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Veröffentlicht am 25.08.2019

Ganz nett, aber nicht der große Wurf …

Als wir im Regen tanzten
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Berlin 1928/29: Der Regisseur Willi zur Nieden steht kurz davor, seinen großen Traum zu verwirklichen. Mit seiner jüdischen Frau Recha in der Hauptrolle will er den großen Film zur deutschen Besatzung ...

Berlin 1928/29: Der Regisseur Willi zur Nieden steht kurz davor, seinen großen Traum zu verwirklichen. Mit seiner jüdischen Frau Recha in der Hauptrolle will er den großen Film zur deutschen Besatzung des belgischen Flandern im ersten Weltkrieg auf die Leinwand bringen. Während sich der Niedergang der Stummfilm-Ära abzeichnet und die Wirtschaftskrise das Land fest im Griff hat, wird dies keine leichte Aufgabe sein. Dabei entgleitet ihm immer mehr das wahre Leben. Auch seine Schwestern Felice und Ille müssen um das Glück ihrer Familie kämpfen, allerdings kämpfen sie erbittert gegeneinander ohne Rücksicht auf Verluste.

Der historische Roman „Als wir im Regen tanzten“ von Michaela Saalfeld ist der Nachfolgeband zu „Was wir zu hoffen wagten“. Ohne den ersten Band gelesen zu haben, wirken die Rückblicke auf die Vorgeschichte der drei Geschwister ab und an sehr verwirrend. Es wird immer mal wieder in vergangene Nebenhandlungsstränge abgewichen, deren Kenntnis für die aktuelle Handlung in ihrer ganzen Tiefe nicht zwingend von Bedeutung sind. Deshalb würde ich dieses Buch nicht empfehlen, ohne die Vorgeschichte gelesen zu haben.

„Als wir im Regen tanzten“ habe ich sehr schnell durchgelesen, denn es las sich sehr flüssig. Leider hatte ich mir von der Geschichte deutlich mehr erhofft. Beworben als der „große Berlin-Roman zur Weimarer Republik“ war die Inhaltsbeschreibung schon sehr vielversprechend: Ein berühmter Filmstar in den „roaring twenties“ in Berlin mit jüdischem Hintergrund – das lässt viele Assoziationen zu, wovon die Geschichte handeln könnte. Zumal diese Periode durch „Babylon Berlin“ momentan ja wieder sehr „in“ ist. Genau das ist für mich aber die Schwäche des Buchs. Leider wird der historische Kontext nur selten ausführlicher beschrieben. Sehr interessante Hintergrundaspekte zur Zeit der Weimarer Republik werden nur mal eben erwähnt, mein Interesse ist erwacht, aber dann geht es schon wieder mit der relativ banalen Familiengeschichte weiter.

Erst nach der Hälfte des Buchs gibt es endlich einige Spannungs-Höhepunkte und unerwartete Wendungen, die die Handlung vorantreiben. Dennoch laufen die Haupthandlungsstränge um Felice, Willi und Recha nur relativ lose nebeneinander her.

Letztlich war ich doch etwas enttäuscht von diesem Buch, denn ich hatte deutlich mehr erwartet. Vieles schien mir zu konstruiert. Das Verhalten der Protagonisten konnte ich oft nicht gut nachvollziehen und speziell das Ende fand ich ziemlich unbefriedigend. Der gesamte Roman wirkt eher wie ein Intermezzo bis zum großen Finale im dritten Buch. Kann man lesen, muss man aber nicht.

Veröffentlicht am 21.05.2019

Suchtpotential

Lautlose Schreie
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„Lautlose Schreie“ ist Leo Borns zweiter Thriller mit der Frankfurter Kommissarin Mara Billinsky, genannt „die Krähe“. Ich muss zugeben, dass ich mich beim ersten Reinschnuppern zunächst an Stieg Larsson ...

„Lautlose Schreie“ ist Leo Borns zweiter Thriller mit der Frankfurter Kommissarin Mara Billinsky, genannt „die Krähe“. Ich muss zugeben, dass ich mich beim ersten Reinschnuppern zunächst an Stieg Larsson erinnert fühlte. Von außen gesehen gibt es durchaus Parallelen zwischen den beiden Figuren: Der dunkle Kleidungsstil, ihr Eigensinn und die Verbissenheit, mit der sie Probleme angehen. Tatsächlich ist Mara Billinsky aber ganz anders als Lisbeth Salander - nämlich sehr viel nahbarer und empathisch: eine Hauptfigur, mit der ich mitgezittert und -gelitten habe.

Die düstere Handlung ist sehr spannend: Schusswechsel, Verfolgungsjagden, Familiendramen – alles dabei. Leo Born hat aus tagesaktuellen Ereignissen eine wortwörtlich atemberaubende Geschichte entwickelt, die die Bezeichnung „Thriller“ zu Recht trägt. Immer wieder sind mir Schauer über den Rücken gelaufen und ich war so gefangen in den Szenen, dass ich gleich mit dem nächsten Kapitel weitergelesen habe. So wurde aus einer geplanten kurzen Lesezeit plötzlich ein echter Lesemarathon, an dessen Ende ich feststellen musste: "Lautlose Schreie" macht süchtig!

Veröffentlicht am 28.03.2019

Wenn der Papst auf eine bayerische Naturgewalt stößt...

Tante Poldi und die Schwarze Madonna
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Dezenz kann man Tante Poldi wirklich nicht vorwerfen. In ihrem vierten Abenteuer verschlägt es das bayerische Original mit dem losen Mundwerk in den Vatikan. Weder Papst noch Padres können die exzentrische ...

Dezenz kann man Tante Poldi wirklich nicht vorwerfen. In ihrem vierten Abenteuer verschlägt es das bayerische Original mit dem losen Mundwerk in den Vatikan. Weder Papst noch Padres können die exzentrische Poldi davon abhalten, ihre neugierige Nase in einen neuen Kriminalfall zu stecken: Kurz nach einem Exorzismus verschwindet die Frau, deren Dämonen vertrieben werden sollten, spurlos und eine wichtige Zeugin stürzt sich vom Dach des Apostolischen Palastes. War es Mord oder Selbstmord? Steckt eine Verschwörung der Kirche dahinter? Oder hat gar die sizilianische Mafia ihre Finger im Spiel? Wenn das nicht schon genug wäre, hat „Donna Poldina“ auch noch mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen: ein liebeskranker Neffe, bedrohliches Graffiti an ihrer Hauswand und der Tod lässt schließlich auch nicht mit sich spaßen.

Mario Giordano hat mit „Tante Poldi und die schwarze Madonna“ eine wirklich fantasievolle Geschichte ersonnen, die mit komplexen Handlungssträngen, interessanten Charakteren und einem wirklich überraschenden Ende aufwartet. Die vielen Cliffhanger am Ende der einzelnen Kapitel neben den zusammenfassenden Einleitungen zu Beginn jedes Abschnitts halten die Spannung auf hohem Niveau, so dass ich immer weiter lesen wollte. Dazu kommen noch wilde Verfolgungsjagden, mysteriöse Botschaften und geheimnisvolle Figuren, die sich nicht so leicht in Gut und Böse einteilen lassen.

Obwohl ich die drei Vorgängerbände nicht kannte, bin ich ohne Startschwierigkeiten in die Geschichte eingetaucht. Ihre bairischen "O-Töne" sind so lebhaft geschrieben, dass ich mir die Poldi gut vorstellen konnte. Sie ist mir schon nach kurzer Zeit richtig ans Herz gewachsen!

Was mich aber immer wieder begeistert hat, sind die kleinen fantasievollen Wortkreationen und Bildvergleiche. Wir lernen den P.O.L.D.I. kennen. Ein Brutpflegereflexe auslösendes Auto mit dem Charme einer Wilden Maus. Ältere Herren, die ihren Bäuchen das Meer zeigen. Und „dings“ kommt auch nicht zu kurz. Diese Assoziationen lassen ein tolles Kopfkino entstehen. Da wird die eigentliche Story um einen Mord im Vatikan schon fast zur Nebensache...

Fazit: Dieses Buch macht extrem viel Spaß! Schon nach den ersten paar Seiten hat es mir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert und ich musste regelmäßig wie blöd vor mich hinkichern. Zugleich kommt Donna Poldina immer wieder mit richtig tiefgründigen Gedanken um die Ecke, so dass die Geschichte nie zu flach wurde. Ich freu mich schon auf das fünfte Abenteuer und werde mir die Wartezeit definitiv mit der Lektüre der ersten drei Bände verkürzen. Forza, Poldi!