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Veröffentlicht am 22.05.2021

Wenn einen die Vergangenheit einholt...

Lange Schatten über der Côte d'Azur
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Kommissar Duvals neuer Mordfall führt ihn auf den Friedhof „Le Grand Jas“ in Cannes. Ein junger Mann ist auf einer Gedenkstätte für jüdische Verfolgte des zweiten Weltkrieges erschlagen worden. Schon bald ...

Kommissar Duvals neuer Mordfall führt ihn auf den Friedhof „Le Grand Jas“ in Cannes. Ein junger Mann ist auf einer Gedenkstätte für jüdische Verfolgte des zweiten Weltkrieges erschlagen worden. Schon bald führen die Spuren in die düstere Vergangenheit der Franzosen während der deutschen Besatzung, die Duvals Vorgesetzten strikt verleugnen. Kommissar Duval muss damit nicht nur gegen einen Mörder mit möglicherweise antisemitischem Motiv, sondern auch entgegen dem Willen seiner Vorgesetzten ermitteln.

„Lange Schatten über der Cote d’Azur“ ist bereits der 8. Fall der Reihe um Kommissar Duval, der in Cannes und Umgebung ermittelt. Da ich ein Fan der Reihe bin, kenne ich alle Fälle und habe sie auch in der richtigen Reihenfolge gelesen. Ich persönlich mag es sehr, die Entwicklung des Privatlebens des Kommissars und seine Eigenarten über die verschiedenen Bücher hinweg zu erfahren. Dies ist aber keine Grundvoraussetzung, um den neuesten Fall zu lesen. Es kann jedoch sein, dass einem hierdurch in den zwischenmenschlichen Begegnungen von Kommissar Duval und seiner Partnerin Annie Hintergrundwissen fehlt. Für den Mordfall selbst benötigt man keine Vorkenntnisse.

Die Krimis von Christine Cazon sind meist mit Hintergrundwissen und gut recherchierten geschichtlichen Fakten zum jeweiligen Mordfall gespickt und werden in den jüngsten Geschichten überwiegend von Annie vermittelt. So auch in diesem. Hierbei handelt es sich in diesem um die Beteiligung der Franzosen an den Judendeportationen während des Zweiten Weltkrieges, ein finsteres Kapitel auch in Frankreich. Da ich bislang wenig über die Begebenheiten der französischen Verhältnisse entlang der Cote d’Azur im Zweiten Weltkrieg wusste, war der Kriminalroman für mich sehr informativ und spannend. Zugleich erschrecken einen die Informationen immer wieder aufs Neue und ich bin der Meinung, über diese Zeit kann man nie genug wissen. Dass eben auch Franzosen im Vichy-Regime vor der Besetzung durch die Deutschen an der Judendeportation beteiligt waren, ist in diesem Buch anhand der Geschichte rund um den Zeitzeugen Jakob Silberstern sehr eindrücklich beschrieben worden. Durch diese im Vordergrund stehende Hintergrundgeschichte, die ich als sehr fesselnd und emotional empfunden habe, kommt diesmal der kriminalistische Anteil in diesem neuen Mordfall jedoch ein bisschen kurz. Wer einen rasanten, dramatischen Kriminalroman sucht, ist hier falsch. Frau Cazon schafft es mit ihrem unaufgeregten, entspannten Schreibstil eine interessante und faszinierende, wenngleich auch erschreckende und emotionale Geschichte darzustellen, bei der in diesem Band Fakten zur Judendeportation an der Cote d’Azur aufgearbeitet werden und Kommissar Duvals private, familiäre Ereignisse im Vordergrund stehen. Ich persönlich habe den Kriminalroman sehr genossen, da er unter seinesgleichen mit seiner Art unverwechselbar ist. Auch bin ich positiv überrascht von den vielen Einblicken in Duvals Privatleben, die in seinen Vorgängern oft weniger Raum eingenommen hatten. Zudem gefällt es mir, dass Kommissar Duval und seine Mordfälle sich von Roman zu Roman verändern, voneinander deutlich unterscheiden und stets weiterentwickeln. Ich freue mich schon auf Band 9!

Fazit: Ein packender, berührender und sehr lesenswerter Kriminalroman, der mit seinem unaufgeregten Sprachduktus trotz kontinuierlichem Spannungsbogen für Entspannung sorgt. Im Vordergrund steht dabei mehr eine sehr aufwühlende und spannende Geschichte rund um einen jüdischen Zeitzeugen im Zweiten Weltkrieg als ein rasanter Kriminalfall.

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  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.05.2021

Einfach gestrickte Unterhaltung für Zwischendurch

Something Pure
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Die 22-Jährige Alice ist sowohl privat als auch beruflich in ihrem Leben noch nicht angekommen und zweifelt aufgrund schlechter Erfahrungen an der wahren Liebe. Sie arbeitet in Kalifornien als Kellnerin ...

Die 22-Jährige Alice ist sowohl privat als auch beruflich in ihrem Leben noch nicht angekommen und zweifelt aufgrund schlechter Erfahrungen an der wahren Liebe. Sie arbeitet in Kalifornien als Kellnerin in einer Bar, da sie nach Abschluss ihres Studiums Englischer Literatur noch nicht weiß, wohin sie sich beruflich entwickeln möchte. Als der Hilfskellner Beck in der Bar auftaucht, entsteht zwischen den beiden sofort eine Verbindung. Während sich erste Gefühle entwickeln, erfährt Beck, dass sein Vater an einem Herzinfarkt verstorben ist. Spontan bittet er Alice, ihn in seine Heimat zu begleiten. Nach kurzem Zögern folgt Alice ihm kurzerhand nach Denver und stellt fest, dass Beck ein Milliardär ist und nun als Teilhaber das Familienunternehmen zu leiten hat. Zudem gehört seine Familie zur High Society von Denver, welche von Alice, einer „Normalsterblichen“, jedoch so überhaupt nicht begeistert ist. Alice und Beck müssen fortan zusehen, dass sie ihre zart aufkeimende Liebe vor Intrigen und Machtkämpfen nicht nur bewahren, sondern auch weiter ausbauen können, um die Chance auf eine gemeinsame Zukunft zu haben.

„Something pure“ ist der neue Liebesroman von Kylie Scott. Zu Beginn versprüht die Geschichte mit der aufkeimenden Liebesromanze von Alice und Beck nur so vor Charme, Humor und Spritzigkeit. Beide Protagonisten sind mir unglaublich sympathisch und liefern sich ein amüsantes Wortgefecht nach dem nächsten. Als Beck schon nach kurzer Zeit zu seiner Familie zurückkehrt, da sein Vater verstorben ist und er die Erbfolge antreten muss/möchte, verliert der Roman für mich jedoch zunehmend an Charme, Inhalt und Spannung.

