Profilbild von EmmaWinter

EmmaWinter

Lesejury Profi
offline

EmmaWinter ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit EmmaWinter über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.06.2020

Dramatische Aufarbeitung eines Familiengeheimnisses

Die verlorene Frau
0

Was für ein Tag, der 19. November 2014. An diesem Tag spielt sich die gesamte Handlung ab: Die junge Jessie und ihre neugeborene Tochter verschwinden aus dem Krankenhaus. Die Suche nach den beiden arbeitet ...

Was für ein Tag, der 19. November 2014. An diesem Tag spielt sich die gesamte Handlung ab: Die junge Jessie und ihre neugeborene Tochter verschwinden aus dem Krankenhaus. Die Suche nach den beiden arbeitet gleichzeitig die Vergangenheit der Eltern und Großeltern Schritt für Schritt auf. Was geschah wirklich in jener Nacht, als Harriet und Jacob starben? Jessies Mutter Rebecca steht selbst 55 Jahre später noch unter dem Einfluss dieser Nacht. Mehr soll im Detail gar nicht über den Inhalt gesagt werden. Rezensionen, die wesentlich mehr vom Geschehen preisgeben als der Klappentext, finde ich irgendwie egoistisch.

Der Klappentext reduziert das Buch allerdings auf die Krimielemente: verschwundene Mutter mit Kind, gewaltsamer Tod der Großeltern, Schwester ist Journalistin und sucht die Vermissten.

Das wird dem Roman einerseits nicht gerecht und täuscht auch etwas. Um einen Krimi handelt es sich hier nur am Rande. Das Buch trägt zwar die Bezeichnung Roman, aber tatsächlich hatte ich mir aufgrund der Beschreibung eine andere Ausrichtung der Handlung vorgestellt.

Dennoch hat mich das Buch sofort in den Bann gezogen. Es handelt sich um eine tragische Familiengeschichte, in dessen Zentrum nicht der gewaltsame Tod steht, sondern die Aufarbeitung seiner Auswirkungen und seiner Vorgeschichte.

Der Roman ist neben Prolog und Epilog in 38 Kapitel unterteilt. Dabei spielt ein großer Teil der Handlung kurz vor Kriegsende 1945 und in den ersten Nachkriegsjahren. Diese Kapitel wechseln sich mit den Ereignissen vom 19. November 2014 ab. Da ich das Buch in zwei Tagen durchgelesen habe, fiel es mir nur ganz zu Beginn schwer, die verschiedenen Zeiten und Personen auseinander zu halten und in die richtige Reihenfolge und Beziehung zu bringen. Jedes Kapitel trägt ein Datum und eine Person als Überschrift, dennoch muss man zunächst etwas aufpassen.

Die handelnden Personen sind keine einfachen Sympathieträger, dafür sind nahezu alle durch die Vergangenheit zu sehr "geschädigt". Einzig Iris ist in meinen Augen wirklich sympathisch. Die anderen Charaktere sind aber sehr stimmig und in ihren Handlungen nachvollziehbar gezeichnet.

Die Autorin versteht es, Atmosphäre zu schaffen. Nahezu durchweg bedrohlich auf der Vergangenheitsebene; immer steht die zukünftige "Todesnacht", das Unvermeidliche, unheilvoll über allem.

Insgesamt eine Geschichte, die einen starken Sog ausübt. Eine Familiengeschichte, die sich auch der Aufarbeitung der Nachwirkungen des 2. Weltkrieges annimmt und der Stellung der Frau in dieser Zeit.

Ich kann das Buch nur empfehlen und vergebe fünf Sterne.


  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.06.2020

Gelungener 5. Teil der Servaz-Serie

Schwestern im Tod
0

Minier hat mit dem fünften Teil der Servaz-Serie "Schwestern im Tod" erneut einen spannenden, düsteren und atmosphärisch dichten Thriller vorgelegt. Er konnte mich mehr fesseln, als die beiden Teile zuvor. ...

Minier hat mit dem fünften Teil der Servaz-Serie "Schwestern im Tod" erneut einen spannenden, düsteren und atmosphärisch dichten Thriller vorgelegt. Er konnte mich mehr fesseln, als die beiden Teile zuvor.

Als Martin Servaz vor 25 Jahren bei der Polizei in Toulouse arbeitete, war er in die Untersuchung eines brutalen Doppelmordes involviert. Zwei Schwestern waren in Kommunionkleidern erschlagen aufgefunden worden. Ihre Leichen wurden an Baumstämme am Flussufer festgebunden. Eine Inszenierung. Die Schwestern waren Fans des Autors Erik Lang, der aufgrund seines erfolgreichen Romans "Die Kommunikantin" schnell in den Fokus der Polizei geriet.
2018: Servaz wird an einem Tatort mit der toten Ehefrau von Erik Lang konfrontiert, die ein weißes Kleid trägt. Was ist geschehen? Hängen die beiden Fälle zusammen? Servaz muss sich der Vergangenheit und der Gegenwart stellen.

Der Prolog des Romans spielt 1988, der erste Teil des Buches dann in 1993, das Jahr, in dem der Doppelmord verübt wurde. Diese beiden Abschnitte machen knapp die Hälfte des Buches aus. Dann springt der Autor in die Gegenwart und der Kreis schließt sich zum aktuellen Verbrechen. Die Lesenden sind so auf dem gleichen Wissensstand wie der Kommissar.

Minier schreibt wie gewohnt eindringlich, detailreich und schafft eine gekonnte Atmosphäre. Den Gedankengängen und inneren Überlegungen von Servaz folge ich sehr gerne. Er reflektiert auch über vieles, was nicht mit dem Fall zusammenhängt. Das muss man mögen, denn es geht hier nicht in jeder Zeile um den Fall.
Das Buch ist dennoch überaus spannend, wendungsreich und auf die Lösung kam ich erst, als es auch bei Servaz Klick gemacht hatte. Eine gelungene Handlung, wohl überlegt aufgebaut und logisch zu Ende geführt.
Die Kapitel sind wieder überschaubar und fördern den Lesefluss (eins geht noch!). Es wird hauptsächlich aus der Sicht des Kommissars geschrieben, bis auf wenige Ausnahmen. Servaz präsentiert sich einmal mehr als "einsamer Wolf", sein Team kommt nur wenig zum Einsatz. Das entspricht aber den vorherigen Bänden. Mehr aus der Vergangenheit des Kommissars zu fahren, hat mir an diesem Buch sehr gut gefallen. Mit Erik Lang hat Minier eine sowohl faszinierende, als auch abstoßende Figur geschaffen. Er nutzt diesen fiktiven Krimiautor, um geschickt über das Verhältnis zwischen Fan und Autor zu schreiben und auch das Schreiben selbst zu thematisieren. Warum werden Lesende von einem Buch gefesselt?

Dieser Teil kann unabhängig von den Vorgängern gelesen werden, ähnlich wie Teil 3, da er nicht direkt mit der Hirtmann-Handlung zusammenhängt bzw. der Serienmörder hier nicht im Mittelpunkt steht.

Insgesamt ein spannender Thriller, der mich sehr gut unterhalten hat und auch nach dem fünften Band Lust auf das nächste Buch der Reihe macht. Ich kann "Schwestern im Tod" allen empfehlen, für die bei einem Thriller nicht aus allen Seiten Blut tropfen muss. Ich vergebe fünf Sterne.

Unangenehm aufgefallen ist jeweils ein Inhaltsfehler im Klappentext und auf der Buchrückseite. Schade!
Auch frage ich mich, warum man einer Serien zwischendurch ein neues Format und Aussehen geben muss - macht sich im Regal immer irgendwie unglücklich.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.06.2020

Wenn es dunkel wird ...

Nacht
0

Mit "Nacht" läßt Bernard Minier seinen Kommissar Martin Servaz aus Toulouse bereits ein viertes Mal Verbrecher jagen. Dieser Band schließt enger an die Ereignisse der ersten beiden Thriller an, in denen ...

Mit "Nacht" läßt Bernard Minier seinen Kommissar Martin Servaz aus Toulouse bereits ein viertes Mal Verbrecher jagen. Dieser Band schließt enger an die Ereignisse der ersten beiden Thriller an, in denen der Serienmörder Julian Hirtmann eine wichtige Rolle gespielt hat. Man kann diesen Band aber auch ohne Vorkenntnisse lesen.

Ein erstes Todesopfer, das auf einer norwegischen Ölplattform gearbeitet hat, bringt die Suche nach Hirtmann wieder in Gang. Nachdem er jahrelang verschwunden war, scheint es endlich wieder eine Spur des schweizer Serienmörders zu geben. Martin Servaz jagt derweil einen Serienvergewaltiger und wird dabei schwer verletzt.

Hirtmann beginnt erneut ein psychologisches Katz und Maus-Spiel mit Servaz. Langsam wird klar, warum der Verbrecher sich aus seiner Deckung gewagt hat. Eine interessante neue Entwicklung.

Minier lässt seinen Figuren wieder Zeit und Raum, um sich zu entwickeln, zu reflektieren und zu handeln. Das gilt auch viele Nebenfiguren, denen ein umfangreicher Hintergrund zugestanden wird. Dies macht die Figuren lebendiger und glaubhafter. Der Schreibstil hat für mich bei aller Spannung immer etwas Beherrschtes. So stelle ich mir auch die Hauptfigur vor, beherrscht und abgeklärt. Daher empfinde ich diesen Stil als absolut stimmig.

Es passiert sehr viel in diesem vierten Band und die Handlung führt durch mehrere Länder, das fördert das Lesetempo. Reichlich brenzlige Situationen sorgen gehörig für Spannung und die kurzen Kapitel tun ein Übriges. Es wird aus der Sicht verschiedener Personen erzählt, so dass sich die Handlung von mehreren Seiten aus auf das Ende zubewegt. Minier gelingt es auch hier wieder, mit Überraschungen aufzuwarten. Ich bin sehr gespannt, wie es weitergeht, denn das Ende hat es in sich.

Insgesamt ein sehr spannender Thriller mit etwas Grusel, denn die bedeutenden Ereignisse geschehen in der Nacht, wie der Titel bereits andeutet. Ich habe das Buch rasch durchgelesen und vergebe vier Thrillersterne.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.05.2020

Wenn Dir keiner glaubt ...

Wolfsbeute
0

Es ist immer schwer, einen guten Thriller zu besprechen, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten. Oft genug wird in den Rezensionen ausgeplaudert, was man sich als Leser gerne selbst mehrere hundert Seiten ...

Es ist immer schwer, einen guten Thriller zu besprechen, ohne zu viel vom Inhalt zu verraten. Oft genug wird in den Rezensionen ausgeplaudert, was man sich als Leser gerne selbst mehrere hundert Seiten lang erarbeitet, um dann einen tollen Aha-Moment zu erleben - oder eben nicht, wenn es schon in der Rezension oder auf dem Buchumschlag steht. Das ist ärgerlich.

Erfreulicherweise ist der Klappentext von „Wolfsbeute“ extrem knapp gehalten. Deswegen sei hier auch kaum mehr verraten: Kommissar Servaz, der sich nach seinem letzten Fall in einer Reha-Einrichtung befindet, versucht seelisch wieder auf die Beine zu kommen. Gleichzeitig lernen wir die erfolgreiche Radiomoderatorin Christine Steinmeyer kennen. Servaz und Christine erhalten beide anonyme Post und damit beginnen über 600 spannende Thrillerseiten. Christine wird Opfer eines Stalkers und zu dessen Spielball ...

Eigentlich mag ich Plots nicht so sehr, in denen mit der wehrlosen Hauptperson perfide Spielchen gespielt werden ... Da fühlt man sich selbst so hilflos. Dieses Buch hat mich aber wirklich gefesselt. Es braucht ein bisschen, bis die ersten Fäden sich finden, aber dann konnte ich es kaum noch aus der Hand legen. Die Handlung wird abwechselnd aus der Sicht von Martin Servaz und Christine geschildert, so baut sich langsam aber sicher Spannung auf.

Miniers Schreibstil ist eher ruhig und beherrscht, nicht hektisch. Er läßt sich Zeit, seine Figuren in ihrem Umfeld vorzustellen und sie agieren zu lassen. Bei Christine wird dadurch der Einfluss des Stalkers auf ihr Leben (Vorher/Nachher-Vergleich) besonders deutlich und nachvollziehbar.

Obwohl dies bereits der dritte Band der Servaz-Reihe ist, kann man diesen Thriller auch ohne Vorkenntnisse lesen. Es gibt genug Hinweise auf Servaz‘ Vergangenheit, um seine Handlungsweisen zu verstehen.

Einziges Manko: Mir war die Protagonistin nicht sympathisch.

Insgesamt kann ich diesen Thriller auch versierten Spannungs-Leser*innen absolut empfehlen; es gibt reichlich Aha-Momente. Man muss der Handlung etwas Zeit lassen, um die Spannung aufzubauen und dann ist man gefangen.

Viereinhalb Sterne.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.05.2020

Schicksal einer jüdischen Malerin

Die Fliederinsel
0

Sylvia Lott kombiniert einmal mehr zwei Zeitebenen im vorliegenden Roman „Die Fliederinsel“.

Celia logiert sich in einem schnuckeligen Ferienhaus auf der dänischen Insel Fünen ein. Durch Zufall entdeckt ...

Sylvia Lott kombiniert einmal mehr zwei Zeitebenen im vorliegenden Roman „Die Fliederinsel“.

Celia logiert sich in einem schnuckeligen Ferienhaus auf der dänischen Insel Fünen ein. Durch Zufall entdeckt sie ein großes Fliedergemälde, das im Haus verborgen war. Ihre Vermieterin Inger erkennt das Gemälde sofort wieder. Es war einst das Lieblingsbild ihrer Mutter, der jüdischen Malerin Ruth Liebermann. Inger beginnt, die bewegende Geschichte ihrer Mutter zu erzählen: Ruth und ihr Mann Jakob leben in Berlin, fliehen dann aber vor den Nationalsozialisten nach Dänemark. Dort gehört Ruth auf Fünen ein kleines Häuschen, das sie von ihrer Großmutter Selma erhalten hat. Von 1938 bis 1943 lebt die kleine Familie dort recht glücklich, trotz aller Gefahren und des Krieges. Ruth malt immer wieder den von ihr so geliebten Flieder, der auf Fünen ganze Alleen bildet. Ihre Bilder sichern den Lebensunterhalt. Im Oktober 1943 wird aber auch Dänemark unsicher und die Flucht geht weiter nach Schweden.

Am Beispiel von Ruth und Jakob Liebermann schildert die Autorin die besondere Situation der dänischen Juden und jüdischen Flüchtlinge in Dänemark und deren weitere Flucht ins neutrale Schweden. Das ist alles sehr gut recherchiert und die Dänen sind zu Recht stolz auf das „Wunder einer Nacht“. Davon war mir bisher so gut wie nichts bekannt.

Sylvia Lott schreibt sehr bildhaft, man kann sich die Insel, die Natur und auch die Menschen sehr gut vorstellen. Die Magie, die Ruth als Malerin immer wieder durch den Flieder erfährt, läßt sich absolut nachvollziehen. Das Buch läßt sich sehr flott lesen.

Die Geschichte um Ruth und ihre Familie ist sehr interessant und gibt auch Einblicke in das gesellschaftliche Leben unter Intellektuellen im Exil. Da taucht beispielsweise auch Bertolt Brecht auf, der ebenfalls zeitweise in Dänemark Zuflucht fand.

Die Handlung in der Vergangenheit nimmt in diesem Roman den Hauptteil ein, die Gegenwartsebene ist teilweise kaum mehr als Beiwerk. Die Protagonistin stand mir etwas zu sehr unter dem Pantoffel ihres Gatten Jakob, der mir leider während der ganzen Handlung unsympathisch blieb. Die Jahre auf Fünen sind gelegentlich etwas handlungsarm, da passiert nicht wirklich so viel. Vielmehr scheint alles auf den Oktober 1943 zu warten, als die Flucht weitergeht. Die Liebesgeschichte ist in diesem Roman auch eher eine unterschwellige. Gerne hätte ich Ruth früh in einer anderen Konstellation gesehen und mit ihr mitgefiebert... Jakob ist jedoch als Figur wichtig, da er Stellvertreter für viele „Personen“ ist, Intellektueller, Widerstandskämpfer, Zionist.

Insgesamt hat Sylvia Lott mit “Die Fliederinsel“ einen toll recherchierten Schmöker hingelegt, der mich aber nicht so packen konnte wie andere Romane von ihr. Ich gebe eine Leseempfehlung für alle, die an bewegenden Familiengeschichten interessiert sind und sich nach Fünen träumen möchten. Denn auf einen Besuch dieser Insel macht das Buch allemal Lust.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere