen wird schnell ein psychischer Grund angedichtet, sie sterben häufiger an nicht erkannten Herzinfarkten, weil ihre Beschwerden von der männlichen "Norm" abweichen, während Männer viel schneller zu Fachärzt:innen überwiesen werden.
Schwarzen Menschen wird sogar noch weniger geglaubt und sie bekommen zum Beispiel seltener Schmerzmittel, weil sie nicht ernst genommen werden (auch hier greift die Empathie-Lücke).

Übrigens habe ich zu Beginn des Buches irgendwann mal angefangen, Sätze zu markieren, um sie hier zitieren zu können. Leider musste ich dann schnell feststellen, dass ich am liebsten alles zitieren würde, weil ein guter Absatz den nächsten jagt.

Das Thema Sexarbeit bekommt ebenfalls viel Platz und ich habe alles dazu aufgesogen. Ich kann die Menschen, die für ein Sexkaufverbot sind, nur beknien dieses Buch zu lesen.
Oder überhaupt alle... bitte lest es!

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Veröffentlicht am 26.05.2020

Fake Facts

Fake Facts
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"Fake Facts" ist thematisch höchst aktuell. Bevor ich meinen Facebook-Account im März löschte, sind mir immer wieder merkwürdige Beiträge von Bekannten und sogar Verwandten augefallen, die mir ein mulmiges ...

"Fake Facts" ist thematisch höchst aktuell. Bevor ich meinen Facebook-Account im März löschte, sind mir immer wieder merkwürdige Beiträge von Bekannten und sogar Verwandten augefallen, die mir ein mulmiges Gefühl bereitet haben.

Verschwörungstheorien scheinen in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein. Und sie ebnen häufig den Weg zur politischen und privaten Radikalisierung.

Das Thema treibt mich um, interessiert mich und macht mir Angst. Schon alleine deshalb war ich sehr gespannt auf dieses Buch. Wer hier jedoch ein bloßes Eindreschen auf "Aluhutträger" erwartet, sollte weiter suchen. Gleich zu Beginn wird klargestellt, dass eine Debatte von oben herab nichts bringt und dass wir alle eine mehr oder weniger ausgeprägte Verschwörungsmentalität haben. Das muss nichts Schlechtes sein, denn natürlich hat es in der Geschichte der Menschheit immer mal wieder tatsächliche Verschwörungen gegeben, die aufgedeckt wurden. Und blindes, kritikloses Vertrauen in alles und jeden funktioniert eben auch nicht. So gibt es gleich zur Einstimmung erstmal einen kleinen Test, mit dem man seinen eigenen "Verschwörungswert" herausfinden kann.

Richtig los geht es dann mit nach Kapiteln aufgeteilten Bereichen, bei denen es besonders häufig zu Verschwörungserzählungen kommt. So geht es um den Tod bekannter Persönlichkeiten, Terroranschläge, Krankheiten, das Gesundheitswesen, Antisemitismus, die flache Erde etc. Dabei gibt es Erklärungen: woran wird geglaubt, wo kommt das her und wer ist da überdurchschnittlich häufig anfällig?

Viele dieser Erzählungen kenne ich als Person, die täglich das Internet nutzt natürlich. Trotzdem war auch einiges dabei, was mich ein wenig überrascht hat. Dass es doch so viel zu Prinzessin Diana gibt, war mir gar nicht so bewusst.

Die größte Überraschung war für mich aber, wie sehr Esoterik und rechte Ideologie zusammenhängen. Ich glaube, grade als Frau wird man ja früher oder später mit diesem Kram konfrontiert. Als Jugendliche hatte ich ein Pendel, das als Extra in einer Mädchenzeitschrift daherkam. Damals war ich großer "Charmed"-Fan und es gab unfassbar viele "Hexenbücher", die von ProSieben zur Serie vermarktet wurden und die ich geschenkt bekam. Mein 15-jähriges Ich hat das alles ziemlich ernst genommen. Zum Glück bin ich dem entwachsen und Kartenlegen ist für mich heute nur noch ein lustiger Partygag. Trotzdem hätte ich bis vor einiger Zeit noch naiv gesagt, dass diese Szene recht friedlich, offen und freundlich ist. Ohne Zweifel kann sie das in Teilen auch sein, dennoch scheint dort sehr viel Potenzial für Menschenfeindlichkeit zu stecken. Die Autorinnen berichten von ihrem Besuch auf einer Esoterik-Messe und ich war wirklich baff über die homophoben, sexistischen, rassistischen und einfach nur menschenfeindlichen Weltbilder, die es dort gibt. Dazu wird der Ursprung esoterischer Glaubensrichtungen etwas aufgedröselt und die Verbindung zur rechten Szene erläutert, was ich zwar interessant, aber auch super erschreckend fand. Und natürlich sollte man nie vergessen, dass es bei all dem eben auch einfach ums Geld geht. Die bieten dort ihre Heilsteine, Energiewasser, Heilung durch Handauflegen und was nichts alles ja nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern verkaufen ihr Zeug zu teilweise horrenden Preisen. Mit Angst lässt sich halt gut Kassen machen

Zu Linken und Verschwörungserzählungen gibt es natürlich auch ein Kapitel, wobei das Problem dort aber wesentlich kleiner zu sein scheint.

Weiter hinten bekommen wir dann ein paar Tipps, wie damit umzugehen ist, wenn jemand aus dem eigenen Umfeld abdriftet. Leider ist es sehr anstrengend und oft auch fruchtlos, da zu diskutieren. Die Autorinnen plädieren für Geduld und machen deutlich, dass das Runterrattern von Fakten wohl eher nichts bringt. Sie sehen das Gegenhalten aber als Zivilcourage und ja, ich stimme zum Teil auch zu. Grade bei jeglicher Form der Menschenfeindlichkeit sollte man nicht still sein. Allerdings fehlte mir hier die Möglichkeit, es auch einfach gut sein zu lassen und notfalls den Kontakt abzubrechen. Denn es kostet wahnsinnig viel Zeit, Kraft und Energie mit diesen Menschen zu diskutieren und sie dabei wie rohe Eier oder scheue Rehe zu behandeln. All das kann auch zur Folge haben, dass man selbst angegriffen und beleidigt wird - auch von Familienmitgliedern. Die Option, sich da rausziehen zu können, sollte man dann schon haben.

Glücklicherweise machen die Autorinnen im nächsten Abschnitt nochmal deutlich, dass Menschen, die an Verschwörungserzählungen glauben, eben nicht nur bloße Opfer sind und dass ihre Haltung super gefährlich werden kann.

Alles in allem ein sehr interessantes Buch, das nochmal einige Denkanstöße mitgibt und sehr angenehm flüssig zu lesen ist. Mir hat es richtig gut gefallen.

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Veröffentlicht am 03.05.2020

How Not to Diet

How Not to Diet
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Ich interessiere mich ja sehr für Ernährung, vor allem deshalb, weil ich chronisch krank bin und gemerkt habe, dass es mir besser geht, wenn ich nicht nur Müll in mich hinein stopfe.

Leider bin ich mit ...

Ich interessiere mich ja sehr für Ernährung, vor allem deshalb, weil ich chronisch krank bin und gemerkt habe, dass es mir besser geht, wenn ich nicht nur Müll in mich hinein stopfe.

Leider bin ich mit den meisten Ratgebern nicht zufrieden, denn oft steht nur eine Ernährungsform im Vordergrund, die angepriesen und als einzig wahre Lösung verkauft wird. Deren Jünger:innen springen dann auf alle, die eine andere Meinung vertreten.

Mein letzter Ausflug ging in Richtung intuitives Essen, was ich weiterhin nicht schlecht finde. Das dazugehörige Buch hat mich aber leider überhaupt nicht überzeugt. Vor allem der offensichtliche Versuch, ordentlich Geld mit Programmen und Produkten zu scheffeln, hat mich abgeschreckt. Umso schöner, dass Greger das Geld, das er mit seinen Büchern einnimmt, komplett spendet!

"How Not to Diet" ist ein ganz schön dicker Wälzer geworden. Der Autor liefert wahnsinnig viele Infos, rattert eine Studie nach der anderen runter, wirft mit Fachbegriffen um sich und geht verschiedene Diätformen und deren Nutzen durch.

Anfangs geht es viel um den Schrott, den wir so essen. Dabei wird sich hauptsächlich auf die erschreckende Ernährungssituation in den USA bezogen, aber auch bei uns gibt es Nachholbedarf, was Zucker-, Salz- und Fettmengen angeht.

Interessant finde ich, dass Greger sehr scharf gegen die Lebensmittelindustrie schießt, die ja darauf angewiesen ist, dass Menschen immer mehr essen, damit sich die Gewinne stetig steigern. Er bezeichnet Übergewicht als normale Reaktion des Körpers auf eine unnormale Welt. Denn früher war noch nicht abzusehen, dass man einen fertigen Kuchenriegel ohne großen Aufwand einfach so jederzeit kaufen kann - und der Körper sucht nun mal automatisch nach kalorienreichen Lebensmitteln. Der Autor nimmt die Schuld und den Druck vom Einzelnen und sieht unter anderem auch das System kritisch und die Regierung in der Pflicht.

Die Tipps zur gesunden Ernährung haben mir gefallen, auch wenn natürlich manches - wie z.B. viel Gemüse - klar sein sollte. Es werden aber auch Superfoods wie Chia- und Leinsamen unter die Lupe genommen.

Spannend ist sicher für viele auch, dass beim Essen nicht nur das Was, sondern auch das Wie und sogar das Wann zählen. Von Chronobiologie hatte ich tatsächlich noch nichts gehört!

Ernährung ist eben am Ende wahnsinnig kompliziert und wir lernen immer wieder Neues dazu.

"How Not to Diet" liefert den aktuellen wissenschaftlichen Stand und ist auf jeden Fall empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 23.03.2020

Großartig

Miracle Creek
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Es wäre falsch zu behaupten, dass mich "Miracle Creek" von der ersten Seite an gefesselt hat. Tatsächlich brauchte ich erstmal ein kleines bisschen, um wirklich reinzukommen.

Aber dann!

Die Geschichte ...

Es wäre falsch zu behaupten, dass mich "Miracle Creek" von der ersten Seite an gefesselt hat. Tatsächlich brauchte ich erstmal ein kleines bisschen, um wirklich reinzukommen.

Aber dann!

Die Geschichte spielt in den späten 00er Jahren, hauptsächlich während und um einen Mordprozess. Angeklagt ist Elizabeth, die Opfer sind ihr Sohn Henry und ihre Bekannte Kitt. Die Beweise sind erdrückend, aber hat eine Mutter wirklich kaltblütig ihr Kind ermordet?

Das Buch beginnt mit dem verhängnisvollen Tag und springt dann ein Jahr in die Zukunft zur Hauptverhandlung. Erzählt wird alles aus der Sicht vieler verschiedener Charaktere (in der dritten Person), was mich anfangs etwas verwirrt hat. Es dauert ein bisschen, bis man begreift, was passiert ist und wer all diese Menschen sind. Dran bleiben lohnt sich aber sehr, denn es wird schnell spannend.

Angie Kim ist eine talentierte Autorin und schafft es, ihren Charakteren Leben einzuhauchen. Alle haben etwas zu verbergen, niemand ist perfekt. Im Wechsel hat man Verständnis, Mitleid und wird dann doch wütend. Ich wusste fast nie, ob ich eine Person nun mag oder eben doch nicht.

Es gibt die Yoons, eine Familie, die aus Korea eingewandert ist. Young und ihre Teenie-Tochter Mary sind für deren Ausbildung zuerst in die USA gezogen, Vater Pak kam später nach. Der bietet nun eine Sauerstofftherapie an, die z.B. Kindern mit Autismus helfen soll. Elizabeth und ihr Sohn nehmen die Therapie in Anspruch, genauso wie Kitt mit ihrem Sohn TJ, Teresa mit ihrer schwerbehinderten Tochter Rosa und Matt, dessen Frau schwanger werden will und der sich eine Verbesserung der Leistung seiner Spermien erhofft. Durch Brandstiftung explodiert einer der Tanks und das kostet zwei Menschenleben.

Es werden im Laufe der Handlung viele Themen angesprochen, neben Autismus z.B. der Sexismus der koreanischen Gesellschaft und innerhalb der Familie, die Probleme, die das Auswandern und das Lernen einer neuen Sprache mit sich bringen, Rassismus und Fetischisierung etc. Die Autorin schafft das sensibel und glaubwürdig.

Sie fängt die Anspannung der Mütter von autistischen Kindern perfekt ein, ihren Kampf, ihre Aufopferung, aber auch ihre Verzweiflung und Überforderung, den Wunsch, dass alles ganz anders wäre, gefolgt vom schlechten Gewissen. Ich konnte Elizabeth, die ja eigentlich als Mörderin im Gerichtssal sitzt, von Anfang an verstehen und am Ende habe ich bei ihrem Part sogar Tränen verdrückt. Ich! Das passiert mit wirklich nicht oft. Mein Herz verloren habe ich an Henry, der zu Beginn stirbt und somit gar nicht mehr richtig auftaucht. Aber allein die kleinen Erzählungen und Rückblenden habe ausgereicht, um ihn mir näherzubringen.

Ebenso realistisch zeichnet Kim die koreanischen Familienverhältnisse, z.B. den Vater, der eigentlich das Oberhaupt sein sollte, aber Probleme mit der neuen Sprache hat und sich deshalb wie ein Idiot fühlt. Auch wenn mir Pak ansonsten nicht der Sympathischste war, konnte ich das doch nachvollziehen. Young hadert mit den Rollenbildern in ihrer Familie und mit ihrem nicht sehr liebevollen Ehemann, bringt aber lange nicht den Mut auf, mal laut zu werden und für sich einzustehen. Damit verliert sie ein bisschen die Achtung ihrer Tochter.

Janine, die Ehefrau von Matt, fragt sich an einer Stelle, ob ihr Mann einen Fetisch für asiatische Frauen hat, bemerkt aber gleichzeitig auch, dass man Männern, die auf Blondinen stehen, niemals einen Fetisch vorwerfen würde – oder ihr, die auch eher auf weiße Männer steht. Sie fühlt sich unwohl damit, als "exotisch" oder sogar als "perverse Fantasie" wahrgenommen zuwerden. Ich war total positiv überrascht, dass so etwas im Buch Erwähnung findet, weil ich da auch schon mit Bekannten drüber gesprochen habe (dabei ging es darum, dass "asiatisch" ja sogar eine eigene Pornokategorie ist, "europäisch" aber eher nicht... ebenso wie "lesbisch" häufig auf der regulären Hetero-Seite zu finden ist, "schwul" aber eine ganz eigene Seite inklusive Regenbogenbanner bekommt).

Matt selbst war der Einzige, mit dem ich meine Schwierigkeiten hatte und mit dem ich einfach so gar nicht warm wurde. Dafür gibt es einen bestimmten Grund, der aber leider ein ziemlicher Spoiler wäre... auch wenn es mich in den Fingern juckt, dazu ausführlicher zu werden. :P

Es gibt noch eine Gruppe Therapie-Gegnerinnen, die auch kurz im Verdacht stehen, da etwas gedreht zu haben, da sie häufig ziemlich aggressiv auftreten. Als Demonstrantinnen stehen sie mit Schildern vor jeder Sitzung draußen und belästigen die Patient:innen. Sie behaupten, all diese Behandlungen seien Kindesmisshandlung und man solle die Kinder so sein lassen, wie sei eben sind. Bei diesen Frauen hatte ich sofort die Assoziation zu den fanatischen Abtreibungsgegner:innen im Kopf und tatsächlich wird diese Brücke im Buch selbst auch geschlagen.

Generell wusste ich bisher erschreckend wenig über Autismus und Therapiemöglichkeiten, deshalb war das alles für mich hochinteressant. Das Buch wirft Fragen auf: Wie "normal" soll ein Kind sein? Welche Therapien sind sinnvoll und was ist zu viel? Wann verlieren Eltern die Kontrolle und sehen nicht mehr, dass ihr Kind doch schon großartig ist - und wann braucht es eben doch Behandlungen, weil es sonst leidet?

"Miracle Creek" ist wirklich ein wundervollen Buch, spannend, aufschlussreich, mit vielen Denkanstößen und Twist am Ende... und noch dazu absolut großartig geschrieben! Dicke Leseempfehlung!

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