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Veröffentlicht am 05.04.2020

Die Schule auf der Insel

Die Schule am Meer
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1925 gründete eine Schar hochmotivierter Lehrer um Martin Luserke und das Ehepaar Anni und Paul Reiner auf der Nordseeinsel Juist die Schule am Meer, die erste reformpädagogische Schule Deutschlands auf ...

1925 gründete eine Schar hochmotivierter Lehrer um Martin Luserke und das Ehepaar Anni und Paul Reiner auf der Nordseeinsel Juist die Schule am Meer, die erste reformpädagogische Schule Deutschlands auf einer Insel. Naturnahe Erziehung, Sportliche Betätigung, Handwerkliches Können und Musische Bildung und sowie Darstellende Kunst standen im Mittelpunkt dieses für die damalige Zeit ungewöhnlichen Schulprojektes. Unter den Lehrern befand sich u.a. Eduard Zuckmayer, bei den Schülern fanden sich illustre Namen wie Peter Döblin, Beate Uhse oder die Schauspielerin Maria Becker.

In ihrem Roman Die Schule am Meer beschreibt Sandra Lüpkes die gesamte Zeitspanne der Schule mit vielen kleinen Anekdoten, die mal aus der Sicht der Lehrer, der Schüler aber auch der Insulaner erzählt werden. So begleiten wir z.B. den Schüler Maximilian, genannt Mücke, von der Überfahrt zur Insel bis zu seinem Abitur, erleben Abenteuer wie die gefährliche Überquerung der zugefrorenen Nordsee, den Bau der großen Theaterhalle, Freundschaft und Rivalität und nicht zuletzt die Spannungen zwischen den eingeschworenen Inselbewohnern und den mit Misstrauen beäugten Bewohnern des Internats, der „Judenschule“ und „Kommunistenschmiede“.

Es ist ein beeindruckendes und bedrückendes Stück Zeitgeschichte, das Sandra Lüpkes in ihrem wunderbaren Roman auf 570 Seiten darbietet. Mein Fazit: absolut lesenswert


  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.03.2020

Über den alltäglichen Wahnsinn des Rassismus

Eine Farbe zwischen Liebe und Hass
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In seinem Roman Eine Farbe zwischen Liebe und Hass erzählt Alexi Zentner die Geschichte des 17-jährigen Jessup, ein ganz normaler Junge aus Amerika. Er gehört zum sogenannten „white trash“ – seine Mutter ...

In seinem Roman Eine Farbe zwischen Liebe und Hass erzählt Alexi Zentner die Geschichte des 17-jährigen Jessup, ein ganz normaler Junge aus Amerika. Er gehört zum sogenannten „white trash“ – seine Mutter hat drei Kinder von drei verschiedenen Vätern, bekam das erste schon mit 14, die Familie lebt in einem Wohnwagen, das Leben ist nicht einfach. Doch Jessup ist ein guter Ringer und ein guter Football-Spieler, ein Einser-Schüler, seine Fahrkarte raus aus Cortaca, dem Ort, an dem ihn jeder kennt. Denn da sind noch sein Bruder Ricky und sein Stiefvater David John, die im Gefängnis sitzen, weil Ricky in Notwehr zwei farbige Studenten erschlagen hat. Die Familie ist zudem noch Mitglied der Heiligen Kirche des Weißen Amerika, eine Kirche, die die Überlegenheit der Weißen Rasse propagiert und zum Heiligen Rassenkrieg aufruft. Jessup selber ist anders, er geht nicht mehr in diese Kirche, seine Freundin, die Tochter seines Coaches, ist selber eine Schwarze, doch wer in einer solchen Familie aufwächst, kann den Vorurteilen kaum entkommen. Als dann noch ein grauenvoller Unfall geschieht, der das Leben aller verändert, sieht sich Jessup mehr denn je gefangen zwischen Schwarz und Weiß, Familie und Gesellschaft, Liebe und Hass.
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Sehr einfühlsam und eindrücklich beschreibt Zentner das Leben in einem Milieu, das geprägt ist von vielfältigem Rassismus, vom Gegensatz zwischen Armut und Reichtum, von Vorurteilen und Vorverurteilungen. Man kann sich wirklich gut in die seelischen Nöte des Jungen hineinversetzen, seine Hoffnung auf ein besseres Leben nachvollziehen, die Liebe zu seiner Familie und seiner Freundin und den furchtbaren Zwiespalt, in den er dadurch gerät. Die große Frage ist, kann man sich trotz seiner Herkunft in eine andere Richtung entwickeln oder ist ein Lebensweg vorgezeichnet, aufgrund der Hautfarbe oder der Erziehung?
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Sehr viel Tiefe erhält das Buch durch die Beschreibung von David John: er ist ein Rassist, er glaubt an die Lehren seiner Kirche, sein Körper ist übersät mit White-Power—Tattoos und doch ist er ein guter Kerl, ein liebevoller Vater, der nichts anderes will, als seine Kinder zu anständigen Menschen erziehen. Und genau dieser Gegensatz macht es Jessup so schwer, sich aus diesem von Gewalt und Hass geprägten Milieu zu lösen. Und er hat mich sehr zum Nachdenken angeregt.
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Besonders beeindruckt hat mich die Tatsache, dass Alexi Zentner selber miterleben musste, wie fanatische Nazis einen Brandanschlag auf das Haus seiner Eltern verübten. Die Fragen, die ihn seither beschäftigt haben, hat er in diesem Roman verarbeitet.
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Mich hat dieses Buch absolut gepackt, ich fand es äußerst spannend und es hat mich sehr zum Nachdenken angeregt. Ein wichtiges, aktuelles Thema, nicht nur in den USA. Absolut lesenswert.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.03.2020

