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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.04.2019

Was würde ich dafür geben, alles wieder auf Anfang zurücksetzen zu können …

Der Pakt – Bis dass der Tod uns scheidet
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Michelle Richmonds Thriller „Der Pakt – Bis dass der Tod euch scheidet“ wurde im Februar 2019 vom Diana-Verlag herausgebracht und umfasst 560 Seiten.
Alice und Jake, ein beruflich durchaus erfolgreiches ...

Michelle Richmonds Thriller „Der Pakt – Bis dass der Tod euch scheidet“ wurde im Februar 2019 vom Diana-Verlag herausgebracht und umfasst 560 Seiten.
Alice und Jake, ein beruflich durchaus erfolgreiches Paar, er Therapeut, sie Anwältin, wollen heiraten. Ihr Wunsch: Die Ehe soll halten – wenn möglich ein Leben lang. Da erhalten sie an ihrem Hochzeitstag die Möglichkeit, dem „Pakt“ beizutreten – einer exklusiven Gruppe, die ebendieses verspricht. Während sie anfangs noch begeistert sind, versprechen Grundregeln wie gemeinsames Reisen, kleine Aufmerksamkeiten und das immerwährende Füreinanderdasein doch wirklich ewiges Glück, begegnen sie bald den Schattenseiten dieses Abkommens, denn Regelüberschreitungen werden ausnahmslos verfolgt.
In einem Gespräch über ihr Buch gibt Michelle Richmond an, unter anderem von Werken wie Orwells „1984“, Kafkas „Der Prozess“ und Texten über Sekten inspiriert worden zu sein. Wenngleich Vergleiche gerade mit den ersten beiden Werken natürlich hoch gegriffen sind, sind Parallelen nicht zu leugnen: Eine lückenlose Überwachung, obskure Gerichtsprozesse, bei denen niemand so wirklich weiß, worum es eigentlich geht, wessen er oder sie angeklagt ist, und die radikalen Ansichten einer Gemeinschaft, die totale Loyalität und Verschwiegenheit fordert, sorgen auch in diesem Roman für eine durchgängig düstere und beklemmende Grundspannung.
Recht geschickt spielt die Autorin mit Grundängsten der Menschen: Isolation und Bloßstellung lassen die Strafen, die Vergehen gegen den Pakt zur Folge haben, in der Tat „drakonisch“ erscheinen. Allerdings hätte ich mir gerade bei Jakes Gefangenschaft, die in einigen Bereichen Praktiken totalitärer Systeme gleicht, mehr Tiefgang und Subtilität gewünscht. Auch das Ende des Romans kann den guten Ansätzen leider nicht gerecht werden, erscheint es mir doch sehr pathetisch.
Die Zahl an Charakteren ist überschaubar, jedoch bleiben alle, bis auf Jake, aus dessen Sicht das Geschehen durchweg in der Ich-Form geschildert ist, wenig greifbar. Dieses gilt vor allem für die Protagonistin Alice.
Sprachlich ist der Roman flott und leicht zu lesen, die zumeist kurzen Kapitel, die oftmals mit einem Cliffhanger enden, sowie überraschende Wendungen gerade gegen Ende tragen zu einem kurzweiligen Lesevergnügen bei.
Der Roman bietet, nicht zuletzt auch durch Jakes Berichte über seine Sitzungen mit Patienten, zahlreiche Anlässe darüber nachzudenken, was man tun kann und muss, um eine durch und durch harmonische Ehe zu führen, wobei auch Blicke über den Tellerrand hinaus auf das Leben im Allgemeinen geworfen wird. Der Grundtenor: Es gibt einfach keinen leichten Weg – eine Sichtweise, die absolut realistisch ist. Die Schlussszene an sich erinnerte mich an das alttestamentliche Gebot „Auge um Auge, Zahn um Zahn“; auch hier also reichlich Stoff zum Nachdenken.
Das düstere Cover mit dem laufenden Paar passt gut zum Inhalt des Buches, geht es doch auch hier um eine Flucht in mehrfacher Hinsicht, am offensichtlichsten um die vor einer allem Anschein nach allgegenwärtigen Macht.
Obgleich dieser Thriller sehr guter Ansätze beinhaltet, wiegt die oben von mir genannte Kritik für mich doch so schwer, dass ich diesem Buch „nur“ 3,5 von fünf Sternen gebe. Nichtsdestotrotz ist dieses ein Thriller, der lesenswert ist und Freund/innen subtiler Spannung einiges zu bieten hat. Von mir gibt es unterm Strich eine klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 24.03.2019

Er für mich, ich für ihn, ein Leben lang – la vie en rose.

Madame Piaf und das Lied der Liebe
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„La vie en rose“, „Milord“, „Non, je ne regrette rien“ – um nur die Bekanntesten zu nennen: Wer kennt sie nicht, die „Hits“ dieser kleinen, großen französischen Chansonnette?
In ihrer 448-seitigen Romanbiographie ...

„La vie en rose“, „Milord“, „Non, je ne regrette rien“ – um nur die Bekanntesten zu nennen: Wer kennt sie nicht, die „Hits“ dieser kleinen, großen französischen Chansonnette?
In ihrer 448-seitigen Romanbiographie „Madame Piaf und das Lied der Liebe“, im März 2019 als Aufbau-Taschenbuch erschienen, nimmt Michelle Marly das Leben dieses französischen Weltstars unter die Lupe. Im Zentrum des Romans stehen die Jahre 1944 bis 1947.
Nachdem Paris von der deutschen Besatzung befreit wurde, beginnen die „Aufräumarbeiten“. Und auch Édith Piaf gerät im Zuge dessen unter den Verdacht der Kollaboration mit den deutschen Besatzern. Während das Damoklesschwert eines Auftrittsverbots über ihr hängt, lernt sie den jungen Yves Montand kennen und lieben. In den ersten Nachkriegsjahren nimmt sie ihn unter ihre Fittiche und protegiert ihn. Zeitgleich reift in ihr die Idee zu einem Chanson, das bis heute ganz Frankreich fasziniert: La vie en rose.
Der Roman ist aufgeteilt in einen Prolog, der das Jahr 1937 schildert, gefolgt von drei Teilen, in denen Édiths Zeit mit Yves Montand im Zentrum steht – bis es einem Auseinanderleben kommt. Der erzählende Teil des Romans schließt endlich mit dem Beginn des Siegeszuges von „La vie en rose“. In einem Nachwort erfahren interessierte Leser/innen Wissenswertes über das Leben von Édith Piaf und Yves Montand sowie die Arbeit der Autorin.
Authentisch und keineswegs beschönigend schildert Marly sowohl das von Versorgungsengpässen gebeutelte Frankreich des letztens Kriegsjahres und der beginnenden Nachkriegszeit als auch das Leben des französischen Künstlerkreises in dieser Zeit, der versucht, sich jenseits der allgemeinen Armut ein neues Leben aufzubauen. Ein wenig schlecht kommt meines Erachtens hier Édith Piaf weg, die eher versucht, den Unwegsamkeiten des Lebens aus dem Wege zu gehen, statt sich ihnen zu stellen: Ihr Leben bildet sozusagen einen Mikrokosmos im großes Weltgeschehen. Immer wiederkehrende, kursiv gedruckte Rückblenden bieten einen Einblick in Piafs Leben jenseits des hier erzählten Zeitraums.
Auch die anderen Charaktere sind zwar genau beschrieben, bleiben jedoch etwas farblos, was ich ein wenig schade finde. Édith Piaf dominiert eindeutig das Geschehen, von Yves Montand indes hätte ich mir mehr „Präsenz“ erhofft, spielt er doch eher eine passive Rolle.
Marlys Sprache ist leicht und schnörkellos, sodass sich das Buch flott lesen lässt. Stellenweise werde Orte und Personen recht ausführlich geschildert, dennoch ist es der Autorin leider nicht gelungen, mich vollends in den Bann zu ziehen und in die vergangene Zeit eintauchen zu lassen: Mir persönlich fehlt es einfach zu sehr an „Tiefe“. Zudem wäre es mir lieb gewesen, ein bisschen mehr über das Verhältnis von Fiktion zur Realität zu erfahren. Hier bleibt alles zu schwammig. Für Leserinnen und Leser, die einfach nur eine schöne Liebesgeschichte lesen wollen, dürfte dieses allerdings kein Defizit darstellen.
Cover und Layout des Buches reihen sich sehr gut ein in die Buchserie „Mutige Frauen zwischen Kunst und Liebe“, innerhalb der auch dieser Roman erschienen ist. Das Cover lässt die Vierzigerjahre wieder aufleben, Zitate der Piaf im Inneren und eine großzügige Aufteilung lassen das Buch zu einem harmonischen Ganzen werden.
Ich selber habe „Madame Piaf und das Lied der Liebe“ in einem Zug durchgelesen und auch einiges Wissenswerte über die Piaf und Yves Montand, mit denen ich mich vorher noch nie detaillierter beschäftigt habe, erfahren, jedoch ist es Michelle Marly, wie oben schon erwähnt, leider nicht gelungen, mich vollkommen in die Welt der beiden zu entführen. Aufgrund der soliden schriftstellerischen Arbeit und guten Lesbarkeit des Buches gibt es von mir dreieinhalb von fünf Sternen.

