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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 15.09.2016

Pageturner mit vielen unkonventionellen Ideen

Die Frau mit dem roten Schal
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Eine Warnung gleich am Anfang: wer dieses Buch zu lesen beginnt, sollte sich auf laaaaange Abende bzw. seeeehr kurze Nächte einstellen. Ich habe permanent den Zeitpunkt zum Aufhören verpasst. Eine Seite ...


Eine Warnung gleich am Anfang: wer dieses Buch zu lesen beginnt, sollte sich auf laaaaange Abende bzw. seeeehr kurze Nächte einstellen. Ich habe permanent den Zeitpunkt zum Aufhören verpasst. Eine Seite ging noch…und noch eine…und es war doch gerade so spannend! Also weiter…

Eins muss man dem Franzosen Michel Bussi lassen: er weiß, wie man den Leser ans Buch klebt! Und auch sonst scheint er vor unkonventionellen Einfällen zu sprühen.

Zunächst mal ist da Jamal, der von sich selbst behauptet, in seinem Leben immer Pech gehabt zu haben. Jamal ist Läufer und will an einem schwierigen Alpenmarathon teilnehmen. Das Besondere: er hat an einem Bein eine Unterschenkelprothese. Während seines Trainingslaufs am frühen Morgen findet er einen roten Schal. Und kurz darauf eine junge Frau auf einer Klippe. Er ahnt, dass sich hier etwas Furchtbares anbahnt und will sie retten – doch sie springt und reißt den Schal mit sich.

Jamal ruft sofort zum Strand hinunter, wo die Leiche der jungen Frau liegt und ruft die Der Schal ist immer noch bei ihr – und er ist fest um ihren Hals geknotet. Wie kann das sein? Jamal zermartert sich das Hirn und im Laufe der Ermittlungen wird er in immer mehr mysteriöse Dinge verwickelt. Irgendwann weiß weder er (noch der Leser), was Wirklichkeit und was Schein ist… und das ist so spannend geschrieben, dass es eigentlich einen sechsten Stern verdient hätte.

Und nun das große Aber: Irgendwann erfährt man die ganze Geschichte und in sich ist sie auch weitestgehend logisch. Aber sie ist nicht sonderlich realistisch. Und so spannend und wendungsreich die Story auch gestrickt ist, damit verlor das ganze Buch für mich maßgeblich an Faszination. Das Ende schließlich war wieder überraschend und gab mir wieder etwas Begeisterung zurück. Allerdings nicht soviel, dass es für 5 Sterne reichen würde.

Trotzdem: ein lesenswerter Pageturner, der über weite Strecken begeistern kann.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Dieser Papst ist nicht zu (s)toppen!

Halleluja!
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Was für eine amüsante Krimikomödie, die uns Frau Alba und Herr Chorin hier bescheren. Ein Papst, der menschlich genug ist, um sympathisch zu sein und religiös genug, um trotzdem glaubwürdig rüberzukommen. ...

Was für eine amüsante Krimikomödie, die uns Frau Alba und Herr Chorin hier bescheren. Ein Papst, der menschlich genug ist, um sympathisch zu sein und religiös genug, um trotzdem glaubwürdig rüberzukommen. Was für eine schöne Abwechslung zwischen all den Skandinavien-Düsternissen, Bayern-Schenkelklopfern und Frankreich-Wohlfühlarien. Da hat tatsächlich jemand noch eine Nische gefunden – und sie bravourös ausgefüllt.

Charakterisieren muss ich die Hauptfigur auch nicht mehr – das wird im Buch so gut gemacht, dass ich es nur noch wiederholen muss: „Die Menschen mögen Petrus. In Rom und überall. Weil er einer von ihnen ist. Kein abgehobener Denker. Kein Bürokrat. Kein Mystiker. Einfach ein freundlicher, dicker Papst. Mit großem Herzen. Und einem sehr eigenen Draht zu Gott.“

Und mal ehrlich – wessen Bild haben Sie vor sich, wenn Sie diese Zeilen lesen? Ich hatte unwillkürlich – man nehme es mir bitte nicht übel - Papst Franziskus vor Augen. Was umso erstaunlicher ist, wenn man weiß, dass dieses Buch schon im Jahr 2010 erschien, während Herr Bergoglio erst 2013 zum Papst gewählt wurde. Also, wer hat hier den sehr eigenen Draht zu Gott, hm, Herr Chorin?

Wie auch immer – ich habe mich mit Papst Petrus II. jedenfalls köstlich amüsiert. Er ist ein Typ zum Pferdestehlen (wenn das nicht dummerweise eins der zehn Gebote untersagen würde….). Ich habe mit „Halleluja“ nun schon das zweite Buch mit ihm verschlungen und freue mich schon auf den noch fehlenden Teil „Gloria!“ und den bald erscheinenden neuen Roman „O sole mio!“

Veröffentlicht am 15.09.2016

Eine „Seifenoper“ im besten Sinne!

Provenzalische Intrige
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Ein rundum sympathischer Wohlfühlkrimi ist dieser dritte Band um den provenzalischen Dorfpolizisten Pierre Durand, der immer wieder in „richtige“ Kriminalfälle hineinstolpert. Da er vor seiner selbstgewählten ...

Ein rundum sympathischer Wohlfühlkrimi ist dieser dritte Band um den provenzalischen Dorfpolizisten Pierre Durand, der immer wieder in „richtige“ Kriminalfälle hineinstolpert. Da er vor seiner selbstgewählten Degradierung selbst Kriminalkommissar gewesen ist, kommt das Ermittler-Gen immer wieder durch und er kann es nicht lassen, selbst mitzuermitteln – auch wenn das mitunter seine Befugnisse weit überschreitet. Diesmal jedoch darf er sogar hochoffiziell an den Ermittlungen teilnehmen. Denn er ist sich nicht sicher, ob der beschauliche – teilweise zu beschauliche – Alltag im pittoresken Sainte-Valerie tatsächlich seine Bestimmung ist und hat sich auf eine vakante Kommissarsstelle beworben. Grund genug für den Präfekten, seine beiden favorisierten Bewerber bei den Ermittlungen in einem Mordfall die Kräfte messen zu lassen…

Was folgt, ist eine erstaunlich gutmütige Rangelei zwischen zwei höchst anständigen Menschen, die sich respektieren. Dabei hatte der Präfekt doch sicherlich auf einen amüsanten Kleinkrieg gesetzt - wie in einer Seifenoper!

Aber diese gibt’s nur im Fall selbst – denn der bewegt sich im glitschigen Milieu der provenzalischen Seifenindustrie. Traditionalisten gegen moderne, umweltbewusste Fabrikanten – Grund genug, einen Mord zu begehen?

Der Fall ist gut konstruiert und lässt die wahren Zusammenhänge lange im Dunkeln - mitfiebern und mitraten garantiert! Dabei überzeugt Sophie Bonnet mit einer einnehmenden Erzählweise, die die richtige Balance hält zwischen Kriminalfall und Privatleben von Pierre Durand. Außerdem fand ich es erfrischend, dass mal nicht überall nur Konflikte aufgemacht werden, die Ellbogengesellschaft herausgekehrt wird und die Bewerber um den Kommissarsposten mit harten Bandagen gegeneinander vorgehen. Nein, hier zählt trotz der Konkurrenzsituation Teamgeist und ein faires Miteinander – das ist erstens etwas, das man nicht oft in Krimis liest und zweitens etwas, worauf man sich auch außerhalb der Lesewelt wieder besinnen sollte.

Fazit: ein wohltuender, liebenswürdiger, charmanter Kriminalroman – gewürzt mit vielen kulinarischen Leckerbissen (und sogar den passenden Rezepten im Anhang). Alles richtig gemacht, Sophie Bonnet – und bitte mehr davon!

Veröffentlicht am 15.09.2016

Ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte aus norwegischem Blickwinkel erzählt

Das Haus der verlorenen Kinder
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Oda und Lisbet wachsen an der norwegischen Küste auf. Als sie Teenager sind, bricht der zweite Weltkrieg aus. Für die Mädchen ändert sich damit im Grunde nichts – in den weiten Schärengärten bekommt man ...

Oda und Lisbet wachsen an der norwegischen Küste auf. Als sie Teenager sind, bricht der zweite Weltkrieg aus. Für die Mädchen ändert sich damit im Grunde nichts – in den weiten Schärengärten bekommt man kaum etwas mit von der Gewalt in Zentraleuropa. Doch dann wird Norwegen von den Deutschen besetzt und norwegische Familien werden dazu verpflichtet, deutsche Soldaten in ihre Häuser aufzunehmen.
Was dann passiert, ist vorhersehbar: die Mädchen verlieben sich in die Männer, die aus dem fernen Deutschland in ihre Heimat gesandt wurden. Sie sehen sie nicht mit den Augen der Erwachsenen – als Feind – sondern einfach als nette junge Männer, die genauso voller Träume und Hoffnungen sind wie sie selbst. Sie müssen ihre Liebe geheim halten, denn norwegische Mädchen, die sich mit „dem Feind“ einlassen, sind verpönt und haben es schwer. Als beide Mädchen Kinder von den deutschen Soldaten erwarten und sie sich mit ihren Familien überwerfen, wird aus der erträumten wunderbaren Zukunft nach Kriegsende ein Minenfeld, in dem Oda und Lisbet viele Träume begraben und viele Opfer bringen müssen.

Die Mädchen haben Glück im Unglück, als sie an ein Haus des „Lebensbornvereins“ verwiesen werden, in dem für norwegische Mädchen gesorgt wird, die Kinder von Deutschen erwarten. Im Buch erfährt man, welche Rolle diesem Verein zukam: er vermittelte Adoptionen solcher Kinder nach Deutschland – mit dem Hintergrund, dass die Kinder von Deutschen und Norwegern als arisch rein galten. Nicht umsonst wurden Lebensbornheime hinter vorgehaltener Hand als „Zuchtanstalten“ bezeichnet. Sie hatten eine zwiespältige Rolle inne: einerseits haben sie tatsächlich vielen jungen Mädchen ohne Perspektive Zuflucht geboten und sie „durchgebracht“ – wer weiß, was sonst aus ihnen geworden wäre. Andererseits war der dahinter liegende Gedanke vom reinen Rassendenken getrieben.

Diesen Zwiespalt stellt die Autorin im zweiten Teil des Buches gut in den Mittelpunkt des Geschehens, besonders da Oda als samisch-stämmige Norwegerin gerade nicht dem Rassenideal der Deutschen entsprach.

Trotz aller interessanten und wichtigen Gedanken, die das Buch transportiert, erschien es mir insgesamt etwas „weichgespült“. Die Dramatik hinter der Geschichte war zu erahnen, wurde aber aus meiner Sicht dennoch nicht allzu zu deutlich formuliert. Das passte zum Erzählstil des Buches, war mir aber für ein eindeutiges geschichtliches Zeugnis etwas zu wenig. Zudem wurde beispielsweise auch nicht erläutert, woher der Name Lebensborn eigentlich kommt und warum die Heime genau so genannt wurden. Das ließ sich zum Glück mit Hilfe des Internets schnell herausfinden.

Schade fand ich auch, dass die Geschichten zweier Nebenfiguren, nämlich Erich (der Vater von Lisbets Kind) und Gertrud (eine Pflegekraft, mit deren Hilfe sich Lisbets Enkelin auf die Spur ihrer Herkunft begibt) nicht zu Ende erzählt wird. Ihnen wird am Anfang sehr viel Raum gegeben und es werden kleine Spuren ausgelegt, die einen neugierig machen auf die Figur. Am Ende geht aber dann plötzlich alles ganz schnell und man erfährt z. B. nicht, wie es mit Gertrud, die auch glaubt, ein Lebensbornkind zu sein, weitergeht. Die Figuren sind am Ende einfach von der Bildfläche verschwunden, das fand ich sehr schade.

Ich habe das Buch sehr gern gelesen, es war flüssig geschrieben, mitreißend und hat nebenher dieses dunkle Kapitel der Geschichte gut vermittelt. Aufgrund der oben beschriebenen kleinen Mankos kann ich aber leider keine volle Punktzahl vergeben und es bleiben gute vier Sterne.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Umfassende Beleuchtung eines Kriminalfalls mit viel Einblick in die Psyche der Beteiligten

Die Witwe
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Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut, denn es wurde viel Werbung dafür gemacht und sollte die Geschichte eines Kriminalfalls aus ganz ungewöhnlicher Perspektive erzählen: aus der Sicht der Ehefrau ...

Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut, denn es wurde viel Werbung dafür gemacht und sollte die Geschichte eines Kriminalfalls aus ganz ungewöhnlicher Perspektive erzählen: aus der Sicht der Ehefrau des (vermeintlichen) Täters.

Und es ist tatsächlich ein ungewöhnliches Buch, schon weil es viele psychologische Feinheiten enthält, die nicht in den Vordergrund stellen, WAS passiert, sondern WIE die Betroffenen damit umgehen.

Die Protagonistin blieb leider etwas hinter meinen Erwartungen zurück (ich war davon ausgegangen, dass das ganze Buch aus ihrer Perspektive erzählt wird, was sich als falsch erwies). Da die Geschichte auf mehreren Zeitebenen aus der Sicht von mehreren Personen erzählt wird(Ehefrau/Witwe, Polizeibeamter, Journalistin, Mutter des entführten Kindes), war der Aufbau und die Wirkung einfach anders, als wenn man nur eine Sicht der Dinge gelesen hätte. Andererseits wurde auf diese Weise mal ein Kriminalfall „rundum“ beleuchtet und man erhielt einen Einblick in die teilweise skrupellose Maschinerie der Presse, in die schwierige und zum Teil wirklich frustrierend unbefriedigende Arbeit der Polizei, aber eben auch in das Privatleben eines Menschen, der plötzlich sein gesamtes Weltbild aus den Fugen geraten sieht.

Einige andere Leser haben bemängelt, dass es dem Buch an Spannung fehlt. Diesen Eindruck hatte ich gar nicht. Gerade durch die Perspektivwechsel gab es immer wieder neue Erkenntnisse, neue Blickwinkel, neue Theorien. Man traut irgendwann jedem alles zu…. Das ist etwas, was einem als Autor erstmal gelingen muss! Für einen Erstlingsroman finde ich ihn sehr gelungen.

Einzig die Diskrepanz zwischen Erwartungshaltung (geweckt durch Klappentext und Werbung für das Buch) und der tatsächlichen Story gebe ich einen Stern Abzug. Trotzdem empfehle ich das Buch sehr gern weiter, denn es stellt einen Kriminalfall mal auf eine ganz andere Art und Weise - und trotzdem absolut fesselnd - dar.