Aus dem Leben einer Rebellin

Ich erwarte die Ankunft des Teufels
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Mary MacLane, geboren 1881 in Winnipeg, Kanada, zog mit ihrer Familie in die Bergarbeiterstadt Butte, Montana. Ein trostloser Ort, ein Ort für hart arbeitende Männer. Aber nicht für ein junges, extrem ...

Mary MacLane, geboren 1881 in Winnipeg, Kanada, zog mit ihrer Familie in die Bergarbeiterstadt Butte, Montana. Ein trostloser Ort, ein Ort für hart arbeitende Männer. Aber nicht für ein junges, extrem ehrgeiziges 19-jähriges Mädchen wie Mary. Und so schrieb sie sich all ihren Frust, ihre Wünsche, Hoffnungen und Träume von der Seele und veröffentlichte diese 1902 in Tagebuchform, womit sie es tatsächlich schaffte, berühmt zu werden.

Mit dem typischen Pathos einer Pubertierenden, dabei aber durchaus mit einer gewissen Portion Humor und Wortwitz, grenzenlosem Größenwahn (so schreibt sie direkt zu Anfang auf Seite 9: „Ich bin ein Genie“), schonungsloser Offenheit - sie hatte eine Vorliebe für Oliven und Frauen, wünschte sich als Liebhaber den Teufel, mindestens aber Napoleon - erschuf Mary MacLane ein frühes feministisches Werk, einen Skandal. Ein junges Mädchen gefangen zwischen Größenwahn und Todessehnsucht, fest davon überzeugt, besser, intelligenter und wertvoller zu sein als all die langweiligen Menschen um sie herum, mit einer gewissen Halbbildung gesegnet und einem grenzenlosen Selbstbewusstsein, ohne intellektuelle Ansprache und umgeben von Trostlosigkeit und Kargheit, führt uns vor Augen, wie es gewesen ein muss, in der viktorianischen Zeit im Amerika der beginnenden Arbeiterbewegung zu leben.

Lange Zeit war es still um Mary MacLane, ihre Werke, 3 Bücher und ein Stummfilm, fast vergessen, doch 2013 wurde sie wiederentdeckt und ihr Erstling nun erstmals in deutscher Sprache veröffentlicht.

Mein Fazit: lesenswert, eine wirklich gelungene literarische Wiederentdeckung.

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Veröffentlicht am 10.03.2020

Zwischen Recht und Gerechtigkeit

Echo des Schweigens
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„Ein Anwalt zwischen Gesetz und Moral. Eine Rechtsmedizinerin, die auf ein ungesühntes Verbrechen stößt. Und ein Justizskandal, der das Paar zu zerreißen droht. Denn wie viel Wahrheit verträgt die Liebe ...