Veröffentlicht am 24.02.2020

Ein opulentes Gemälde der Renaissance

Raffael - Das Lächeln der Madonna
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Er gilt als das Wunderkind der Renaissance: Raffael Santi. Das Leben und Umfeld dieses Künstlers hat Noah Martins 640-seitiger historischer Roman „Raffael. Das Lächeln der Madonna“, erschienen im März ...

Er gilt als das Wunderkind der Renaissance: Raffael Santi. Das Leben und Umfeld dieses Künstlers hat Noah Martins 640-seitiger historischer Roman „Raffael. Das Lächeln der Madonna“, erschienen im März 2020 bei Droemer, zum Thema.
Raffael ist elf Jahre alt, als sein Vater stirbt. Als er es einige Jahre schafft, sich selbst in Urbino einen Namen zu machen, muss er aufgrund kriegerischer Auseinandersetzungen fliehen. Unterwegs lernt er die schöne Bäckerin Margherita kennen, die jedoch einen anderen, weitaus Mächtigeren zum Mann nehmen muss. Schließlich kommt Raffael nach Rom, wo er sich neben da Vinci und Michelangelo als dritter großer Künstler etablieren kann. Doch es sind schwierige, blutige Zeiten, in denen er lebt. Und so bleibt ihm nichts anderes übrig, als in den Machtkämpfen und Intrigen der Herrschenden mitzumischen.
Noah Martin hat es geschafft, die Zeit der Renaissance wieder lebendig werden zu lassen: Sei es, dass Leserinnen und Leser an großen, blutigen Schlachten teilnehmen, dass sie das Leid des „kleinen Mannes“ miterleben oder dass sie am oft ausschweifenden und dekadenten Leben im Vatikan teilhaben. Doch nicht nur die Kirche, auch die Welt der Schönen Künste steckt voller Missgunst und Neid, wie man vor allem dem Verhältnis zwischen Raffael, da Vinci, Michelangelo und Sebastiano Luciani entnehmen kann. Man reist gemeinsam mit Raffael durch das Italien des noch jungen 16. Jahrhunderts und begegnet zahlreichen historisch belegten Persönlichkeiten. Dieses macht den Roman zwar zu einem sehr komplexen Werk, jedoch helfen ein Personenregister zu Beginn des Buches, in dem fiktive und historische Personen gekennzeichnet sind, eine Landkarten in der inneren Buchklappe sowie eindeutige Kapitelüberschriften bei der geografischen und historischen Einordnung des Gelesenen.
Einen großen Raum in diesem Roman nehmen die Romanze Raffaels mit Margherita Luti sowie die Querelen im Vatikan ein. Auch wenn vieles davon historisch belegt ist, entfernt sich der Autor immer wieder aus dramaturgischen Gründen von den historischen Fakten, was ich persönlich schade finde. Natürlich nimmt die Fiktion in einem historischen Roman viel Platz ein, aber ich wäre der Historie gerne noch näher gekommen.
Dass der Autor selbst Kunsthistoriker ist und gut recherchiert hat, kann man vor allem aus den Szenen in den Kunstwerkstätten und an den Arbeitsstätten der Künstler ersehen. Hier darf man sich als Leser/in auf reichen Wissenszuwachs freuen.
Liest man dieses Werk, so kann man an der Aufrichtigkeit der Menschen zweifeln. Entsprechend sind die meisten Charaktere, einschließlich Raffael, eher hart und boshaft gezeichnet. Lediglich Raffaels Jugendfreund Daniele, einer der wenigen aufrichtigen Priester im Vatikan, bildet hier eine Ausnahme: Trotz seiner oft zwielichtigen und unlauteren Aufträge bleibt er sich selbst und seinem Glauben treu und ist mir somit ans Herz gewachsen.
Martins Sprache ist gut zu lesen, italienische und antiquiert anmutende Ausdrücke verleihen dem Werk Realitätsnähe. Sehr plastische Beschreibungen rufen in den Lesenden lebendige Bilder wach, sodass man das Buch beim Lesen kaum aus der Hand legen mag.
Das Cover ist ein Blickfang: Es basiert auf Raffaels bekanntes Werk „Madonna del Prato“ und sticht gleich ins Auge.
Insgesamt hat mir die Lektüre dieses Buches sehr gefallen, nur fiel es mir – trotz den Nachworts – teilweise schwer zu unterscheiden, wo es sich um historisch Belegtes, wo es sich um Fiktion handelt. Außerdem rückt mir persönlich Raffael stellenweise zu sehr aus dem Blickfeld. Dennoch empfehle ich aufgrund seiner schönen Bilder dieses Buch gerne allen Freund/innen historischer Romane zur Lektüre weiter.

Veröffentlicht am 24.02.2020

So schrecklich und doch so alltäglich

Das Vermächtnis unsrer Väter
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Manchmal stößt man durch Zufall auf Romane, die weniger bekannt, nichtsdestotrotz aber sehr lesenswert sind. So ging es mir mit „Das Vermächtnis unsrer Väter“ von Rebecca Wait. Erschienen ist dieser 336-seitige, ...

Manchmal stößt man durch Zufall auf Romane, die weniger bekannt, nichtsdestotrotz aber sehr lesenswert sind. So ging es mir mit „Das Vermächtnis unsrer Väter“ von Rebecca Wait. Erschienen ist dieser 336-seitige, nachdenklich stimmende psychologische Roman im September 2019 bei Kein & Aber.
Es ist ein Tag wie jeder andere, als John zu seiner Schrotflinte greift und fast seine ganze Familie und sich selbst auslöscht. Der einzig Überlebende: sein Sohn Tommy, der etwas später seine Heimat, die fiktive Hebrideninsel Litta, verlässt. Zwanzig Jahre später kehrt er zurück und reißt damit auf dem kleinen Eiland alte Wunden auf.
Hätte das Unfassbare verhindert werden können? Welche Schuld haben Verwandte, Freunde, Bekannte auf sich geladen?
Was treibt einen Menschen zu solch einer Tat? Welchen Anteil hat die Veranlagung? Welchen die Sozialisation?
Und schließlich: Wie lebt es sich als einziger Überlebender nach einem solchen Schicksalsschlag?
Dieses alles sind Fragen, denen die Autorin nachspürt – freilich ohne, und das macht das Buch so glaubhaft, zu einer befriedigenden Antwort zu gelangen.
Niemand empfängt ihn mit offenen Armen, als Tommy nach langjähriger Abwesenheit zurückkehrt. Sein Onkel, Malcolm, empfängt ihn distanziert, doch keineswegs feindselig. Hilflosigkeit ist wohl das beste Wort, diese erste Begegnung seit langem zu beschreiben. Angeregt durch diese erneute Begegnung, reflektiert er seine eigene Rolle. Anders indes die ehemalige Nachbarin, Fiona. Sie verhehlt nicht, dass sie Tom am liebsten sofort wieder loswürde. Doch was ist es, was sie treibt? Schlummert tief in ihr nicht doch ein schlechtes Gewissen? Der Roman lässt keinen Zweifel daran, dass vieles noch nicht aufgearbeitet wurde. Und vor allem ist da die Furcht der Inselbewohner/innen, doch etwas übersehen zu haben.
Auch Johns und Tommys Kindheit lässt die Autorin immer wieder in gedanklichen Rückblenden Revue passieren. Der zweite Teil dieses dreiteiligen Romans ist gar Tommys Mutter, Katrina, gewidmet. Alle Beteiligten hatten es nicht leicht im Leben. Doch reicht dieses allein aus, das Unglaubliche zu erklären?
Tommy selbst hadert seit seinem Kindheitstrauma mit seinem Leben. Immer wieder bemerkt er Züge der Unbeherrschtheit an sich, die er auch von seinem Vater kennt. Diese machen ihm Angst. Woher rühren sie? Sein Aufenthalt auf Litta schließlich weckt Erinnerungen in ihm, die ihm den Eindruck vermitteln, selbst die Tat seines Vaters provoziert zu haben. Und dann ist da noch die Frage: Warum hat ausgerechnet er überlebt?
Es sind vor allem die nicht vorhandenen Antworten auf die Fragen, die diesen Roman lesenswert machen, zum Nachdenken anregen und ihn von der schnellen Meinungsmache, die in unserer Gesellschaft herrscht, unterscheiden. Manchmal stehen wir mitten im Alltag vor dem Unfassbaren … und wissen einfach keinen Rat.
Mit der kleinen fiktiven Hebrideninsel hat Wait eine eindrucksvolle, stimmige Kulisse geschaffen: Die Landschaft ist karg, das Klima unwirtlich, die Menschen sind einsilbig und kämpfen ums Überleben. Dieses Drama vor gerade diesem Hintergrund macht das Buch noch einmal so ergreifend.
Rebecca Wait hat ihren Roman in einer klaren, ruhigen Sprache ohne jeden Pathos verfasst. Vor allem dieses Alltägliche, die ruhigen Töne machen das Geschehen m.E. bedrückend. Die Dialoge zwischen Malcolm und Tommy versinnbildlichen die Sprachlosigkeit, die eine solche Tragödie bei den Betroffenen hinterlässt. Die unterschiedlichen Perspektiven regen die Leserschaft dazu an, sich mit den Charakteren zu identifizieren und in sich zu gehen: Wo sehe ich persönlich das Ausschlaggebende? Kann man es überhaupt festmachen?
Wer meint, schnelle Antworten auf schwierige Frage bekommen zu müssen, wird mit diesem Buch nicht glücklich werden. Ebenfalls Liebhaber/innen offensichtlich dramatischer Szenen werden wenig Freude habe. Wer es aber eher still mag, auch einmal über sehr unangenehme Themen des menschlichen (Zusammen-)Lebens nachdenken möchte und die Konfrontation mit der rauen Wirklichkeit nicht scheut, sollte auf jeden Fall zu diesem Buch greifen.

Veröffentlicht am 24.02.2020

Eingeschneit

Neuschnee
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Der Plot klingt interessant: Eine Gruppe von neun Freund/innen will Silvester auf einer abgelegenen Lodge in den schottischen Highlands verbringen. Doch schon bald wird klar, dass es unter der freundschaftlichen ...

Der Plot klingt interessant: Eine Gruppe von neun Freund/innen will Silvester auf einer abgelegenen Lodge in den schottischen Highlands verbringen. Doch schon bald wird klar, dass es unter der freundschaftlichen Oberfläche brodelt. Als dann der Winter Einzug hält und die Gruppe aufgrund des Schnees von der Außenwelt abgeschnitten ist, wird die Lage brenzlig. Schließlich verschwindet ein Gruppenmitglied spurlos und die Lage spitzt sich zu.
Erschienen ist der 430-seitige Thriller „Neuschnee“ von Lucy Foley im Dezember 2019 bei Penguin.
Angepriesen wird dieser Thriller als „perfekt“, ich jedoch kann diese Meinung nicht unterstützen. Es stimmt, von Anfang liegt dem Roman eine gewisse Grundspannung zugrunde, jedoch bezieht sich diese eher auf die Gruppendynamik der Clique als auf die Handlung an sich. Auch der Klappentext irritiert, da hier von einem Serienmörder die Rede ist, der allerdings für die Handlung an sich nicht von Bedeutung ist. Die Atmosphäre des Eingeschneitseins und der damit verbundenen Gefahr bzw. des Unbehagens kommt beim Lesen leider nur unzureichend zum Ausdruck. Erst im letzten Viertel nimmt die Story an Rasanz zu und kann durchaus überraschen, jedoch wirkt das Ende leider etwas überladen, da Handlungsstränge ins Zentrum gestellt werden, die vormals keine Rolle spielten. Darüber, wer letztendlich der/die Verschwundene bzw. das Mordopfer ist, werden Leserinnen und Leser lange im Unklaren gelassen; dieses ist einer der wenigen spannungsreichen Schachzüge der Autorin.
Der Roman wird auf zwei Zeitebenen erzählt: Zum einen ist da das Jetzt, der 2. Januar, zum anderen wird die Geschichte vom Beginn der Reise her, also dem Tag vor Silvester, aufgerollt. So setzt sich das Bild nach und nach zusammen. Die Erzählperspektive wechselt dabei stetig: Im Zentrum stehen die Ich-Erzähler, die zum großen Teil gedankliche Reisen in die Vergangenheit, d.h. in die Studienzeit der Charaktere, unternehmen sowie das aktuelle Geschehen analysieren. Zu Beginn jedes Abschnitts wird angegeben, um wessen Perspektive es sich handelt. Lediglich Dougs Kapitel sind in der dritten Person geschildert. Trotz des immerwährenden Perspektivwechsels ist es leicht, die Sichtweisen einander zuzuordnen.
Mit den Charakteren konnte ich persönlich nicht viel anfangen, da sie alle auf mich doch sehr unreif, kindisch wirkten. Wenn man bedenkt, dass diese alle Erwachsene von Anfang/Mitte Dreißig sind, sind ihr Handeln, ihre Gedanken und ihr Buhlen um Anerkennung ihrer ehemaligen Kommiliton/innen meiner Meinung nach doch sehr schwer nachzuvollziehen. Hier erinnert der Roman eher an einen Jugendroman, in dem nach dem Platz in der Peergroup gesucht wird, als an einen spannenden Thriller für erwachsene Leser/innen. Lediglich Heather, die Managerin dieser Lodge, und mit Abstrichen auch Doug, der Hausmeister, handeln so, wie man es von Erwachsenen erwarten sollte. Zudem hat das Schicksal der beiden mich beim Lesen interessiert.
Sprachlich lässt sich Foleys Thriller flott und flüssig lesen. Allerdings habe ich beim Lesen vermisst, dass die unterschiedlichen Perspektiven auch sprachlich zum Ausdruck kommen.
Insgesamt handelt es sich bei Lucy Foleys „Neuschnee“ m.E. nicht um einen Thriller, sondern eher um eine psychologische Studie, die zwar stellenweise recht interessant zu lesen ist, mich persönlich aber nicht überzeugen konnte, da sie aufgrund des unreifen Verhaltens der Protagonist/innen nur an der Oberfläche kratzt. Außerdem werden durch den Klappentext Assoziationen geweckt, die das Buch nicht erfüllen kann. Ein Roman, den man lesen kann, von dem man sich allerdings nicht zu viel versprechen sollte.