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Veröffentlicht am 07.08.2021

„Wer anderen die Freiheit verweigert, verdient sie nicht für sich selbst.“ (Abraham Lincoln)

Die Heimkehr der Störche
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1952. Der Stübeckhof in der Lüneburger Heide ist der Zufluchtsort von Dora Twardy und ihrer Familie nach der Vertreibung vom heimatlichen Gut in Ostpreußen, der sich schon bald wie ein Gefängnis anfühlt ...

1952. Der Stübeckhof in der Lüneburger Heide ist der Zufluchtsort von Dora Twardy und ihrer Familie nach der Vertreibung vom heimatlichen Gut in Ostpreußen, der sich schon bald wie ein Gefängnis anfühlt aufgrund der zänkischen Bäuerin sowie der Ausgrenzung durch die Dorfbewohner. Trotzdem hält Dora sieben Jahre durch, bis sie sich endlich mit Curt von Thoraus Tochter Clara nach Ostberlin flüchtet, um dort einen Studienplatz für Tiermedizin an der Humboldt-Universität anzunehmen. Sie kommen bei Verwandten ihres jüngeren Bruders unter. Bei ihrer Suche nach Curt findet sie diesen in einem Stasi-Gefängnis und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, damit er entlassen wird. Doras Teilnahme an dem Aufstand am 17. Juni 1953 wird ihre zum Verhängnis, der sie erneut zur Flucht zwingt, diesmal vom Osten in den Westen, wo sie nicht nur vor dem Nichts steht und sich mit Clara ein neues Zuhause aufbauen muss, sondern auch von Curt getrennt ist, den sie unbedingt bei sich haben möchte…
Theresia Graw hat mit „Die Heimkehr der Störche“ den zweiten Teil ihrer historischen Familiensaga vorgelegt, der an Spannung und Dramatik dem ersten Band in nichts nachsteht und sich an ihre eigene Familiengeschichte anlehnt. Der flüssige, bildhafte und fesselnde Erzählstil lässt den Leser sofort eine Reise in die Vergangenheit antreten, um dort an Dora Twarys Seite sinken und die 50er Jahre gemeinsam mit ihr zu verbringen. Der historische Hintergrund wurde von der Autorin wunderbar mit ihrer Handlung verwoben, so dass der Leser das Gefühl hat, alles hautnah mitzuerleben. In der Lüneburger Heide ist das Leben für die Twardy-Familie nicht gerade leicht, denn als Flüchtlinge werden sie wie viele andere zu jener Zeit nicht nur misstrauisch beäugt, sondern sehen sich auch Ausgrenzungen und Beschimpfungen ausgesetzt. Die Reise mit Dora und Clara nach Ostberlin ist abenteuerlich, weil ungewiss. Dort ist nicht nur die Versorgungslage der Bevölkerung schlecht, auch die Denunziationen und Bespitzelungen durch das DDR-Regime spitzen sich immer mehr zu, so dass man nicht weiß, wem man noch trauen kann. Überhaupt sind die Unterschiede zwischen Ost und West sehr gut und nachvollziehbar eingearbeitet, auch der Gedanken- und Gefühlswelt Doras offenbart sich dem Leser, der sich oftmals selbst hinterfragt, wie er wohl reagieren würde. Die freiheitlichen Einschränkungen bringen Dora an ihre Grenzen, auch sie wird schnell ein Opfer davon und muss erneut alles zurücklassen, um im Westen Zuflucht zu finden. Die farbenfrohen Beschreibungen bescheren dem Leser während der Lektüre ein wunderbares und gleichzeitig spannendes Kopfkino, in dem er zeitgleich eine wahre Achterbahn der Gefühle durchläuft.
Die Charaktere wurden lebendig und realistisch in Szene gesetzt, ihre Weiterentwicklung ist authentisch und glaubwürdig. Der Leser kann sich kaum aus ihrem Schatten lösen und fiebert mit, ob sie ihre Ziele erreichen können. Dora hat sich von ihrer Naivität gelöst, wirkt reifer und erwachsener, sorgt sich um die, die sie liebt und stellt sich den Widerständen immer wieder entgegen. Clara hat in Dora eine fürsorgliche Ziehmutter gefunden, die sich gut um sie kümmert und nicht im Stich lässt. Curt von Thorau sitzt seit Jahren im Stasi-Gefängnis, das ihm alles abverlangt. Aber auch Doras Familie und einige Weggefährten machen die Handlung so spannend, dass der Leser das Buch nicht aus der Hand legen kann.
„Die Heimkehr der Störche“ ist eine sehr gelungene Fortsetzung, ein wunderbarer und unwiderstehlicher Mix aus Familiengeschichte, Liebe und deutscher Zeitgeschichte, der so sehr zu fesseln weiß, dass man während der Lektüre alles um sich herum vergisst. Absolute Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 01.08.2021

"Eine Frau, die geliebt wird, hat immer Erfolg." (Vicki Baum)

Vor Frauen wird gewarnt
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Die 1888 in Wien geborene Jüdin Hedwig Baum (Rufname Vicki) war fünf Jahre als Verlagsangestellte für den Berliner Ullstein-Verlag tätig, bevor sie in die USA emigrierte. In den 20er Jahren des vergangenen ...

Die 1888 in Wien geborene Jüdin Hedwig Baum (Rufname Vicki) war fünf Jahre als Verlagsangestellte für den Berliner Ullstein-Verlag tätig, bevor sie in die USA emigrierte. In den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde sie mit ihren erfolgreichen Romanen wie „Menschen im Hotel“ oder „Vor Rehen wird gewarnt“ eine der bekanntesten Schriftstellerinnen der Weimarer Republik. Baum war eine emanzipierte, selbstsichere und vor allem selbstkritische Frau mit beruflichen Ambitionen, die sich von den Nazis als jüdische Asphaltliteratin bezeichnen lassen musste, gerade weil ihre Romane neben Unterhaltung vor allem gesellschaftskritisch angelegt waren. Besonders ihre weibliche Leserschaft war ihr treu ergeben und hegte größte Bewunderung für ihre Selbständigkeit.
Heidi Rehn hat mit „Vor Frauen wird gewarnt“ einen sehr unterhaltsamen biografischen Roman vorgelegt, der das Ausnahmetalent von Vicki Baum, vor allem aber ihre persönliche Seite in den Vordergrund rückt. Der flüssige Schreibstil nimmt den Leser mit in die Vergangenheit, wo er auf Hedwig/Vicki trifft, die in einer von Männern dominierten Welt emanzipiert und selbstbewusst genug ist, als verheiratete Frau und Mutter in Berlin ihr Domizil aufzuschlagen, um sich dort ihren Traum einer eigenen Karriere zu erfüllen, wobei sie von ihrem Ehemann, dem Dirigenten Richard Lert, unterstützt wurde. Die beiden führen eine moderne, offene Ehe, fühlen sich aber gefühlsmäßig fest aneinander gebunden. Berlin ist für Vicki eine Offenbarung, sämtliche Möglichkeiten, die sich ihr bieten, nimmt sie in Anspruch, während sie im Verlagshaus Ullstein als Redakteurin arbeitet und nebenbei auch ihre eigenen Werke verfasst. Ihr Roman „Menschen im Hotel“ wurde 1930 am Nollendorfplatz-Theater uraufgeführt und nach der englischen Übersetzung sogar am New Yorker Broadway inszeniert, was alsbald sogar zur Verfilmung in Hollywood führte und Baum weltbekannt machte. Heidi Rehn hat akribisch recherchiert und sämtliche Informationen in ihren biografischen Roman einfließen lassen. Der Leser bekommt nicht nur eine interessante, schillernde Persönlichkeit präsentiert, sondern schnuppert ins Verlagsleben und auch jede Menge Berliner Luft der 20er Jahre. Die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen sind hervorragend eingearbeitet, so dass der Leser den Umschwung ebenfalls zu spüren bekommt durch die immer mehr an Einfluss gewinnenden Nazis.
Vicki Baum war eine Frau von Format, eine, die weiß, was sie will und kein Blatt vor den Mund nimmt. Sie ist intelligent, selbstbewusst, vor allem aber bodenständig, weshalb sie von ihrer damaligen Fangemeinde angebetet wird. Sie kämpft und erfüllt sich ihren Wunsch nach einer Karriere, von der viele Frauen träumen, es ihnen aber untersagt bleibt, ob aus fehlendem Mut oder einem bevormundenden Ehemann, sei dahin gestellt. Sie verkörperte schon damals das Frauenbild, dass viele Frauen heutzutage anstreben: Karriere, Ehefrau und Mutter zu sein erfolgreich unter einen Hut zu bringen. Dafür bringt sie allerdings auch einige Opfer, die sich aber durch ihren Erfolg und die damit verbundene Zufriedenheit die Waage halten.
Heidi Rehn hat mit „Vor Frauen wird gewarnt“ ein wunderbares Porträt einer außergewöhnlichen Frau geschaffen. Der Roman liest sich nicht nur hervorragend, sondern besticht mit in Worten gemalten Beschreibungen, die das Kopfkino anspringen und der Leser gemeinsam mit Vicki das Berlin der 20er Jahre erleben lassen. Absolute Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 31.07.2021

„Der Kaffee muss schwarz sein wie der Teufel, heiß wie die Hölle, rein wie ein Engel und süß wie die Liebe.“ (Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord)

Die Kaffeedynastie - Momente der Hoffnung
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Die kleine Kaffeerösterei „Öcher Böhnchen“ in Aachen erfreut sich großer Beliebtheit, und auch die Beziehung zu Noah entwickelt sich für Corinne Ahrensberg glücklich und lassen sie auf Wolken schweben. ...

Die kleine Kaffeerösterei „Öcher Böhnchen“ in Aachen erfreut sich großer Beliebtheit, und auch die Beziehung zu Noah entwickelt sich für Corinne Ahrensberg glücklich und lassen sie auf Wolken schweben. Doch die heitere Stimmung wird plötzlich getrübt, denn zum einen gibt es auf einmal Probleme mit dem Erben ihres Ladenlokals, der sie herausekeln will. Und als wäre das nicht schon übel genug, steht plötzlich auch noch Noahs Ex-freundin vor der Tür, die angeblich von ihm schwanger ist. Corinne kommt ungebremst zurück auf den Boden der Realität, denn zudem wünschen sich ihre Eltern, dass sie mit Noah auf den Familiensitz umsiedelt, um das alte von Großvater Eberhard gegründete Unternehmen zu retten, zumal ihr Vater schwer erkrankt ist…
Paula Stern entführt den Leser mit „Momente der Hoffnung“ wieder in die köstlich duftende Welt des Kaffees. Der zweite Band der Kaffeedynastie-Trilogie knüpft nahtlos an den ersten Teil an und weiß mit einer spannenden Familiengeschichte, die sich über zwei Zeitebenen erstreckt, erneut wunderbar zu unterhalten. Der flüssige, farbenfrohe und gefühlvolle Erzählstil lässt den Leser zwischen der Gegenwart um Corinne und der Vergangenheit kurz nach Kriegsende 1946 um deren Großvater Eberhard Ahrensberg hin und her pendeln gebannt die Vorgänge verfolgen. Gerade, als es für Corinne nach harter Arbeit geschäftlich endlich gut läuft und auch das Privatleben glücklich Fahrt aufnimmt, sieht sie sich einem Berg von Problemen gegenüber, die sie zu bewältigen hat. Die Autorin lässt ihre hervorragende Recherche über Kaffeesorten und deren Röstung wunderbar in ihre Handlung miteinfließen, so dass der Leser während der mitreißenden Lektüre nicht nur ein tolles Kopfkino, sondern auch dauerhaft den Geruch von frisch geröstetem Kaffee in der Nase hat. Ist schon Corinnes Leben aufregend, wird dies noch durch die Geschäftsanfänge ihres Großvaters Eberhard übertroffen, hat dieser doch durch Schmuggelgeschäfte in der Nachkriegszeit die Familie halbwegs über die Runden gebracht. Auch die Geschichte der Jüdin Sara Rosenbaum ist hervorragend in die Geschichte eingepasst, die mit ihrer Familie von den Nazis ins KZ Buchenwald verbracht wurde. Paula Stern verbindet ihre unterschiedlichen Handlungsstränge perfekt miteinander und lässt den Leser gemeinsam mit den Protagonisten ein wahres Gefühlsbarometer durchlaufen, während jede Menge Probleme gewälzt und gelöst werden wollen.
Lebendige und facettenreiche Charaktere haben sich weiterentwickelt und bestechen mit realistischen menschlichen Eigenschaften, die ihnen das Herz des Lesers sofort öffnen und er ihnen auf Schritt und Tritt gerne folgt, um bloß nichts zu verpassen. Eberhard ist ein verantwortungsvoller und mutiger Mann, der alles für seine Familie tut, um sie sicher versorgt zu wissen. An dieser Verantwortung hat er schwer zu tragen, lässt sich jedoch nicht unterkriegen. Corinne arbeitet mit Leidenschaft und Herzblut für ihr Kaffee. Sie steht neuen Ideen immer offen gegenüber und reicht auch ihrem Bruder Alexander nach den Zwistigkeiten wieder die Hand. Noah ist ein liebenswerter Mann, der Corinne in allen Belangen unterstützt, allerdings mit einigen Problemen zu kämpfen hat, die sich nicht einfach beiseiteschieben lassen. Aber auch Sara Rosenbaum und ihre Familie hinterlassen nachhaltigen Eindruck auf den Leser.
„Momente der Hoffnung“ ist ein rundum gelungener Mix aus Familiengeschichte mit historischem Hintergrund, viel Wissenswertes über Kaffee, dessen Röstung und natürlich Liebe. Wunderbar miteinander verwoben und fesselnd erzählt, so dass man voller Vorfreude auf den dritten Teil wartet! Absolute Leseempfehlung!!!

Veröffentlicht am 30.07.2021

"Liebe ist die stärkste Macht der Welt, und doch ist sie die demütigste, die man sich vorstellen kann." (Mahatma Gandhi)

Die zweite Braut von Cold Ashton Manor
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1799 England. Als Lord Richard Clarke zufällig auf die Apothekertochter Amber Devaney trifft, verlieben sich die beiden Hals über Kopf ineinander. Der große Standesunterschied kümmert die beiden nicht, ...

1799 England. Als Lord Richard Clarke zufällig auf die Apothekertochter Amber Devaney trifft, verlieben sich die beiden Hals über Kopf ineinander. Der große Standesunterschied kümmert die beiden nicht, obwohl eine Zukunft für beide vor allem seitens seines Elternhauses nicht in Frage kommt. Vielmehr finden sie immer wieder Möglichkeiten, sich heimlich zu treffen und ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, was vor allem für Amber nicht ohne Folgen bleibt. Daheim in Cold Ashton Manor versucht der Vater Richard in eine Vernunftehe mit der wohlbetuchten Lady Helen zu drängen, denn ihn plagen aufgrund seiner Spielsucht große finanzielle Sorgen, so dass sogar das Anwesen auf dem Spiel steht. Eines Tages ist Amber spurlos verschwunden und Richards ausgiebige Suche nach ihr bleibt erfolglos. Wird er dem Drängen seines Vaters nachgeben? Und was wird aus Amber?
Ingrid Kretz entführt mit ihrem historischen Roman „Die zweite Braut von Cold Ashton Manor“ einmal mehr ins Regency-Zeitalter, wo sie den Leser am Schicksal von Amber und Richard hautnah teilhaben lässt. Der flüssige, bildhafte und gefühlvolle Erzählstil fesselt schon mit dem Prolog und schickt den Leser mit einem tollen Kopfkino auf Zeitreise, wo er sich einer ereignisreichen Zeit gegenüber sieht, wo Standesdünkel, gesellschaftliche Normen und Werte das Leben der Menschen bestimmen. Mit wechselnden Perspektiven, in denen der Leser mal an der Seite von Amber, mal an der von Richard steht, erlebt er nicht nur die Gedanken- und Gefühlswelt der beiden Hauptprotagonisten hautnah mit, sondern die Autorin steigert durch die Ereignisse auch die Spannung innerhalb der Geschichte, die immer wieder neue überraschende Wendungen bergen und somit auch das Ende nicht vorhersagen lassen. Der Leser wird von Beginn an zum Miträtseln animiert, während er mitfiebert, welche Richtung die Handlung wohl nehmen wird. Dazu kommen die farbenfrohen Beschreibungen der Örtlichkeiten, so dass der Leser neben der Apotheke, auch St. Davids und das Anwesen Cold Ashton Manor klar vor dem inneren Auge hat. Der christliche Aspekt wird wunderbar mit der Handlung verwoben, in denen es neben Vergebung vor allem um Gottvertrauen geht.
Ihre Charaktere hat die Autorin detailreich und lebendig in Szene gesetzt, sie sind ihrer Zeit gemäß wunderbar eingepasst, besitzen glaubwürdige menschliche Ecken und Kanten, die sie authentisch wirken lassen und den Leser sofort von sich überzeugen können, der regelrecht mit ihnen fiebert. Amber ist eine offene, großzügige, warmherzige, tiefgläubige und hilfsbereite junge Frau, die sich sofort ins Leserherz schleicht. Richard ist ein aufrichtiger, ehrlicher und tierlieber Mann, der sich seiner Verantwortung bewusst ist und in deshalb in einer Zwickmühle sitzt. Sir Millweard ist ein sympathischer Mann, der jedem ohne Standesdünkel seine Unterstützung angedeihen lässt. Francis ist Richard ein echter Freund, der ihm auch schonungslos ins Gewissen zu reden weiß. Ambers Tante Juliette sowie Onkel Ethan sind herzensgute Menschen, die Amber eine neue Heimat bieten. Richards Vater ist ein Egoist, dem das Wasser bis zum Hals steht. Lady Helen ist zwar vermögend, kann sich damit aber nicht das Glück der wahren Liebe erkaufen.
„Die zweite Braut von Cold Ashton Manor“ ist ein rundum gelungenes Gesamtpaket aus historischem Roman, bittersüßer Liebesgeschichte und vielen Spannungsmomenten. Unvorhersehbar und zum Miträtseln, dabei ein wunderbares Kopfkino – sehr empfehlenswert, hier ist eine absolute Leseempfehlung mehr als verdient!!!

Veröffentlicht am 30.07.2021

Machtwechsel

Was uns durch die Zeiten trägt
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1943. Der kleine Ort Lindenau in Niederschlesien ist die Heimat von Luise Reich und ihrer Familie, die dort auf einem alten Bauernhof leben. Die Arbeit auf dem Hof ist hart, jeder muss zupacken, obwohl ...

1943. Der kleine Ort Lindenau in Niederschlesien ist die Heimat von Luise Reich und ihrer Familie, die dort auf einem alten Bauernhof leben. Die Arbeit auf dem Hof ist hart, jeder muss zupacken, obwohl die Familie den polnischen Zwangsarbeiter Marian als Unterstützung zugewiesen bekommen haben. In Wolfgang, den drei Jahre älteren Sohn der Nachbarn, ist Luise heimlich verliebt, deshalb droht ihre Welt zusammenzubrechen, als Wolfgang wie viele andere aus dem Ort zum Frontdienst einberufen wird. Während Wolfgang seinen Kriegsdienst verrichtet, nähert sich Luise immer mehr Marian an, was ihre Eltern gar nicht gern sehen. Als Deutschland den Krieg verliert, untersteht Lindenau auf einmal der polnischen Regierung und der vormalige Zwangsarbeiter Marian gehört nun zu den Siegern…
Marion Johanning hat mit „Was uns durch die Zeiten trägt“ einen sehr unterhaltsamen historischen Roman vorgelegt, der mit seinem farbenprächtigen, flüssigen und gefühlvollen Schreibstil von Anfang bis Ende zu überzeugen weiß und den Leser regelrecht an die Seiten fesselt. Per Zeitreise geht es zurück in das Jahr 1943, wo der Leser sich in Niederschlesien auf dem Hof der Reichs wiederfindet und dort bis 1946 verweilt, um die letzten Jahre des Krieges dort zu verbringen. Der Autorin gelingt es hervorragend, die düstere, erdrückende Atmosphäre empathisch wieder zu spiegeln, ebenso gelungen skizziert sie eine in sich zerrissene Dorfgemeinschaft, wo die einen den Nazis treu ergeben sind, während die anderen an deren Sieg zweifeln. Auch Wendehälse gibt es reichlich, Luises Vater ist einer davon, hauptsächlich, weil er sich sein Hab und Gut nicht nehmen lassen will und sich der Situation anpasst. Die Übernahme Schlesiens durch Polen bedeutet für viele, ihre Heimat zu verlieren und sich mit dem Nötigsten zu flüchten, andere harren aus, wollen ihren Besitz nicht verlassen und müssen sich den neuen Machthabern beugen, deren Willkür sie fortan ausgesetzt sind. Aber auch die Polen verlieren ihre Heimat an die Russen und mussten zudem unter den Gräueltaten der Deutschen extrem leiden. Die Landschaftsbeschreibungen sind farbenfroh und spulen während der Lektüre im Kopf des Lesers einen Film ab. Die eingepflegten Tagebuchausschnitte von Luise geben dem Leser Einblicke in ihre Gedanken- und Gefühlslage, zudem geben sie eine kleine Verschnaufpause zwischen den einzelnen Kapiteln.
Den Charakteren wurde Leben eingehaucht, sie wirken authentisch, glaubwürdig und für ihre Zeit sehr realistisch in ihrem Handeln und Tun. Der Leser darf als unsichtbarer Gast in Lindenau einquartieren, um das Schicksal von Luise, ihrer Familie und den Dorfbewohnern zu verfolgen. Luise ist eine lebensfrohe junge Frau, die nie die Hoffnung verliert. Sie ist hilfsbereit, offen, mutig und vorausschauend, Niederschläge lassen sie immer stärker werden. Christel ist Luises Konkurrentin um Wolfgangs Zuneigung. Sie hält sich für etwas Besseres, zudem ist sie manipulativ und hält es mit der Wahrheit nicht so genau. Marian ist ein netter Mann, der Luise nicht nur ein guter Freund wird, sondern sie respektiert und ihr bei einigen Dingen die Augen öffnet. Aber auch Luises Familie, Wolfgang und einige andere Protagonisten wissen mit ihren Auftritten die Handlung interessant zu untermauern.
„Was uns durch die Zeiten trägt“ ist ein spannender historischer Roman, der mit einer akribischen geschichtlichen Hintergrundrecherche sowie einer unterhaltsamen Geschichte mit authentischen Protagonisten den Leser durchgängig fesselt. Absolute Leseempfehlung!