Beck kehrt – obwohl er einen Disput mit seiner Familie und der Welt des Scheins den Rücken gekehrt hatte – ohne Widerstand in die Familiendynastie zurück und fügt sich nahtlos in seine Rolle ein. Auch den Reichtum nimmt er für selbstverständlich. Nachdem er ein halbes Jahr lang sein Leben hinterfragt und sich von seiner Familie gelöst hatte, habe ich da nicht nur deutlich mehr Widerstand, sondern auch weiteres Aufbegehren gegen den schönen Schein erwartet. Seine Persönlichkeit wirkte auf mich wie ausgewechselt. Der lebensfrohe und positive Beck wird zunehmend dominant, herrisch und erzwingt auch gerne seine Ziele. Die Figur Alice ist mir eigentlich immer sehr sympathisch gewesen, insbesondere mit ihren sarkastischen direkten Antworten. Sie hat gute Werte und ein gutes Herz, was sie in vielen Situationen zur Schau stellt. Zudem lässt sie sich grundsätzlich nicht kleinreden und gibt der Familie kontra. Sie scheint auch ihren Weg zu finden, mit der Welt der Reichen umzugehen und darin zu leben und zu arbeiten, dennoch fügt sich Alice zum Ende für meinen Geschmack letztendlich zu sehr in die Welt der Reichen und Schönen ein. Zudem vergöttert sie Beck geradezu, was ich an vielen Stellen nicht nachvollziehen konnte. Sie gibt ihm zwar immer wieder Widerworte und gemeinsam stellen sie sich auch gegen die intrigante Großmutter Catherine, aber das Ganze wirkte eher halbherzig und unausgereift. Die angekündigten Lügen und Intrigen waren in meinen Augen so harmlos, dass Alice daraus mehr Drama macht als eigentlich erforderlich oder auch realistisch gewesen wäre. Dem Paar werden zwar immer wieder kleinere Steine in den Weg gelegt, wirklich arg ist dabei aber nichts. Der „große“ Streit zum Ende hin fußt letztendlich auf einer Lüge, durch die sich Alice zwar verständlicherweise hintergangen fühlt, die in meinen Augen aber so harmlos und „1. Weltproblemen“ entspricht, dass ihr Disput mit Beck mehr wirkt wie viel Lärm um nichts. Das Drama konnte ich überhaupt nicht nachempfinden und es wirkte eher so als ob Pseudoprobleme aufgebauscht werden. Die Geschichte bleibt damit für mich viel zu flach, simpel und oberflächlich – große Gefühle kamen bei mir leider nicht auf. Auch einen Spannungsbogen konnte ich in diesem Sinne leider nicht erkennen.

Gut gefallen hat mir die Wiedervereinigung von Beck und seinen Geschwistern, was nicht zuletzt auch Alice‘ direkter und warmherziger Art zu verdanken ist. Gemeinsam klüngeln sie sich zusammen und bilden einen angenehmen Familienkern, der sich gegen die intrigante Großmutter behaupten möchte. Zu viel des Guten war zuletzt jedoch noch ein Heiratsantrag seitens Beck, sein materialistischer Lösungsweg, um Alice zurückzugewinnen, und der nahezu friedlichen Aussöhnung mit der Großmutter Catherine. Das war mir insgesamt einfach zu viel Ringelpiez mit Anfassen. Da habe ich mir nach der begeisternden Leseprobe wohl einfach zu viel erhofft.

Auch der zu Beginn so humorvolle und lockere Sprachstil wirkte auf Dauer auf mich zunehmend vulgär und derb. Dennoch ließ sich das Buch in einem Rutsch lesen. Durch den derben Sprachstil fehlten mir in den zwischenmenschlichen Begegnungen von Beck und Alice leider die sanften zarten Zwischentöne, auch in den Dialogen. Alles wirkte sehr animalisch und herrisch, was auch spannend sein kann, da hat mir aber deutlich die Abwechslung gefehlt.

Fazit: Erwartet habe ich große Gefühle rund um ein modernes Drama zwischen einem reichen Erben, der sich gegen die Welt des Scheins auflehnt, und einer sympathischen Normalsterblichen, die sich gegen Lügen und Intrigen behaupten muss. Erhofft hatte ich mir, mitzuleiden, mitzuweinen und mitzuschmachten - leider wurden meine Erwartungen nicht erfüllt, denn die Geschichte blieb insgesamt eher oberflächlich und wirkte in Bezug auf Lügen und Intrigen harmlos und eher unausgegoren auf mich. Nichtsdestotrotz lässt sich der Roman insgesamt leicht lesen und bietet einfach gestrickte, seichte Unterhaltung für Zwischendurch.

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Veröffentlicht am 28.04.2021

Von einem Land, das ins Koma fiel

Der ehemalige Sohn
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Eigentlich sollte der junge Franzisk Cello üben fürs Konservatorium, doch lieber genießt er das Leben in Minsk. Auf dem Weg zu einem Rockkonzert verunfallt er schwer und fällt ins Koma. Alle, seine Eltern, ...

Eigentlich sollte der junge Franzisk Cello üben fürs Konservatorium, doch lieber genießt er das Leben in Minsk. Auf dem Weg zu einem Rockkonzert verunfallt er schwer und fällt ins Koma. Alle, seine Eltern, seine Freundin, die Ärzte, geben ihn auf. Nur seine Großmutter ist überzeugt, dass er eines Tages wieder die Augen öffnen wird. Und nach einem Jahrzehnt geschieht das auch. Aber Zisk erwacht in einem Land, das in der Zeit eingefroren scheint.

„Der ehemalige Sohn“ ist ein Roman von Sebastian Filipenko über das Leben der Belarussen unter dem aktuell herrschenden politischen Regime. Die Geschichte rund um den jungen Franzisk steht dabei sinnbildlich für die Ohnmacht und Schockstarre eines diktatorisch geführten Landes.

Im Zentrum stehen dabei die verschiedenen Charaktere, die als Stellvertreter ihrer jeweiligen Gruppe (z.B. Opportunisten, Mitläufer, Opposition, Resignierte etc.) ein Abbild der Gesellschaft zeichnen. Hierdurch steht die jeweilige Rolle der Figur und nicht ihre individuelle Persönlichkeit im Vordergrund, was Distanz beim Leser hervorruft. Dennoch habe ich mit einzelnen Charakteren intensiv mitleiden oder mich auch in viele Handlungen hineinversetzen können. Hauptaugenmerk liegt jedoch stets beim politischen Hintergrund.

Der Roman ist gespickt von Schicksalsschlägen, erschreckenden Ereignissen, genauso wie lähmender Furcht, Schockstarre und seltenen Glücksgefühlen. Ich habe die Geschichte daher als anrührend, eindrucksvoll, erschreckend, interessant und spannend empfunden. An vielen Stellen lässt der Autor zudem Interpretationsspielraum, so auch bei seinem offenen Ende, was mir sehr gut gefallen hat.

Der Sprachstil ist teilweise eher brachial und wirkt etwas brüchig, woran ich mich zunächst gewöhnen musste. Ferner werden einzelne Situationen mit einer Wortgewalt bildhaft und eindrücklich geschildert. Darüber hinaus herrscht das Mitteilen der Figuren über Monologe vor. Anhand wiederholt überspitzter Darstellungen der Ereignisse und sarkastischer Einwürfe entsteht trotz schwerwiegender Thematik und grausamer Schicksalsschläge immer wieder eine spritzige Leichtigkeit. Das Buch las sich für mich wie von selbst und die Seiten flogen nur so dahin.

Die Kombination aus Roman und Aufarbeiten politischer Ereignisse im Kontext eines bis dato diktatorisch geführten Regimes und dessen Auswirkungen auf die Menschen empfand ich als unglaublich interessant und sehr gelungen. Reizvoll ist dies sicherlich insbesondere für diejenigen, die sich mit dieser Thematik bisher noch nicht intensiv auseinandergesetzt haben. Andernfalls könnte der Roman als redundant oder mit zu wenig Tiefgang empfunden werden. Grundlegend für das Verständnis sind für mich die Anmerkungen der Übersetzerin am Ende des Buches gewesen, die vorab gelesen werden sollten.

Fazit: Es handelt sich hierbei um einen bewegenden Roman, der die politische Lage in Belarus sehr gut verarbeitet und dennoch erstaunlich leicht zu lesen ist. Er gewährt einen Einblick in eine fremde Welt, bei dem die erschreckende Realität in eine anrührende Geschichte und Fakten in spitzfindigen, fast sarkastischen Humor verpackt werden.

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Veröffentlicht am 23.04.2021

Ein nettes Märchen für Zwischendurch

The Crown Between Us. Royales Geheimnis (Die »Crown«-Dilogie 1)
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Die 18-Jährige Schülerin Alpha wird von ihrem Stiefvater nach einem Einbruchversuch in die Obhut ihrer Großmutter genommen und auf das Eliteinternat Westby in Antira geschickt. Dort findet sie sich plötzlich ...

Die 18-Jährige Schülerin Alpha wird von ihrem Stiefvater nach einem Einbruchversuch in die Obhut ihrer Großmutter genommen und auf das Eliteinternat Westby in Antira geschickt. Dort findet sie sich plötzlich in einer Welt aus Lügen, Intrigen und Arroganz wieder, in der sie am liebsten als graue Maus untergehen würde. Stattdessen steht sie von Beginn an im Fokus der Aufmerksamkeit, denn nicht nur Nate, der Prinz von Antira, sondern auch sein Cousin Aaron scheinen ein Auge auf sie geworfen zu haben. Doch während Alpha zwischen den Stühlen sitzt, kommt ihr der Verdacht, dass es sich dabei möglicherweise nicht um das Interesse an ihrer Person selbst geht, sondern um ein größeres Geheimnis, dem sie nach und nach auf die Spur kommt. Schon bald befindet sie sich in Lebensgefahr und kann sich nicht mehr sicher sein, wer gut oder böse ist…

„The Crown between us“ ist Teil 1 einer Dilogie von Ada Bailey. Es handelt sich dabei um einen New Adult Roman - einer romantischen Geschichte mit royalem Bezug. Obwohl dies auch zutrifft, bin ich doch etwas enttäuscht. Ich glaube, ich habe mir einfach zu viel erhofft:

Die Zielgruppe ist noch einmal deutlich jünger als ich erwartet habe, was sich in der Geschichte, vor allem aber im Sprachstil widerspiegelt. Dieser ist zwar flüssig, aber auch sehr jugendlich. Die Protagonistin Alpha hat ein freches Mundwerk und spricht aus, was sie denkt. Das hat mir sehr gut gefallen und mich das ein oder andere Mal zum Schmunzeln gebracht. Die Beschreibungen der Umgebung und der Charaktere sowie die Dialoge sind aber insgesamt eher einfach gehalten. Die Geschichte lässt sich hierdurch schnell lesen, es mangelt dadurch jedoch an Tiefe und der Funke ist auf mich nicht so übergesprungen. Ferner wurden hin und wieder Binsenweisheiten eingestreut, die für meinen Geschmack deplatziert wirkten und besser hätten gesetzt werden können, um auf mich Wirkung zu erzielen. Das herzerwärmende „Aww-Gefühl“ hat sich bei mir leider nicht eingestellt.

Die Handlung wirkt zunächst etwas unsortiert und chaotisch, da einzelne Handlungsstränge eröffnet, aber nicht fortgesetzt werden (z.B. Alphas Begegnung mit dem Polizisten Rivers). Hierdurch hatte ich das Gefühl, dass die Geschichte für meinen Geschmack zu viel Zeit benötigt, um in Gang zu kommen, wodurch ich eine Weile gebraucht habe, um mich einzufinden und anzukommen. Auch die Spannung lässt zunächst auf sich warten. Darüber hinaus konzentriert sich die Handlung mehr auf die zwischenmenschlichen Teenie-Probleme. Ihre innere Zerrissenheit zwischen Nate und Aaron hätte dennoch für mich noch intensiver und herzzerreißender sein können. Die Thronfolge, Politik&Co werden eher stiefmütterlich behandelt, weshalb mich die gesamte Geschichte mehr an „Plötzlich Prinzessin“ erinnert und mehr gemein hat mit den romantischen, kitschigen Filmen zur Weihnachtszeit als einem hochspannenden royalen Roman mit Intrigen, den ich mir erhofft hatte. Zu offensichtlich war mir ferner, dass Alpha die Thronerbin von Gelaria sein muss. Dennoch ist es der Autorin extrem gut gelungen, stets Verwirrung zu stiften und den Leser bis zuletzt im Unklaren zu lassen, wer in diesem Spiel gut und böse ist. Hierdurch entstand ab der Hälfte des Buches ein großes Rätselraten und auch die zuvor vermisste Spannung kam auf. Man versucht, keinem der Charaktere zu vertrauen. Dieses Misstrauen bewirkte bei mir jedoch auch viel Distanz zu den Charakteren und sorgte dafür, dass ich mich in der Geschichte nicht 100%ig einfühlen konnte.

