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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.05.2020

Thriller vom Holzschnitzer

Der Unterhändler
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"Der Unterhändler" ist ein Hollywood-Blockbuster, geschrieben um das Ende des Kalten Krieges, als die Autoren der Spannung so manche Geneuigkeit leichtherzig geopfert haben (alle außer John le Carré, versteht ...

"Der Unterhändler" ist ein Hollywood-Blockbuster, geschrieben um das Ende des Kalten Krieges, als die Autoren der Spannung so manche Geneuigkeit leichtherzig geopfert haben (alle außer John le Carré, versteht sich).

Die Hauptfogur Quinn ist eine echte "Mary Sue" - kann alles, weiß alles, rettet dem Dämchen immer das Leben, stiehlt ihr aber auch ständig die Show (sie ist CIA-Agentin, nicht Strickliesel, Mann!).

Schlimmer aber noch die die Gegner: ein Irrer von Gottes Gnaden, ein paedophiler Sadist und sein widerliches, jüngeres Alter Ego - das sind nicht nur Bösewichte, sondern böse, böse Bösewichte, also verabscheuungswürdige Abziehbilder aus der Holzschnitzerklause ohne Grauschattierungen.

Dennoch vergehen die fast 600 Seiten wie im Flug - meistens unterhaltsam und spannend, eben wie ein Hollywood-Blockbuster.

Veröffentlicht am 18.05.2020

so phantasievoll wie nervtötend

Im Brunnen der Manuskripte
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„Der Fall Jane Eyre“ war etwas ganz Neues - die Agentin Thursday Next wurde buchstäblich in die Literatur geschickt, um zu verhindern, dass mit den Werken innertextlich Schindludergetrieben wird. Dabei ...

„Der Fall Jane Eyre“ war etwas ganz Neues - die Agentin Thursday Next wurde buchstäblich in die Literatur geschickt, um zu verhindern, dass mit den Werken innertextlich Schindludergetrieben wird. Dabei trifft sie auf die Figuren der Geschichte, die wie Darsteller eines Film auch mal frei haben, aber dennoch nicht wissen, wie man eine Toilette benutzt, sich Schuhe bindet oder andere Tätigkeiten des Alltags, die während des Erzählens ausgelassen werden und deshalb dem Erfahrungshorizont der Figuren entgehen. Jaspar Fforde hat sich viel Mühe gegeben, die innertextliche Logik zu durchdringen: Wie ist es, wenn Thursday Next plötzlich Dialoge ändert, indem sie mit Figuren interagiert? Woher kommen eigentlich die Figuren (unterschiedlicher Klassen von „Lückenfüller à la Mitreisende des Hauptdarstellers“ bis zum Klasse-A-Protagonisten vom Schlage Jane Eyres)?

Die Fülle der brillanten Einfälle entzückt auch Leser, die nie ein Germanistikstudium erlitten haben. Aber auch die kommen auf ihre Kosten, wenn etwa endlich einmal der Prozess des Lesens als Teil des Kunstwerks dargelegt wird: „Schließlich ist Lesen ein äußerst schöpferischer Vorgang, der die Vorstellungskraft sehr beansprucht. Vielleicht sogar mehr als das Schreiben. Wenn sie Gefühle in ihren Köpfen entstehen lassen, wenn sie die Farben eines Sonnenuntergangs vor ihren inneren Augen erzeugen oder dahin kommen, dass sie eine frische Brise auf ihrer Haut spüren, dann leisten Leserinnen und Leser eine ganz erstaunliche Vorstellungsarbeit und verdienen mindestens so viel Lob wie der Autor - wenn nicht sogar mehr.“ (S. 59)

Dieses Leserlob habe ich mir nicht verdient, der Autor sich m.E. das seine aber auch nicht. Es reicht m.E. nämlich nicht, eine Pointe an die andere zu reihen, eine skurrile Textidee au die nächste zu häufen und die Agentin Thursday Next von einer Situation in die nächste zu schubsen, um sie wie einen Lackmusteststreifen reagieren zu lassen. Dieses Serielle hat mir den ganzen Roman verleidet, auch weil ich ein Fan davon bin, eine Handlung miterleben zu dürfen. Dann scheitern meine Bemühungen auch nicht, Sonnenuntergänge und frische Brisen zu imaginieren.

Ein fader dritter Teil einer der pfiffigsten Ideen seit langem.

Veröffentlicht am 18.05.2020

Erstaunlich, wie der Roman im Dialog die schwersten Themen schultert

Und Nietzsche weinte
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„Und Nietzsche weinte“ ist ein erstaunlicher Roman des amerikanischen Psychoanalytikers Irvin Yalom, in dem die wechselseitige Behandlung Friedrich Nietzsches und Josef Breuers zentrales Handlungselement ...

„Und Nietzsche weinte“ ist ein erstaunlicher Roman des amerikanischen Psychoanalytikers Irvin Yalom, in dem die wechselseitige Behandlung Friedrich Nietzsches und Josef Breuers zentrales Handlungselement ist. Warum erstaunlich? Weil es Yalom gelingt, in ausholenden, lebendigen und tiefgründigen Dialogen zu erzählen, ohne das gesprochen Wort öfter als nötig zu verlassen, um etwa die Umgebung zu beschreiben. Auf diese Weise liefern die Personen scheinbar von sich aus alle Informationen, die sie ausmachen - notfalls ergänzt durch einen inneren Monolog. Selbstredend kann Yalom nicht „den ganzen Nietzsche“ referieren oder „die komplette Geburt der Psychoanalyse“ - sollte er auch besser nicht -, aber dennoch lernt man beides gut kennen. Dabei fühlt man sich keineswegs schulmeisterlich belästigt, sondern stets auf lehrreiche und humorvolle Weise unterhalten. Das Erstaunlichste aber war für mich: Nitzsche und Breuer haben sich wahrscheinlich nie getroffen. Der Roman ist von vorn bis hinten das, was ein Roman sein sollte: gelungene Fiktion. Chapeau!

Veröffentlicht am 18.05.2020

Das Gewohnte verloren in Tunesien

Das Zittern des Fälschers
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Howard Ingham ist Schriftsteller mit aufkeimenden Bestselleraussichten, der für einen befreundeten Produzenten einen Roman zum Drehbuch umarbeiten soll und zu diesem Zweck nach Tunesien reist. Dort erwartet ...

Howard Ingham ist Schriftsteller mit aufkeimenden Bestselleraussichten, der für einen befreundeten Produzenten einen Roman zum Drehbuch umarbeiten soll und zu diesem Zweck nach Tunesien reist. Dort erwartet er den Produzenten. der nicht erscheint, sondern sich umbringt – und auf Nachrichten seiner Verlobten Ina, die auf seine Nachrichten nicht antwortet. Howard bleibt trotz dieser Misserfolge und Schicksalsschläge in Tunesien, offenbar weil ihn die Atmosphäre zum Beginn eines neuen Romans motiviert.

Umgeben ist Howard von tunesischen Hotelpagen mit sinisteren Absichten, langfingrigen Eingeboren, einem homosexuellen dänischen Fotografen und einem neugierigen Amerikaner mit politisch halbgarer Agenda. Dieser Adams rückt Howard immer weiter auf die Pelle, nachdem jener einen Einbrecher vermutlich getötet hat – sicher ist das nicht. Im Folgenden entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Adams, Howard und Howards Gewissen, in dem als Katalysatoren auch der Däne und schließlich die Verlobte Ina mitmischen. Während des Spiels wird deutlich, wie Howard langsam den Boden unter den Füßen verliert und damit auch sein unerschütterliches, us-amerikanisches Koordinatensystem für Menschlichkeit und das Richtige. Howard blickt in die Abgründe seiner selbst und wir Lesenden mit ihm.

Es gelingt Highsmith vortrefflich, die Ansichten und Absichten ihrer Figuren zu beschreiben, im Alltäglichen das Fremde und um Fremden das Alltägliche vorzuführen, um es anschließend zu verzerren. Allerdings macht es einem der Roman nicht leicht, sich durch die Zeilen zu bewegen, weil der deskriptive Stil und die Handlungsarmut kaum vermuten lässt, dass Highsmith eigentlich für Kriminalliteratur bekannt ist. Die Autorin hat „das Zittern des Fälschers“ als ihren wichtigsten Roman bezeichnet; das mag sein, wärmt aber dennoch nicht mein abschließendes Urteil: Erreichte mich nicht.

Veröffentlicht am 17.03.2020

Maintal Psycho statt American Psycho

Allegro Pastell
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Schon lange habe ich keinen Roman mehr gelesen, der mir so auf die Nerven ging, obwohl ich nicht wusste, ob er so gut oder so schlecht war. „Allegro Pastell“ ist so eine durchdesignte Beziehungskiste zwischen ...

Schon lange habe ich keinen Roman mehr gelesen, der mir so auf die Nerven ging, obwohl ich nicht wusste, ob er so gut oder so schlecht war. „Allegro Pastell“ ist so eine durchdesignte Beziehungskiste zwischen Tanja und Jerome, wahnsinnig hip, modern, kontrolliert und seicht. Sind die heute 30-Jährigen so, dass für sie alles gleich wichtig oder unwichtig ist, dass Drogen oder Sex nur eine von vielen Kommunikationsformen oder Zeitvertreiben sind, denen man nachgehen kann, wenn das Wetter verregnet ist? Kann einem eine Textnachricht „gefallen“, weil ihr „Tonfall souverän“ ist? (S. 37) Die Sprache mit ihren Anglizismen und aus der mündlichen Sphäre entnommenen Ungenauigkeiten nervt gewaltig - spricht man heute so, wenn man in einer Berliner Wegagentur arbeitet? Oder schlimmer: Schreibt man so?

Gleichzeitig hat Leif Randt freilich seine Sprache gut im Griff und erlaubt sich keine Ausrutscher. Einige Sätze entlarven durch Konstruktion und Inhalt das geschehen als leer und seicht: „Marlene besaß eine optimalere Pfanne las Tanja.“ (S. 267) Das spiegelt die Einfältigkeit vieler Gespräche und hebt gleichzeitig mittels unsinnigen Superlativs en Finger.

Offenbar geht es hier ums Älterwerden oder ums Nicht-Erwachsen-Werden einerseits und die hohle Welt der Dinge andererseits. Die ganze Handlung ist derartig unreif, eindimensional und platt, wie sie bestimmt genauso gewollt ist. Das wirft die Frage auf, ob Leif Randt hier eine phänotypische Fallstudie in Sozioethnologie abbilden wollt, ob er zur Analyse der geistigen Dürftigkeit der rezenten Leistungsträger aufruft oder ob er subtil zur satirischen Anklage anhebt.

Mir ist es fast egal, weil ich es entweder nach 80 Seiten schon begriffen oder eben nicht verstanden hatte und den ganzen Rest in quälender Abundanz nur erleiden konnte.

Hat den Leipziger Buchpreis ja auch nicht bekommen.