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Veröffentlicht am 10.02.2020

Investigativjournalismus

Blutige Gnade
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Auch mit seinem vierten Mara Billinsky-Thriller, „Blutige Gnade“, konnte Leo Born mich abermals voll und ganz überzeugen. Erschienen ist dieser 444-seitige Roman im Januar 2020 bei Bastei Lübbe.
Ein zu ...

Auch mit seinem vierten Mara Billinsky-Thriller, „Blutige Gnade“, konnte Leo Born mich abermals voll und ganz überzeugen. Erschienen ist dieser 444-seitige Roman im Januar 2020 bei Bastei Lübbe.
Ein zu Tode gefolterter Journalist. Ein Einbruch mit tödlichem Ausgang, bei dem nichts erbeutet wurde. Und schließlich ein Überfall auf die Mitarbeiter/innen einer Fleischfabrik. Die Arbeit scheint für Mara Billinsky und ihr Team kein Ende zu nehmen. Doch auch privat mangelt es der Kommissarin nicht an Abwechslung: Ihr Exfreund, Krux, tritt wieder in ihr Leben, und auch das Verhältnis zu ihrem Vater belastet sie nach wie vor. Kein Wunder, dass Mara dabei in die eine oder andere kritische Situation gerät.
Wie schon die Vorgängerromane, so beginnt Leo Born auch diesen Thriller mit einem wahren Trommelwirbel: Gleich drei scheinbar unzusammenhängende, teils sehr grausame Verbrechen ereignen sich in Frankfurt, dem Dienstort der exotischen Kommissarin Mara Billinsky. Dieses sorgt von Anfang an für Spannung, welche auch im Laufe der nachfolgenden Seiten kaum an Intensität verliert, ja mehrere Male sogar noch durch unvorhergesehene Wendungen neu angefeuert wird. Rasche Szenenwechsel, wechselnde Perspektiven und rasante Sprache tragen ihr Übriges dazu bei, den Spannungslevel aufrechtzuerhalten. Leserinnen und Leser sind sogleich von den Ereignissen gefangen und zermartern sich während des Lesens eigentlich unermüdlich den Kopf darüber, wer oder was eigentlich hinter den Verbrechen stecken mag. Dabei werden Zusammenhänge zwar im letzten Drittel immer ersichtlicher, dafür gelingt es dem Autor jedoch gegen Ende noch einmal, mit einer spektakulären Szene seine Leser/innen dazu zu bringen, den Atem anzuhalten.
Auch wenn die Verbrechen dieses Thrillers teils sehr brutal sind, vermeidet Leo Born allzu grausame Details, sodass man, wenn man nicht allzu zart besaitet ist, diesen Roman gut lesen kann, ohne Angst vor Albträumen haben zu müssen.
Dabei wird in diesem Roman wieder ein Blick auf die düstere Seite der Finanzmetropole Frankfurt geworfen: Hinter der schillernden Fassade tun sich Abgründe auf, im Bahnhofsviertel machen sich, wie in allen Großstädten, zwielichtige Gestalten breit, und schließlich darf auch das organisierte Verbrechen nicht fehlen. Doch wer beim Lesen glaubt, alleine hier die Lösung für die Verbrechen finden zu können, irrt: Die Lösung des Falls findet sich dort, wo wohl kaum jemand sie vermutet. Mitten unter uns sozusagen. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Jedenfalls ist es Leo Born ein weiteres Mal gelungen, ein aktuelles Thema mitsamt kritischer Anmerkungen in einen spannenden Thriller zu verpacken. Was will man mehr?
Mara Billinsky ist immer noch die „Krähe“, die Polizeibeamtin, die mit ihrer schwarzen Kleidung und ihrer finsteren Art auffällt, die aneckt. Aber dennoch kann man, wenn man die Romane als Reihe liest, entdecken, dass sie sich wandelt. Zwar ist sie immer noch die Einzelgängerin, doch wird sie offener für ihre Mitarbeiter*innen. Zeichen hierfür sind, dass sie sich durchaus auch kritisch betrachtet oder sich ein (lustiges) Geplänkel mit ihrem Chef gönnt. Gerade Letzteres empfand ich bei all der Spannung als sehr erheiternd. Sehr gut gefällt mir zudem die Entwicklung ihres Kollegen Jan Rosen, der zwar nach wie vor voller Selbstzweifel ist und über wenig Selbstbewusstsein verfügt, der aber zunehmend beginnt, sich aktiv in die Ermittlungsarbeiten einzubringen und eigene Wege zu gehen. Positiv hervorzuheben ist überdies, dass auch Maras Freunden Rafael und Hanno hier wieder mehr Platz eingeräumt wird.
Obwohl es sich bei diesem Thriller um den vierten Teil einer Reihe handelt und es immer wieder Bezüge zu den vorangegangenen Bänden gibt, sollte dieser Teil auch als Einzelband oder Einstieg in die Reihe lesbar sein. Ich jedenfalls finde, dass Born das richtige Mittelmaß zwischen Erklärungen und Vorwissen gefunden hat.
Alles in allem konnte Leo Born mich erneut in seinen Bann ziehen, und diesen vierten Band habe ich regelrecht verschlungen. Nach wie vor sind die Mara Billinsky-Thriller m.E. das Beste, was der deutsche Thrillermarkt momentan zu bieten hat. Und natürlich warte auch ich auf das Erscheinen des nächsten Teils.

  • Einzelne Kategorien
  • Spannung
  • Cover
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.01.2020

Drei Frauen, drei Schicksale – ein Mann

Drei
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„Drei“ – ein Roman, dessen Titel ebenso schlicht wie programmatisch ist. Erschienen ist dieser 335-seitige Roman aus der Feder des israelischen Autors Dror Mishani im August 2019 bei Diogenes.
Erzählen ...

„Drei“ – ein Roman, dessen Titel ebenso schlicht wie programmatisch ist. Erschienen ist dieser 335-seitige Roman aus der Feder des israelischen Autors Dror Mishani im August 2019 bei Diogenes.
Erzählen sollte man von diesem Roman nicht zu viel, da die Gefahr besteht, zu viel vom Inhalt preiszugeben. Aber so viel soll gesagt sein: Der Roman erzählt in drei Teilen von dem Schicksal dreier Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und dennoch sind Leben und Schicksal derselben miteinander verbunden durch einen Mann, Gil. Orna ist allein erziehende Mutter eines psychisch auffälligen Jungen. Auf der Suche nach ein wenig Trost und Abwechslung stößt sie im Internet auf den Anwalt Gil. Im Zentrum des zweiten Teils steht Emilia. Sie ist nach Tel Aviv gekommen, um als Altenpflegerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der hebräischen Sprache wenig mächtig, führt sie ein einsames Leben. Auch sie ist auf der Suche - nach dem Sinn des Lebens und einem besseren Einkommen. Dabei stößt sie ebenfalls auf Gil. Die dritte Frau, Elli, schließlich trifft in einem Café auf ihn. Als Studentin und Mutter dreier Kinder ist sie mit ihrem Leben eigentlich zufrieden, aber auch sie kann sich der Aura dieses Mannes kaum entziehen.
Den Roman gattungsmäßig einzuordnen, fällt schwer, denn er hat von vielem etwas: Er ist poetisch, wahnsinnig spannend und entwickelt beim Lesen regelrecht einen Sog. Und ja, er enthält auch einen Kriminalfall, weshalb er oft als Krimi gehandelt wird, doch steht dieser nicht im Zentrum.
Im Mittelpunkt des Geschehens stehen vielmehr Charakterstudien zu diesen drei Frauen: Was macht ihr Leben aus? Welche Träume haben sie? Welche Sorgen quälen sie? Und noch etwas: Im Dschungel der Großstadt fühlen sie sich, trotz bestehender sozialer Kontakte, verloren. Das Innenleben dieser Frauen wird so präzise nachgezeichnet, dass eine Identifikation leichtfällt, ja regelrecht provoziert wird, und man nicht anders kann, als mit ihnen mitzufühlen. Wobei ich persönlich sagen muss, dass mich das Innenleben der beiden letzten Frauen am meisten angesprochen hat; bei Orna fühlte ich etwas mehr Distanz, was ich allerdings auf das Thema „Internetbekanntschaft“, dem ich eher kritisch gegenüberstehe, zurückführe.
Über den Mann, der diese drei Frauen miteinander verbindet, erfährt man eher wenig, eigentlich nur so viel, dass er einen undurchsichtigen Charakter hat und sehr wandlungsfähig ist. Und gerade dieses sorgt für Spannung.
Faszinierend sind zudem die vielen unvorhersehbaren Wendungen, die diesem Buch immanent sind. Zum einen rühren sie von Gil her, dessen Verhalten sehr schwer vorauszusehen ist. Darüber hinaus sorgt wiederum der Aufbau des Buches dafür, dass man vor Überraschungen nicht gefeit ist. Gerade der letzte Teil wird aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert und sorgt damit zusätzlich für Nervenkitzel; sein Ende schlägt ein wie eine Bombe - und lässt Leserinnen und Leser mit einem Gefühl der Befreiung zurück.
Auch wenn die Handlung des Romans in Israel verortet ist, ließe sie sich eigentlich in viele Teile der Welt verlegen, denn die Themen, die angesprochen werden, sind international: Einsamkeit, Verhaltensauffälligkeit, Geldnot, die Frage nach dem richtigen Weg im Leben. Wer fühlt sich nicht davon angesprochen? Wer braucht nicht im Leben dann und wann eine „starke Schulter“, an die er oder sie sich anlehnen kann? Und ist froh, wenn er auf einen Menschen wie Gil trifft, der Halt und Hoffnung verspricht? Ich denke, gerade diese omnipräsenten Probleme, die jedes Leben einmal berühren, machen diesen Roman so erfolgreich.
Der Roman lässt sich flüssig lesen, ohne dabei anspruchslos zu sein. Lediglich die ungewöhnlichen Namen haben bei mir anfangs ein wenig für Verwirrung gesorgt, die sich im Laufe des Lesens aber gelegt hat.
Alles in allem präsentiert Dror Mishani einen Roman, den man meiner Meinung nach einfach gelesen haben muss, und den ich mit viereinhalb von fünf Lesesternen zur Lektüre gerne weiterempfehle.

Veröffentlicht am 09.12.2019

Vor die Steine gegangen

Der Todbringer
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Mit „Der Todbringer“ ist nun auch der 14. Band aus Jeffery Deavers Lincoln Rhyme-Thrillerserie in Deutschland erschienen. Herausgegeben wurde dieser im November 2019 bei blanvalet.
An einem Wochenende ...

Mit „Der Todbringer“ ist nun auch der 14. Band aus Jeffery Deavers Lincoln Rhyme-Thrillerserie in Deutschland erschienen. Herausgegeben wurde dieser im November 2019 bei blanvalet.
An einem Wochenende im März wird Amanda Sachs an einen Tatort im New Yorker Diamantenviertel gerufen. Sie erwartet ein grausiger Tatort: Ein weit bekannter Diamantenhändler und ein junges Paar wurden gefoltert und anschließend ermordet. Ein Augenzeuge, der die Polizei verständigt hatte, konnte verletzt entkommen und ist nunmehr auf der Flucht. Doch während Sachs und ihr Mann, Lincoln Rhyme, nach dem Täter suchen, kommt es zu weiteren Zwischenfällen. Als dann auch noch eine Reihe von Beben und Explosionen New York erschüttert, wird die Lage immer brenzliger.
Nach dem ersten Durchblättern des Buches war ich ein wenig skeptisch: Ein etwa 570-seitiger Thriller, dessen Handlung sich auf fünf Tage beschränkt – kann das gutgehen? Muss es nicht zwangsläufig zu Längen kommen? Und es stimmt: So ganz ohne Längen kommt dieses Buch nicht aus, doch bin ich dennoch beim Lesen förmlich durch die Seiten hindurchgeflogen.
Einer detaillierten, doch keinesfalls grausamen oder voyeuristischen Darstellung des ersten Mordes – allein der Gedanke, dass ein junges Paar kurz vor seiner Hochzeit gefoltert und ermordet wird, ist verstörend genug – folgen ebenso präzise Darstellungen der Tatortarbeit. Auch das Schicksal des jungen Augenzeugen Vimal beschäftigt Leserinnen und Leser, man fragt sich unentwegt, weshalb er sich nicht einfach an die Polizei wendet. Durch einen Perspektivwechsel scheint für die Leser/innen schnell festzustehen, wer der Mörder ist, man macht sich – wie bei den alten Columbo-Filmen – darauf gefasst, einfach „nur“ die Ermittlungen mitzuverfolgen. Mit den Beben und Explosionen in der Stadt kommt dann ein wenig frischer Wind in die Handlung, bis sich im letzten Drittel die Ereignisse überschlagen und man in einem fulminanten Finale feststellen muss, dass nichts so ist, wie anfangs vermutet. Durch unvorhergesehene Wendungen, Enthüllungen und Erkenntnisse des Ermittlerteams schafft es der Autor, die Lesenden kaum zu Ruhe kommen zu lassen – und das alles, ohne dass man das Gefühl hat, überrumpelt oder mit allzu grausamen Darstellungen konfrontiert zu werden.
Der Aufbau des Thrillers mit seinen fünf Teilen folgt dann auch der Verarbeitung von Diamanten – vom Konzipieren bis hin zum Facettieren. Und so erfährt man beim Lesen viel Wissenswertes über Diamanthandel und –verarbeitung. Anhand des jungen Diamantenschleifers Vimal spielen auch immer wieder kulturelle Unterschiede und Vorurteile in den ansonsten so multikulturellen USA eine Rolle, die Ermittlungen schließlich haben auch Querelen zwischen den einzelnen Behörden zum Thema und werden recht ausführlich dargestellt.
Obgleich dieser 14. Band der Lincoln Rhyme-Serie der erste ist, den ich gelesen habe, habe ich mich in dieser Runde gleich wohlgefühlt, da alle dem Verständnis dienenden Informationen in die Handlung eingeflochten sind. Besonders gefallen und fasziniert hat mich das Schicksal Vimals und seiner Freundin, anhand anderer Figuren zeigt der Autor, dass er fähig ist, Charaktere vielschichtig zu zeichnen. Nicht zuletzt die Wandlungsfähigkeit einiger Charaktere sowie der Umstand, dass die Ermittler/innen auf Gegner stoßen, die ihnen ebenbürtig sind, tragen sehr zum Spannungsaufbau im letzten Romanteil bei.
Insgesamt legt Jeffery Deaver mit „Der Todbringer“ einen Thriller vor, der aufgrund seiner Längen sicher nicht diejenige Leserschaft befriedigen wird, die auf einen Knalleffekt nach dem anderen aus ist. Mir persönlich hat dieses Buch jedoch außerordentlich gut gefallen, da es Informationen und gepflegte Spannung miteinander verbindet und mir somit einige unterhaltsame sowie spannende Lesestunden beschert hat. Außerdem hat mich dieser Band neugierig gemacht auf weitere Teile dieser Reihe, zu denen ich mit Sicherheit in Bälde greifen werde. Mit viereinhalb von fünf Lesepunkten empfehle ich dieses Buch gerne zur Lektüre weiter.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.11.2019

Zwischen den Fronten

Entführung
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Bei „Entführung“ handelt es sich um den vierten Band aus Petra Ivanovs Meyer- und Palushi-Reihe. Dieser 384-seitige Justizkrimi ist im August 2019 im Unionsverlag erschienen.
Die junge Studentin Lara Blum ...

