Profilbild von EmmaWinter

EmmaWinter

Lesejury Profi
offline

EmmaWinter ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit EmmaWinter über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.12.2021

Märchen für Buchliebhaber

Der Buchspazierer
0

Ich wollte es nicht lesen! Nachdem ich eine recht niederschmetternde Besprechung im Podcast eatreadsleep vom NDR (Folge 31) gehört hatte, war ich froh, es noch nicht erstanden zu haben. Aber dann hat es ...

Ich wollte es nicht lesen! Nachdem ich eine recht niederschmetternde Besprechung im Podcast eatreadsleep vom NDR (Folge 31) gehört hatte, war ich froh, es noch nicht erstanden zu haben. Aber dann hat es mir eine liebe Freundin im Sommer zum Geburtstag geschenkt, ich habe innerlich gestöhnt und war verzweifelt und habe mich dann doch über die Feiertage aufgerafft, damit es vom SUB herunterkommt.

Und was soll ich sagen, ich habe es an zwei Abenden mit großem Vergnügen durchgelesen. Eine herrlich klebrige Geschichte über einen alten Buchhändler, der einige ausgewählte Stammkunden mit einem Bücherbringservice verwöhnt. Herr Kollhoff kennt ihre Vorlieben und versorgt sie mit genau der Literatur, die sie sich wünschen. Denkt er zumindest, bis ein neunjähriges Mädchen ganz andere Ideen hat und das Leben aller Buchliebhaberinnen und Buchliebhaber in diesem kleinen Roman (222 Seiten) durcheinanderbringt.

Klar ist es kitschig, klar ist es unglaubwürdig und klar ist es teilweise unlogisch. Aber es ist wirklich ein schönes Lesevergnügen und passte für mich genau in die Weihnachtszeit. Ein Märchen für erwachsene Buchfreunde; einfach in die kleine Welt von Carl Kollhoff eintauchen und den Alltag ausblenden. "Jeder Mensch braucht andere Bücher. Denn was der eine aus tiefstem Herzen liebt, das lässt den anderen völlig teilnahmslos." (S. 89) Für mich ist es immerhin ein Vier-Sterne-Buch geworden.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.12.2021

Eine lebenslange Liebe

Fritz und Emma
0

"Fritz und Emma" ist mir mehrfach empfohlen worden und nun habe ich es endlich auch gelesen.

Als Jakob Eichendorf neuer Pfarrer in Oberkirchbach wird, geht für den jungen Mann ein Traum in Erfüllung. ...

"Fritz und Emma" ist mir mehrfach empfohlen worden und nun habe ich es endlich auch gelesen.

Als Jakob Eichendorf neuer Pfarrer in Oberkirchbach wird, geht für den jungen Mann ein Traum in Erfüllung. Für seine Frau Marie jedoch weniger, denn das kleine Örtchen irgendwo in der Pfalz ist ziemlich trostlos, farblos und dämmert vor sich hin. Auch die Bewohner sind speziell. Da gibt es z.B. den alten Fritz Draudte und die ebenso alte Emma Jung, die jeweils an einem Ende des Dorfes wohnen und seit Jahrzehnten nicht mehr miteinander gesprochen haben; die ein Geheimnis teilen, das sie einst entzweit hat. Unversehens findet sich Marie im Festkomitee zur 750-Jahr-Feier von Oberkirchbach wieder. Ein Jubiläum, das sie zunächst herzlich wenig interessiert, denn eigentlich möchte sie so schnell wie möglich wieder raus aus Oberkirchbach. Wenn da nicht Jakob wäre. Und Fritz und Emma. Und ihr Geheimnis. Ja, und dann wirbelt die Frau Pfarrer den Ort ordentlich durcheinander.

Was sich wie eine leichte Unterhaltungslektüre anhört, ist auch eine. Aber mehr will der Roman ja auch gar nicht sein. Den Beginn empfand ich zunächst als sehr, sehr leicht, aber dann kam die Geschichte genauso in Fahrt, wie Marie. Die Charaktere bleiben allerdings etwas flach und auch der Beweggrund, warum Emma und Fritz fast siebzig Jahre nicht mit einander gesprochen haben, mutet - bei aller Dramatik - etwas schwach an. Daher wirken auch die Lebensläufe der beiden nach 1949 objektiv gesehen, unglaubwürdig. Aber sei's drum. Der Roman liest sich flott und man hatte das Örtchen und seine Bewohnerinnen und Bewohner genau vor Augen. Die Geschichten von Fritz von Emma und Marie und Jakob werden abwechseln erzählt und so erfahren die Leser immer mehr aus der Vergangenheit, die sich bis in die Gegenwart auswirkt.

Die Geschichte konnte mich trotz allem fesseln, auch wenn von Beginn an klar war, wie es ausgehen wird. Es hat einerseits Spaß gemacht zu lesen, wie dem verschlummerten Ort wieder Leben eingehaucht wird und andererseits hat mich die Handlung zu Tränen gerührt - mehrfach. Das liegt aber auch immer daran, in welcher Situation man so eine Geschichte liest. Bei mir passte es gerade ...

