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Veröffentlicht am 04.11.2021

Die Hoffnung auf ein besseres Leben

Wenn ich wiederkomme
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"Manchmal geht es nicht anders [...]." (S. 80)

Daniela hat ihre Familie in Rumänien heimlich verlassen, um in Mailand als Altenpflegerin zu arbeiten. Mit dem Geld will sie ihren beiden Kindern, Angelica ...

"Manchmal geht es nicht anders [...]." (S. 80)

Daniela hat ihre Familie in Rumänien heimlich verlassen, um in Mailand als Altenpflegerin zu arbeiten. Mit dem Geld will sie ihren beiden Kindern, Angelica und Manuel, eine gute Schulbildung ermöglichen. Zurück bleiben die Kinder in der Obhut des arbeitslosen Vaters und der Großeltern. Nur sporadisch kommt die Mutter wieder zurück, verpasst das Leben der Kinder, die sich im Stich gelassen fühlen. Nichts entwickelt sich so wie erhofft und Daniela sieht sich in einer Situation gefangen, der sie nicht entkommen kann. Erst als Manuel einen Unfall hat, läßt sie alles stehen und liegen und fährt zurück in ihr kleines Dorf. Aber wird sie bleiben?

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven geschildert. Manuel, Daniela und Angelica erzählen jeweils aus ihrer Sicht, was die Situation mit ihnen macht und wie sie versuchen, diese zu bewältigen. Die Stimmen der Kinder umklammern dabei die Erzählung der Mutter, die im mittleren Teil über ihre Zeit in Italien berichtet. Erst in diesem Teil wird klar, wie hart die Arbeit ist und was sie mit Daniela macht, wie sehr sie ihre Kinder vermisst und warum sie doch nicht nach Hause fährt.

Über allem schwebt eine Sprachlosigkeit, die durch Danielas Abreise ohne Abschied eingeleitet wird. Die fehlende Kommunikation sorgt dafür, dass letztlich keiner glücklich aus dieser Situation herausgeht.

Balzano hat einen angenehmen Schreibstil, den man gut lesen kann. Er gibt den drei Ich-Erzähler*innen jeweils eine eigene Stimme: Manuels Abschnitt liest sich wie ein Jugendroman. Seine Gefühle wie Unsicherheit, Angst, Liebe etc. werden glaubhaft durch die "Jugendsprache" transportiert. Daniela erzählt ruhiger, aber auch zerrissen und erschöpft. Angelicas Teil ist eher kühl und abgeklärt.

Marco Balzano hat für seinen Roman viel Recherchearbeit betrieben, die er in seinem Nachwort erläutert. Das Problem des Pflegenotstandes und der massenhaften Migration von Müttern aus Osteuropa als "billige" Arbeitskräfte im Pflegebereich wird am Einzelschicksal von Daniela herausgearbeitet. Erschreckenderweise gibt es für den Burnout, an dem ehemalige Pflegekräfte häufig erkranken, unter osteuropäischen Psychiatern bereits einen eigenen Begriff: Italienkrankheit. Es leiden jedoch nicht nur die Frauen an der immensen Belastung durch die Betreuungsarbeit, sondern auch die zurückbleibenden Familien, vor allem die Kinder durch die Abwesenheit der Mutter. Sie müssen ohne die engste Bezugsperson auskommen. Es gibt nur Opfer in dieser Konstellation.

Der Roman wirft viele Fragen auf und regt zum Nachdenken über die Situation dieser Familien und die hoch aktuelle Problematik an. Eine Lösung ist nicht absehbar, angesichts der voranschreitenden Überalterung der westlichen Gesellschaft und des sich ausweitenden Pflegenotstandes. Ein wichtiges Buch, das von mir vier Sterne erhält.

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Veröffentlicht am 31.10.2021

Mördersuche in Stockholm

Der Spiegelmann
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Zum mittlerweile achten Mal kämpft Kriminalkommissar Joona Linna in Stockholm gehen das Böse. In diesem Fall hat er es mit einem besonders perfiden Serientäter zu tun, der seine Opfer offenbar jahrelang ...

Zum mittlerweile achten Mal kämpft Kriminalkommissar Joona Linna in Stockholm gehen das Böse. In diesem Fall hat er es mit einem besonders perfiden Serientäter zu tun, der seine Opfer offenbar jahrelang gefangen hält. Als die Leiche der seit fünf Jahren vermissten Jenny gefunden wird, kommt der Fall ins Rollen. Es gibt sogar einen Augenzeugen, der sich jedoch an kaum etwas erinnern kann. Liegt hier die Lösung des Falls? Linna bittet seinen alten Bekannten Erik Bark um Hilfe, der mittels Hypnose die verschütteten Erinnerungen des Zeugen an die Oberfläche holen will.

Das Autorenehepaar Ahndoril alias Lars Kepler lässt auch in diesem Band der Serie Joona Linna von einer gefährlichen Situation in die nächste rennen. Er ist ständig unterwegs und ebenso atemlos verfolgen die Lesenden das Geschehen. Die kurzen Kapitel tragen ebenso zur Spannung bei, wie der Perspektivenwechsel zwischen Opfern und Suchenden. Joona kommt mir als Person aber etwas zu kurz. Sein Privatleben wird am Anfang und am Ende der Handlung eingeflochten, scheint aber entbehrlich. Er hat zwar mit einer neuen Vorgesetzten zu kämpfen und scharrt noch einige wenige Bekannte um sich, ist aber eigentlich Einzelkämpfer. Selbst das Wiederauftreten des Hypnotiseurs aus dem ersten Band versickert für mich ein bisschen. Linnas Tätersuche und der gleichzeitige Blick auf die Opfer stehen im Fokus.
Daher kann der 8. Band unabhängig gelesen werden. Vorwissen ist nicht erforderlich.

Insgesamt ein spannender Thriller, den ich schnell gelesen habe, der aber auch vorhersehbar war. Das Ende macht allerdings ziemlich neugierig auf das nächste Buch. Vier Sterne.

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Veröffentlicht am 20.10.2021

Irrfahrt ohne Zug

Underground Railroad
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Cora ist Sklavin der dritten Generation und lebt unter schrecklichen Bedingungen Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer Baumwollplantage in Georgia, den Repressalien der eigenen Leute ebenso ausgesetzt wie ...

Cora ist Sklavin der dritten Generation und lebt unter schrecklichen Bedingungen Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer Baumwollplantage in Georgia, den Repressalien der eigenen Leute ebenso ausgesetzt wie den Grausamkeiten der weißen Besitzer. Ihrer Mutter gelang einst die Flucht, ohne die kleine Cora; dies hat das Mädchen nie verwunden und doch ist sie stolz auf die Mutter, die nie gefasst wurde. Daher stimmt sie schließlich dem Plan des cleveren Caesar zu, mit ihm gemeinsam ebenfalls die Flucht zu wagen. Caesar verfügt über eine seltene Fähigkeit unter den Sklaven, er kann lesen und er kennt die Underground Railroad, die den Weg in die Freiheit des Nordens bedeutet.

Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich in die Geschichte hineingefunden hatte. Whitehead schreibt anschaulich und atmosphärisch, läßt aber auch Leerstellen. Nicht nur die Sklavin Cora kommt zu Wort, sondern ebenso auch andere Figuren, die in dieser exemplarischen und grausamen Fluchtgeschichte wichtig sind, z.B. der Kopfgeldjäger Ridgeway und verschiedene Fluchthelfer. Sie alle lassen die Lesenden an ihren Gedanken und Meinungen teilhaben, die einen großen Teil des Romans ausmachen und den Lesefluss auch gelegentlich hemmen. Gedanken über die Sklaverei, das Land Amerika, Gerechtigkeit und Freiheit. Die Kapitelüberschriften nennen jeweils abwechselnd eine Person und einen Bundesstaat, anhand dessen die Geschichte (der Sklaverei in verschiedenen Staaten Amerikas) und die Flucht erzählt werden. Der Autor springt häufig in der Handlung vor und zurück. Eine Lücke im Erzählen wird oft durch ein späteres Kapitel gefüllt. Dies erfordert die volle Aufmerksamkeit der Lesenden, ebenso wie der dichte Schreibstil.

Die Underground Railroad hatte ich mir als ein Netzwerk vorgestellt, nicht als eine tatsächliche unterirdische Eisenbahnstrecke. Als die erste Station im Roman beschrieben wurde, habe ich mich gefragt, ob denn niemand die fahrenden Züge hört und wer denn eigentlich diese Tunnel gegraben haben soll? Das fand ich recht unwahrscheinlich und tatsächlich hat diese unterirdischen Bahnhöfe und Gleise nie gegeben. Als Underground Railroad wurde das Netzwerk der Fluchthelfer bezeichnet, die Stationsvorsteher waren Fluchthelfer und die Stationen waren die Unterkünfte, in denen die geflohenen Sklaven versteckt wurden.

Mit diesem Wissen hat die Geschichte noch einen zusätzlichen Kniff. Für mich steht dieses (unglaubliche) fiktive Schienennetzwerk in seiner Absurdität für den unglaublich couragierten und todesmutigen, ja kaltblütigen Einsatz der Flüchtenden und der Fluchthelfer. Die Bestrafung der Gefassten als Abschreckung für andere war entsetzlich und wird im Roman hinreichend beschrieben. Daher ist dieser auch eher nichts für zartbesaitete Rezipienten. Diese Vermischung von Realität und Fiktion macht das Besondere an diesem Roman aus, der 2017 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde.

Die Fluchtgeschichte von Cora, die an kaum einer Stelle wirklich hoffnungsvoll ist, erhält vier Sterne.

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Veröffentlicht am 14.09.2021

Alkohol, Armut und Arbeitslosigkeit im Glasgow der 80er Jahre

Shuggie Bain
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Die vielen begeisterten Rezensionen hatten mich neugierig gemacht, auf diesen Shuggie Bain und sein Leben im schottischen Glasgow der 80er Jahre. Shuggie tritt jedoch in der ersten Hälfte des Romans eher ...

Die vielen begeisterten Rezensionen hatten mich neugierig gemacht, auf diesen Shuggie Bain und sein Leben im schottischen Glasgow der 80er Jahre. Shuggie tritt jedoch in der ersten Hälfte des Romans eher in den Hintergrund, denn den Vordergrund nimmt seine Mutter Agnes ein; Typ Liz Taylor und ebenso dem Alkohol zugetan. Elegant, immer gut angezogen, geschminkt und mit erhobenem Kopf unterwegs. Zunächst wohnt die fünfköpfige Familie noch in einer Wohnung zusammen mit Agnes' Eltern, um später nach Pithead überzusiedeln. Doch die erhoffte Verbesserung der Lebensumstände tritt nicht ein. Dort beziehen sie eine Sozialwohnung und leben nun inmitten von Kohlenstaub, geschlossenen Minen und verwahrlosten und ebenfalls trinkenden Menschen. Agnes' Alkoholsucht überschattet das Leben der ganzen Familie und bestimmt den kompletten Alltag. Shuggie übernimmt daher immer mehr Verantwortung und versucht, seine Mutter vor sich selbst und dem Alkohol zu retten. Zusätzlich wird er immer öfter gehänselt und attackiert, da er sich einfach nicht wie ein "richtiger" Junge verhält, so geht oder spricht. Kleine Momente des Glücks und inniger Zweisamkeit lassen ihn die Sorgen nur kurzzeitig vergessen, denn Agnes denkt immer nur an den nächsten Drink.

Mich hat das Buch erschüttert. Die 80er Jahre waren auch meine Jugendzeit, aber was zeitgleich in Pithead und sicherlich nicht nur dort für Lebensumstände geherrscht haben, hätte ich mir nie vorstellen können. Der Roman schildert schonungslos, was Arbeitslosigkeit, Armut und Alkohol aus Menschen machen können. Gewalt in jeder Form gegen Frauen und Kinder und das zieht sich durch den gesamten Roman. Es gibt kaum Verschnaufpausen, immer kommt es noch schlimmer. Deshalb sehe ich hier eher eine Sozialstudie, in der detailliert das Elend geschildert wird, auch für mein Empfinden mit Distanz. Selbstverständlich habe ich mit Shuggie mitgelitten, wenn er sich z.B. einnässt, weil seine Mutter wider Erwarten sturzbetrunken nach Hause kommt oder wenn er vor Hunger nicht in den Schlaf kommt, weil seine Mutter vom Kindergeld Bier kauf, er die Schule schwänzt, weil er aufpassen müssen, dass die Nachbarinnen nicht mit Alkohol anrücken oder Männer mit eindeutigen Interessen. Dennoch kommt mir seine Innensicht zu kurz, es gibt nur kleine Szenen, in denen er seine Gedanken teilt. Der vorherrschende Schreibstil ist beschreibend und beobachtend. Wir begleiten Shuggie und Agnes über einen Zeitraum vom zehn Jahren und sehen wie aus dem 5-Jährigen ein Jugendlicher wird. Die Kapitel sind sehr szenisch. Es gibt oft ein zentrales Ereignis oder eine Entwicklung und dann sind im nächsten Kapitel schon Monate, manchmal Jahre vergangen und ein neues Ereignis steht im Fokus.

Eine große Herausforderung für die Übersetzerin war der Arbeiterslang, der eine wichtige Rolle spielt, weil Agnes und Shuggie sich durch ihre gehobenere Aussprache von den anderen abheben. Zunächst klang dieser Slang künstlich für mich, irgendwie zusammengewürfelt, das hat mich sehr gestört. Später hat sich das gelegt, da bin ich nur noch an einzelnen Wörtern hängengeblieben.

Ingesamt läßt mich das Buch zwiegespalten zurück. Es ist eine großartige Sozialstudie über eine düstere Zeit an einem düsteren Ort. Ich habe schrecklich mitgelitten, aber ich hätte das Buch nicht lesen müssen. Ich kann es auch nicht uneingeschränkt empfehlen, es zieht die Leser*innen wirklich runter. Wie auf dem Klappentext das Zitat stehen kann, "dass man abwechseln in Tränen ausbricht oder von Lachkrämpfen überwältigt wird", kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Zu lachen hatte in dem Buch niemand etwas. Ich vergebe vier Sterne für den Kampf eines kleinen Jungen gegen die Alkoholsucht seiner Mutter.

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Veröffentlicht am 25.08.2021

Mörderjagd in der Seniorenresidenz

Der Donnerstagsmordclub
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"Ab einem gewissen Alter können Sie sich so ziemlich alles erlauben. Niemand schimpft Sie mehr aus, mit Ausnahme Ihrer Ärzte und Ihrer Kinder." (S.30)

Und so konnte Penny Gray, pensionierte Polizistin, ...

"Ab einem gewissen Alter können Sie sich so ziemlich alles erlauben. Niemand schimpft Sie mehr aus, mit Ausnahme Ihrer Ärzte und Ihrer Kinder." (S.30)

Und so konnte Penny Gray, pensionierte Polizistin, ungeniert Akten über ungeklärte Mordfälle in ihre schicke Seniorenresidenz Coopers Chase schmuggeln und dort mit ihrem Donnerstagsmordclub darüber grübeln. Penny hat jedoch gesundheitlich stark abgebaut und die engagierte Elizabeth (Ex-Geheimdienst) wirbt die ehemalige Krankenschwester Joyce an. Gemeinsam mit Ibrahim, einem ehemaligen Psychiater, und dem streitbaren Ron, Ex-Gewerkschaftsführer, stolpern sie unversehens in einen aktuellen Mordfall. Mit ungeahnten Ressourcen im Rücken, der Weisheit des Alters, aber vor allem mit Frechheit und Witz sind die rüstigen Senioren der Polizei immer eine Nasenlänge voraus.

Ein wirklich gelungener Cosy-Krimi mit überaus sympathischen Charakteren, von denen aber auch einige ungeahnte Geheimnisse haben. Red Ron, dieser alte Haudegen, ist mein Liebling. Richard Osman hat mit Coopers Chase einen putzigen Mikrokosmos geschaffen, in dem Humor ganz weit oben steht (Parkkrallen!). Allerdings kommen auch die ernsten Töne nicht zu kurz. Demenz, Tod und letztlich der Abschied von geliebten Menschen spielen eine Rolle und sind "Alltag" in einer Seniorenresidenz; da hilft auch kein Pool oder Zumba in der Mittagspause.

Das Buch unterhält sehr gut, weil es ständig neue Erkenntnisse gibt und somit auch immer neue Verdächtige. Da kommt ein ganz schöner Haufen an Personal zusammen. Allerdings kann man nicht wirklich von einem Spannungsboden sprechen, aber dafür ist es ein Krimi und kein Thriller. Wer es war, will man ja schließlich doch wissen. Aber hier ist eher der Weg das Ziel. Für etwas Abwechslung im Lesefluss sorgen die Tagebucheinschübe von Joyce, die verschiedene Dinge aus ihrer ganz eigenen Sicht beurteilt. Der trockene englische Humor ist unverkennbar und wirkt sicherlich im Original noch mal so gut. Wie der Mordclub die Polizei immer wieder austrickst und dennoch nicht als "Trottel" dastehen lässt, ist wirklich wohltuend. Denn auch Donna und Chris von der Polizei in Kent sind Sympathieträger.

Insgesamt ein launiger und unterhaltsamer Cosy-Krimi, der an ein oder zwei Stellen auch etwas kürzer hätte sein dürfen. Vier Sterne und eine Leseempfehlung für alle Miss Marple-Fans.

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