Profilbild von Beutelsend

Beutelsend

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Beutelsend ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Beutelsend über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 13.07.2019

Shall I compare thee to a summer's day?

Bell und Harry
0

Thou art more lovely and more temperate! Die Eröffnungszeilen von Shakespeare's 18tem Sonett hätten auch für "Bell und Harry" geschrieben worden sein können. Bereits 1981 unter dem Titel "The Hollow Land" ...

Thou art more lovely and more temperate! Die Eröffnungszeilen von Shakespeare's 18tem Sonett hätten auch für "Bell und Harry" geschrieben worden sein können. Bereits 1981 unter dem Titel "The Hollow Land" erschienen gibt es Jane Gardams Buch nun auch endlich auf Deutsch - und so viel sei vorab gesagt: Der Roman ist absolut lesenswert!

Im Zentrum der Geschichte stehen, wer hätte es gedacht, der Bauernjunge Bell und der Großstädter Harry. Sie lernen sich im Sommer in Bells Heimat Yorkshire kennnen und verbringen diese Ferien und die folgenden damit, dass Land um sie herum zu erkunden und unsicher zu machen. Dabei sind ihre Abenteuer zu einem gewissen Grad zeitlos, wenn auch heutige Generationen vermutlich eher hinter ihren technischen Geräten versumpfen und Eltern ihre Kinder nicht so sorglos durch die Moore stromern lassen würden. Am Ende hält Gardam sogar noch eine Überraschung für ihre Leser bereit - doch was das ist verrate ich an dieser Stelle natürlich nicht.

Was mich an Jane Gardams Romanen immer am meisten begeistert ist ihr Schreibstil. Wie keine andere versteht sie es, sich in ihre Figuren hineinzuversetzen und ihre Geschichten in ihrer Stimme zu erzählen. In "Bell und Harry" wird das besonders deutlich denn die Texte werden hautpsächlich aus Sicht der Kinder erzählt und man meint tatsächlich, dass es der Bericht eines Kindes wäre - auch wenn natürlich ein sprachlich und rhetorischer Unterschied zu Gardams Buch nicht zu verneinen ist.

Insgesamt lässt der Roman den Leser, oder zumindest mich, mit einem warmen Gefühl im Bauch zurück und man möchte eigentlich gar nicht damit aufhören, zu lesen. (Auch lange nachdem das Buch zu Ende ist.)

Wer also auf der Suche nach einem Sommerbuch ist, dass einen zurück in die Kindheit versetzt (wenn auch nicht zwingend die eigene), der ist hier genau richtig! Ich kann das Buch nur von Herzen weiter empfehlen - für Junge wie Alte - und weiß, dass ich das Buch sicher nicht das letzte Mal gelesen habe.

Veröffentlicht am 23.04.2019

Eine wahre Rätsel- und Gaumenfreude!

Jubilate!
0

In der Kriminalliteratur ist ziemlich alles schon mal dagewesen: Geistliche als Opfer oder Täter, manchmal auch der Papst selbst – aber als Ermittler gibt es ihn erst durch Johanna Alba und Jan Chorin. ...

In der Kriminalliteratur ist ziemlich alles schon mal dagewesen: Geistliche als Opfer oder Täter, manchmal auch der Papst selbst – aber als Ermittler gibt es ihn erst durch Johanna Alba und Jan Chorin. Nun ist bereits der fünfte Band der Reihe um Papst Petrus erschienen und damit (hoffentlich) noch nicht der Letzte.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die Pressesprecherin des Papstes, die Aussicht auf ein gewaltiges Vermögen hat, wenn sie binnen einer Woche heiratet. Doch dann treibt sie auf einmal bewusstlos im Pool und für Petrus ist klar, dass der Täter aus einer ihrer Verwandten sein muss. Abwechslungsreich und unterhaltsam beginnt die Jagd nach dem Täter und ganz nebenbei kommen einige alte Geschichten ans Licht. Mit viel Pasta und Pesto wird jeder unter die Lupe genommen und am Ende kommt es doch wieder ganz anders als gedacht.

„Jubilate!“ als Krimi zu bezeichnen wäre vielleicht etwas weit hergeholt – der Begriff „Krimödie“ trifft es da schon eher. Es gibt viel zu Lachen, wenn Papst Petrus ermittelt und die italienische Landschaft so wie das leckere Essen (bei dessen Erläuterung einem schon das Wasser im Munde zusammen läuft) sorgen für eine absolute Wohlfühlatmosphäre. Durch versteckte Hinweise kann der Leser fleißig mit konspirieren und so ist das Buch auch eine echte Rätselfreude.

Insgesamt bleibt mir an dieser Stelle nicht mehr zu sagen, als dass ich diesen Roman nur wärmstens empfehlen kann!

Veröffentlicht am 23.04.2019

Ein Ausflug in den hohen Norden

Inselluft mit Honigduft
0

Imkern und Romane schreiben – das sind nicht unbedingt die typischsten Berufe und dass man diesen dann auch noch ausgerechnet auf Sylt nachgeht ist umso überraschender. Doch das ist der Alltag von Kerin ...

Imkern und Romane schreiben – das sind nicht unbedingt die typischsten Berufe und dass man diesen dann auch noch ausgerechnet auf Sylt nachgeht ist umso überraschender. Doch das ist der Alltag von Kerin Schmidt. Auf der Insel aufgewachsen zog es sie in ihrer Jugend in die Ferne, doch sie hat wieder zurück gefunden in ihre Heimat und daraufhin spontan beschlossen, ihre Erfahrungen auf Sylt in einem Buch niederzuschreiben.

Dabei begleitet der Leser Kerin von klein auf. Für ein Kind kann es keinen schöneren Ort geben, um groß zu werden und so schwingt immer ein wenig Bullerbü-Feeling mit, wenn man ihre Erzählungen liest. Später zieht sie nach Hamburg, erlebt dort spannendes und findet – Spoileralarm – die große Liebe.

Doch es ist, in meinen Augen, nicht die Handlung, die dieses Buch so besonders macht. Vielmehr sticht es sprachlich heraus. Wenn Geschichten von der kleinen Kerin erzählt werden, dann fühlen sie sich auch so an: Ein wenig stockend und sprunghaft, unterhaltsam und voller Energie. Mit dem Alter der „Protagonistin“ wandelt sich auch der Erzählstil und in den letzten Kapitel wird dieser sogar immer poetischer. Da finden dann auch Reime ihren Weg in den Text und neben der „oberflächlichen“ Geschichte kommen auch ernste Untertöne dazu.

Es macht Freude, Kerin beim Aufwachsen „zu zusehen“ und dabei so viel über die sagenumwobene Insel im hohen Norden zu erfahren. Für Leser, die bereits schon einmal auf Sylt waren (und auch für Wiederholungstäter) ist es sicher schön, mit diesem Buch bekannte Orte noch einmal zu besuchen und auch einmal aus einer anderen Perspektive zu erleben. Aber auch für alle Anderen ist das Buch ein Fernwehgarant und Sylt wandert mit ziemlicher hoher Wahrscheinlichkeit auf die Liste der Wunschreiseziele.

Insgesamt ist diese „Autobiographie“, die doch nicht wirklich eine solche ist, eine schöne Erzählung mit vielen lustigen und auch rührenden Momenten. Besonders die sprachlichen Bilder unterscheiden dieses Buch von manch anderen Geschichten und so kann ich es nur absolut weiter empfehlen.

Veröffentlicht am 23.04.2019

Wien wie es leibt und lebt

Heinz und sein Herrl
0

Inmitten all der tausenden deutschsprachigen Neuerscheinungen, die jedes Jahr auf den Markt kommen, sind auch nicht wenige österreichische Publikation – doch sie werden meist übersehen. Nicht so „Heinz ...

Inmitten all der tausenden deutschsprachigen Neuerscheinungen, die jedes Jahr auf den Markt kommen, sind auch nicht wenige österreichische Publikation – doch sie werden meist übersehen. Nicht so „Heinz und sein Herrl“ von Eva Woska-Nimmervoll. Und wie könnte man dieses gloriose Trio auch übersehen? Sie stehen im Mittelpunkt einer Geschichte, die sich wie eine Blume entfaltet – harmlos, unscheinbar aber gleichzeitig hocWhinteressant.

In ihrem ersten Roman nimmt Eva Woska-Nimmervoll mit in die Tiefen von Wien – nicht unbedingt die touristischen Höhepunkte, sondern viel mehr das „echte“ Wien, wie es die Leute, die dort leben, erleben. Heinz und sein Herrl gehören dazu. Ihr Leben im Gemeindebau würde sicher von einigen das Prädikat „eintönig“ erhalten, aber das ist es eigentlich gar nicht, denn ihr Alltag ist abwechslungsreich – und dann ist da auch noch die Sache mit dem Nachbarn. Genau wie der Hund des Herrls heißt der nämlich Heinz, kann aber der Hund Heinz überhaupt nicht leiden und eines Tages kommt eins aufs andere und kurz darauf ist der Nachbar tot. Gemeinsam mit seinen Freunden versucht das Herrl herauszufinden, was wirklich passiert ist und gewährt dabei immer wieder Blicke in seine Vergangenheit. Am Ende gibt es kein Fazit, der Leser kann selbst entscheiden, was wirklich los war, aber das ist auch gar nicht wichtig. Denn „Heinz und sein Herrl“ ist keine Mördersuche sondern vielmehr eine Reise des Herrls zu sich selbst.

Dabei überzeugt Woska-Nimmervoll auf voller Linie. Die Sprache ist abwechslungsreich, auch viel Wienerisches ist dabei, doch dem preußischen Leser wird hinten separat das Vokabular erläutert. Die Charaktere haben alle einen gewissen Charme und man kann gar nicht anders, als sie zu mögen. Und dann ist da noch die Handlung – wunderbar verschroben und definitiv nicht langweilig.

Da man alles aus den Augen des Herrls erlebt bleibt viel Raum für Spekulationen und während im Buch die verschiedensten Hypothesen aufgestellt werden fiebert der Leser fleißig mit. Und durch die relativ kurzen Kapitel kann man auch zwischendurch immer wieder rein lesen.

Insgesamt ist das Buch eine absolute Empfehlung für Liebhaber schräger Geschichten.

Veröffentlicht am 06.04.2019

Überirdisch nur im wörtlichen Sinne

Der Planet der verbotenen Erinnerungen
0



In seinem Roman „Der Planet der verbotenen Erinnerungen“ von Sebastian Pierling enführt den Leser ins dritte Jahrhundert, in dem die Menschen nicht mehr länger an die Erde gebunden sind und ihren Lebensmittelpunkt ...



In seinem Roman „Der Planet der verbotenen Erinnerungen“ von Sebastian Pierling enführt den Leser ins dritte Jahrhundert, in dem die Menschen nicht mehr länger an die Erde gebunden sind und ihren Lebensmittelpunkt ins All verlegt haben. Der Hauptcharakter, Benjamin, ist Dozent an der größten Universität des neuen Zusammenlebens, Alpha Zentauri und beschäftigt sich tagtäglich mit den menschlichen Erinnerungen und mit Möglichkeiten, diese zu manipulieren. Als sein ehemaliger Professor stirbt und mehr als kryptische Gedanken zurück lässt beschließt Benjamin, sich auf die Suche nach der Herkunft des Professors zu machen um aus dessen Vermächtnis schlau zu werden. Dafür reist er einmal quer durchs Universum und stößt auf die Spur der Exegeten, einer religiösen Gemeinschaft - obwohl die Religion schon seit Jahrzehnten verboten ist.

Seit über einem Jahr beschäftige ich mich nun schon intensiver mit aktueller christlicher Literatur in Deutschland und dieser Roman bestätigt in meinen Augen das Vorurteil das ich dazu von vornherein im Kopf hatte. Man meint es gut, aber an der Umsetzung scheitert‘s.

Benjamin ist an sich ein spannender Charakter, doch leider lernt man ihn nicht all zu genau kennen. Man erfährt so gut wie nichts über sein Leben oder seine Herkunft – dafür jedoch umso mehr über die seines ehemaligen Professors der auch als einziger Charakter selbst zu Wort kommt. Und so fühlt es sich auch so an, als ob eher dieser Professor der Hauptcharakter des Buches ist – nur, dass der schon zu Beginn der Geschichte tot ist.

Auch die Welt, die Pierling sich ausgedacht hat, hat viel Potential: Die Menschen des Alls sind optimierbar, durch technische Hilfsmittel genau wie durch biochemische Manipulationen und Forscher können nicht nur auf körperliche Daten sondern auch auf die Erinnerungen der Menschen zugreifen. Zwar ist die Technisierung immer noch eine freie Entscheidung, doch wer sich nicht den neusten technischen Standards anpasst gilt als kaputt und minderwertig. In all dem hat Benjamin einen der spannendsten Berufe – nur leider bekommt man nichts davon mit. Was genau bewirkt er mit seiner Erinnerungsforschung? Ist sein Gebiet für Laien zugänglich oder braucht es bestimmte Qualifikationen? Und lassen sich solche Veränderungen rückgängig machen? Der Leser erfährt nichts von alledem und auch Benjamin scheint dieses Wissen zwischendurch abhanden gegangen zu sein, denn er reagiert in Situationen, die er vorher als vollkommen normal beschrieben hat, wie jemand, der noch nie so etwas erlebt hat.

Am wenigsten Sinn ergibt jedoch die Geschichte selbst, denn Pierling verliert sich in Andeutungen und der Leser kann den konkreten Inhalt nicht erkennen. Was war nun die Hintergrundgeschichte des Professors, um die es ja anscheinend geht? Was hat es mit den Exegeten auf sich? Wie verhält es sich mit der Religion? All diese Fragen stellen sich zu Beginn des Buches und werden bis zum Ende nicht aufgelöst. Man möchte meinen, hier wurde bereits für einen Folgeband geplant, denn anders lassen sich die vielen inhaltlichen Lücken nicht erklären, doch dann wäre es doch wahrscheinlich zumindest zu einer Teilerkenntnis gekommen, auf der man dann hätte aufbauen können.

Dabei sieht das Buch so vielversprechend aus und auch das „Gütesiegel“ des C. S. Lewis-Preises verleitet zu der Annahme, dass hinter dem galaktischen Cover ein guter Roman wartet. Dazu jedoch eine Warnung: Sebastian Pierling erhielt den Preis 2016 (verliehen auf der Leipziger Buchmesse 2017), tatsächlich erschienen ist der Roman jedoch erst 2 Jahre später. Wer sich auf der Website des Preises die Buchbeschreibung durchliest wird den Roman nicht wiedererkennen (abgesehen davon, dass sich der Titel in der Zwischenzeit vollkommen verändert hat ist auch die Handlung eine ganz andere) und so ist wohl auch die Gültigkeit des Preises ein bisschen „abgelaufen“.

Insgesamt hat mich dieser Roman sehr enttäuscht. Da ich außerhalb der christlichen Szene viel Science Fiction und ähnliches lese hatte ich hohe Erwartungen an dieses Buch (schließlich erlebt man nicht oft eine Kombination aus Fantasy und Religion) und wurde entsprechend stark enttäuscht. Die Idee dahinter gefällt mir zwar immer noch sehr gut, jedoch lässt der Roman selbst massiv zu wünschen übrig und so kann ich das Buch nicht wirklich weiterempfehlen.