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Veröffentlicht am 14.05.2021

„Die Hölle fängt erst später an“ // Wie überlebt die Psyche ein Trauma

Trauma - Kein Entkommen
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Ein Trauma lässt sich nicht austricksen, es gelangt immer an die Oberfläche und die Folgen sind heftig.

– Gelungen, aber der Autor muss eine Schippe drauflegen! –

Kein Blutspektakel, sondern große ...

Ein Trauma lässt sich nicht austricksen, es gelangt immer an die Oberfläche und die Folgen sind heftig.

– Gelungen, aber der Autor muss eine Schippe drauflegen! –

Kein Blutspektakel, sondern große Psychobühne.





München, im schwülheißen August, heutiger Zeit

Ein zunächst unbekannter Toter wird aus einem Baggersee gefischt - Nichtschwimmer. Ein zweiter erstickte in einem Kühlschrank im Wald – Apnoetaucher. Nach dem Fachurteil der Gerichtsmedizin und eines renommierten Trauma-Psychoanalytikers wie Bestsellerautors handele es sich bei beiden Männern, vormals durch Unfälle traumatisierte, um unabhängige Suizide. Katja Sand, Hauptkommissarin der Münchner Kripo, hegt jedoch Zweifel, erahnt Zusammenhänge und läßt nicht locker. Spielt ein vertuschter Skandal um eine auf einem deutschen Marinekriegsschiff Verstorbene eine weitausuferndere Rolle? Oder, gibt es einen noch viel tiefgründigeren Nebenschauplatz? Trotz zunehmender Blockade höherer Instanzen bis zur offiziellen Einstellung offener Untersuchungen stärkt ihr Assistent bei der Mordermittlung, Rudi Dorfmüller, der Mutter eines Teenagers den Rücken, die gerade durch diese Fälle ihrem eigenen, verschütteten Geheimnis und dem Grauen dahinter immer näher zu kommen scheint…

Wird Katjas unermüdliche Spurensuche auf dem Weg zur Wahrheit sie die berufliche Karriere, oder gar das Leben kosten?

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Hinweis: In dieser Rezension wird „Täter/in“ nicht gespoilert, sondern als „Person X“ bezeichnet.

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Katja Sand, Ende 30, ist eine erfolgreiche Kriminalkommissarin, die zum Schutz ihrer geliebten 15jährigen Tochter Jenny auch Grenzen überschreitet, in Selbstzweifel über ihre Rolle als gute Mutter treibt und selbst in einer gestörten Beziehung zu ihrer eigenen Mama Monika lebt. Drei Generationen, eine kleine Familie, die durch Katjas verborgenes Trauma gänzlich auseinanderzubrechen droht - denn Katjas Bewusstsein führt Krieg mit ihrem Unterbewusstsein…

24/7 lang ist Katja in Gedanken bei ihren Fällen, sie versetzt sich in Opfer und Täter hinein, verschmilzt regelrecht mit ihnen. Warum Menschen andere Menschen töten, das will sie ausgraben. Ihrem Instinkt vertraut sie dabei mehr als den Indizien. Die Toten werden wieder lebendig, das Leid der Opfer bekommt hier ein Gesicht, auch ihre Dämonen und die der Zeugen, Ermittler und Täter. Die aktuell tiefe Beschäftigung mit den Traumata gebeutelten Ermordeten entwickeln sich zum Trigger - Katjas eigenes Trauma erwacht.

S.266: „Plötzlich weiß sie, warum die Ermittlungen sie emotional so mitgenommen haben. Die Parallelen sind offensichtlich (…) Mitten hinein in die Untiefen ihrer eigenen Geschichte. Sie hat geahnt, dass sie sich am Grund dieses Abgrundes selbst sehen würde. Und hat weggeschaut. Weil sie spürte, dass das, was sie dort unten sehen würde, mehr war, als sie ertragen konnte.“

Katja Sand, die alles mit sich alleine auszumachen sucht und in ständigem Bereitschaftsdienst keine Zeit für ihre Tochter findet, hat enorme Schwierigkeiten, trotz ihrer Liebe zu ihrem Kind, ein inniges Verhältnis zu Jenny zu errichten. Als langjährige Polizistin schafft sie es noch nicht einmal, so früh wie möglich ausgiebigst über Rauschmittel aufzuklären. Ein Rätsel bleibt Jenny für sie, genauso wie Katja ihr eines ist ( – und für mich zudem, warum Katja keine Berührungen ihrer Mutter ertragen kann.) Warum das so ist, liegt an dem in Katja so vehement verschlossenen Trauma, dessen arkaner Kern sehr zügig vom Lesepublikum erschlossen werden kann und im weiteren Verlauf immer wieder mal unterschwellig bestätigt wird. (Somit könnten auch Leser, die keine Anhänger von Reihen sind, mit einem gewissen Abschluss zufrieden das Buch verlassen - oder, sie wandeln sich erst recht dazu, zu Serienfans 😉 um in voller Gänze Katjas Trauma-Auffaltung dann mit den beiden Folgebänden aufzuspüren, noch dazu mit DEM Cliffhanger und der Leseprobe zu Teil 2 auf den letzten Seiten.)



Wie hart es ist, Job und Privatleben unter einen Hut zu bekommen, was oft gerade im Beruf von Kriminalern in Abschottung und Zerrissenheit endet, wird mit der Hauptkommissarin und Holger Fink vom Drogendezernat nur all zu deutlich vom Autor dargelegt. Der Fink, sympathisch und Dad, wird nur flink vorgestellt - dafür mit bleibendem Eindruck; ihn wünscht man sich in einer tragenderen Rolle in den Fortsetzungen - aber nur, wenn er sich zwischenzeitlich von seiner fremdgehenden Frau scheiden lässt.




Der baumlange Rudi Dorfmüller, Anfang 30, ist eine Marke für sich; durch seinen trockenen Humor, seine ganz eigene Art nach anderen Ansätzen zu forschen und sein aufgeschlossenes Wesen vermag er die Düsternis dieses Thrillkrimis aufzulockern. Die eingestreuten Running Gag Szenen um den verehrten Ford Granada, Duftbäumchen und seinen Parka sind so schmunzelig, dass man sie sich nicht entgehen lassen sollte.

Verblüffend und erklärungslosbleibend, wie gut der Kollege die oft gereizte Katja kennt, obwohl er seit erst zwei Jahren mit ihr zusammenarbeitet, wie er die doch so Verschlossene so treffend zu lesen vermag, sein blindes Verständnis für ihr Seelenleben und welch Schlagabtausch durch seine schnelle Auffassungsgabe sich ergibt. Ihre etwas schroffe Reserviertheit läßt er an sich abperlen, weiß er doch, was wirklich dahinter steckt, überhaupt nimmt er Dinge nie persönlich. Beeindruckend auch seine Loyalität und unbedingte Verlässlichkeit.

Darum ist es ein wenig enttäuschend, dass er beinahe eher zum Sidekick verkommt, weil ein intensiverer Blick in ihn verwehrt wird, obwohl doch der Autor, und das macht dieses Buch dahingehend besonders, allweil, selbst in Randfiguren, Seelenschauen vornimmt. Nichtsdestotrotz hat Herr Wortberg ein sympathisches, eingespieltes Ermittlerduo erschaffen, das durch sein freundschaftlich(-tratzend)es Teamwork besticht. Beide brennen für ihren Beruf, auf ihre gegensätzliche (Vorgehens)weise und ergänzen sich gerade dadurch.



+ + + +

Die Ereignisse um den Kriminalfall kommen nur langsam in Fahrt und scheinen nicht wirklich im Vordergrund zu stehen. Die andere Hälfte der Story bildet Katjas Vergangenheit (über das katastrophale Intermezzo daraus erfährt man nichts, aber zwischen den Zeilen gewissermaßen schon), ihre Probleme mit Tochter und Mutter, über die sie mit keinem reden kann. Fast zu viel Privates, dass man sich erst mal etwas wundert, wo die Fallakten bleiben. Besonders die, m.E. teilweise überflüssigen Erzähletappen um den Ex-Verlobten Peter Schäfer, der doch bereits in neuer Familientracht glücklich lebt, und nix mit Katjas Tochter zu tun hat (, oder sollte ich mich da wirklich irren?). Selbstverständlich ist es wichtig auch diese Natur eines Traumas auszuloten, und das bilden diese Szenen ab, den vernichtenden Einschlag, der den Lebensweg mit sämtlichen Planungen komplett über den Haufen wirft. Generell ist es wunderbar, dass wir die Ermittlerin Katja immer besser kennenlernen, aber ein eher austarierteres Gleichgewicht zwischen beiden Welten (einfach mehr zum Fall und an Ermittlungsarbeit) wäre willkommener gewesen.

Was bei Katjas Privatleben und Seelenleid nämlich frustieren lassen kann, gerade weil es so viel Platz in Anspruch nimmt, oder sagen wir besser, es sich dadurch hinzieht, ist, dass der Schatten, der sie verfolgt, das was in ihrem Unterbewusstsein weggeschlossen ist, (ein Waterloo, welches sie vor 15 Jahren erlebt und ihr Leben verändert hatte), für aufmerksame Leser sehr wohl und recht bald ersichtlich wird, (wenn auch nicht in genauer Ausführlichkeit). Gleichzeitig aber der Katja auch im Laufe des Buches es einfach nicht gelingen mag, sich dazu ein wenig konturierter zu äußern, was schon verständlich ist durch die Trauma-Tragweite (das will der Autor ja zeigen), dennoch dieses Gräuel, bzw. der Zementkokon drumherum nur spärlich Haarrisse bekommt, durch die kurz gelinst werden könnte.

Katjas Entwicklung ist nicht wirklich da und sehr ausgebremst. Eventuell hätte ein Einflechten von mehr Nachtmahr und Mini-Flashbacks dem Abhilfe schaffen können? Oder gerade im Showdown des Buches, das ist fast ein Versäumnis(!) vom Autor, wo Katja mit „Person-X“ konfrontiert ist, da hätten doch noch viel tiefergeschachtet ausgearbeitete Parallelen zwischen den beiden für sie ihre Dunkelheit entdichten können. Denn darauf, was Katja und „X“ verbindet, die Verzweiflung und Zerrüttung auf beiden Seiten, weist der Autor immer wieder mal hin.

+ + + +

Erstaunlich, wie recht bald man sich über d i e „Person X“ klar wird, die hinter den so merkwürdig und gewaltsam ums Leben gekommenen Tatopfern, die in der Nach- & Gegenüberstellung mit ihren aufgetriggerten Traumata sterben, stecken muss - wobei das genaue Motiv dahinter das eigentliche Rätsel ist, das es zu ergründen gilt, über das man länger grübelt und erst im Ausgang sich herausschält. Das ist allerdings gar nicht übel, mich hatte es jedenfalls erfreut, einmal „X“ herausbekommen zu haben, ohne bis auf die allerletzte Seite warten zu müssen oder erst nach zig Twists aufgeklärt zu werden. Somit konnte sich dann auch voll auf das Motiv, und Schwerpunkt dieses Buches, konzentriert werden.

S.210: „die innere und die äußere Welt von Traumapatienten [sind] oft völlig auseinangergedriftet (…). In der äußeren Welt funktionieren sie perfekt, ihre innere ist nur noch eine Trümmerlandschaft, in der Chaos, Krieg und Zerstörung herrschen.“ (Dr. Alexander Hanning)



Das Buch hat 46 Kapitel (auf ca. 350 Seiten), und ist in drei Teile gegliedert; jeder Part ist betitelt mit einem anderen Element („Wasser“ – „Eis“ – „Feuer“) sowie mit einem Vorspann versehen. Die Geschichte in diesen ‚vorangestellten Einschüben‘ erzählt in ihrer kontinuierlichen Rückschau vom Martyrium, dem ein 3jähriges Kind mit seiner Mutter ausgesetzt war. Diese kurzen Passagen sind (zusammen mit dem Showdown) der Kategorie Thriller zuzuordnen und einfach nur fürchterlich und erschüttern. Man möchte wahrlich die Augen schließen, um nicht weiterlesen zu müssen. (Der Schrei nach der Mama am Schluss ging mir durch Mark und Bein). En gros läßt sich der Lesestoff aber wohl eher in die Kategorie Krimi/Roman/Psychologie verorten.

Eine zeitlich genaue Bestimmung oder Namen fehlen dieser ‚Rückblende‘-Shortstory, und dennoch erschließt sich dem Leser nach und nach, und gen Ende ganz exakt, was es mit ihr auf sich hat.




Erst nach Lektüre v. Bd. 2 und 3 im Gesamtbild wird sich womöglich Bd. 1 gerechter beurteilen lassen?! Dafür sind die Charaktere so lebendig und authentisch von Christoph Wortberg angelegt, dass sich einem beim Lesen die Szenen wie beim Verfolgen einer Vorabendkrimisendung im TV regelrecht vor dem inneren Auge abspulen. Die TRAUMA-Reihe in einer Kurzserie auf Leinwand verewigt - das wäre dem Autor wirklich nur zu wünschen, mit Katrin Klewitz als Idealbesetzung für die Protagonistin 😉



Beiseite, obwohl die Deutsche Marine für unseren Krimi nur eine untergeordnete Rolle spielt, hat Christoph Wortberg in einem Nebenzweig ein kleines Denkmal zurückgelassen, denn Assoziationen zu Jenny Böken/dem Gorch Fock-Skandal sind unweigerlich da, und sie und ihr ungesühntes Leiden werden hiermit niemals in Vergessenheit geraten. Was auch dieser Fall (um Eva Frey) in Katja anrührt, ist wichtig zu verstehen.



Die Darlegung (durch Dr.Hofer) der psychischen Implikationen, die ein Lawinenverschütteter erlebt, und der Techniken, die ein Marinetaucher anwenden würde als ein solcher, sind sehr aufschlussreich.👍

Überhaupt die Auseinandersetzung mit der Frage: Gibt es Strategien und kann das Gehirn darauf programmiert werden, Traumata von sich fernzuhalten, zumindest auf der Bewusstseinsebene?




Kritikpunkte/Unzureichendes:

Auffallend im Schreibstil: Kurze Sätze, wie abgehackt, Steno-mäßig, die anfangs erst mal gewöhnungsbedürftig sind, finden sich immer wieder absatzweise ein. Der Autor hämmert teils die Sätze in einem dichten Staccato raus, als ob ja nichts für einen Rapport vergessen werden sollte; zwischenzeitlich ist das schon auch perfekt, auf den Punkt, kein Wort zuviel und jedes einzelne davon akkurat besetzt, allerdings schaffen diese präzisen Sezierschnitte ab und an Stockungen im Lesefluss und v.a. Distanz, künstliche Kühle. Womöglich sogar absichtlich(?), wird doch Ausgrenzung von Gefühlen und Kontrolliertheit einiger Personen damit, in der Satzmelodie, die keine ist, wiedergespiegelt, od., z.B. bei den Einzelsequenzen um das Kind-aus-häuslicher-Gewalt, da verkörpert diese verstörende Arrhythmie fast schon schmerzhafte Schläge, es läuft einem kalt den Rücken herunter. Es legt sich mit der Zeit. Ansonsten sorgen viele Dialoge für ausgleichende Abwechslung.

😕⚓🤔

Zur „Person X“:

Warum gerade und ausgerechnet jetzt? Warum kam es nicht schon vorher zu einem Morden – das wurde nicht geklärt. Der Tathergang an sich, im Ausgang: so lala, nix genaues weiß man nicht. Ebenso: Warum eine Überprüfung von Alibis der speziellen Person einfach unterlassen, sie noch nicht mal als Hauptverdächtigte:r ins Visier zunehmen angeordnet wurde. Und, wie ein Jaguar, der kein Kombi ist, einen gr.Kühlschrank befördern können – oder wann „X“ so kurzfristig und abgelegen auf dieses dann wohl abgestellte Gerät aufmerksam geworden sein soll? WANN verstarb Ludwig Vogel in der Haft? (Wäre es erst unlängst gewesen, könnten die Artikel darüber in den Zeitungen der Auslöser zu den Taten gewesen sein…).

Das Finale nimmt beinahe zu schnell an Tempo auf und wird zu rasch zum Ende gebracht. Denn, es folgen so gar keine nachbetrachtenden Statements dazu von „Person X“.

Ob jeweils eine volle Mordabsicht vorlag, eine eingehendere Analyse dazu, das hätte doch noch drin sein müssen!, das war mir zu übereilt abgeschlossen, v.a. bei DER Akribie, die der Autor stellenweise betreibt. Diese muss dann auch durchgängig durchgezogen werden ( -- NUR als Bsp., zum Vgl.: es werden zwei Parfums klassifiziert, genauso der Wein, der Whiskey wiederum bleibt nur Whiskey ohne Produktplazierung, und doch war er so lecker dass alles ausgetrunken wurde -- das passt nicht, auch hier gehört konsequenterweise eine genaue Bezeichnung her, und wenn sie nur erfunden sein sollte.)



Jennys unreife oder trotzige Art (Stichwort: Kiffen) ließ mich kopfwehschüttelnd aufstöhnen, in lauten Seufzern. Genauso wie am Anfang des Buches die beiden Zeugen, die in ihrem Verhältnis zueinander fast schon wieder das der Jenny mit ihrem dealenden Freund wiederholten – das wirkte doppeltgemoppelt.



Mehr Infos, detailliertere Recherche in 'die Marine' (zBsp. Genaueres zu einer Korvette, Einsätze, Strukturen, Auswahlverfahren, …) – das hätte ich bei Kauf-Entscheidung dieses Buchs schon auch erwartet. Zudem läßt die Begrifflichkeit etwas die Stirn runzeln, so ist von Bundesmarine die Rede, seit der Wiedervereinigung ist „Deutsche Marine“ gebräuchlich.



Die Liebe des Autors zu München belegt, dass er keine Ecke noch Stadtteil selbst Straßenader unerwähnt lassen möchte, das läßt Heimweh gleich Wiedersehensfreude aufkommen bei ehemaligen Einwohnern, aber hat stellenweise zu sehr den Charakter eines eingeborenen Taxifahrers, der sich bestens auskennt, oder aus einem Stadtfaltplan zitiert.



*** F A Z I T: ***



Von einem Trauma kann man sich nie befreien, aber es ist unumgänglich, es zu greifen, sich ihm zu stellen, damit man damit leben lernt.

Die Aufklärungsquote der Münchner Mordkommission liegt bei weit 90% - und doch gibt es Fälle, die heute noch auf ihre Antworten warten… der aus Christoph Wortbergs Feder, und im Marine-Milieu scheinbar angesetzte, wird durch Katja Sands Beharrlichkeit und enormen Einfühlungsvermögen gelöst. Hingegen verschanzt sich ihr eigener Albtraum vor ihr noch im Nebel.

WIE SCHWER es ist, an ein Trauma heranzukommen und wie wichtig, dass es gelingt, bildet Hypozentrum dieses Buches. Das Psychogramm der Person, die für die Morde verantwortlich zeichnet, baut der Autor dergewaltig erschreckend nah auf, dass es einem das Herz wie in einer Faust zerdrückt. Dieser Krimi mit Thrill zeugt von True Crime-Charakter, wobei dem Fall nur knapp die Hälfte gewidmet ist, Katja die andere dominiert. Was nicht unbedingt schlecht ist - wären die Ermittlungen und Angeschnittenes nur ausgebaut worden. Weniger Ex, stattdessen eine gründlichere Spiegelbeleuchtung zwischen Katja und zur ‚gesuchten mordenden Person‘ - DAS wäre m.E. fesselnder gewesen.



Mit seinem Auftaktband einer Trilogie „TRAUMA: Es gibt kein Entkommen“ versucht sich der Autor wirklich intensiv mit dem komplexen Themenfeld Trauma, einem noch immer weiterhin unterschätzten Krankheitsbild, auseinanderzusetzen, wobei er sogar die Historie einbezieht.

Wem in diesem Zusammenhang Dissoziation und Reinszenierungen weniger ein Begriff sein sollte, wen die Frage umtreibt, inwiefern ein Trauma überhaupt bewältigt werden kann, wer sich mit Vor- u. Nachteilen von Resilienz und Schmerzunempfindlichkeit beschäftigen möchte, der erlebt mit diesem Band erste Aufklärung oder könnte zumindest ein sich annäherndes Verständnis dafür entwickeln.



Dass Christoph Wortberg das mit den Folgebänden 2 und 3 toppen wird, erwarte ich mit Spannung - der Grundstock dazu wurde hiermit gelegt.



Bewertung: 3,5 Sterne ⭐️⭐️⭐️ ☆


  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 14.05.2021

Vexierspiel eines unbemerkten Mitbewohners… mit Mordplänen. Makaber!

Der Bewohner
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Untypisch unterhaltsam schwarzhumoriges Lesefutter aus der Gedankenwelt eines zwiegespaltenen Mörders, der plötzlich von begrabenen Emotionen heimgesucht wird; mit traurigen Tiefen-momenten
aber ausbleibendem ...

Untypisch unterhaltsam schwarzhumoriges Lesefutter aus der Gedankenwelt eines zwiegespaltenen Mörders, der plötzlich von begrabenen Emotionen heimgesucht wird; mit traurigen Tiefen-momenten
aber ausbleibendem Wumms.

Beschauliches Schaudern.



+ + + +

Polizeiliche Ermittlungen kommen hier gar nicht zum Tragen, sondern Mittelpunkt bildet der 25jährige zum Serienkiller eskalierte Thomas Brogan, der in einem Zufall-Zufluchtsort, einem mehrzeiligen Reihenhaus, sein (un)heimliches Unwesen treibt – mit tödlichem Ausgang?

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Vor der ihm auf den Fersen haftenden Polizeifahndung findet Brogan Unterschlupf in einem leeren, verlassenen Endreihenhaus. Über den Dachstuhl, der über eine unausgebaute Lücke im Spitz der jeweiligen (also nicht bis zum Dachfist hochgezogen) Trennmauern zu anderen Reihenhäusern Zugang eröffnet (eine in GB u. USA übliche, aus Feuerschutzgründen vorgeschriebene Bauweise), pendelt er unauffällig zwischen den Parteien, um sie auszukundschaften. Im zweiten Haus dieses Reihenblocks logiert die greise Elsie (mit einem tollen Hörgerät!), das dritte im Anschluss wird von einem um die 50 Jahre alten, zeternden Paar samt Ralph bewohnt, und das letzte der über die Dachböden erreichbaren Häuserreihe von den jung verheirateten Fairbrights, Martyn und: Colette! Warum diese smarte Hübsche Thomas in besonders faszinierenden Bann zieht, versucht er zu ergründen… nicht ohne ganz besessen düstere Spielpläne zu entwickeln, um sie in den Wahn zu treiben. Ob er jene auch wirklich bis zum bitteren Schlußakt durchziehen wird?

Denn als sich bei dem Sadist und zynischen Misantrophen aufkeimende Gefühle regen, kämpft sein Alter Ego dagegen an.


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Bei der flüssig-fluffig geschriebenen Geschichte aus der Sicht eines sportiven Gewaltverbrecher-Neulings blättern sich die Seiten wie von selbst - in einem fort und schnell läßt sie sich durchlesen. Im Großen und Ganzen bleibt sie von eher gediegener Spannung im schaurigen Bereich, der auch voyeuristischen Charakter aufweist. Die 15tägige Handlung, die in GB der Gegenwart angesiedelt ist und nach einer zweiwöchigen Mordserie an 10 Personen einsetzt, läuft kontinuierlich durch.

Wie grausam einige Brogans bisheriger Opfer zu Tode gekommen sein müssen, wird nur als angerissene, nichtsdestotrotz aussagekräftige Erwähnungen eingestreut. Nach welchem Kriterium jedoch über die Hälfte davon ausgewählt wurde, wie ‚raffiniert‘ überhaupt seine geliebten Spiele dort verliefen, wird nicht erörtert. Kleinere Rückblenden sind vollkommen harmonisch eingearbeitet und diese wahrlich erschütternden Episoden aus Thomas‘ Kindheit & Jugendzeit erklären sehr gut den Werdegang hin zum verstörten und gebrochenen Psychopathen nebst seiner Motivlage.

Liebe, Gemeinschaft, Freundschaft, Vertrauen sind Brogans bittere Verluste, Nähe und Kommunikation seine Sehnsüchte, aber nun in einer pervertierten und fatalen Version. Sich intensiv mit dem Leiden seiner Opfer zu beschäftigen bietet ihm sadistisches Vergnügen und kaltblütige Ermordung einzigen Ausweg zu einem Überleben, um mit seinen Verletzungen zeitweise zurecht zukommen, weil sie - nach seiner Überzeugung - an die gehen die solche mehr verdienen als er es je tat.


+++ Wahnsinnig zu sein ist für ihn Normalität oder relativ, und Morden gut gegen Langeweile, denn nichts ist tödlicher als permanente Dunkelheit, fehlender Essensnachschub und… Gefühle! +++



Was zum Teufel geht im Kopf eines zerrissenen Mörders vor? Dieses Buch gibt Aufschluss... in skurriler Weise. Denn für einen wie ein Kammerstück wirkenden „Thriller“ sehr untypisch waren witzige Momente bis hin zu Situationskomik, z.Bsp. wenn der Immer-(Lebens-)Hungrige auf der Suche nach Proviant durch diverse Häuserteile schleicht und dabei auf Unvorhergesehenes stößt (auch herrlich, wie treffend Colette die Schlampe Gabrielle beschreibt). Genauso verblüffte oder schockierte der sarkastische Stil, allerdings überstimmt allmählich dieser (oder war es die erschreckende Absenz von Gefühlen wie innige Liebe & Zusammenhalt) aber auch einen erwarteten Ausbau des schlummernden Potenzials, obwohl David Jackson den vielen bösen ‚Spaß‘ sehr wohl in entscheidenden ernsteren Absätzen lobenswert verstummen läßt.

Während des gesamten Buchverlaufs ist der Protagonist, Thomas Brogan, in begleitender Gesellschaft seines Alter Egos und somit nie allein. Er hatte sich eine zweigespaltene Persönlichkeit zugelegt – dieser Prozess hätte noch dezidierter ausgearbeitet werden können. Diese Zweckgemeinschaft befindet sich, mit recht viel schwarzhumorigen Wortwitz, stets im Zwiegespräch, um m.u. Ratschläge zu erteilen, das weitere Vorgehen zu besprechen oder zu kritisieren, wobei der auf zügiges Morden und Selbstschutz drängendere Part vom eher mit Bedacht zurückhaltend u. spielfixierten Handelnden durch Kursivdruck, - wie in einem Gespräch zwischen zwei Menschen,- problemlos unterschieden werden kann.

Damit taucht der Leser nicht nur in des Serienmörders Gedankengänge ein, samt Schlagabtausch, sondern er folgt Brogan wie ein Komplize, ist mit dabei, egal ob auf seinem Beobachtungsposten von Dachböden aus oder seiner Spionagetour per jeweiliger Bodenluke durch 4 Häuser-in-Reihe, in welchen er den individuellen Alltagsablauf und sonstige Gewohnheiten der unterschiedlichen Bewohner bis ins Schlafzimmer ganz aufmerksam registriert, unsichtbar belauscht und darüber seine nächsten Schritte schmiedet und seine Anwesenheit zu verschleiern sucht. Was Thomas dabei alles observiert und Privates entdeckt, kann auch im Leser teils unbändige Neugier erwecken, z.B. auf das von Elsie vorbereitete Geschenk, oder, den brennenden Wunsch zu erfahren, was Colette in ihrem abgeschlossenen, geheimen Schatzkästchen nur verborgen hält.

Nach dem ersten Buchdrittel gebärdete sich Thomas zunehmend als Satanas, einen gefallenen Engel: aus seinem Hinterhalt durch seine ausgediftelten Spielzüge ergötzt sich Brogan daran, Zwietrach zu säen und in das Dunkel der Zweifel zu stürzen, womit die Fairbrights gegeneinander aufgebracht werden sollen. Das konnte mich nicht mitreißen, erinnerte eher an einige Szenen bekannter Filmklassiker (was nicht störte) und entrüstete viel mehr hinsichtl. der angeblichen Liebe zwischen dem Ehepaar.

Zudem wird Colette mit ihrem hadernden Gewissen und womöglichen Selbsttäuschung konfrontiert, Martyns Infamie entblößt. Was wiederum gut war jedoch eher zufällig geschah.

Vor dem eigentlichen finalen Mord will Brogan letztlich Angst schüren und ist in seiner Machtposition erpicht darauf zuzusehen, wie seine Stalkees (miteinander und) mit mentalen wie physischen Schmerz klarkommen und wie sie in ihren schwindenden Augenblicken reagieren, wenn alles schiefzugehen beginnt, wenn vor einander verdeckte Wahrheiten ans Licht gezwungen oder sogar gänzlich in reiner Fiktion(!) konstruiert werden (und spürte hiermit wohl seinem Kindheitstrauma nach).
Und all das basierend auf Thomas Brogans eingebrannten Lebenserfahrung, die da lautet:

„Die Dinge, die ich getan habe, sind nichts im Vergleich zu dem, was ich Paare einander antun gesehen habe.“ (S.344)



Eine Überraschung für mich war die großmütterlich zerbrechliche Elsie, die mir sofort ans Herz wuchs – eine fürsorglich selbstlose, liebevolle Dame, die noch immer ihren seit nun mehr 30 Jahren verstorbenen Sohn so sehr vermisste, und was sie, neben der netten und unschuldigen Colette, beim zynischen Misanthropen Brogan auslöste. Cols Erkenntnisse und Auseinandersetzung mit dem Leben und Tod bei Krankenhausbesuchen hätten noch ersichtlicher aufgearbeitet werden sollen, was aber mit einem verständnislosen, selbstbezogenen und oberflächlichen (Gesprächs-)Partner wie Martyn wohl recht schwer fällt.

Sehr einnehmend war der Umstand, dass ein Fremder im Haus für die Eine plötzlich die eigenen vier Wände nicht mehr leer erscheinen und freudigen Lebenssinn zurückgewinnen läßt, der gleiche für die Andere im vertrauten Heim den eigentlichen wahren Fremden samt Doppelleben entlarvt.

So wie Thomas bei anderen Geister ihrer Vergangenheit wachzurufen versteht, so schließen sich kurzfristig sogar Türen zu seinen eigenen begrabenen Zeiten auf. Und er erlebt, durch für ihn ja vollkommen Fremde, plötzlich aus der Versenkung aufsteigende Momente von ehemaliger Glückseligkeit und solche mit längs abgetöteten verstorbenen Empfindungen. Diese ergreifenden Aufbruchsrisse zu seinem früheren Ich, die mir wie kleine zarte Blümchen durch einen Gletscher hervorlinsten, und die Kraft zu entfalten schienen, geplante, weitere Morde immer wieder aufzuschieben, oder evtl. sogar diesen ganz den Rücken zu kehren, waren für mich das am Allerfesselnste und interessierten mich ungemein; nur wegen diesen las ich weiter und erhoffte mir fokussierende Entwicklung und ein kollossales Ende(, sie zeigten betrüblicherweise im Endeffekt lediglich, SPOILER-Anfang XXX trotz Thomas' einer Verschonung und finalen Innehalten, wie kaputt ein Mensch gemacht werden kann, dass TomB. einsamer Teufel bleibt, der es im Grunde nie mehr aus seinem Fegefeuer schafft).XXX SPOILER-Ende

Es ist dieser ‚Gewissens‘-Clinch der beiden Ichs von dem das Buch zehrt: die eine Persönlichkeit fängt erstaunlicherweise an, sich mit Gefühlen auseinanderzusetzen, will diese auskosten, so viel Stunden wie möglich mit diesen neuen, reaktivierten Regungen erhalten… gleichzeitig dies vor seinem Alter Ego verheimlichen und ausharren auf den perfekten Zeitpunkt zum Ausführen seiner perfiden Pläne. Der andere, der ‚Beschützer‘ und Lebenserhalter, warnt ihn davor, emotionale (Ver)bindungen einzugehen, stichelt dominant, endlich zum mordenden Potte zu kommen, denn Emotionen machen schwach, unsicher und sind für ein Überleben nicht empfehlenswert - das sich Abwenden vom Töten kann den Tod bedeuten. Wer von den beiden wird sich am Ende durchsetzen?


Mit Stellen, die weniger beschönigend, sondern eher direkt formuliert sind, und damit Ekel hervorrufen können, muss gerechnet werden, z.B. wenn auf allen Sinnen, selbst dem hörenden, der biologisch authentische Zersetzungsprozess einer Leiche veranschaulicht wird.


F A Z I T :


Ihre Hölle durch ein intrigantes Mörderspiel ist Thomas Brogans Himmel - doch nie seine Befreiung. Als Nachtlektüre geeignet, sofern man nicht einschlafen möchte, weil einen das Buch einfach nicht ent-läßt. Warum vor dem Zubettgehen stets erst noch schnell Bananen durchgezählt werden sollten, das verrät DER BEWOHNER. Denn, einen Serienmörder als stillen Untermieter im Dachstuhl zu beherbergen ist so unwillkommen wie Geheimnisse aufdeckende Geister zu erwecken. Wer allerdings der WAHRE Fremde im eigenen Heim ist – darauf ist zu achten, und, wie viel schöner es ist, sich gegenseitig wie Geschenke zu behandeln.

Ein sehr untypischer und ungehetzter Thriller - nicht nur wegen der Perspektive, (die eines Psychopathen mit dissoziativer Identitätsstörung), sondern von fast skurrilem Stil: er ist gespickt mit recht viel makaberen Noten, schwarzem Humor, reichlich Wortwitz, und enthält darüber hinaus sogar berührende wie erschütternde Momente voller Vereinsamung und Traurigkeit… und Tote.

Schade, aus dem abgestochenen Ende hätte David Jackson so viel mehr herausholen können, als unterm Strich nur die ernüchternde Gesellschaftskritik: mit WELCHER Selbstverständlichkeit, mit welcher Gefühlskälte, Gewissenlosig- und Gleichgültigkeit so viele Menschen, völlig grundlos und nur aus Selbstsucht, andere verletzen.

Bewertung: 3,5 Sterne ⭐️⭐️⭐️ ☆

Nicht als Klapp-Brochure, sondern nur als einfaches TaBu erhältlich.

Die Hörbuch-Version als ungekürzte Lesung auf 2 MP3-CDs ist bereits erschienen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.06.2020

Die Köchin am Hofe v. CASTAMAR -🥄- Telenovela VOLLER Geheimnisse, Kabalen & Gefälligkeiten

Die Köchin von Castamar
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✰ ✰ ✰ Ein faszinierender Plot – der nur EINE Zutat ist ❕ Ein halbgares Gericht trotz Haute Cuisine ✰ ✰ ✰

La cocinera de Castamar - ❶ Claras Geheimnis


Keine Psychographie, nur flüchtige Momentaufnahmen ...

✰ ✰ ✰ Ein faszinierender Plot – der nur EINE Zutat ist ❕ Ein halbgares Gericht trotz Haute Cuisine ✰ ✰ ✰

La cocinera de Castamar - ❶ Claras Geheimnis




Keine Psychographie, nur flüchtige Momentaufnahmen einer sich anbahnenden Liebe wider aller Gesellschaftsschranken, dafür: Machtkämpfe, unappetitliche Affaires und todbringende Komplotte.

+++++

Bei dem Erfolgsstürmer von der Iberischen Halbinsel handelt es sich wohlgemerkt um e-i-n Werk, welches für den dt. Markt in zwei Bände auseinandergerissen wurde – aus Profitplanung heraus oder untrüglichem Gespür, daß diese nur das Entrée zu einer weitreichenderen Saga etablieren könnten?

Die diversen Handlungsschienen erinnern im Reigen einer Vielzahl von Mitwirkenden samt Aufbau im Tagebuch-Tempo an die typische Struktur von brasilianischen Telenovelas (aus den ~80er Jahren, Bsp. Das Recht zu Lieben).

Der interessante historische Kontext (spanischer Erbfolgekrieg) bleibt dabei sehr verhalten dokumentiert.

Bei der Lektüre dieser Romanhälfte werden dem Leser die Befugniss-Strukturen, anschaulich recherchiert, auf so einem großen, adeligen Gut (der damaligen Zeitepoche) so richtig bewußt, WIE VIELE Personen und in welchem rigiden Ranking ihrer jeweiligen ganz eigenen verantwortl. Fach-Beschäftigung nachgehen (Zahlmeister, Fleischbeschauer, Türwächter der Vorratskammern,…).

+++

Diego:

„Was auch immer mit Euch geschieht, hört niemals auf die falschen Einflüsterer.“

(S. 204)

+++

Clara und Diego sind zwei beeindruckende, fesselnde Charaktere und Menschen von gutem Herzen, begeisterte Schöpfungen von Fernando J. Múñez! Der Autor hat sie liebevoll und eindringlich angelegt, nimmt sich auch ein wenig Zeit, jede Person für sich einzuführen.
Allerdings behält er sie nicht wirklich im Vordergrund, sondern flicht sie dann eher nur ein, und, läßt den Leser trotz üppigen Lesefutters nach Verbindung zu- & Begegnungen mit-einander streckenweise verhungern.

Wie der Duft und die sensationellen Köstlichkeiten Claras Kochzaubers einen schwermütigen Diego aus seiner gefangenen Trauer herauslocken, ihm endlich wieder Lebens-Funken einhauchen und ihn quasi erwecken, aufblühendes Interesse an Clara, dem neuen Mädchen in der Küche – das muß man/frau sich selbst dazu ausmalen, denn das wird lediglich knapp ausgesprochen und bleibt zu oberflächlich; dieser Entwicklungs-Vorgang an sich, eine psychologische Ausarbeitung (Gesinnungsbewegung, Seelenzustand) bleibt der Autor betrüblicherweise dem Zeilenpublikum schuldig.
Ebenso, was genau Diego dazu veranlaßt und ihn umtreibt, in diesen ‚Blitz-Aktionen für Sekunden‘ Claras Nähe aufzusuchen, das interessiert, danach lechzt doch die Leserschaft! Doch der Autor beläßt es einfach dabei, geht sparsam wie nachreichend reduziert darauf ein.
Aus Flash wird auch noch Mr.Unsichtbar in dem Augenblick, in dem Diego Claras Sehnsucht nach Büchern mitbekommt – auch diese Szene wird gar nicht intensiviert, so ist wieder eine wunderbare Gelegenheit zur Bebilderung des Innenlebens vertan.

Natürlich bemüht sich Múñez freilich, eine feinfühlige u. wachsende Anziehung zu vermitteln – aber diese bewegende Stille, diese Spannung zwischen den beiden bleibt einfach unausgelotet, nur angerissen, wie erwähnt; kontinuierliche Auffaltung der Gefühlswelt (was geht in Clara, was in Diego vor) und Tiefe werden sehnlichst vermisst.
Das liegt nicht an dem durch Etikette erzwungenen Standesabstand, und wenn sich Clara & Diego denn mal in seltenen Augenblicken gegenüberstehen, ist das wirklich zartschön von Múñez inszeniert!
Der Autor IST ungeheuer talentiert, er KANN schreiben, kostet aber diese Begabung diesbezügl. nicht zum vollem Bankett aus, reicht nur „Häppchen“: Gedanken & Emotionen wirken wie eine bloße Kurzerzählung, werden gar nicht richtig eruiert und ausgeschöpft.

Der für die dt. Ausgabe hinzugefügte UT „Claras Geheimnis“ ist fehl am Platz, da hier j e d e r mit seinen ganz eigenen verborgenen Geheimnissen aufwartet, welche auch dem Seitenverfolger Kapitel für Kapitel offen gelegt werden.
Einerseits wird Claras Geschichte geliefert, ihre Storyline erfährt rhythmische Verquickung, anderseits, wenn man so will, ein weiterer Erzählstrang, kreiselnd um Doña Alba (die vor 9 Jahren verstorbene Gattin Diegos), die Umstände u. Auswirkungen ihres Todes, allerdings in weitgefächerten Unterverzweigungen und individuellen Handlungsgleisen (Diego, Úrsula, Enrique, Amelia, Doña Sol…).

Einnehmend Zeit beschlagnahmen so Úrsulas striktes Regiment über fast alles und jeden in ihrem hohen Amt als Haushälterin des Hofes von Castamar, die Vereitelung ihres Kontrollverlustes auch hinsichtl. des ranghöheren Majordomus, sowie, Diegos teuflischer Antagonist Enrique Señor Marquis von Soto, die Darstellung dessen Intrigengeflechte, das Wesen seiner Handlangertruppe (Hernaldo von la Marca, El Zurdo) und anderer entscheidenden Strippenpuppen (Amelia, Doña Sol).


Es geht demnach gar nicht vornehmlich um CLARAS GEHEIMNIS, (auch nicht um Diegos Barrieren,) noch wurde es elaboriert und verharrt daher plakativ:
Claras Problematik (Agoraphobie, ihre Panikanfälle, wenn sie aus der Sicherheit geschlossener Räume in weite, offene Plätzen unter freiem Himmel tritt / quasi das Gegenteil zur wohl eher bekannteren Klaustrophobie) wird zwar anfänglich noch bewußt behandelt, dann aber im Buchverlauf wie beiläufig verwebt.
Die paralysierenden Schübe werden sehr wohl sehr gut beschrieben, was diese Angst auslöst, woher sie rührt wird zwar geklärt, dagegen finden eingehende Aufarbeitungspsychologie, ein Prozess, dieser Phobie Herr zu werden und das Trauma zu bewältigen, nicht statt.

Genauso: die mit Spannung erwartete faszinierende Korrespondenz nebst besonderen Form der diskreten Kommunikation erfolgt einmal erst im letzten Buch-Drittel, und wird dann auch noch mager abgespeist. Z.B. nehmen die hochachtungsvoll-süperb formulierten Zeilen des Herzogs aus zwei Briefnotizen, den Geschenken an Clara (historischen Rezeptbüchern) beigelegt, zusammengefaßt gerade mal EINE Seite des gesamten Buches ein.

Da im Laufe des Romans Auflistungen mannigfaltiger Gerichte dem Herunterlesen einer ausgeschmückten Menuekarte eines Gourmetrestaurants gleichkommen, verdunstet auch die Liebe und Passion, die die Figur Clara durchs Kochen ausdrücken soll. Die flammende Berufung zu diesem Job gelingt dem Autor einfach nicht zu transportieren.

Múñez hält sich womögl. mit zu viel Randereignissen, Nebenschauplätzen, skandalösen Affären, bad boys & girls und grausamen Ränken auf, verschenkt an sie gleichberechtigte Gewichtung?! nicht ganz, denn selbst einigen von diesen, mit ihren prima Ansätzen an Kapazität, mangelt es ja teils auch an dichterer Skizzierung
(nur als Bsp.: Diegos geliebter Adoptivbruder Gabriel, dessen Konfrontation mit Rassismus – aber, dieser erhält wahrscheins eh einen eigenen Folge-Band mit Amelia, oder gar sein Spin-Off?
-- ODER-- Das unglaubliche Potenzial der Haushälterin, die nicht an das Gute im Menschen glaubt, hat der Autor verkochen lassen).

Es fehlt simpel zusätzlich ein gutes Tortenstück an Seiten, die sich wirklich nur und einzig um Clara & Diego, getrennt und doch zusammen, und ihre geheimen Botschaften, ihrer Berührung und Nähe trotz Distanz, beschäftigen - sie sind da, aber sind nur irgendwie bündig, diätisch abgehandelt, wie auf das Nötigste beschränkt.
Denn die beiden Hauptdarsteller sollten unbedingt ausgereiftes Kernstück bilden für genügend ausgleichender Gegenkraft zu der Schwere der Vielzahl an Intrigen, um den Lesern ein Mehr an Helle, Liebe, Trost & Lebensfreude zu gewähren.

+++

Gleitendes Lesen geriet ins Holpern durch eine Opulenz an unnötigen Namen und Absätzen, sowie, dem Ungewöhnlichen, daß, statt in elegantem Kursivdruck, persönliche, unausgesprochene Gedankengänge in Anführungszeichen der direkten Rede gesetzt wurden - sogar während zeitgleich geführter Gespräche.

+++

F A Z I T:
Im Stil brasilianischer Telenovelas aus den ca. 80ern, versetzt in die Zeit Philipp V. um 1720. Für Fans von „Das Haus am Eaton Place“, BBC-Literaturverfilmungen und Sterneküchen.

Feste Hierachien und Organisation innerhalb des herzogl. Anwesens, die Stellung der Frau, Diskriminierung, Loyalitäten, Kochschwelgereien, Intrigen und Mordpläne, Verlangen und Wollust… – reichhaltig wird kredenzt.

Warum sich dieser Bd. 1 nicht zu einem grandiosen Lieblingsfestmahl arrangieren konnte? Keine wirkliche Konzentration auf den Fokus: Clara & Diego, das was sich als schlagendes Herz und tragende Genusskomposition einer außergewöhnlichen Saga ersehnt wird (und es sind wahrhaft zwei starke, aufrichtige Persönlichkeiten!), verkommt fast zu zwischengereichten, garnierten Appetizern und wird zu sehr überlagert von Duftschwaden der Gourmetmenüs, Machthunger und brachialem Rachedurst… und das… macht einfach nicht satt.
Kurz:
perfekte Regie diverser Multip(l)ots aufgetischt, doch zu viel fehlen ausführliche Seiten im (Dreh-)Buch besonders zum eigtl. Hauptgang.
Evtl. gewährt die anstehende Verfilmung dem Protagonistenpaar ein erfüllenderes Füllhorn an Handlungsspielraum und v.a. Seelen-Vertiefung!

Bewertung: 3 ½ v. 5 (Michelin) Sternen

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.03.2020

In wieweit läßt sich das Herz manipulieren?

Herzenskälte
3

Kurzmeinung:
solider Thriller um dunkle seelische Abgründe, die Gefühlswelt, Einblicke in eine morbide Subkultur der schwarzen Szene und Lobotomie
☆ Bewertung: 3,5 von 5 Sternen ☆

HERZENSKÄLTE (2014) ...

Kurzmeinung:
solider Thriller um dunkle seelische Abgründe, die Gefühlswelt, Einblicke in eine morbide Subkultur der schwarzen Szene und Lobotomie
☆ Bewertung: 3,5 von 5 Sternen ☆

HERZENSKÄLTE (2014) ist der 2.Band aus der mittlerweile 5 Teile umfassenden Thriller-Fortsetzungsreihe "Ein Fall für Leitner & Grohmann".
Er umfaßt ca. 410 Seiten in 20 Kapiteln.
Vormals bei Egmont LYX erschienen werden künftig alle Bände im Kuneli-Verlag aufgelegt werden. I.Ü. ein ungewöhnlicher Name, der abgewandelt wurde vom griech. "kouneli" = Kaninchen, geliebte Haustiere der Autorin. Ach wie gerne hätte ich ein Verstecktes beim Lesen entdeckt...


+++ zum INHALT – Spoiler möglich --

In einer fiktiven, beschaulichen Kleinstadt im hessischen Spessart, Nähe Hanau:

Am Valentinstag wird eine kürzlich verheiratete Frau in sorgfältig liebevollem Arrangement und perfektem Styling in einem Schaufenster einer Hochzeitsagentur entdeckt – erst auf den zweiten Blick wird ersichtlich: ermordet und... ihr Herz wurde entnommen.
Die nicht immer umgängliche und unkonventionelle Kriminaloberkommissarin JENNIFER Leitner übernimmt zusammen mit dem ruhigen, besonnenen, doch Schreibtischarbeit ächtenden Staatsanwalt OLIVER Grohmann den Fall.
Ein weiterer Mord nach bereits 5 Tagen an einem Mann in komplett anderem und brutalen Szenario, übersäht mit Haßbotschaften auf der Haut und wieder ohne Herz, bestätigt Jennifer, ihre bisherige Taktik und Annahme zu ändern: jetzt wird von einem Ritus, einer gezielten Vorgehensweise mit Muster in der Opferwahl, ausgegangen. Damit ist mit einer aufziehenden Mordserie zu rechnen. Jedoch besteht keinerlei Verbindung zwischen den Toten.
Wird das Ermittlungs-Duo dann überhaupt rechtzeitig den Täter aufspüren können?
Warum sollte der Killer, oder Mörder-Kreis, die Herz-Organe für die Ewigkeit konservieren?
Sind diese Zurschaustellungen der Leichen eine Botschaft? an wen richten sie sich dann?

Als Grohmanns Tochter Hannah durch eine ominöse Schulkollegin in Kontakt mit einer morbiden Subkultur der schwarzen Szene kommt, lernt sie deren gothic-artigen Organisator Jesaja/Tobias samt seiner schwermütigen Schwester Jezebel/Selina kennen, die faszinierend wie gleichzeitig verstörend-düstere Kunstwerke schafft. Eine irritierende Anziehungskraft entwickelt Hannah für Jesaja, nicht für Tobias. Ist dieser Schauplatz wieder nur Sackgasse?


+++ MEINUNG:

Gewicht fällt auf ausführliche Darlegung der einzelnen Schritte im Ablauf zur Polizeiarbeit des Morddezernates. Dadurch mag der Kriminalroman eine der Realität ziemlich nahekommende Relevanz gewinnen und schon Alltag des Kriminalkommissariats authentisch abbilden, verschenkt damit allerdings Tempo und v.a. Raum für weiteren Ausbau und zusätzliche psychologische Tiefe. Ebenso schweift der tatsächliche Thriller-Kern, der eher neuartig, interessant bis fesselnd und schlüssig aufgearbeitet ist, leicht ins Abseits. Nur im Prolog und Kapitel 16 gewinnt der Leser einmal kurzen Blick in die intime Denkweise des Delinquenten.

Abgelenkt und etwas schleppend gestaltet sich die Untersuchung bis zu einem zweiten Mord. Erst als sich ein Anwalt mit gewissen Unterlagen bei dem Ermittlerteam meldet, nehmen die Ermittlungen an rabiderer Fahrt auf und die Mutmaßungen des Psychopathologen (Dr. Rabe) skizzieren sich in Komplexität ab.

Obwohl vornehmlich und rund um die Uhr am Fall mit einem weiteren Ermordeten gearbeitet wird, versteht Saskia Berwein zartfühlend unterrangig auszuarbeiten, wie währenddessen sich Jennifer und Oliver, beide geschieden, auch privat langsam annähern. Hierbei wird zu deren persönlichem Hintergrund und etwas aus den Viten der beiden erzählt, was die zwei tragenden Protagonisten für den Leser greifbarer ausgestaltet.
Somit eher ruhig und solide im Spannungsbogen mit wiederum auch intensiveren und gedichteteren Abschnitten.


+++ KRITIK: -- Spoilerwarnung --

Parallel zur Kriminalhandlung kreuzt Hannah bei Oliver auf - seine 16jährige Tochter, mit der er seit 4 Jahren keinen Kontakt mehr hegte. Doch mit einer freudigen Umarmung wird sie von ihrem Vater nicht empfangen; den erwachsenen Mann [wie alt ist er - um die 40 aufwärts?] umtreiben im Stillen nachtragende Vorwürfen an die damals 12-Jährige(!), ihn (verbal) verletzt zu haben. Über diese Gesinnung eines Elternteils(!) bleibt auch, oder gerade, nach späterer Auflösung zum Warum der Leser kopfschüttelnd zurück. Tragisch, daß mit Mitte des Buches immer noch ein ‚Sich-Öffnen‘ zwischen Vater und Tochter gehemmt bleibt, er nicht weiß, wie er mit ihr umgehen soll und wie es gefühlsmäßig um seine Tochter bestellt ist. Zu welchen Konsequenzen, trotz gedruckster Aussprache, fehlende Bemühungen und wirkliche Kommunikation führen können...

Die zerstörte Vater-Tochter-Beziehung taut nur zögerlich auf, ist sehr lange durchfrostet von HERZENSKÄLTE – dieser Buchtitel durchschwingt als fulminanter Schwerpunkt das gesamte Buch. Einerseits scheint der Serienkiller diese bezwingen zu wollen, hebt sich aber durch absolute eiskalte Gleichgültigkeit ab, andererseits z.B. ‚bemüht‘ sich Jennifer Leitners dienstunfähiger KOK-Polizeipartner Marcel Meyer regelrecht darum, sucht, zuviele Emotionen seit seinem Ehe-Aus mittels Alkoholexzess auszumerzen? (Letzterer scheint zu einer, hier vernachlässigbaren, Rahmenhandlung der Reihe zu gehören, da für Quereinsteiger nicht ganz ersichtlich wird, inwiefern dieser Einschub dienlich sei. Vielleicht sollte damit lediglich die kollegiale zugleich verantwortungsvolle Wesensart Jennifers belichtet werden. Oder simpel, daß Alkoholsucht nicht nur den Menschen sondern polizeiliche Arbeit vernichten kann.)

Erst überraschte und beeindruckte Olivers Sprößling mit ihrer taffen und durchsetzenden Art, bei ihrem Papa unangemeldet einzuziehen, ihn vor faits accomplis zu stellen, mit ultracool durchdachter und zukunftsorientierter Planung, klasse! Allerdings mit ihrem Auftreten, daß sie sich ab und zu JOINTs genehmigt und das vollkommen okay ist, verliert sie total wieder an selbstständigen Charakter, da sie sich ja noch dazu einem, um es generell auszudrücken, ‚Gruppenzwang‘ unterwirft, indem sie sich im weiteren Verlauf der Handlung einem bedeutenden, einschneidenden Akt und damit viel Schmerz entziehen hätte können.