Eigentlich hat die Geschichte viel Potential, sie wirkt insgesamt aber etwas unausgegoren auf mich, da sie insbesondere in Bezug auf Land, Regierung, Bürger, Politik&Co zu sehr an der Oberfläche kratzt. Auch verhalten sich einzelne Charaktere sehr widersprüchlich und wirken damit auf mich zu oberflächlich ausgearbeitet. So würde ich insbesondere der Hauptfigur Alpha das Regieren eines Landes nicht zutrauen. Die angekündigte starke und mutige Protagonistin konnte ich so leider nicht empfinden, ich hatte eher den Eindruck einer zwar direkten und offenen, aber auch noch sehr jungen und blauäugigen, teilweise fast naiven Person. Auch die Motive und ausbleibenden Handlungen der Großmutter, die einerseits als „überfürsorglich“ beschrieben wird, dann aber nicht nach der Enkeltochter sucht, die sich aus dem Haus stiehlt, obwohl sie kurz zuvor einem Mordanschlag ausweichen konnte, sind mir unerklärlich und inkonsequent. Aaron hätte für mich der „Star“ des Buches sein können. Zur Hälfte des Buches war ich wirklich begeistert von ihm, doch der nachfolgende Fall aus allen Wolken war leider hart. Da hatte ich mich wohl zu früh verguckt. ;) Er wirkt in der Zusammenschau durch seine diversen widersprüchlichen Handlungen (insbesondere die Liaison mit Li, die er aus Trotz eingeht und trotzdem behauptet, er sei unsterblich in Alpha verliebt; die späte Aussprache; die Wahrheit und eine klare Warnung auszusprechen, bevor Alpha sich auf der Pressekonferenz in Gefahr begibt; etc.) zuletzt leider unglaubhaft, unreif und hat sich in meinen Augen ins Abseits gestellt. Auch, wenn er vermeintlich versucht, das Richtige zu tun, hätte er bei mir alle Chancen verspielt. Da ist meine persönliche Einstellung und Geschmack sicherlich eher streng.



Fazit: Insgesamt habe ich deutlich mehr Tiefgang erwartet. Nichtsdestotrotz ist der Roman niedlich, unterhaltsam und kurzweilig. Da Band 1 mit einem Cliffhanger endet, möchte man eigentlich ganz gerne wissen wie es aus- bzw. weiter geht.

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Veröffentlicht am 17.04.2021

Eine düstere, märchenhafte Trilogie, die nicht mehr aus den Händen gelegt werden kann

Winters zerbrechlicher Fluch
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„Winters zerbrechlicher Fluch“ ist eine düstere Adaptation des klassischen Cinderella-Märchens. Im Vordergrund steht dabei die Protagonistin Mary aus Athos, die mit dem Kronprinzen Duncan von Maywater ...

„Winters zerbrechlicher Fluch“ ist eine düstere Adaptation des klassischen Cinderella-Märchens. Im Vordergrund steht dabei die Protagonistin Mary aus Athos, die mit dem Kronprinzen Duncan von Maywater verheiratet werden soll. Auf dem Ball, an dem die Verlobung öffentlich gemacht werden soll, taucht jedoch plötzlich ein geheimnisvolles Mädchen in einem wunderschönen Kleid auf. Der Kronprinz ist sofort verzaubert und würdigt die am Boden zerstörte Mary keines Blickes. Am Ende der Nacht ist die schöne Unbekannte, namens Cinderella, jedoch verschwunden und hinterlässt nur einen gläsernen Schuh. Entschlossen, dem Schicksal Einhalt zu gebieten, versucht Mary diesen zu zerstören. Der erste Versuch verläuft jedoch erfolglos und so bleibt Mary nichts anderes, als den Schuh zu stehlen und damit zu verschwinden, womit sie den Lauf der Geschichte behindert und nachfolgend erschütternde Ereignisse auslöst...
„Winters zerbrechlicher Fluch (1)“ ist mit „Frühlings Tod (2)“ und „Herbst im Blut (3)“ eine zusammenhängende Trilogie einer hochspannenden und faszinierenden Neuinterpretation des Cinderella-Märchens. Erwartet habe ich ein Märchen rund um die Person, die der Prinz im Anblick von Cinderella verschmäht. Stattdessen wurde ich von einer völlig neuen und andersartigen Version in den Bann gezogen, in der viele weitere Märchen zu einem Gesamtbild verwoben werden, sodass eine völlig eigenständige für sich stehende Geschichte mit einer eigenen mystischen Fantasiewelt entsteht.
Hierbei steht Protagonistin Mary stets im Vordergrund und der Leser wird zunächst vorwiegend in ihren Wissensstand eingeführt. Stilistisch gibt es von Beginn an jedoch sehr viele Perspektivenwechsel zu den verschiedensten Handelnden, wodurch der Leser nach und nach Einblicke in die Sichtweisen und Ziele der weiteren Parteien erhält. Obwohl ich die Perspektivenwechsel grundsätzlich als sehr lebhaft und spannend empfunden habe, hatte ich zu Beginn noch Probleme diesen zu folgen, da man die Charaktere noch zu wenig kennt und die Geschichte hierdurch teilweise unruhig wirkte. Somit verlor ich als Leser von Beginn an den roten Faden. Dies milderte sich aber mit Fortschreiten der Geschichte und zuletzt habe ich es sehr genossen, die Handlung aus den verschiedensten Blickwinkeln zu erhalten. Hierdurch wurden mir einzelne Figuren auch sehr viel nähergebracht als es eine Geschichte aus nur einer Perspektive schaffen kann.
Insgesamt dauert es sehr lange, bis es zur Auflösung der vielen Handlungsstränge und Motive kommt. Erst ab der Hälfte der Trilogie wird der Leser stückchenweise mit Informationen gefüttert, wer gut/böse ist bzw. welches Ziel verfolgt und was sich hinter allem verbirgt. Obwohl man sich sehr schnell mitten im Geschehen befindet und die Dramatik immens ist, verbleibt durch die mangelnde Kenntnis an Hintergrundinformationen und das "im Dunkeln gelassen werden" lange ein großes Fragezeichen. Bei mir entstand dabei das Gefühl, sich vom Wissenstand her eigentlich noch in der Vorgeschichte/dem Prolog/im Aufbau der Geschichte zu befinden. Gleichzeitig erhöht dies aber den Nervenkitzel und man hat das Gefühl, unbedingt weiterlesen zu müssen. Oft konnte ich das Buch nicht mehr aus den Händen legen. Durch die vielen Charaktere und ihre Handlungen findet sich in diesem Werk ein Potpourri an Emotionen (Spannung, Thrill, Sehnsucht, Trauer, Chaos, Ekel, Melancholie, aber auch Hoffnung und Romantik), sodass ich als Leser immer wieder erneut ans Buch gefesselt wurde.
Der Sprachstil ist sehr flüssig und angenehm und hat mich ab Seite 1 in den Bann gezogen. In die Protagonistin Mary konnte ich mich sehr gut hineinversetzen. So habe ich mit ihr mitgelitten als der Prinz sie verschmäht hat und um ihr Leben im Laufe der Geschichte immer wieder sehr gebangt. Mary vollzieht im Laufe der Geschichte eine große Wandlung. Diese wird von der Autorin sehr authentisch beschrieben und ich habe mich sehr gefreut als Mary von der passiven Marionette zur aktiven, mutigen Protagonistin wurde, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt. Mary wirkte wie verwandelt und hat damit der Geschichte zuletzt noch eine neue Facette gegeben. Besonders verliebt habe ich mich aber in den Jäger, der eine sehr tragische Rolle einnimmt und nicht nur mein Herz im Sturm erobert hat. Insgesamt habe ich immer wieder mit meinen Lieblingsfiguren (zu denen auch Tarek/Phillip und Susann gehören) mitgefiebert und mitgelitten.

Eigentlich bin ich kein großer Fan von blutrünstigen Geschichten. In dieser werden die düsteren Abwege jedoch entweder nur angedeutet oder mit einer Nüchternheit und Distanz beschrieben, sodass ich mich gut mit dem brutalen Anteil abfinden konnte. Nichtsdestotrotz hätte ich auf einige Szenen und Elemente wie die hin und wieder auftauchenden „Splatterelemente“ z. B. die abgetrennten Pferdeköpfe auf der Stadtmauer, verzichten können, da sie auf mich eher überflüssig wirkten und den Eindruck von Chaos und Zerfahrenheit vermittelten, sodass ich hin und wieder den roten Faden verlor.

Um mich besser zurecht- und vor allem auch einzufinden, hätte ich mir von Beginn an ferner mehr direkte Beschreibungen gewünscht, um sofort tiefer in die mystische Fantasiewelt einzutauchen zu können. Örtliche Begebenheiten, die Landschaft, die verschiedenen Reiche und die Gesellschaftsstruktur werden nur portionsweise am Rande beschrieben und ich musste mir als Leser die Informationen gedanklich zusammentragen, was das Gesamtkonstrukt der neuartigen mystischen Fantasiewelt schmälert. Diese Szenen und Bilder hätten für mich daher intensiver ausgearbeitet und in mehr Abschnitten behandelt werden können. So wurde zu Beginn mein Eindruck noch verstärkt, in der Handlung der Geschichte außen vor gelassen zu werden. Im Laufe der Geschichte hat sich dies für mich aber gegeben und insbesondere im Teil „Herbst im Blut“ fühlte ich mich nicht nur bei den Charakteren, sondern auch in der Märchenwelt vollends angekommen.

Das Gesamtwerkt mündet zuletzt in einen faszinierenden und spannenden Showdown und bis zur letzten Seite bangte ich um meine Lieblingscharaktere. Die Geschichte erfährt bis zum Schluss so viele überraschende und spektakuläre Wendungen, dass ich mich vor der unglaublichen Fantasie der Autorin nur verneigen kann! Auch das für mich sehr emotionale Ende hinterließ bei mir einen bittersüßen Nachgeschmack und Tränen in den Augen.

Zusammenfassend handelt es sich um eine düstere, nahezu blutrünstige Version des Cinderella-Märchens, bei der die Spannung stets extrem hoch verbleibt und ab Seite 1 das Buch kaum noch aus den Händen gelegt werden kann. Auch wenn der Leser lange im Dunkeln tappt und für mich einzelne Szenen zugunsten des roten Fadens hätten gestrichen werden können:, sobald man sich an dies und die Erzählweise gewöhnt hat, bietet diese Romanreihe eine überraschende, fesselnde und fantasievolle Geschichte zum Mitfiebern, -zittern und -weinen, die so viel mehr ist als „nur“ eine Märchenadaptation! Außergewöhnlich, andersartig und damit absolut lesenswert!

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