Profilbild von Aniya

Aniya

Lesejury Profi
offline

Aniya ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Aniya über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.03.2021

Klasse und Kampf

Klasse und Kampf
0

Leider bin ich mit völlig falschen Erwartungen an dieses Buch gegangen, woran ich zum Teil selbst Schuld bin. Ich hätte mich vorher über die Autor:innen informieren müssen.

Ich bin davon ausgegangen, ...

Leider bin ich mit völlig falschen Erwartungen an dieses Buch gegangen, woran ich zum Teil selbst Schuld bin. Ich hätte mich vorher über die Autor:innen informieren müssen.

Ich bin davon ausgegangen, dass es hier endlich mal Perspektiven von Menschen gibt, die jetzt grade von Klassismus betroffen sind. Menschen ohne akademischen Abschluss, ohne Abi. Menschen, die von schlecht bezahlter Lohnarbeit abhängig sind (und zwar ein Leben lang und nicht nur Übergangsweise neben dem Abi/Studium) oder von knapper, staatlicher Unterstützung leben müssen. Die abgewertet, lächerlich gemacht und gegängelt werden, genau jetzt und nicht früher mal.

Stattdessen ist das hier nur ein weiteres Sprachrohr derer, die "es geschafft" haben. Die Autor:innen kommen alle aus der journalistischen, künstlerischen und akademischen Bubble. Nur deren Eltern halt oft nicht und das scheint dann schon auszureichen, um über die Themen im Buch schreiben zu können.
Das Vorwort mit dem Versprechen der Diversität ist dabei fast schon Hohn.

Nichts gegen die Geschichten an sich. Sie sind ehrlich und oft auch gut geschrieben.
Vielleicht ist es grade das, was man einer Hartz-IV-Empfängerin oder einem Kassierer nicht zutraut... aber das ist ja eigentlich auch wieder Klassimus pur. Und grade diese Perspektiven fehlen doch!

Fünf weiße Menschen, die über Rassismus diskutieren? Zu Recht ein Skandal, vielfach kritisiert.
Aber beim Thema Klasse interessiert es so gut wie niemanden, dass fast nur Akademiker:innen öffentlich zu Wort kommen. Im Gegenteil, das scheint normal zu sein und zeigt, wie weit, lang und schwer der Weg noch ist.
Arbeiter:innen und Menschen, die aus welchen Gründen auch immer keiner Lohnarbeit nachgehen (können), haben keine Plattform, keine Lobby, keine Stimme.

Schlecht ist das Buch deswegen nicht. Nur enttäuschend und für mich auch ziemlich unbrauchbar.
Lest es trotzdem, grade wenn ihr vielleicht gar keinen Bezug zum Thema habt, so als kleinen Einstieg.
Für mich ist aber klar, dass ich mich zukünftig besser informieren und keine Bücher über Klasse oder Klassismus mehr lesen werde, wenn die Perspektiven so einseitig sind.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.07.2020

Offline

Offline - Du wolltest nicht erreichbar sein. Jetzt sitzt du in der Falle.
0

Man kann mich sehr einfach sehr glücklich machen, indem man mir eine Geschichte gibt, die irgendwas mit einem Gebäude zu tun hat, das alt und verlassen ist, Geheimnisse oder Schrecken birgt. Dabei ist ...

Man kann mich sehr einfach sehr glücklich machen, indem man mir eine Geschichte gibt, die irgendwas mit einem Gebäude zu tun hat, das alt und verlassen ist, Geheimnisse oder Schrecken birgt. Dabei ist es mir ganz egal, ob das Genre Fantasy, Horror oder Thriller ist, denn ich könnte stundenlang mit den Protas auf Erkundungstour gehen.

Da Offline in einem alten, nur zum Teil renovierten und abgelegenen Hotel spielt, musste ich es natürlich lesen.

Eine kleine Gruppe möchte die Digital Detox Erfahrung machen und ein paar Tage lang ohne Handy und Internet auskommen. Das alles in den Bergen, keine weitere Menschenseele weit und breit. Naja, bis auf zwei Hausmeister, die sich in dieser Zeit um das Hotel kümmern.

Mit dabei ist Jenny, Chefin eines kleinen Teams, das geschlossen an dieser Aktion teilnimmt. Sie begleiten wir über den Großteil des Buches, dabei bleibt sie überraschend blass. Der Rest der Truppe besteht aus ein paar Klischees, wie den markigen Sprücheklopfer, den dicken (und nicht so gut riechenden) Nerd, das ätzende reiche Ehepaar, die eher Schüchterne usw. Das finde ich an sich nicht so schlimm, das kennt man von Thrillern dieser Art. Ein bisschen schade fand ich aber, dass alle gleich klingen. Klar gibt es den ein oder die andere, die mal ein Schimpfwort raushauen, aber ich meine einen echten Dialekt oder eine bestimmte Art Slang, die den Hintergrund des Charakters besser rauskommen lässt. So sprechen einfach alle im selben gestelzten Hochdeutsch, was die Gespräche manchmal etwas unnatürlich oder hölzern wirken lässt.

So viel Hotelerkundung gab es dann leider auch nicht. Nachdem die erste Person verschwunden ist, ziehen alle los und suchen, das gleiche bei der zweiten Person - und das waren auch die spannensten Momente. Eine Szene ist sogar richtig schön unheimlich, wie ich es mag.

Ansonsten gibt es sehr lange "wer könnte es gewesen sein" Gespräche, die wieder und wieder in "beschuldigst du etwa mich?" Geschreie enden. Das meiste davon im selben Raum, was nach einiger Zeit etwas ermüdend ist, weil diese geniale Kulisse doch eigentlich so viel hergibt.

Der Twist am Ende war für mich keiner, weil ich es relativ schnell raushatte, aber natürlich liest man trotzdem gespannt weiter, in der Hoffnung, sich vielleicht doch zu täuschen. So ganz glücklich bin ich mit der Auflösung nicht, aber es wäre leider ein dicker Spoiler, wenn ich da näher auf das eingehe, was sich so unangenehm unnötig durch das Buch zieht. Thriller halt, schwer zu rezensieren ohne zu viel zu verraten. ;)

Am Ende kommt es wohl drauf an, was man erwartet. Ich wollte einen schönen und einfachen Thriller in simpler Sprache, den ich mal eben so nebenbei weglesen kann und über den ich danach nicht mehr groß nachdenken muss und den habe ich auch bekommen. Dafür drei Sterne, für meine Kritikpunkte ziehe ich zwei ab.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.01.2020

Einige Längen, klasse Idee

Falling Skye (Bd. 1)
0

Falling Skye ist eines von diesen Büchern, in denen die Gesellschaft in verschiedene Lager eingeteilt wird, in diesem Fall in "rational" und "emotional". Ich war sehr gespannt darauf, da grade diese Einteilung ...

Falling Skye ist eines von diesen Büchern, in denen die Gesellschaft in verschiedene Lager eingeteilt wird, in diesem Fall in "rational" und "emotional". Ich war sehr gespannt darauf, da grade diese Einteilung ja häufig von rechten Gruppierungen vorgenommen wird und auch in der sogenannten Manosphere immer wieder auftaucht. Dort natürlich mit dem Gedankengut rational = männlich, emotional = weiblich.

Die Idee des Buches ist richtig gut und bietet ordentlich Potenzial für ein bisschen Gesellschaftskritik. Leider gibt es dann aber doch ein paar Längen und ein bisschen zu viel Teenie-Drama.

Skye (ein normaler Name wäre ja auch langweilig) steht kurz vor ihrem sechzehnten Geburtstag, hat den Kopf voll mit Jungs und Schwärmereien (vor allem für ihren "besten Freund") und wünscht sich nichts mehr, als Rationale zu sein. Obwohl sie immer wieder betont, dass Emotionale ein sehr wichtiger Teil der Gesellschaft sind und natürlich ganz bestimmt nicht abgewertet und diskriminiert werden, hat sie ständig Angst, dass sie eine sein könnte.

Das Wort "emotional" wird als Beleidigung umhergeworfen, es gibt eine stark vereinfachte Binarität, die der Komplexität eines Menschen, seinen Gedanken und Gefühlen überhaupt nicht gerecht wird - und Skye wundert sich nicht ein einziges mal darüber.

Plötzlich gibt es dann eine Gesetzesänderung und anststatt bis zur Volljährigkeit zu warten, muss Skyes Klasse bereits jetzt ins Athene-Zentrum, um die Tests zu durchlaufen. Das passiert natürlich nicht ganz so, wie sie es sich vorstellt...

Klingt ja so weit erstmal spannend, hält dann aber neben besagtes Drama, viel Streit und Liebe eben doch erst am Ende Spannendes bereit (aber dann wird es richtig gut!). Es gibt hier mal wieder ein Love-Triangel (gähn) und viele Figuren wirken etwas flach, fast wie frisch aus dem YA-Playbook für stereotype (und etwas nervige) Charaktere. Ähnlich verhält es sich auch mit der Story, denn dieses zwei-Klassen-Gesellschafts-Dingens scheint da sehr beliebt zu sein, hält aber hier immerhin einige Überraschungen bereit.

Im Buch werden immer wieder Sexismen angesprochen und Syke versucht zumindest, ein wenig Kontra zu bieten (was aber leider meist weggewischt wird, weil sie den Satz oft nicht mal zuende sprechen kann), und natürlich gibt es auch so eine unterschwellige Misogynie. Das manifestiert sich vor allem in der Figur der Jasmine, die ich ehrlich gesagt mit am besten finde, obwohl sie gar nicht so viel on page ist.

Sie ist anfangs ein blasser Stereotyp, deren einzige Charaktereigenschaft über den Großteil des Buches ihre Gemeinheit ist. Natürlich erkennt man bereits an der Schminke und am Wort "künstlich", das in ihrem Zusammenhang immer wieder auftaucht, dass sie total böse ist! Jeder Satz von ihr ist schnippisch, zickig oder absolut fies. Sie hat keine Hobbies (außer andere ausstechen), keine Ängste, keine Gefühle, keine Tiefe, teilweise wirkt sie nicht mal wie ein echter Mensch. Und sie wird natürlich von den "Guten" verachtet, zum Beispiel dafür, dass sie offenbar jemanden bestochen hat, ihr roten Lippenstift zu besorgen.

- "'Ich übernehme dann mal unsere Miss Universe da vorne', raunt Tamika mir zu und deutet mit dem Kinn auf Jasmine, die mit wie immer roten Lippen auf uns zustolziert. Sie muss einen der Testleiter bestochen haben, ihr den Lippenstift aus ihrem Koffer zu besorgen. Ich schüttle verächtlich den Kopf." -

Roter Lippenstift aus ihrem eigenen Koffer! Was für ein Monster!!!

So schlecht ich diesen Take von "Good Guy" Alexander finde, so begeistert bin ich davon, dass die Autorin gegen Ende eine etwas andere Richtung einschlägt und uns Jasmine nochmal in einem ganz neuen Licht zeigt. Und um ganz ehrlich zu sein... ihre Geschichte hätte ich fast schon lieber gelesen als die von Skye. Das gilt auch für die Mutter von Luce, die zwar persönlich gar nicht vorkommt (Luce berichtet nur von ihr), der ich aber gern dabei zugesehen hätte, wie sie sich aus ihrer furchtbaren Lage befreit.

Es gibt es leider insgesamt sehr viel Raum für Streit, Verrat, "Zickenkrieg" und natürlich darf auch das Wort "Schlampe" – dick an die Wände eines Schranks gesprüht – nicht fehlen. Da hätte ich mir manchmal gewünscht, dass ein bisschen auf die Bremse getreten wird.

Eine Frage habe ich mir während des Lesens immer wieder gestellt: Warum lässt man eingentlich Teenager Tests machen, die dann die Weichen für das komplette restliche Leben stellen? Ich meine, Teenager sind mitten in der Pubertät, die Hormone fahren Achterbahn, man ist emotionaler als sonst... Ich bin heute ein komplett anderer Mensch, als das etwas "unfertige" Teenie-Mädchen, das ich vor 15 Jahren war. Der selbe Test hätte heute ganz andere Ergebnisse. Mir ist klar, dass die wahre Intention hinter der Zuweisung eh dafür sorgt, dass das egal ist, aber warum wundert sich die Gesellschaft nicht darüber?

Skye ist auch wirklich alles andere als rational, trotzdem schneidet sie in den Prüfungen immer wieder als solche ab. Sie betont des öfteren, dass "Jungsgeschichten" erstmal egal sein sollten, weil sie Wichtigeres zu tun hat und es um ihre Zukunft geht, verknallt sich aber ziemlich schnell in "Good Guy" Alexander, einen der Mitarbeiterbeiter dort (dieser mysteriöse Typ ist natürlich nicht der, der er zu sein scheint...).

An einer Stelle manipuliert ihr Angebeteter ihr Ergebnis und sie weiß das, leider hat sie jedoch kein schlechtes Gewissen den anderen Mädchen gegenüber, sondern macht sich nur Sorgen, weil er seinen Job und ihre Zukunft auf's Spiel setzt. Eigentlich hatte ich erwartet, dass sie sich mal ein paar Gedanken macht, ob sowas zum ersten mal passiert. Denn wenn ein Typ leichtfertig ihr Ergebnis verfälschen kann, dann kann das den anderen natürlich auch passieren, und nicht nur zum Positiven!

Der Schreibstil ist insgesamt okay. Wir haben die Ich-Form, den Präsens, verschiedene POVs und ja, das ist halt nicht so meine Lieblingserzählweise. Aber das ist ja - wie alles - subjektiv.

Mein größtes Problem war dann doch die Langeweile, die sich bei mir durch Anfang und Mitte gezogen hat... Aber immerhin ist die Grundidee interessant und die Autorin bemüht sich, zumindest bei den Nebenfiguren einen kleinen Funken Diversität reinzubringen. Nicht selbstverständlich auf dem deutschen Buchmarkt.

Einiges ist gelungen, so mochte ich zum Beispiel Skyes inneren Konflikt (auf der einen Seite das, was sie gelernt hat und richtig findet, auf der anderen Seite die Ungereimtheiten und die Gnadenlosigkeit des Systems, gekrönt von der Entdeckung am Schluss).

Zum Ende hin wird das Buch dann deutlich besser, die Story geht in eine Richtung, die ich mir schon die ganze Zeit gewünscht (und die ich vermutet) hatte.

Wären die Längen und das zu schnelle, für mich lahme Liebesgedöns nicht und hätten Drama und Streit weniger Platz eingenommen, hätte ich locker fünf Sterne vergeben können, so werden es dann eben drei.

Lina Frisch ist ja noch sehr jung und dafür hat sie doch eine solide Geschichte zu Papier gebracht, was alles andere als einfach ist. Ich ziehe meinen imaginären Hut vor ihrer Arbeit und glaube, da können wir noch einiges erwarten!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.08.2019

Schwierig

Quicksand: Im Traum kannst du nicht lügen
0

Dieses Buch ist vor allem eins: anstrengend.
Bevor man es aufschlägt, sollte man wissen, dass man sich während der gesamten Geschichte im Kopf der Protagonistin Maja befindet. Und die ist ätzend, nervig, ...

Dieses Buch ist vor allem eins: anstrengend.
Bevor man es aufschlägt, sollte man wissen, dass man sich während der gesamten Geschichte im Kopf der Protagonistin Maja befindet. Und die ist ätzend, nervig, verurteilend, überheblich, fies, egoistisch - mit Absicht, denn die Autorin weiß, was sie da tut.

Die Story beginnt, als Maja vor Gericht sitzt. Alles ist bereits vorbei, wir erfahren am Rande von einem Schulmassaker, an dem sie hauptsächlich beteiligt gewesen sein soll.
Und während die Staatsanwältin die Anklageschrift verliest, während Tag um Tag der Verhandlung vergeht, fängt Maja an, zurückzudenken, abzuschweifen, zu überlegen.
Vieles hat am Anfang wenig mit der eigentlichen Geschichte und dem, was man so dringend wissen will, zu tun.
Es geht oft um kleine Anekdoten, Erinnerungen an früher und darum, wie Maja sich das Leben anderer so vorstellt.
Dabei steckt sie Menschen, die sie kaum kennt, in winzig kleine Schubladen - und ärgert sich darüber, dass andere das mit ihr machen.
In seitenlangen gedanklichen Monologen ergießt sie sich in diesen Vorstellungen. Es geht die ganze Zeit so "sie ist der Typ, der...", "ich schätze mal, er wird jeden Tag...", "ich kann mir richtig vorstellen, wie..."
Das sagt sehr wenig über die gemeinten Personen aus, dafür aber umso mehr über Maja selbst. Sie mag niemanden, findet jeden und jede scheiße und hält sich für ach so viel besser als alle anderen.
Um dem ganzen dann die Krone aufzusetzen, werden relativ zum Schluss die Lesenden selbst angesprochen und Maja mutmaßt, wie wir so drauf sind, aus welcher Gesellschaftsschicht wir kommen etc.
Im Prinzip liest man also hunderte Seiten, auf denen sie erklärt, wie "blöd" und "hässlich" und "oberflächlich" und "unwissend" jemand ist, wie deep sie selbst ist und dass sie die Partys und den oberflächlichen Kram eigentlich gar nicht mag (und da kann sie uns an manchen Stellen noch so oft sagen, dass sie sich ja auch manchmal dumm vorkommt oder irgendwas nicht verstanden hat, sie ist und bleibt arrogant).
Sie beleidigt gedanklich ihre Eltern und ihre beste Freundin (man bekommt regelrecht den Eindruck, die würde sie richtig hassen) und erklärt uns dann, dass sie diese Menschen trotzdem sehr liebt.
All das lesen wir, damit uns Maja am Ende sagt: "Na? Ihr mögt mich nicht, was? Ihr habt auch so gar nichts verstanden!"
Hm, ja, wahrscheinlich. Augenrollen

Im Buch werden außerdem wahnsinnig viele Themen untergebracht: Sexismus, Rassismus, Wirtschaft, Steuern, Drogen, (sexualisierte) Gewalt, psychische Erkrankungen, die Schere zwischen arm und reich...
Dabei hat Maja von allem eine Vorstellung, aber von nichts so wirklich Ahnung, was wiederum zu ihrem Alter und ihrem behüteten Lebensstil passt.
Gelegentlich fühlte ich mich sogar an mich selbst als Teenie erinnert (bis auf den Lebensstil) und war fast schon ein wenig peinlich berührt.

Eine Sache, die mir in diesem Buch ebenfalls eher weniger gefallen hat, waren die Beziehungen und die Glaubwürdigkeit.
Ich habe halt z.B. einfach nicht verstanden, was die Jungs von ihr wollten, warum sie was mit ihr anfingen. Viel showing, wenig telling, wie wir Engländer sagen. ;)
Es wird nichts romantisiert und es gibt auch keinen dicken Zuckerguss, was ich der Autorin hoch anrechne. Grade zum Schluss (ohne das ich spoilern will) fand ich Majas Stimme am stärksten, ihre Bürde schlimm und ihr Umfeld und den Umgang mit dem Thema noch schlimmer.
Dennoch habe ich nicht verstanden, wieso es überhaupt angefangen hat. Gut, dafür bräuchte man vielleicht Sebastians Stimme, oder die des anderen Jungen, Maja kann ja auch nicht alles wissen.

Gut gefallen hat mir dagegen aber das etwas zurechtgerückte Bild von Schweden, das mir dieses Buch durch die Wirtschafts- und Steuerthemen vermittelt hat. Grade hier in Deutschland neigt man ja dazu, die skandinavischen Länder als reinstes Paradies, in dem alles immer super läuft, darzustellen und das ist selbstverständlich Unsinn.
Natürlich gibt es auch dort Probleme, der Kapitalismus greift um sich, die Reichen werden reicher... verglichen mit Deutschland ist Schweden aber immer noch meilenweit vorne und die geben sich wenigstens Mühe und versuchen, ihr Land zu einem schöneren Ort für alle zu machen.

Bei der Art der Erzählung (alles in Majas Kopf und ausschließlich durch ihre Brille und Rückblenden) war ich meistens hin- und hergerissen. Mal hielt ich sie für ein großartiges Konzept für den Spannungsbogen, mal für völlig unnötiges in die Länge ziehen.

Der Schreibstil ist für mich das beste am gesamten Buch. Ich halte die Autorin für unheimlich klug und talentiert und das ist auch der Grund, warum ich dem Buch trotz meiner harschen Kritik 3 Sterne gebe. Weniger hat es einfach nicht verdient, schon gar nicht nur, weil hier anscheinend mein Geschmack nicht immer so getroffen wurde.

Für mich war es im Endeffekt aber leider zu überladen, zu viel pubertäres Geschwurbel und Teenie-Drama, zu viele gewollt unsympathische Charaktere, zu gewollt deep, zu gewollt provokant, einfach zu gewollt. Ich war ziemlich erleichtert, als ich die letzte Seite gelesen hatte und das Buch schließen konnte.