Die seltsam-reglementierte Zustimmung ihres eigenen Vaters zu dieser ihrer Haltung, noch dazu in seiner beruflichen Stellung als erfahrener Staatsanwalt, enttäuschte oder ist einfach nur merkwürdig: sollte denn nicht die Gesundheit seiner Tochter ihm am Herzen liegen! Es handelt sich doch keineswegs um Süßigkeiten (diese Genussmittel sind schlimm genug, können auch schon süchtig u. krank machen); warum das Bedürfnis nach Pot – als Stimmungsaufheller, um Gefühle zu betäuben, Konflikten zu entrinnen, Realitäts/Trauer-Flucht? Und, woher bezieht Hannah ihr Gras?, welches so häufig mit giftigen Stoffen gestreckt wird, mit welchen Leuten pflegt sie Umgang... all das interessiert den Vater da nicht. Und gerade hier (wer sind ihre Freunde) wäre ein Aufmerken des Staatsanwaltes und sein die Tochter in-Kenntnis-zu-setzen, über vorliegende Fakten, von solcher Eminenz gewesen. Dazu entsetzte auch das Gefasel der Kommissarin von ~‘Verbote-bringen-nichts‘ - denn es geht um ausführliche Gespräche, die sehr wohl die Augen schärfen können für womöglich aufschlussreiche Beobachtungen: hätte Hannah von den entscheidenden Infos, die dem Chefermittler vorlagen, gewußt, hätte sie Vorsicht walten lassen, eher ihrem Instinkt folgen, etwas durchschauen, andere warnen und sogar selbst einem Kriminellen raffiniert das Handwerk legen können.


Noch weitere Anmerkung zu dieser Nebenpassage:--- SPOILER --

Daß mal wieder Verlust von Jungfräulichkeit im gedopten Bewußtseinszustand erfolgt, als Abwechslung zu k.o.-Tropfen, schleicht sich als mittlerweile läufige Praxis in sehr viele Bücher ein (Bsp.: Chevy Stevens, 2017: Never let you go - Ich beobachte Dich). Cannabis findet einen zu verharmlosten Stellenwert, wird völlig widerspruchs- wie kritiklos als absolut vertret- und täglich verwendbar eingestuft (siehe auch in viel zu vielen NA-Romanen, im Sinne von ‚es ist halt Mainstream, gibt ja auch Weed-Parties, in immer mehr US-Bundesstaaten erlaubt, ist doch nichts dabei‘). Hier hätte ich mir Mut von der Autorin gewünscht, etwa in einem Satz dem Marihuana-Schmauchen seine Konsum-Selbstverständlichkeit zu nehmen, v.a. weil es sich hier um Jugendliche und keine Schmerzpatienten handelt. Noch dazu spielt ja der Thriller nicht etwa in der Schweiz (ohne strafrechtl.Verfolgung bei Hanfblüten in der Dose, CBD-Gras/Black Widow), sondern eben Deutschland, wo es nun mal, Toleranz-Regelung hin oder her, illegal bleibt!
Oder wenigstens eine neutrale Parteilosigkeit zu vermitteln, um einer Debatte zum Thema ‚Kiffen legalisieren‘ offenes Podium hinsichtl. der Bedenklichkeit und Bedrohlichkeit zu lassen (gute Laune nur mehr per grünem Rausch, Gedächtnisleistungen nehmen ab, Gehirnstrukturen verändern sich nachweislich, Intelligenzminderung ist gegeben, auch eine Gefährlichkeit des Kontroll-Verlustes wie das Abgleiten in die Abhängigkeit sind vorhanden, Einweisung in die Suchtklinik zunehmend die Folge; aber genauso arten selbtverständlich Alkohol, Sex, Essen, Games, Wettspiele, usw.usf. zu oft in Suchtproblematik aus).

+++

Schleichwerbung für Nutella ist nicht gut, z.B. steht ferrero für Kinderarbeit, ausbeuterischen Arbeitsbedingungen auf Hasselnussplantagen. (Dann eher allgemein bleiben, mit z.B. NougatSchokoaufstrich.)

Beim Fluchen bitte nicht ständige Wiederholungen, sondern Abwechslung!

Wie alt sind KOK Leitner und der Chefermittler Grohmann?

Wer ist Gaja? Jennifer Leitners Katze?!

+++

F A Z I T :

Einiges etwas straffer, anderes nicht zu oberflächlich und einfach ausführlicher, tiefgehender – das hätte die volle Punktzahl gebracht.
Lesenswert, da dieser Thriller zum Nachdenken anregen kann, etwa: Ohne die Fähigkeit Emotionen zu entwickeln erfolgt Entfaltung zum Monster, welches anderen deren Gefühle stiehlt, oder, diese ausbeuterisch manipuliert. Wenn in einem nur mehr Leere herrscht, ist man dann nicht schon tot? Anbei: Benebelung statt sich Gefühlen zu stellen, sich mit ihnen auseinander zu setzen.
Verlust der Emotionalität, teilnahmslose Ungerührtheit, kurz: HERZENSKÄLTE führen zu welchen Auswirkungen...



  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.10.2019

Auf MESSERs Schneide: Harry Hole am Scheideweg seines Lebens *GESTÄNDNIS. WAHRHEIT. STRAFE*

Messer
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In Norwegen wurde bereits Jo Nesbøs Debüt von 1997 DER FLEDERMAUSMANN, der Auftakt zur Harry-Hole-Serie, (in Deutschland erst im Juli 2013 veröffentlicht), zum "Bester Krimi des Jahres" gekürt.
International ...

In Norwegen wurde bereits Jo Nesbøs Debüt von 1997 DER FLEDERMAUSMANN, der Auftakt zur Harry-Hole-Serie, (in Deutschland erst im Juli 2013 veröffentlicht), zum "Bester Krimi des Jahres" gekürt.
International gelang dem 1960 in Oslo geborenen und noch heute dort lebenden Schriftsteller mit seinem Kriminalroman ROTKEHLCHEN (der 3.Band um den eigenwilligen Kommissar Harry Hole) der Durchbruch. Nach der Auszeichnung dafür mit dem norwegischen Buchhandelspreis, wurde derselbige sogar 2004 zum besten norwegischen Krimi aller Zeiten gewählt.
Jo Nesbøs erfolgreiche Publikationen, welche selbst mit Kinderbüchern um 'Doktor Proktor' aufwarten, wurden bis heute rund 20 Millionen Mal verkauft, in 47 Sprachen übersetzt.
Allerdings wurde die Verfilmung von DER SCHNEEMANN (Teil 7 aus der Harry-Hole-Reihe), zwar mit Michael Fassbender in der Hauptrolle aber nicht nah genug an der Buchvorlage, in Kritiker-Kreisen mit Skepsis verurteilt.

NUR im ullstein-Verlag ist nun auch der in einer der als erfolgreichsten Krimiserien der Welt ausgelobten Reihe um Ermittler Harry Hole inzwischen brandneue und aktuelle 12.Fall MESSER erschienen.
Weitere Thrillers des von The Times als "Der unumstrittene König des skandinavischen Kriminalromans" gekrönten und von Daily Express als "Weltweit einer der besten Kriminalautoren" klassifizierten Bestsellerautors sind u.a.: DER SOHN; BLOOD ON SNOW Teil 1+2; MACBETH – Blut wird mit Blut bezahlt (ausnahmsweise im Pinguin-Verlag).
Einige seiner hochspannenden Krimis sowie Drehbücher sind bereits verfilmt - hier sei für den statt lese- eher filmbegeisterten Einsteiger in Nesbøs Oeuvre z.B. die Thriller-Verfilmung HEADHUNTERS sehr ans Herz gelegt.

Hinweis: MESSER ist, wie all die anderen Bände, auch als Hörbuch zu erwerben - allerdings nur in gekürzter Lesung von 850 Min. und wirkt sicherlich zum Buch als eine gänsehautbeschwörende Atmosphäre ergänzend.

GESTÄNDNIS. WAHRHEIT. STRAFE.
OSLO: Harry träumt von den einst unsagbar glücklichen Zeiten mit seiner Ehefrau Rakel und den an Sohnes statt angenommenen introvertierten ernsthaften Jungen Oleg. Die wunderbare Beziehung ist kürzlich in traurige Brüche auseinander gegangen, ja vollends vernichtet - ausgelöst wirklich nur aufgrund von Harrys paranoianischen Ängsten und unheilversprechenden Vorahnungen gebeutelt sowie wiederholtem Rückfall in Alkohlexzesse? Svein Finne, ein heute 77jähriger, sadistisch pervers-veranlagter Gewaltverbrecher & Wiederholungstäter, ist zu einer Nemesis Harry Holes transformiert, erst recht seit der nach 20jähriger Haft Entlassene Hole Rache und Vergeltung geschworen hat.
Kürzlich wieder rückfällig geworden in den Suff erwacht Harry in seiner Wohnung: er versucht verzweifelt, sich an die vergangenen Stunden zu erinnern - ihn konsterniert das viele Blut an seiner Hand, an seiner Titanprothese (seinen Ersatz für den Mittelfinger) und seinen Kleidern. Doch da ist rein gar nichts - blos ein merkwürdiges, pures & totales Blackout! Bleibt die von seinem Freund & Arbeitskollegen, dem Kriminaltechniker Bjørn Holm, vorläufig vorgetragene, erklärende Schilderung dazu, ihn total betrunken, nach einer raufenden Auseinadersetzung mit dem neuen Barbesitzer Ringdal zu Hause abgesetzt zu haben, wirklich so schlüssig?

Um den heute knapp 50jährigen Harry Hole steht es absolut nicht gut, denn er ist abgebrannt in jeglicher Beziehung, privat mit seinem Rausschmiß vor 2½ Monaten aus Rakels Haus erst recht wie in einem Burnout verkerkert, finanziell als auch beruflich am Boden. Seit der Trennung von seiner allesgeliebten Gemahlin, in der völligen Todesangst sie zu verlieren und der traurigen Gewissheit, daß etwas passieren würde verharrend, scheint er selbst auf Messers-schneide zu balancieren, seine Exsistenz in seiner Alkoholabhängigkeit und von Albträumen erschüttert, unter Panikattacken leidend nur mehr wie auf einem seidenen Drahtseilakt zu bewerkstelligen.
So ganz versteht er auch (noch) nicht diesen brachialen Schnitt in sein Leben, daß Rakel, nach all den Höhen & Tiefen, nun tatsächlich einen endgültigen Schlußstrich vollzogen hat – aber dem Leser wird es dämmern warum, und die wohl für jederFrau ernüchternde Wahrheit aufgedeckt.

Während seiner aktiven erfolgreichen Polizeikarriere hatte Harry Hole so einige Verbrecher hinter Schloß & Riegel verfrachten können, aber immer noch nicht genug; weiterhin quälen und beschatten frei-umherlaufenden und aus dem Verborgenen handelnde, nie gefaßte Täter, neben deren und neue Opfer, sowie, die im Einsatz getöteten Kollegen, wie Geister der Vergangenheit, zusätzlich sein Gewissen.
Neuerdings zum Oberwachtmeister herabgestuft erledigt Harry, da er sich eben schwer im Griff hat, mittlerweile nur mehr vom Schreibtisch aus alte Akten, Cold Cases, oder, No-Brainer Fälle (also: sich selbst lösende, einfache Verbrechen). Allerdings ist der Ex-Star-Kommissar des Osloer Polizeidistrikts, Spezialermittler im Dezernat für Gewaltverbrechen, der während seiner Ehe letztens als Dozent an die Polizeihochschule wechselte, trotz seiner desolaten seelisch-instabilen Lage immer noch mit höchstem Niveau bei seiner eingefleischten Tätigkeit, mit Schwerpunkt serialer Mordermittlung, bei der Sache: so löst er durch genaue Beobachtung und seinem untrüglichen kriminalistischen Instinkt folgend einen scheinbar bereits eindeutig geschlossenen Fall mit der nun zu einem Geständnis überführten wahren Täterin - um so auch dem Neuleser dieser Serie als einführendes Exempel Harry Holes Genie der Deduktion und sein grandioses Ermittlertalent zu veranschaulichen.

Doch seinem Nachnamen folgend fällt Harry nach solch einer Klärung und Festnagelung der Delinquenten stets selbst in ein schwarzes 'Loch', in eine traurige Leere, nämlich ob der Erkenntnis und Einsicht in die Psyche der Menschen, die sich als Monster entpuppen, erfährt er nicht etwa Genugtuung sondern vielmehr maßlose Enttäuschung. Die Stellung des Täters nach der langen aufreibenden Hatz gibt ihm keine erleichternde Zufriedenheit oder Erlösung, sondern läßt ihn vielmehr zerrisssen in tiefeste Abgründe bitterster Verzweiflung fallen, und, veranlaßt ihn zusätzlich erschreckende Parallelen zu Serientätern zu erkennen, denen es ja ähnlich ergeht wenn bei diesen sich nach dem gewissen Höhepunkt des Mordes eine Antiklimax aufzutun scheint, dem nur mehr mit erneuertem Jagdaufbruch und wiederholter grausamer Tötung entgegengewirkt werden kann.
So folgten dem Alkohol geweihte Tage im Off - die Arbeit als Mordermittler fraß Harry Holes Seele auf.

Wie wird Harry Hole in seiner momentanen psychischen Verfassung nun auch noch auf das bestialische Vergehen an einer ihm geliebten Person endgültig aller Hoffnung beraubt kontern? Wird das eigentliche Ziel, Finne wieder zu verhaften und seiner Verurteilung zuzuführen, bzw. ihn ein für alle Mal zur Strecke zu bringen überhaupt möglich sein? Ist jener HIER überhaupt der verantwortliche Verbrecher? WER ist dann der Täter, die Täterin? Will wer Harry schaden - werden IHM selbst gar Fallen aufgestellt, oder, wird er erneut zum Jäger mutieren? Wie wird sich Harry Hole am Sch(n)eidepunkt seines Lebens entscheiden - und wird es diesmal der richtige Weg sein?

„Seit der Steinzeit stechen sich die Menschen gegenseitig ab (...) Die Angst steckt in uns(...) Der Gedanke, dass jemand durch deine Haut dringt, in dich eindringt, das zerstört, was in dir ist. Was dich ausmacht.“

BEWERTUNG:
Der Kriminalroman ist mit 53 Kapiteln zusätzlich in 4 zunehmend kürzer-werdene Abschnitte eingeteilt
(Teil I bis S. 225, Teil II ab Kapitel 24 bis S.419, Teil III ab Kapitel 40 bis S. 529, und Teil IV ab Kapitel 51 bis Ende S.575), und erfährt seine Einleitung in Norwegen im März: ein alter Mann, zwar durch Aphasie (Schlaganfall) motorisch eingeschränkt und sprechunfähig, doch gedanklich voll da und klar, macht zwei bedeutsame Beobachtungen in den Strömen des Gebirgsflußes bzgl. eines zerfledderten und bald gänzlich verwitterten Kleides, zudem, eines dramatischen Autounfalles, in dem Harry Hole zu ertrinken scheint – ob es sich hierbei um einen Rückblick oder eine zukünftige Vorschau handeln mag (?) – versetzt TV-Serienliebhaber in Gedenken an die damals so rätselhaften LOST-Ausstrahlungen, der man grübelnd und diskutierend bis zur nächsten Folge bangte, und die durch ihre Flashbacks wie Flashforwards in die Filmgeschichte einging. Doch hervorragend versteht es Nesbø bis ins Detail die Leserschaft darüber nicht im Dunkeln zu lassen, ob Harry wirklich zu Tode kommt und daß der ursprünglichen Trägerin des Kleides Gerechtigkeit widerfahren wird.

Im Bann dieses anspruchsvoll-wirkenden & fesselnden Pageturners kann der Leser dieses Buch nicht mehr aus der Hand legen, welches sich um Geständnisse, Wahrheiten, die eines Tages ans Licht kommen, und Bestrafung für Betrug handelt (Betrug am anderen, Betrug an der eigenen Seele). Der Verräter lebt ein glückliches Leben während die Verratenen leiden; darüberhinaus wird wie hoch die Hemmschwelle Gewalt auszuüben ist thematisiert, ein zentraler Aspekt ist, daß Töten angeblich helfe sich besser zu fühlen, was das Töten mit einem Menschen machen kann.
Auf PTBS wird ausführlich und sehr gut eingegangen, Rotkreuzorganisationen hilfreich erklärt, Foltermethoden nebst "D & Q (Drawing and quartering)" erläutert. Auch wie manche das Schicksal in skrupellose Hände nehmen und es terrorisierend u. zerstörerisch über andere ausspielen und so über deren Leben/Tod, Glück und Leid einfach bestimmen.

Mit zunehmendem bis zum Ende von Anfang an konstanten Spannungsbogen werden aus ganz unterschiedlichen Perpsektiven die Wege dieses Kriminalfalls einer persönlichen und zerschmetternden Tragödie wie in einem Puzzel aufgearbeitet, die hier zusammenführen auch teils, aber nur momentan, auseinanderdriften, in Sackgassen zu enden scheinen. Auch dem gewieften und erfahrenen Leser könnte es widerfahren, so denn er nicht aufpaßt, sich an mindestens zwei Stellen, v.a. gen Ende, in von Nesbøs verstrickte Finten zu straucheln, die ((Teil I aussen vorgelassen)) dann doch nur kurzfristig ausgelegt sind. (Strenggenommen sind es zu viele Irrwege, Nesbø schien wohl eine diebisch-diabolische Freude daran zu haben, diese einem unvorsichtigen Leser permanent aufzuzweigen, um ihn immer wieder auf Neue ins Bockshorn zu jagen.)
Es ist ein wenig wie ein Abklopfen aller möglichen in Betracht & Verdacht kommenden Personen – wovon selbst Harry nicht ausgeklammert wird, obwohl die Leserschaft ihn als einzigen, gleich und durchgehend, trotz all der belasteten und gegen ihn klagenden Indizien ausschließen zu können meint.
DEN beim intensiv Leser logischen aufkeimend und enthüllenden Lösungsansatz weiß der Autor geschickt in seiner Ausführlichkeit und mittels Ablenkung und banalen Verbrämung auszubremsen, ja wieder auszurangieren und damit vorzeitig zu entwaffnen (jedenfalls ergeht es demjenigen Leser so, der sich von der 'Liebe' blenden läßt).
Wie in einem aus divers-ausgeformten Stecksteinchen zusammengefugten Gemälde erschließt sich nach und nach das schlüssige Gesamtbild, man erhält sehr wohl Antworten, wenn auch nicht alle, trotz zahlreicher anderer Gabelungen und besonders die letzten Etappen und der Ausgang des kriminalistischen Falles läßt das verfolgende Lesepublikum kaum zum Atemholen kommen.

Bravourös-orchestriert finden sich auch einige bereits aus anderen Bänden der Reihe bekannte Nebenfiguren zu einem Wiedersehen ein, dennoch wird dabei ein absoluter Harry-Hole-Serie-NeuEinsteiger trotz bildhaftem Ausbau in einem unproblematisch-flüssigen Schreibstil mit zeitweise berstender Lesespannung beschenkt.
Sicherlich werden den Charakteren (wie die Rechtsmedizinerin Alexandra Sturdza + der mit einem fotografischen Gedächtnis begabte Polizeikommissar-Anwärter Sung-min Larsen) in zukünftigen Fällen noch tragendere Rollen zugewiesen.

Die persönlichen Erfahrungen und Präferenzen des Autors hinsichlich des in der Krimistory eingewebten Musikfächers (er selbst war ja u.a. Gitarrist & Sänger der erfolgreichen norwegischen Band „Di Derre“/dt.: 'die da') liefern dem Leser kleine, entscheidende Hinweise (auf die Platten, bzw. einsortierten Titel und ihre lyrics sind deshalb zu achten).

NEGATIVPUNKTE ►►► SPOILER-ANFANG ⚠
Was mich 1½ Sterne abzuziehen veranlaßte, ist der Umstand, daß gleich FÜNF Frauen sich gewissenlos an verheiratete Männer ‘ranschmeißen und jene auch noch wie selbstverständlich dem nachgeben, gerne zu Seitensprüngen, heimlichen Sexualbeziehungen ohne jegliche Bedenken einstimmen. Kein einziger Lichtblick, nicht mal ein Paar in dem Wälzer von Buch das ein bißchen was Motivierendes aufleuchten läßt. Warum muß es ein verheirateter Mann, auch noch mit Kindern, sein? es sind doch nicht die einzigen auf dieser Welt, es gibt doch noch so viele andere, freie, nette Männer. Warum nicht TREU bleiben, einfach nein sagen, beim JA zur eigenen Auserwählten bleiben?! ((Nein, es ist nicht selbstverständlich noch normal, seine Gattin/seinen Gatten dir nichts mir nichts zu betrügen. Treue sollte ernst genommen werden, oder, bitteschön, so aufrichtig sein u. einfach von vornherein zu einem promiskuitiven Lebensstil stehen, und erst gar nicht ein saloppes Versprechen vor dem Seelenverwandten oder noch sogar vor Gott abgeben; wenigstens so fair sollte man/frau sein, der/dem bisherigen Partnerin/Partner mit RESPEKT zu begegnen und VORHER, VOR einem Betrug reinen Tisch zu machen, um eine Trennung zu bitten, ohne sie/ihn ERST lange zu hintergehen, zu belügen.))
!! Denn, wäre manN treu geblieben, wäre dieser Krimi nicht so dermaßen tragisch!!
Und zum Zweiten:
Warum Harry Hole DIE zwei entscheidenden Vorkomnisse der vergangenen Monate dermaßen VERDRÄNGT und aus seinem Gedächtnis komplett ausgesperrt hatte, ((da die Wahrheit so unerträglich ist?! aufgrund Auswirkungen seiner PTBS?! der Schock darüber läßt ihn wie Bianca ausblenden!! überhaupt: wie kann Harry sich selbst als Rakels Mörder in Betracht ziehen, warum kennt er sich so schlecht?// er hat es, -seinen Betrug-, unterbewußt?, mit Absicht! getan, weil er sie, das einzig Gute in seinem Leben, gar nicht verdient, weil er ihr unwürdig sei - alsSelbstbestrafung??)), auf diese Klärung, die genaue Aufschlüsselung, den psychologischen Tiefenhintergrund, DAS Ausschlaggebende schlechthin, daß er sich diesen beiden nicht stellt, keine einzige Entschuldigung, oder irgendetwas (!) dazu, verlauten läßt, -sind diese ja die TRIGGER letztenendes für die gesamte Erzählung, (sonst wäre es ja gar nie erst zu diesem Drama gekommen) - bleibt im Finale unausgesprochen! und irritiert deshalb so, weil ja wirklich auf alles andere und explizit in jeder Hinsicht, ausführlich, erläuternd eingegangen wurde.
((Und: etwas entrüstend ist auch, daß er kaum von der Gattin Rakel - seiner einzig großen Liebe - getrennt, (noch nicht mal Scheidung eingereicht), sofort u.a.(!!!) mit einer ihm unsympatischen Frau Sex hat, und, kurz nach Rakels so unerwarteten, entsetzlich blutigen Tod mit jemand anderem schläft -- wäre denn hier, in dieser konzisen Zeitphase, --das Buch spielt ja in einigen Wochen/ca.3 Monaten--, nicht viel eher eine Reaktion in holistischer Trauer, gerade bei ihm und seinen Alkohlausflüchten, zu erwarten?))
Und zum Dritten:
FAZIT:
Daß Harry Hole stockbesoffen noch zum Sexakt überhaupt potent genug ist, damit Ehebruch begeht, obendrein ein Kind zeugt, noch dazu mit der Arbeitskollegin und Frau seines besten Freundes!, und durch diese Untreue den schlimmst widerlichen Verrat an der angeblichen Liebe seines Lebens begeht, diese Respektlosigkeit, ehrlose Verlogenheit ist ein zerstörender Mord an Rakels Seele – wie ein Messer das ins innerste Herz eindringt, und das absolut enttäuschendste, ja fast schändlichste im Buch, das bisher Desaströseste was sich Harry a$Hole geleistet hat – ist ER doch kein Verbrecher, sondern ein sensibler, intensiv denkender Mann. Aber, er war ja betrunken! Katrine ist schuld! (und, überhaupt, die Erkenntnis dazu erfolgt erst später! Auslöser seines Selbstmordversuches war mit nichten DAS sond. der eigene Mordakt-Verdacht an Rakel - und doch beginn er ja quasi Beziehungsmord) Und man mag es nicht fassen, daß H.H. bei all seinem ausgefeiltem kriminalistischen Spürtrieb, -der sieht, was andere nicht sehen,- jetzt erst gen Ende (!) des Buches, wenn auch nach Rakels Tod endlich mal trocken und aus seiner Betäubung aufgewacht, checkt + realisiert, allen anderen war es ja klar, daß Baby Gert sein leiblicher Sohn ist, und er jetzt immer noch nicht eindeutig Stellung bezieht, sondern wie der Serientäter Finne seinen weiteren Schicksalsweg über einen Würfelwurf(!) entscheiden lassen will zeigt auf, wie hoffungslos H.H. verhaftet bleibt, da er nicht mal Angesichts des katastrophalen Mordes an Rakel sein Leben zu verändern vermag. Er bleibt wohl auf ewig Gefangener im Trott seiner Dämonen und seiner selbst damit führerlos. Dieser doofe Würfel auf den letzten Zeilen des Wälzers hat mir auch meine aufblühende Zuversicht hinsichtlich des weiteren, positiven Werdegangs Harrys total zerschlagen, Hader vergällt mir, einen weiteren Band zu Harry Holes neuesten Fällen aufzuschlagen.

Im Ausgang der Erzählung bleibt wohl dann eine der beeindruckensten Charaktere der auch mit dunklen Schatten kämpfende Ex-Militärchef-Oberleutnant der militärischen Spezialeinheit FSK, Roar (The Equalizer) Bohr (Rakels Chef im Nationalen Institut für Menschenrechte; er scheint wenigstens seiner Frau treu zu sein), der Vergewaltigten und Ermordeten oder wie seiner Schwester Bianca dadurch in den Selbstmord-Getriebenen Gerechtigkeit zukommen läßt – wenn auch auf seine ganz eigene, spezifische doch zielsichere Weise.
⚠ SPOILER ENDE ◄◄◄

Nesbö mag sein Handwerk hinsichtlich des verzweigten Krimiaufbaus meisterlich ausführen, sich einer brillierend bildhaften Sprache bedienen und eine zeitweise berstende Lesespannung heraufbeschwören – aber, was bleibt auf der letzten Seite?! Wie der Serientäter Svein Finne läßt Harry Hole, wie stumm und gelähmt gleich dem Alten im Prolog, seinen weiteren Schicksalsweg über einen Würfelwurf(!) entscheiden.
Aufgrund der von Nesbø so beschworenen Liebe ruft die transportierte Message [ es sei in Ordung, dem Laster (Sex-/Mord-trieb,...) zu frönen und gleichzeitig auf der Seele anderer herumzutrampeln // Egoismus pur: sein eigen Glück auf dem Unglück anderer aufbauen // Untreue, Betrug, Verrat, Verantwortungslosigkeit, etc. sind okay ] allerdings übelsbitteren, schalen Nachgeschmack auf. Nach fast 600 Seiten bleibt eine wirkliche Retrospektive, Reflexion, eine abschließende Aussage oder Fazit aus. Dann lieber ein einfacher gestrickten Krimi MIT Statement, Sinn und Charakter (und Reue; Moral täte auch gut).


Für Harry Hole wünsche ich mir sehr, daß er dem Teufel Alkohol zu entsagen endgültig dabei bleibt, um sich am Ende für den nur einzig richtigen Weg zu entscheiden - welcher Verantwortung zu übernehmen und sich einer Zukunft zu stellen, für sein Kind, mit einschließt.

COVER / Buchdesign:
Der 12. Band greift in seiner genialen Buchdeckelgestaltung auf Band 3 ROTKEHLCHEN (an dessen Ende Harry seine große Liebe Rakel Fauke kennenlernt) und Bd. 4 FÄHRTE zurück. Eigentlich schade, daß nicht durchgehend bei jedem Teil der Buchreihe um Harry Hole auf diese "Buchstaben"- Konzept-Form im Layout Wert gelegt wurde, da sich doch, im Regal aufgestellt, ein faszinierend fortlaufendes Aneinandereihen der einzelnen Versale zu einem (norwegischen) Wort nochmals als herausragender Clou und an Spannungsgewinn verdingen könnte.
Auf dem Eyecatcher-Cover des neuen Werkes von Jo Nesbø ist der erste Buchstabe des Titels überdimensional wiedergegeben, wobei sich bereits eine ganze Szenerie in diesem einen Majuskel abspielt: eine eisige, steile und schwer besteigbare Schneegebirgslandschaft, ausgeleuchtet durch Tageslicht und Sonnenschein, wird nur allein von einem Rotfuchs einsam bergabwärts, durchquert, dessen Pfotenspuren im hohen Schnee auftauchen und noch erkennbar sind - Spuren die der Wildhund selbst hinterläßt aber keine Spuren denen er folgt, welche allerdings fast parallel zu Schuhabdrücken verlaufen, wobei der Fuchs selbst und auch aus dem Schnee herauslugende, sehr dunkelgrau scharfkantige Felssteine Schatten werfen.
Spuren im Schnee blitzen auch immer wieder mal während des Kriminalromans in Erscheinung.
Das in der Hauptfarbe Weiß gehaltene "M" hebt sich nebst seiner wundervoll-haptisch reliefartigen Glanz-Ausprägung aus seinem schwarz und dunkelgrau-schraffierten Hintergrund klar hervor. Oben und unten ist das Cover wie mit unregelmäßig aufziehendem Schneereif eingerahmt. Zwei Seiten dieses Anfangsbuchstabens sind jedoch nicht glatt und klar abgeschnitten sondern wirken eher unruhig und geheimnisvoll aufgrund ihrer nebulös aufgeschwaderten Ausformierung, wobei die Ränder dieses Aufrisses, etwas wolkig und feurigflammend oder auch eisflächenklirrend skizziert, leicht mit einem zarten Orangerostlachs eingefärbt sind bzw. dahingehend auslaufen.

Im Lesestoff treten als eingehender ausgeführte Tiere auf: (Braun-)Bären, (Raub-)Vögel, Wüsten-Honigdachse, Schwäne, ein in die Jahre gekommender Spürhund mit fabelhafter Fähigkeit, sowie ein aus der Winterruhe erwachter DACHS als Symboltier für die Dezernatschefin Katrine Bratt oder eher Harry Hole - denn dieses Raubtier aus der Familie der Marder macht Jagd auf alles, wann und wo auch immer es wolle; es frißt alles und kämpft, mit wem auch immer – solch einen Grimbart trügen manche Ermittler in sich, der nicht davon abläßt zu graben.
Davon abgesehen kommt verwirrenderweise ein Fuchs, wie auf dem Cover betont, im Kriminalroman an sich gar nicht vor – vielleicht mag er in der karg und öden Weite der kaltfrostigen Schneelandschaft eines verkarsteten Gebirges, das Sinnbild seiner desolaten Lage, als Symbol für die raffinierte Schläue des Überlisters, Einzelgängers und Antihelden Harry Hole stehen.
In fachlicher Traumanalyse wird jedenfalls 'einen Fuchs sehen' wie folgt gedeutet: man wird einen Heuchler entlarven. Dieses Tier weist auf einen Feind oder bedrohlichen Rivalen unter engen Bekannten hin.

Auf der letzten Seite des Kriminalromans finden sich erfreulicherweise in einer Übersicht geordnet alle bisherigen Harry-Hole-Bände in chronologischer Reihenfolge.
Die Innenklappen der Schutzumschlagsumhüllung zur Hardcover-Ausgabe beinhalten ein Foto des Erfolgsautors und ein etwas ausführlicheres Recap zum Buch.

Der Umwelt zuliebe ist das Druckwerk anstelle vormaliger gängiger Folienverschweißung nur mehr mittels einem Klebeverschlußstreifen versiegelt; dies bietet allerdings überhaupt keinen Schutz mehr: mit Verkratzungen, Bestossungen oder sonstigen Blessuren (v.a. an der unmittelbaren Umhüllung) ist zu rechnen und diese gelten unter peniblen Sammlern als enorme, unverzeiliche Einbußen. Dann kann wohl statt 'neu' gleich ein gebrauchtes Exemplar gekauft werden.
Eine zusätzliche PappPapierumwicklung oder ein gummierter Lektüreneinschlag wären daher vorteilhafter für den leidenschaftlichen Buchliebhaber!