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Veröffentlicht am 18.05.2020

Mit Zorn und Eifer

Der größte Kapitän aller Zeiten
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Dave Eggers ist ein politischer Autor, der seinen seismographischen Finger auf Entwicklungen unserer postmodernen Welt legt. Sowohl der moralische Verfall der viel gerühmten amerikanischen Gesellschaft ...

Dave Eggers ist ein politischer Autor, der seinen seismographischen Finger auf Entwicklungen unserer postmodernen Welt legt. Sowohl der moralische Verfall der viel gerühmten amerikanischen Gesellschaft im Angesicht des Hurrikans Catrina in „Zeitoun“ als auch die Folgen der allesfressenden digitalen Welt der (a)sozialen Medien in „Der Circle“ waren engagierte Romane aus aktuellem Anlass und über die Gegenwart hinausweisendem literarischen Wert. „Der größte Kapitän der aller Zeiten“ ist dies nicht.

Dave Eggers ist ganz offensichtlich entnervt und erschüttert über die Wahl Donald Trumps zum us-amerikanischen Präsidenten und von dessen Amtsführung. „Der Kapitän“ ist kein Schlüsselroman, sondern nennt sich zurecht eine Satire, die den notorischen Lügner Trump in vollkommen unverstellter Pose als Kapitän des Schiffes „Glory“ aufs Korn nimmt. Er stellt sich vor allem die Frage, welche innere Haltung dazu führte, dass dieser menschenfeindliche Fantast Kapitän/Präsident werden konnte und welche Sorte Mensch ihm dient und folgt. In der ersten Hälfte breitet Eggers das ganze Versagen Trumps auf der Kommandobrücke aus, um dann in eine drastische, grobe – ja: plumpe Warnung vor dem Abgleiten in antidemokratische und faschistoide Zustände abzugleiten. Die feindliche Übernahme durch fremde Schiffe/Mächte gehört hier ebenfalls zu den aus den folgenlosen Untersuchungsberichten abgeleiteten Satiremerkmalen.

Eggers nimmt sich viel Zeit, die persönliche Erbärmlichkeit des Kapitäns darzustellen, der die Portraits seiner Vorgänger (u.a. des „Admirals“, der offensichtlich aus Obama und John McCain zusammengesetzt ist) verunstaltet und schmäht oder drastische sexuelle Gelüste nach seiner Tochter hat. Hier offenbart der Autor, mit wie viel innerem Zorn und Ingrimm er erfüllt ist – und sich in der Leidenschaft der Verachtung dazu hinreißen lässt, seine Satire nicht elegant mit Stilett auszugestalten, sondern pump mit dem Holzhammer.

Das führt dazu, dass die Lektüre sicherlich nur die erreicht, die Trump eh schon grauenhaft fanden, aber in keinem Zweifler den letzten Schritt zum Urteil herbeiführen wird. Schade.

Im Übrigen ist es bemerkenswert, dass sowohl Eggers als auch schon 90 Jahre vor ihm Sinclair Lewis in „Das ist bei uns nicht möglich“ eine populistisch beginnende Präsidentschaft in Faschismus enden lassen. Die Warnung schadet nicht.

  • Cover
Veröffentlicht am 18.05.2020

Ein spannendes Glockeneläuten

Die Glocke von Whitechapel
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Ben Aaronovitch lässt es in diesem Band mit Peter Grant mal wieder krachen. Die Handlung ist rasant, man hat seine helle Freude an Nightingales Ungreifbarkeit und Leslies doppeltem Spiel. Überdiues habe ...

Ben Aaronovitch lässt es in diesem Band mit Peter Grant mal wieder krachen. Die Handlung ist rasant, man hat seine helle Freude an Nightingales Ungreifbarkeit und Leslies doppeltem Spiel. Überdiues habe ich mich mit Freuden in den Schlamm der Archäologen unterhalb Londons gegraben und beim Sortieren von Knochen, Speeren und Geistern mitgemischt.

Die Serie holpert mitunter, aber die "Glocke von Whitechapel" trifft den richtigen Ton.

Veröffentlicht am 18.05.2020

Thriller vom Holzschnitzer

Der Unterhändler
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"Der Unterhändler" ist ein Hollywood-Blockbuster, geschrieben um das Ende des Kalten Krieges, als die Autoren der Spannung so manche Geneuigkeit leichtherzig geopfert haben (alle außer John le Carré, versteht ...

"Der Unterhändler" ist ein Hollywood-Blockbuster, geschrieben um das Ende des Kalten Krieges, als die Autoren der Spannung so manche Geneuigkeit leichtherzig geopfert haben (alle außer John le Carré, versteht sich).

Die Hauptfogur Quinn ist eine echte "Mary Sue" - kann alles, weiß alles, rettet dem Dämchen immer das Leben, stiehlt ihr aber auch ständig die Show (sie ist CIA-Agentin, nicht Strickliesel, Mann!).

Schlimmer aber noch die die Gegner: ein Irrer von Gottes Gnaden, ein paedophiler Sadist und sein widerliches, jüngeres Alter Ego - das sind nicht nur Bösewichte, sondern böse, böse Bösewichte, also verabscheuungswürdige Abziehbilder aus der Holzschnitzerklause ohne Grauschattierungen.

Dennoch vergehen die fast 600 Seiten wie im Flug - meistens unterhaltsam und spannend, eben wie ein Hollywood-Blockbuster.

Veröffentlicht am 18.05.2020

so phantasievoll wie nervtötend

Im Brunnen der Manuskripte
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„Der Fall Jane Eyre“ war etwas ganz Neues - die Agentin Thursday Next wurde buchstäblich in die Literatur geschickt, um zu verhindern, dass mit den Werken innertextlich Schindludergetrieben wird. Dabei ...

„Der Fall Jane Eyre“ war etwas ganz Neues - die Agentin Thursday Next wurde buchstäblich in die Literatur geschickt, um zu verhindern, dass mit den Werken innertextlich Schindludergetrieben wird. Dabei trifft sie auf die Figuren der Geschichte, die wie Darsteller eines Film auch mal frei haben, aber dennoch nicht wissen, wie man eine Toilette benutzt, sich Schuhe bindet oder andere Tätigkeiten des Alltags, die während des Erzählens ausgelassen werden und deshalb dem Erfahrungshorizont der Figuren entgehen. Jaspar Fforde hat sich viel Mühe gegeben, die innertextliche Logik zu durchdringen: Wie ist es, wenn Thursday Next plötzlich Dialoge ändert, indem sie mit Figuren interagiert? Woher kommen eigentlich die Figuren (unterschiedlicher Klassen von „Lückenfüller à la Mitreisende des Hauptdarstellers“ bis zum Klasse-A-Protagonisten vom Schlage Jane Eyres)?

Die Fülle der brillanten Einfälle entzückt auch Leser, die nie ein Germanistikstudium erlitten haben. Aber auch die kommen auf ihre Kosten, wenn etwa endlich einmal der Prozess des Lesens als Teil des Kunstwerks dargelegt wird: „Schließlich ist Lesen ein äußerst schöpferischer Vorgang, der die Vorstellungskraft sehr beansprucht. Vielleicht sogar mehr als das Schreiben. Wenn sie Gefühle in ihren Köpfen entstehen lassen, wenn sie die Farben eines Sonnenuntergangs vor ihren inneren Augen erzeugen oder dahin kommen, dass sie eine frische Brise auf ihrer Haut spüren, dann leisten Leserinnen und Leser eine ganz erstaunliche Vorstellungsarbeit und verdienen mindestens so viel Lob wie der Autor - wenn nicht sogar mehr.“ (S. 59)

Dieses Leserlob habe ich mir nicht verdient, der Autor sich m.E. das seine aber auch nicht. Es reicht m.E. nämlich nicht, eine Pointe an die andere zu reihen, eine skurrile Textidee au die nächste zu häufen und die Agentin Thursday Next von einer Situation in die nächste zu schubsen, um sie wie einen Lackmusteststreifen reagieren zu lassen. Dieses Serielle hat mir den ganzen Roman verleidet, auch weil ich ein Fan davon bin, eine Handlung miterleben zu dürfen. Dann scheitern meine Bemühungen auch nicht, Sonnenuntergänge und frische Brisen zu imaginieren.

Ein fader dritter Teil einer der pfiffigsten Ideen seit langem.

Veröffentlicht am 18.05.2020

Erstaunlich, wie der Roman im Dialog die schwersten Themen schultert

Und Nietzsche weinte
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„Und Nietzsche weinte“ ist ein erstaunlicher Roman des amerikanischen Psychoanalytikers Irvin Yalom, in dem die wechselseitige Behandlung Friedrich Nietzsches und Josef Breuers zentrales Handlungselement ...

„Und Nietzsche weinte“ ist ein erstaunlicher Roman des amerikanischen Psychoanalytikers Irvin Yalom, in dem die wechselseitige Behandlung Friedrich Nietzsches und Josef Breuers zentrales Handlungselement ist. Warum erstaunlich? Weil es Yalom gelingt, in ausholenden, lebendigen und tiefgründigen Dialogen zu erzählen, ohne das gesprochen Wort öfter als nötig zu verlassen, um etwa die Umgebung zu beschreiben. Auf diese Weise liefern die Personen scheinbar von sich aus alle Informationen, die sie ausmachen - notfalls ergänzt durch einen inneren Monolog. Selbstredend kann Yalom nicht „den ganzen Nietzsche“ referieren oder „die komplette Geburt der Psychoanalyse“ - sollte er auch besser nicht -, aber dennoch lernt man beides gut kennen. Dabei fühlt man sich keineswegs schulmeisterlich belästigt, sondern stets auf lehrreiche und humorvolle Weise unterhalten. Das Erstaunlichste aber war für mich: Nitzsche und Breuer haben sich wahrscheinlich nie getroffen. Der Roman ist von vorn bis hinten das, was ein Roman sein sollte: gelungene Fiktion. Chapeau!