Veröffentlicht am 09.08.2019

Lesenswert

Wer braucht ein Herz, wenn es gebrochen werden kann
0

Mos Geschichte ist trotz des Titels, der im Deutschen eher ein typisches Jungendbuch mit Romanze suggeriert, keine leichte.
Der neue Partner ihrer Mutter bekommt nicht nur den Löwenanteil der Aufmerksamkeit, ...

Mos Geschichte ist trotz des Titels, der im Deutschen eher ein typisches Jungendbuch mit Romanze suggeriert, keine leichte.
Der neue Partner ihrer Mutter bekommt nicht nur den Löwenanteil der Aufmerksamkeit, sondern auch das Geld, das eigentlich für Mos Essen gedacht ist - außerdem wird er ihr gegenüber handgreiflich.
Ihre Flamme Sam ist mit einem anderen Mädchen zusammen.
Und ihre Freundin Naomi haut ständig ab und wird beim Klauen erwischt.

An den Schreibstil musste ich mich erstmal gewöhnen. Das ganze Buch ist wahnsinnig Slang-lastig und Mo, die in der Ich-Form erzählt, nicht die sympathischste Protagonisten.
Ihre Rotzigkeit mag nerven, ist aber realistisch und verständlich.
Der Autor hatte hier absolute keine Berührungsängste, die Mädchen Fluchen oder gar gewalttätig werden zu lassen, was ich ihm hoch anrechne.
Ebenfalls ein dickes Plus war für mich die Auflösung und Aufarbeitung des Geheimnisses der Mutter. Man hat Mitleid mit Mo und findet ihre Situation schrecklich, doch gleichzeitig versteht man mit ein bisschen Empathie eben auch die Situation der Mutter.
An dieser Stelle hat mich die Geschichte wirklich aufgewühlt, weil ich eine Zeitlang durch eine ehrenamtliche Tätigkeit Kontakt zu Frauen in schlimmen Situationen hatte. Grade deshalb weiß ich auch, wie schrecklich Be- und Verurteilungen für diese sind - und wie wenig hilfreich oder zielführend für alle Beteiligten.

Mos Love-Interest Sam wird so ein bisschen als Nice Guy vorgestellt. Die beiden hatten über den Sommer was miteinander, dann kam er allerdings mit einem anderen Mädchen zusammen: Shevray.
Sie ist das typische Hassobjekt, an dem sich Mo und ihre Freundinnen abarbeiten können, bis hin zur Entmenschlichung, wie es bei Mädchen und Frauen leider oft passiert.
Glücklicherweise spielt der Autor hier aber nicht mit und schenkt uns auch winzige Einblicke in die andere Seite, bzw. lässt uns spüren, dass es sich nicht um eine eindimensionale Klischee-Figur handelt, sondern um eine Person mit eigenen Gedanken und Gefühlen.
Sam blieb mir dagegen ein klein wenig zu blass.
Er scheint Mo sehr gerne zu haben, hat aber auch Angst, dass durch eine Veränderung der Beziehung ins Romantische die langjährige Freundschaft kaputt geht. Mehr als das gibt er aber nicht her und wenn ich Mos Beschreibung ihrer Sommer-Romanze so lese, scheint er auch nicht der größte Freund eines "Neins" zu sein.
Was mit ihm im Laufe der Geschichte passiert, ließ mich zwar nicht gänzlich kalt, hat mich aber auch nicht so traurig gemacht, wie ich es bei derart schlimmen Ereignissen erwarte.

Insgesamt habe ich mich manchmal ein klein wenig gelangweilt, das muss ich zugeben. Es war wohl einfach nicht komplett mein Ding und ich hatte ursprünglich etwas anderes erwartet.
Dennoch sind viele Themen gut gehändelt, der Autor schreibt besser über Mädchen und Frauen, als es so manche Autorin tut.
Gefallen haben mir auch die ganzen Pop- und Nerdkultur Anspielungen und Sprüche. Von Harry Potter bis Herr der Ringe ist alles dabei und das gibt dem Buch den nötigen Teenie-Ton.
Das Ende hat mich überzeugt, ein bisschen offen, aber es geht in die richtige Richtung.
Alles in allem, ja, lesenswert. Mit Schwächen.