„Ein Anwalt zwischen Gesetz und Moral. Eine Rechtsmedizinerin, die auf ein ungesühntes Verbrechen stößt. Und ein Justizskandal, der das Paar zu zerreißen droht. Denn wie viel Wahrheit verträgt die Liebe zweier Menschen, wenn sie sich auf unterschiedlichen Seiten von Recht und Ungerechtigkeit wiederfinden?“ Soweit der Klappentext…….

Die Ausgangslage dieses Romanes bildet der Prozess gegen einen Polizeibeamten, dem vorgeworfen wird, 13 Jahre zuvor einen gefesselten senegalesischen Gefangenen in seiner Zelle verbrannt zu haben. Obwohl der Polizist bereits freigesprochen war, wird das Verfahren neu aufgerollt, nachdem die Gerichtsmedizinerin Sophie Tauber Beweise gefunden hat, dass es sich nur um ein Tötungsdelikt gehandelt haben kann. Der Strafverteidiger ist ausgerechnet Sophies neuer Freund Hannes Jansen….

Inspiriert durch das Schicksal des Sierra-Leoners Oury Jalloh, der im Jahr 2005 tatsächlich bei einem nie aufgeklärten Brand in einer Gefängniszelle in Dessau ums Leben kam, stellt Markus Thiele in seinem Roman Fragen nach Recht und Gerechtigkeit, zeigt einen Verteidiger im Zwiespalt zwischen Gesetz, Berufsethos, Pflichterfüllung und Gewissen und Moral.

Aber das Buch hat noch eine zweite, nicht weniger erschütternde Ebene: die Geschichte von Sophies Großeltern, Lea Rosenbaum und Carl Jansen, eine verbotene Liebe zu Zeiten des Dritten Reiches.

Echo des Schweigens ist ein absolut lesenswerter Roman, hochaktuell und spannend.

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Veröffentlicht am 07.03.2020

Freundschaft und Liebe in Zeiten der Unterdrückung

Goodbye, Bukarest
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In ihrem autobiographischen Roman Goodbye Bukarest nimmt uns Astrid Seeberger mit auf die Suche nach ihrem Onkel Bruno und lässt uns Teilhaben an einem lange verschütteten Teil ihrer Familiengeschichte.

Bruno ...

In ihrem autobiographischen Roman Goodbye Bukarest nimmt uns Astrid Seeberger mit auf die Suche nach ihrem Onkel Bruno und lässt uns Teilhaben an einem lange verschütteten Teil ihrer Familiengeschichte.

Bruno war ein außergewöhnlicher Mann, mit einer frappierenden Ähnlichkeit zu Chopin und der Fähigkeit, alles was er berührte, zu beruhigen. Doch sein Schicksal war ein dunkler Fleck in der Familiengeschichte von Astrid Seeberger, hat doch ihre Mutter immer behauptet, Bruno wäre im Zweiten Weltkrieg gefallen, doch nach dem Tod der Mutter wird klar, dass dies eine Lüge war.
Und so macht sich die Ich-Erzählerin auf die Suche nach ihrem Onkel.

Was sie dabei findet, sind die Lebensgeschichten dreier Männer, Bruno, Dimitri und Dinu, die sich in einem Strafgefangenenlager in Sibirien begegnen und deren Schicksal von da ab untrennbar miteinander verwoben sind. Es sind traurige Geschichten, geprägt von Verlust, Angst, Grausamkeit, aber auch von Hoffnung, Liebe zur Musik, zur Kunst und zur Literatur.

Goodbye Bukarest ist ein trauriger, ein wunderschöner, ein wichtiger Roman: er berichtet schonungslos von den Gräueln des Krieges, von den sowjetischen Straflagern, vom Leben während der Diktatur Ceausescus in Rumänien. Und er zeigt, dass selbst unter den schlimmsten Umständen, in den aussichtslosesten Situationen, Freundschaft und Liebe entstehen können.

Selten hat mich ein Roman so nachhaltig berührt. Mein Fazit: absolut lesenswert.

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