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Veröffentlicht am 27.06.2021

Haben wir eine Wahl?

Schicksal
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"Bei keiner Wahl, die wir treffen, verstehen wir bis ins Letzte, was sie für uns bedeutet." (S. 251)

Zeruya Shalev verwebt in ihrem Roman die Schicksale zwei israelischer Frauen, die durch einen Mann ...

"Bei keiner Wahl, die wir treffen, verstehen wir bis ins Letzte, was sie für uns bedeutet." (S. 251)

Zeruya Shalev verwebt in ihrem Roman die Schicksale zwei israelischer Frauen, die durch einen Mann verbunden sind. Meno, Vater der einen und erster Ehemann der anderen, muss erst sterben, damit die Frauen zu einanderfinden. Die Architektin Atara, Ende Vierzig, möchte mit der ersten Frau ihres Vaters Kontakt aufnehmen. Die 90-jährige Rachel kämpfte einst gemeinsam mit Meno im Untergrund für die Befreiung Palästinas von den Briten. Die Leben der beiden Frauen kreuzen sich mehrfach. Jede Begegnung verändert das Schicksal der Israelinnen und läßt sie intensiv über ihre Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft nachdenken.

Die Handlung wird abwechselnd aus der Sicht von Atara und Rachel erzählt und dadurch erscheinen alle anderen Personen sehr subjektiv gezeichnet. Rachels Anteil an der Handlung ist wesentlicher geringer, als der von Atara. Das läßt sich aber damit erklären, dass das Schicksal Atara in der Gegenwart übel mitspielt, während Rachel im wesentlichen aus ihrer Vergangenheit berichtet. Sie zehrte ihr ganzes Leben von ihrem Kampf in der Lechi, einer radikalen Untergrundorganisation, die gegen die Mandatsherrschafft der Briten in Palästina vor der Staatsgründung Israels kämpfte. Sie trauert quasi täglich um ihre gefallenen Kameraden und stellt ihre Leidenschaft für den Kampf sogar über die eigene Familie.

Atara wurde zeitlebens von ihrem Vater, bis auf wenige Ausnahmen, lieblos behandelt und ist auch in ihrer zweiten Ehe nicht grundsätzlich glücklich, sondern hat ständig etwas an ihrem Mann auszusetzen und stellt wiederum ihr Kind aus erster Ehe und den gemeinsamen Sohn über die Ehe. Die Beziehungsgefüge sind in beiden Familien kompliziert und belastet.

Aus diesen Verhaltensweisen erwächst das titelgebende "Schicksal". Der Roman besticht durch teilweise sehr schöne poetische Passagen. Andere Textteile haben mir gar nicht gefallen. Insgesamt konnte er mich aber nicht überzeugen. Die Charaktere sind mir allesamt, bis auf Rachels jüngeren Sohn, unsympathisch. Sie bleiben teilweise auch unnahbar, weil sie wie durch einen Filter, nur durch die Augen von Rachel und Atara auf die Lesenden wirken können. Es gibt durchaus einen Spannungsbogen im Roman, der jedoch für mich nicht aufgelöst wurde und zu viele Fragen offen ließ.

Auch weckte der Klappentext falsche Erwartungen an die Handlung in mir. Es geht hier weniger um die Untergrundorganisation Lechi und die Liebe, als vielmehr um zwei Frauen, die aufgrund ihrer Entscheidungen fatale Ereignisse in Gang setzten und setzen. Weite Teile des Roman handeln von Ataras Schuldzuweisungen an sich selbst und andere, von ihrer Trauer und Selbstreflexion. Das war für mich ermüdend zu lesen, weil sie sich oft im Kreis gedreht hat und immer wieder das Gleiche gedacht und gesagt hat.

Ich kann für diesen Roman nur sehr bedingt eine Leseempfehlung aussprechen, weil er mich nicht erreicht hat. Er wird sicherlich Anhänger:innen finden, aber wer sich einen spannenden Roman über die Lechi, gespickt mit einer romantischen, tragischen Liebesgeschichte erhofft, ist hier falsch. Wer aber einen sprachlich ansprechenden Roman über die seelischen Leiden zweier Israelinnen lesen möchte, wird diese Geschichte vielleicht mit anderen Augen lesen als ich. Drei Sterne für "Schicksal".


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Veröffentlicht am 18.05.2021

Krimiauftakt aus Dänemark

Leichenblume
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Das Buch wurde so oft hoch gelobt und mir auch nachdrücklich von einer Freundin empfohlen, auf deren Urteil ich mich eigentlich blind verlassen kann. Leider hat mich diese Geschichte aber nicht gepackt.

Der ...

Das Buch wurde so oft hoch gelobt und mir auch nachdrücklich von einer Freundin empfohlen, auf deren Urteil ich mich eigentlich blind verlassen kann. Leider hat mich diese Geschichte aber nicht gepackt.

Der Investigativ-Journalistin Heloise Kaldan wurde fingiertes Material zugespielt, das ihren Stuhl in der Redaktion des Demokratisk Dagblad in Kopenhagen wackeln läßt. In dieses berufliche Chaos flattert ein kryptischer Brief, der von der bekannten Mörderin Anna Kiel stammt, die seit Jahren auf der Flucht ist. Unbestreitbar hat sie einen unbescholtenen jungen Anwalt in dessen Haus brutal erstochen. Was will Anna von Heloise? Gemeinsam mit Erik Schäfer, der damals die Ermittlungen leitete, versucht die Journalistin Licht in das Dunkel zu bringen.

Anne Mett Hancock schreibt flott und die Geschichte läßt sich gut lesen. Die Charakter sind interessant, hätten aber mehr Tiefe vertragen können. Die Kombination Investigativ-Journalistin und Kommissar hat Potential. Die Kapitel sind angenehm kurz und die Perspektive wechselt zwischen Heloise, Erik und Anna. Das bringt Schwung in den Erzählfluss und läßt zunächst viele Fragen aufkommen. Wie hängt was und wer mit wem zusammen? Leider war mir dann aber relativ schnell klar, was hinter Annas Geschichte steckt.

Der Serienauftakt kommt ohne größere Brutalität aus, aber für meinen Geschmack fehlt es deutlich an Spannung. Daher wäre die Bezeichnung Krimi passender gewesen. Leider konnte mich dieses Buch nicht komplett überzeugen und den Vergleich mit Adler-Olsen auf dem Klappentext finde ich gewagt.

Wer einen Thriller sucht, wird ihn hier nur bedingt finden. Wer jedoch einen ansprechenden, soliden Krimi mit sympathischen, ausbaufähigen Figuren lesen möchte, ist hier genau richtig. Ich kann leider nur drei Sterne vergeben und hoffe auf eine Steigerung im nächsten Teil.


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Veröffentlicht am 29.01.2021

Podcasterin auf Mördersuche - leider mit Schwächen

Der Countdown-Killer - Nur du kannst ihn finden
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Elle Castillo betreibt den Podcast Justice Delayed, was so viel wie verzögerte Gerechtigkeit bedeutet. Genau das möchte Elle mit ihren Beiträgen erreichen, Gerechtigkeit für die Opfer von Verbrechen. Leider ...

Elle Castillo betreibt den Podcast Justice Delayed, was so viel wie verzögerte Gerechtigkeit bedeutet. Genau das möchte Elle mit ihren Beiträgen erreichen, Gerechtigkeit für die Opfer von Verbrechen. Leider verliert sie dies bei ihrem aktuellen Fall aus den Augen und fokussiert sich auf den Mörder. Der sogenannte Countdown-Killer, hatte 20 Jahre zuvor mehrere Frauen und Mädchen entführt und getötet. Als sein letztes Opfer entkommen konnte, hörten die Taten auf. Elle will nicht an den Tod dieses Mörders glauben und rührt mit ihrem Podcast in alten Wunden. Dann verschwindet erneut ein Mädchen, das in die Opfer-Reihenfolge des Killers passt. Hat Elle den Täter von früher aufgeschreckt? Ist sie ihm mit ihrem Podcast auf den Fersen oder nimmt sich jemand ihre Beiträge als Vorbild?

Amy Suiter Clarke ist selbst ein Fan von True-Crime-Podcasts und hat dieses Genre für ihren ersten Thriller herangezogen. Die Kombination aus den Podcast-Beiträgen und der Handlung ist mal was anderes und durchaus interessant. So erfährt der Leser von den früheren Taten des Killers durch den Podcast und verfolgt gleichzeitig die fortschreitende Handlung. Dadurch liest sich das Buch auch sehr schnell. Später wird auch noch aus der Sicht eines Mörders (hier sei noch nicht verraten, ob es sich um den Countdown-Killer oder einen Nachahmer handelt) berichtet. Das macht den weiteren Verlauf etwas interessanter. Der Schreibstil insgesamt ist gut und leicht zu lesen, schnörkellos und auf das Wesentliche konzentriert. Allerdings hat mir in den Podcast-Beiträgen häufig der Tonfall nicht gefallen. Für mich klang das teilweise zu flapsig und salopp für ein so ernstes Thema. Allein, dass immer wieder von CK gesprochen wird, fand ich unangemessen. Was mich aber wirklich gestört hat und was diesen Thriller auch zwei Sterne kostet, ist das vielfache unlogische und unglaubwürdige Verhalten vor allem der Protagonistin. Da werden offensichtliche Unstimmigkeiten nicht näher untersucht oder der Ehemann muss Elle auf etwas bringen, was sie eigentlich selbst viel eher hätte erkennen müssen. Da musste man sich gelegentlich mit der Hand vor die Stirn schlagen. Die Charaktere blieben ingesamt auch eher flach.

Der Thriller hat jedoch einen guten Twist und auch spannende Momente, obwohl einiges auch schon vorhersehbar ist.

Als konfus empfinde ich das Cover, das sich am amerikanischen Original orientiert. Da der Originaltitel allerdings "Girl, 11" lautet, kann man darauf wesentlich mehr von der Pflanze sehen, die im Buch auch eine wichtige Rolle spielt. Das deutsche Cover mit dem längeren Titel wirkt dagegen arg überladen.

Einigermaßen solide Thrillerunterhaltung für Zwischendurch, wenn man die Logiklöcher überspringt und sich nicht am Tonfall der Podcast-Beiträge stört. Es reicht leider nur für drei Sterne.

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Veröffentlicht am 15.11.2020

Résistancebewegung in der Champagne

Das letzte Licht des Tages
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Ohne Frage hat Kristin Harmel eine dramatische Geschichte über Menschen in der Champagne geschrieben, die sich unter Einsatz ihre Lebens der Résistance angeschlossen haben. Leider konnte mich die Geschichte ...

Ohne Frage hat Kristin Harmel eine dramatische Geschichte über Menschen in der Champagne geschrieben, die sich unter Einsatz ihre Lebens der Résistance angeschlossen haben. Leider konnte mich die Geschichte nur auf der Oberfläche fesseln, da die Charaktere sehr flach bleiben und kaum Substanz zum Mitfiebern liefern.

Auf Maison Chauveau führen Michel und Inès zusammen mit dem Kellermeister Théo und dessen Frau Céline im Frühjahr 1940 ein bescheidenes Leben. Als die Invasion der Deutschen voranschreitet verändert sich das Leben auf dem Weingut in der Champagne dramatisch. Die junge Inès fühlt sich zusehends von ihrem Mann und der tatkräftigen Céline zurückgedrängt. Was geschieht in den Kellern des Weingutes? Inès flüchtet zu ihrer Freundin nach Reims und lernt Kollaborateure und Résistancemitglieder kennen. Geheimnisse auf Maison Chauveau führen zur Misstrauen und Missverständnissen, die schließlich in einer Katastrophe münden.

Fast 80 Jahre später nimmt Edith ihre frisch geschiedenen Enkelin Liv mit nach Frankreich. Sie reisen in die Champange. Die fast Hundertjährige ringt sichtlich mit Erinnerungen an die Vergangenheit und versucht, Liv in das Dunkel der damaligen Zeit einzuweihen. Ein junger Anwalt kommt Liv schnell näher und weiß mehr über die Kriegszeit, als die Amerikanerin zunächst ahnt.

Die Familiengeschichte, die abwechselnd auf zwei Zeitebenen spielt, ist wirklich interessant und auch dramatisch. Die Verstrickung der Winzer und Champangerhäuser mit der Résistancebewegung und die weiteren historischen Elemente sind gut recherchiert und bieten eine hervorragende Grundlage für "The Winemaker's Wife", wie das Buch im Original heißt. Durch die zusätzlich wechselnden Perspektiven, die Kapitel werden sowohl aus der Sicht von Liv, Inès und auch Céline geschildert, gewinnt die Geschichte an Geschwindigkeit.

Leider hat die Entwicklung der Charaktere aber für mich deutliche Mängel. Mit keiner der Figuren konnte ich tatsächlich mitleiden oder mitfühlen. Ihre Gefühle, Ängste und Sorgen bleiben oberflächlich, widersprechen sich teilweise sogar. Daher sind auch viele Aktionen und Reaktionen unverständlich und damit unglaubwürdig. Wie die Personen sich jeweils selbst und gegenseitig beurteilen, ist nicht stimmig bzw. nicht deutlich genug herausgearbeitet. Z.B. wird Inès nicht so deutlich als das sorglose Püppchen dargestellt, das Michel und auch Céline in ihr sehen.

Was mir beim Lesen negativ aufgefallen ist, ist die Übersetzung. Die ist an vielen Stellen nicht besonders elegant gelungen. Die Floskel "Ja, nun ja, ..." wurde fast zehn Mal gemüht, um einen Antwortsatz einzuleiten. Bereits beim ersten Satz klangt das künstlich, da muss man fantasievoller übersetzen oder ggf. auf so eine Floskel verzichten.

Insgesamt war ich daher von "Das letzte Licht des Tages" enttäuscht. Ich hatte mich auf ein mitreißendes Buch gefreut, da ich den historischen Aspekt sehr interessant finde, ebenso die Verknüpfung von zwei Zeitebenen. Die Geschichte an sich hat viel Potential, die aber durch die schwachen Charaktere sehr leidet. Sicherlich wird das Buch Fans finden. Es liest sich schnell, bietet aber wenig Identifikationsmöglichkeiten. Ich vergebe drei Sterne.




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Veröffentlicht am 12.10.2020

Krimiserien-Debüt mit Schwächen

Die Toten von Inverness
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Leider konnte mich der Serienauftakt von G.R. Halliday nicht überzeugen. Ich habe ziemlich lange für das Buch gebraucht und vielleicht auch deswegen öfter mal den Faden verloren.


Die schottische Polizistin ...

Leider konnte mich der Serienauftakt von G.R. Halliday nicht überzeugen. Ich habe ziemlich lange für das Buch gebraucht und vielleicht auch deswegen öfter mal den Faden verloren.


Die schottische Polizistin DI Monika Kennedy und ihr Kollege DC Connor Crawford werden zu einem grausamen Tatort gerufen. Der erst 16jährige Robert wurden brutal ermordet und nahe der Westküste der Highlands abgelegt. Was ist hier geschehen? Schon bald zeichnet sich ab, dass die Ermittler es mit einem Serientäter zu tun haben. Motiv und Auswahl der Opfer liegen im Dunkeln. Michael Bach, ein Sozialarbeiter, vermisst einen seiner Schützlinge und bringt einen kleinen, dunklen Stein ins Gespräch, der noch eine wichtige Rolle spielen wird.


Das Cover und der Klappentext versprechen einen hochspannenden und dramatischen Krimi, der in der großartigen Landschaft Schottlands spielt. Sicherlich wird das Buch auch seine Fans finden, für mich war es leider nur Massenwaren, die man schnell wieder vergißt.


Der Plot an sich ist gut, die Spannung bleibt jedoch auf der Strecke, weil sich der Autor in vielen Nebensächlichkeiten verliert und das Buch unnötig streckt. Zum Ende hin - wie so oft - wird es beim Showdown rasant, das hätte man sich an anderen Stellen auch gewünscht.


Die Figuren blieben sehr blass, ich konnte mir kaum eine Vorstellung von ihnen machen. Der Fokus liegt auf Monica Kennedy und Michael Bach. Wobei ich mir selbst von Monica nur das Bild einer übergroßen Frau gemacht haben, die mit ihrer Körpergröße komplett uneins ist und deswegen Komplexe hat. Ihre stattliche Erscheinung wird auch bis zum Aufstöhnen oft erwähnt. Der Sozialarbeiter ist mir noch am sympatischsten gewesen, obwohl auch er eine gebrochene, von Konflikten beladene Figur ist. Henry ist eine interessante Figur, die hat mir wirklich gut gefallen.


Am Schreibstil gibt es soweit nichts auszusetzen, obwohl ich etwas Atmosphäre vermisst habe. Die Kapitel sind kurz gehalten und es wird auch aus der Sicht des Täters geschrieben.


Einige Fäden bleiben offen, wohl, weil es sich um einen Serienauftakt handelt. Die Rolle einiger Figuren blieb für mich unklar und Monicas Handeln war einige Male nicht nachvollziehbar. (Wer bittet einen Sozialarbeiter Polizeiarbeit zu übernehmen, weil die Kollegen andere Spuren verfolgen?)


Eingefleischten Krimifans kann ich das Buch nur bedingt ans Herz legen. Es hat mich verwirrt zurückgelassen, weil ich am Ende gar nicht mehr alles nachvollziehen und die Personen zusammenbringen konnte, die auftauchen, handeln und dann wieder verschwinden. Vielleicht sollte man versuchen, es rasch zu lesen, um den Überblick zu behalten und - wenn die Spannung ein rasches Lesen nicht zuläßt - einfach abbrechen.


Für "Die Toten von Inverness" vergebe ich drei Sterne.

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