Bei „Entführung“ handelt es sich um den vierten Band aus Petra Ivanovs Meyer- und Palushi-Reihe. Dieser 384-seitige Justizkrimi ist im August 2019 im Unionsverlag erschienen.
Die junge Studentin Lara Blum wurde entführt. Der muslimische Täter wurde gefasst. Doch er schweigt. Wo ist Lara? Welche Beweggründe stecken hinter der Tat? Der Anwalt Pal Palushi wird zum Verteidiger ernannt und gerät dabei in einen Gewissenskonflikt. Gemeinsam mit seiner Freundin, der Ex-Polizistin Jasmin Meyer, versucht er, den Hintergründen für die Tat auf die Spur zu kommen – Hintergründe, die die dunklen Seiten unserer Gesellschaft offenbaren und einmal mehr zeigen, dass die Welt komplizierter ist, als viele es sich wünschen.
Obwohl dieses der erste Band dieser Reihe ist, den ich gelesen habe, fiel es mir von Anfang an leicht, dem Geschehen zu folgen: Die Charaktere sind plastisch und menschlich gezeichnet, alle wichtigen Details über die Vorgeschichte der Protagonist/innen sind in den aktuellen Fall integriert. Jasmin Meyer, selbst einst Entführungsopfer, kämpft nachvollziehbar mit inneren Dämonen, schafft es aber auch, mit ihrer Geschichte Zugang zu den Eltern des Entführungsopfers zu finden, die ihrerseits auf der einen Seite verständlicherweise betroffen sind, andererseits aber auch nur mangelhaft kooperieren. Pal Palushi, Moslem aus dem Kosovo, kämpft gleich an mehreren Fronten: Als Pflichtverteidiger eines überführten Täters hat er es ohnehin nicht leicht, wird ihm doch vorgeworfen, einen Verbrecher zu schützen und mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Als Moslem sagt man ihm mangelnde Distanz nach, ja man wirft ihn sogar in einen Topf mit den Islamisten. Seine Verteidigung ist ein Balanceakt zwischen dem Wunsch, Lara zu finden, und der Aufgabe, seinen Klienten nicht unnötig zu belasten. All diese Schwierigkeiten werden noch angefacht durch die Hetze der Medien. Doch auch privat hat er seine Nöte: Sein Neffe, Rinor, distanziert sich mehr und mehr von der Familie und sucht Halt in islamistischen Kreisen.
Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, was sie komplex macht und die Leser/innen vor einige Fragen stellt. Immer wieder kommt es zu unverhofften Wendungen und neuen Erkenntnissen, sodass man beim Lesen das Buch kaum zur Seite legern mag – und das, obwohl die Handlung an sich eher ruhig verläuft. Das Ende führt dann lose Fäden zusammen, ist sehr überraschend und dennoch logisch nachvollziehbar - genau der Schluss, den ich von einem guten Kriminalroman erwarte.
Mit dem Thema „Islam“ hat Petra Ivanov ein heißes Eisen angefasst. Ihre Darstellung verschiedener islamischer Strömungen und Praktiken sowie ihr Nachspüren der Frage, warum sich in einem demokratischen Land junge Männer (und auch Frauen) teils extremistischen Organisationen anschließen, zeugen von guter Recherche, berühren teils existenzielle Fragen („Warum lässt Allah so viel Elend zu?“) und bergen bestimmt auch streitbares Potenzial in sich. Jedenfalls kann ich mir gut vorstellen, dass die Autorin mit ihren Ansichten auch oft auf wenig Gegenliebe stößt. Zudem zeigt das Buch auch, wie oben schon erwähnt, das Dilemma eines Strafverteidigers auf und hinterfragt die Rolle der allgegenwärtigen Medien. Alles in allem also ein Kriminalroman, der über eine spannende Handlung hinaus noch viel zu bieten hat.
Ivanovs Sprache und Stil sind flüssig und schnörkellos zu lesen. Die Autorin findet genau die richtige Mitte zwischen Liebe zum Detail und Offenheit, die es Leserinnen und Lesern ermöglicht, in die Geschichte einzutauchen und doch noch Raum für eigene Vorstellungen zu haben.
Insgesamt legt Petra Ivanov mit „Entführung“ einen spannenden Krimi vor, der reichlich Stoff zum Nachdenken sowie Überdenken festgefahrener Denkstrukturen bietet und einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft wirft. Von mir gibt es mit viereinhalb von fünf Punkten eine klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 02.07.2019

Mordfälle waren für Leon wie Puzzles, und er war der Spielverderber.

Mörderisches Lavandou
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Zum fünften Mal ermittelt der deutsche Rechtsmediziner Leon Ritter in Remy Eyssens „Mörderisches Lavandou“ in seiner Wahlheimat an der französischen Mittelmeerküste. Dieser 496-seitige Kriminalroman ist ...

Zum fünften Mal ermittelt der deutsche Rechtsmediziner Leon Ritter in Remy Eyssens „Mörderisches Lavandou“ in seiner Wahlheimat an der französischen Mittelmeerküste. Dieser 496-seitige Kriminalroman ist im Mai 2019 bei Ullstein erschienen.
Der Herbst hält Einzug in Le Lavandou – eigentlich eine beschauliche Zeit. Wenn da nicht das Verschwinden der jungen Françoise Bonnet wäre. Kurz darauf wird ihr Fuß, etwas später der Rest ihres Leichnams gefunden. Als dann auch noch eine weitere junge Frau verschwindet, erhärtet sich der Verdacht, es könnte sich um einen Serientäter handeln. Ritter unterstützt die Recherchen der Polizei nach bestem Wissen und Gewissen, verfolgt seine eigenen Spuren und bringt sich und seine Familie damit selber in Gefahr …
Wenngleich es sich hier um den fünften Band einer Krimireihe handelt, war es für mich kein Problem, mit diesem Fall in die Reihe einzusteigen. Dem Autor gelingt es geschickt, die Figur des deutschen Rechtsmediziners so einzuführen, dass man auch als Neueinsteiger/in in die Reihe dem Geschehen problemlos folgen kann, die Charaktere kamen mir von Anfang an vor wie alte Bekannte.
Der Roman ist von Anfang bis Ende spannend zu lesen, wobei der Spannungsbogen durchaus variiert. Bis kurz vor Ende tappte ich beim Lesen vollkommen im Dunkeln, was Motiv und Täter betrifft. Unterstützt wird dieser Effekt dadurch, dass wiederholt neue Verdächtige auftauchen, Zusammenhänge zwischen den Fällen aber über lange Zeit verborgen bleiben. Immer wieder werden die Beschreibungen der Ermittlungen und Szenen aus der Gefangenschaft der Entführten unterbrochen durch Schilderungen aus der Sicht „des Mannes“, der sich später als Täter entpuppt. So hat man als Leser/in reichlich Gelegenheit, sich beim Lesen den Kopf zu zerbrechen.
Sehr gut gefallen hat mir der Gegensatz zwischen den schönen Landschaftsbeschreibungen der provenzalischen Küste sowie dem immer wieder auftretenden „Savoir-vivre“ der Franzosen auf der einen und den doch recht brutalen Verbrechen auf der anderen Seite, wobei der Autor allzu voyeuristisch Darstellungen vermeidet. Auch etwas zarter besaitete Krimiliebhaber/innen sollten den Roman also lesen können. Zudem kommt ein feiner Humor nicht zu kurz, wenn dem Ermittler Didier z.B. die eine oder andere eher unangebrachte Bemerkung aus dem Mund rutscht.
Leon Ritter an sich erschien mir beim Lesen sehr sympathisch und menschlich. Geradlinig, doch nicht ohne Selbstzweifel, verfolgt er seine Spuren, auch wenn es für ihn nicht immer ein leichter Weg ist. Aufschlussreich, ohne belehrend zu wirken, sind auch die Einblicke in seine Arbeit als Rechtsmediziner. Alles in allem hat Eyssen hier einen sehr ansprechenden Protagonisten geschaffen, der unaufdringlich und ruhig auch schwierige Situationen meistert und trotz einiger Irrwege alles tut, um seinen ihm Anvertrauten in der Not zur Seite zu stehen. Doch auch alle anderen Charaktere sind liebevoll gestaltet.
Lediglich die Figur des Priesters Dumont fand ich beim Lesen etwas undurchsichtig, wenngleich auch sein Schicksal am Ende Mitleid erregt. Sehr gut dargestellt ist hier der Zwiespalt zwischen Wahrung des Beichtgeheimnisses und dem Wunsch, der Gerechtigkeit Genüge zu tun.
Insgesamt präsentiert Remy Eyssen mit „Mörderisches Lavandou“ einen Krimi, der spannend unterhält, logisch aufgebaut und von Lokalkolorit durchzogen ist. Bis auf die oben erwähnte Ungereimtheit hat mir das Buch sehr gut gefallen, weshalb ich es mit viereinhalb von fünf Lesesternen gerne anderen Krimiliebhaber/innen zur Lektüre weiterempfehle.