Wer auf der Suche nach einer unterhaltsamen, leichten Lektüre ist, die zugleich traurig, lustig und mutmachend ist, der sollte bei "Fritz und Emma" zugreifen. Für das Genre sind alle Voraussetzungen erfüllt, daher vergebe ich - trotz der Kritik - vier sehr gute Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.11.2021

Die Hoffnung auf ein besseres Leben

Wenn ich wiederkomme
0

"Manchmal geht es nicht anders [...]." (S. 80)

Daniela hat ihre Familie in Rumänien heimlich verlassen, um in Mailand als Altenpflegerin zu arbeiten. Mit dem Geld will sie ihren beiden Kindern, Angelica ...

"Manchmal geht es nicht anders [...]." (S. 80)

Daniela hat ihre Familie in Rumänien heimlich verlassen, um in Mailand als Altenpflegerin zu arbeiten. Mit dem Geld will sie ihren beiden Kindern, Angelica und Manuel, eine gute Schulbildung ermöglichen. Zurück bleiben die Kinder in der Obhut des arbeitslosen Vaters und der Großeltern. Nur sporadisch kommt die Mutter wieder zurück, verpasst das Leben der Kinder, die sich im Stich gelassen fühlen. Nichts entwickelt sich so wie erhofft und Daniela sieht sich in einer Situation gefangen, der sie nicht entkommen kann. Erst als Manuel einen Unfall hat, läßt sie alles stehen und liegen und fährt zurück in ihr kleines Dorf. Aber wird sie bleiben?

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven geschildert. Manuel, Daniela und Angelica erzählen jeweils aus ihrer Sicht, was die Situation mit ihnen macht und wie sie versuchen, diese zu bewältigen. Die Stimmen der Kinder umklammern dabei die Erzählung der Mutter, die im mittleren Teil über ihre Zeit in Italien berichtet. Erst in diesem Teil wird klar, wie hart die Arbeit ist und was sie mit Daniela macht, wie sehr sie ihre Kinder vermisst und warum sie doch nicht nach Hause fährt.

Über allem schwebt eine Sprachlosigkeit, die durch Danielas Abreise ohne Abschied eingeleitet wird. Die fehlende Kommunikation sorgt dafür, dass letztlich keiner glücklich aus dieser Situation herausgeht.

Balzano hat einen angenehmen Schreibstil, den man gut lesen kann. Er gibt den drei Ich-Erzähler*innen jeweils eine eigene Stimme: Manuels Abschnitt liest sich wie ein Jugendroman. Seine Gefühle wie Unsicherheit, Angst, Liebe etc. werden glaubhaft durch die "Jugendsprache" transportiert. Daniela erzählt ruhiger, aber auch zerrissen und erschöpft. Angelicas Teil ist eher kühl und abgeklärt.

Marco Balzano hat für seinen Roman viel Recherchearbeit betrieben, die er in seinem Nachwort erläutert. Das Problem des Pflegenotstandes und der massenhaften Migration von Müttern aus Osteuropa als "billige" Arbeitskräfte im Pflegebereich wird am Einzelschicksal von Daniela herausgearbeitet. Erschreckenderweise gibt es für den Burnout, an dem ehemalige Pflegekräfte häufig erkranken, unter osteuropäischen Psychiatern bereits einen eigenen Begriff: Italienkrankheit. Es leiden jedoch nicht nur die Frauen an der immensen Belastung durch die Betreuungsarbeit, sondern auch die zurückbleibenden Familien, vor allem die Kinder durch die Abwesenheit der Mutter. Sie müssen ohne die engste Bezugsperson auskommen. Es gibt nur Opfer in dieser Konstellation.

Der Roman wirft viele Fragen auf und regt zum Nachdenken über die Situation dieser Familien und die hoch aktuelle Problematik an. Eine Lösung ist nicht absehbar, angesichts der voranschreitenden Überalterung der westlichen Gesellschaft und des sich ausweitenden Pflegenotstandes. Ein wichtiges Buch, das von mir vier Sterne erhält.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 31.10.2021

Mördersuche in Stockholm

Der Spiegelmann
0

Zum mittlerweile achten Mal kämpft Kriminalkommissar Joona Linna in Stockholm gehen das Böse. In diesem Fall hat er es mit einem besonders perfiden Serientäter zu tun, der seine Opfer offenbar jahrelang ...

Zum mittlerweile achten Mal kämpft Kriminalkommissar Joona Linna in Stockholm gehen das Böse. In diesem Fall hat er es mit einem besonders perfiden Serientäter zu tun, der seine Opfer offenbar jahrelang gefangen hält. Als die Leiche der seit fünf Jahren vermissten Jenny gefunden wird, kommt der Fall ins Rollen. Es gibt sogar einen Augenzeugen, der sich jedoch an kaum etwas erinnern kann. Liegt hier die Lösung des Falls? Linna bittet seinen alten Bekannten Erik Bark um Hilfe, der mittels Hypnose die verschütteten Erinnerungen des Zeugen an die Oberfläche holen will.

Das Autorenehepaar Ahndoril alias Lars Kepler lässt auch in diesem Band der Serie Joona Linna von einer gefährlichen Situation in die nächste rennen. Er ist ständig unterwegs und ebenso atemlos verfolgen die Lesenden das Geschehen. Die kurzen Kapitel tragen ebenso zur Spannung bei, wie der Perspektivenwechsel zwischen Opfern und Suchenden. Joona kommt mir als Person aber etwas zu kurz. Sein Privatleben wird am Anfang und am Ende der Handlung eingeflochten, scheint aber entbehrlich. Er hat zwar mit einer neuen Vorgesetzten zu kämpfen und scharrt noch einige wenige Bekannte um sich, ist aber eigentlich Einzelkämpfer. Selbst das Wiederauftreten des Hypnotiseurs aus dem ersten Band versickert für mich ein bisschen. Linnas Tätersuche und der gleichzeitige Blick auf die Opfer stehen im Fokus.
Daher kann der 8. Band unabhängig gelesen werden. Vorwissen ist nicht erforderlich.

Insgesamt ein spannender Thriller, den ich schnell gelesen habe, der aber auch vorhersehbar war. Das Ende macht allerdings ziemlich neugierig auf das nächste Buch. Vier Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 20.10.2021

Irrfahrt ohne Zug

Underground Railroad
0

Cora ist Sklavin der dritten Generation und lebt unter schrecklichen Bedingungen Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer Baumwollplantage in Georgia, den Repressalien der eigenen Leute ebenso ausgesetzt wie ...

Cora ist Sklavin der dritten Generation und lebt unter schrecklichen Bedingungen Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer Baumwollplantage in Georgia, den Repressalien der eigenen Leute ebenso ausgesetzt wie den Grausamkeiten der weißen Besitzer. Ihrer Mutter gelang einst die Flucht, ohne die kleine Cora; dies hat das Mädchen nie verwunden und doch ist sie stolz auf die Mutter, die nie gefasst wurde. Daher stimmt sie schließlich dem Plan des cleveren Caesar zu, mit ihm gemeinsam ebenfalls die Flucht zu wagen. Caesar verfügt über eine seltene Fähigkeit unter den Sklaven, er kann lesen und er kennt die Underground Railroad, die den Weg in die Freiheit des Nordens bedeutet.

Ich habe ein bisschen gebraucht, bis ich in die Geschichte hineingefunden hatte. Whitehead schreibt anschaulich und atmosphärisch, läßt aber auch Leerstellen. Nicht nur die Sklavin Cora kommt zu Wort, sondern ebenso auch andere Figuren, die in dieser exemplarischen und grausamen Fluchtgeschichte wichtig sind, z.B. der Kopfgeldjäger Ridgeway und verschiedene Fluchthelfer. Sie alle lassen die Lesenden an ihren Gedanken und Meinungen teilhaben, die einen großen Teil des Romans ausmachen und den Lesefluss auch gelegentlich hemmen. Gedanken über die Sklaverei, das Land Amerika, Gerechtigkeit und Freiheit. Die Kapitelüberschriften nennen jeweils abwechselnd eine Person und einen Bundesstaat, anhand dessen die Geschichte (der Sklaverei in verschiedenen Staaten Amerikas) und die Flucht erzählt werden. Der Autor springt häufig in der Handlung vor und zurück. Eine Lücke im Erzählen wird oft durch ein späteres Kapitel gefüllt. Dies erfordert die volle Aufmerksamkeit der Lesenden, ebenso wie der dichte Schreibstil.

Die Underground Railroad hatte ich mir als ein Netzwerk vorgestellt, nicht als eine tatsächliche unterirdische Eisenbahnstrecke. Als die erste Station im Roman beschrieben wurde, habe ich mich gefragt, ob denn niemand die fahrenden Züge hört und wer denn eigentlich diese Tunnel gegraben haben soll? Das fand ich recht unwahrscheinlich und tatsächlich hat diese unterirdischen Bahnhöfe und Gleise nie gegeben. Als Underground Railroad wurde das Netzwerk der Fluchthelfer bezeichnet, die Stationsvorsteher waren Fluchthelfer und die Stationen waren die Unterkünfte, in denen die geflohenen Sklaven versteckt wurden.

Mit diesem Wissen hat die Geschichte noch einen zusätzlichen Kniff. Für mich steht dieses (unglaubliche) fiktive Schienennetzwerk in seiner Absurdität für den unglaublich couragierten und todesmutigen, ja kaltblütigen Einsatz der Flüchtenden und der Fluchthelfer. Die Bestrafung der Gefassten als Abschreckung für andere war entsetzlich und wird im Roman hinreichend beschrieben. Daher ist dieser auch eher nichts für zartbesaitete Rezipienten. Diese Vermischung von Realität und Fiktion macht das Besondere an diesem Roman aus, der 2017 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde.

Die Fluchtgeschichte von Cora, die an kaum einer Stelle wirklich hoffnungsvoll ist, erhält vier Sterne.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere