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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.10.2020

Ein Rundumschlag

Halloween. Von Geistern, Vampiren und anderen Spukgestalten
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Hier ist einfach alles drin, was man sich als Halloween-Fan wünschen kann:
1. Eine Grusellegende zum Einstimmen, die man sich sogar in einer gelungenen Vertonung auf der Homepage anhören kann.
2. Historische ...

Hier ist einfach alles drin, was man sich als Halloween-Fan wünschen kann:
1. Eine Grusellegende zum Einstimmen, die man sich sogar in einer gelungenen Vertonung auf der Homepage anhören kann.
2. Historische Fakten zur Entwicklung der diversen Feste rund um den 31.10./1.11. in verschiedenen Kulturen - hervorragend recherchiert!
3. Traditionelle Rezepte, die mit diesen Festen zusammenhängen, aber auch
4. "modernere" Ekelrezepte, die sich super für die Halloweenparty anbieten.
Alles kindgerecht und doch spannend geschrieben und grafisch ansprechend designt. Besonders praktisch: Fremdwörter werden im Text markiert und in kleinen Infokästen drumherum erklärt.
Ich liebe dieses Buch!

Veröffentlicht am 12.10.2020

Tiefgründig und dennoch leicht

Bittermonds Bucht
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Seit Jukka denken kann, lebt er mit Käpt’n Bittermond in der einsamen Bucht. Das war auch immer in Ordnung, erst seit einiger Zeit beginnt Jukka sich nach anderen Menschen zu sehen, von denen der Käpt'n ...

Seit Jukka denken kann, lebt er mit Käpt’n Bittermond in der einsamen Bucht. Das war auch immer in Ordnung, erst seit einiger Zeit beginnt Jukka sich nach anderen Menschen zu sehen, von denen der Käpt'n immer nur erzählt. Er beginnt, sich zu fragen, wo er herkommt - denn alle Menschen haben doch eine Mutter? Langsam reicht ihm die Bucht nicht mehr aus. Wie passend, dass eines Tages eine alte Bekannte des Käpt'n, Kandidel, mit ihrer Tochter Lila auftaucht. Sie und Käpt’n Bittermond verstehen sich blendend, doch Kandidels Tochter kann mit Jukka wenig anfangen. Nach einigen Tagen reist Kandidel plötzlich Hals über Kopf ab - und vergisst dabei sogar ihre Tochter. Was sie dagegen mitnimmt, ist Käpt’n Bittermonds über alle geliebtes gläsernes Herz. Lila verlässt die Bucht, um ihrer Mutter zu folgen. Und Jukka kommt kurzerhand mit, schließlich sucht er schon lange nach einem Grund, mehr von der Welt zu sehen. Und irgendwer muss dem armen Käpt'n ja sein Herz zurückbringen...

Es ist von Anfang an klar, dass hinter dem Herz eine Metapher steckt, aber die Geschichte wird so spannend und gefühlvoll erzählt, dass es trotzdem Spaß macht sie zu lesen. Von Anfang an hat die Erzählung sehr viel Tiefe. In der Inhaltsangabe zeichnet sich schon heraus, dass es um Fragen geht wie "Wo komme ich her?", "Was sagt das über mich?" "Welches Bild habe ich von mir, welches von anderen?" Auch setzt sich das Buch viel damit auseinander, wie schnell man Menschen vorverurteilt.

Jukka ist ein Protagonist, den man gleich ins Herz schließt, vor allem, weil man schon ahnt, dass etwas Schlimmes passiert sein muss, wenn er ohne Mutter aufwachsen muss. Ich fand es sehr zugänglich, wie er auf fast flüchtige Weise seine Sehnsüchte ausdrückt, als ob sie ihm selbst gerade erst bewusst werden. Seine Naivität bringt ihn und Lila aber auch in noch größere Schwierigkeiten als sowieso schon. Aus den Auseinandersetzungen zwischen den beiden sowie deren Auflösung können Kinder einiges lernen.

Ergänzt wird die tiefgründige Geschichte durch traumhafte Vignetten. Absolut empfehlenswert!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.10.2020

Dieser Schreibstil...

Das Lied des Wolfes
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Die neue Reihe von Anthony Ryan setzt die Rabenschatten-Trilogie um Vaelin al Sorna fort. Dieser hat sich mittlerweile auf einem komfortablen, hohen Posten mehr oder weniger zur Ruhe gesetzt. Das ändert ...

Die neue Reihe von Anthony Ryan setzt die Rabenschatten-Trilogie um Vaelin al Sorna fort. Dieser hat sich mittlerweile auf einem komfortablen, hohen Posten mehr oder weniger zur Ruhe gesetzt. Das ändert sich jedoch, als er erfährt, dass seine ehemalige Geliebte Sherin sich in den Händen der Stählernen Horde (auch Stahlhast genannt) befindet. Dieser erbarmungslose Feind sorgt für Angst und Schrecken und wird von einem Mann angeführt, der sich für einen Gott hält. Und nicht nur Sherin ist in Gefahr: Auch das Kaiserreich wird von diesem neuen Feind bedroht. Vaelin hat keine Wahl: Er zieht wieder in den Krieg.

Ich bin erst seit dem Erscheinen des dritten Bandes der Draconis Memoria-Reihe Fan von Anthony Ryan, befinde mich seitdem aber auf einem Binging-Trip seiner Bücher. Was mich immer wieder wundert, ist, dass deren Klappentexte für mich absolut langweilig und wenig originell klingen, wie abgestandene, ganz traditionelle Fantasy. Schaut man dann aber in die Bücher rein, entdeckt man eine Fülle von fantastischen, originellen Ideen und einen absolut packenden Schreibstil, der genau die richtige Mischung aus spannend, locker und amüsant schafft und absolut meinen Geschmack trifft.

Bei der Werbung für dieses Buches wurde stellenweise suggeriert, dass man es unabhängig von der ursprünglichen Trilogie lesen kann. Das ist in meinen Augen möglich; man muss dann aber offen dafür sein, dass man nicht alles sofort versteht und manches nur angedeutet bleibt. Wenn man aber die Vorgängerbücher gelesen hat, ist es spannend zu sehen, was aus den bekannten Figuren geworden ist. Nur angedeutet bleibt übrigens auch das titelgebende „Lied des Wolfes“. Das hat mich in der Geschichte nicht wirklich gestört, aber ein anderer Titel wäre wohl angemessener gewesen.

Sehr gelungen finde ich den Einstieg des Buches, weil man nämlich zuerst die Stahlhast kennenlernt. So kommt man auch auf der Seite von Kehlbrand und Luralyn in die Geschichte rein und kann sich mit ihnen identifizieren. Dass man sich mit Vaelin selbstverständlich auch identifizieren kann, ist klar, wenn man ihn aus den Vorgängerbänden kennt. Deswegen finde ich diese Reihenfolge der Figureneinführung sehr geschickt. Dafür haben mich das Worldbuilding und die anderen Figuren nicht so vom Hocker gehauen, vor allem, wenn ich sie mit Draconis Memoria vergleiche, was aber Geschmackssache sein mag.

Trotz allen Abstrichen bei Geschichte und Charakteren war das Buch für mich ein Genuss, einfach weil ich Anthony Ryans Stil so gerne mag. Wer also seine Bücher deswegen schätzt, wird sicher nicht enttäuscht.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.09.2020

Originelle Ideen, aber nur durchschnittliche Umsetzung

Immernacht
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Mrs Hester, die grausamste Magierin im Silberkönigreich, möchte durch das Freilassen der Immernacht jegliche magische Kraft endgültig an sich reißen. Um die Immernacht kontrollieren zu können, braucht ...

Mrs Hester, die grausamste Magierin im Silberkönigreich, möchte durch das Freilassen der Immernacht jegliche magische Kraft endgültig an sich reißen. Um die Immernacht kontrollieren zu können, braucht sie allerdings noch ein Kästchen mit geheimnisvollem Inhalt. Dafür schickt sie Schattenjack los, einen grausamen Dschinn, der ihr dienen muss, solange sie seine Urne besitzt. Durch eine Verkettung von Zufällen findet jedoch Larabelle Fox, ein Waisenkind, das sich den Lebensunterhalt mit der Suche nach Schätzen in der Kanalisation verdient, das Kästchen zuerst und Schattenjack heftet sich an ihre Fersen.

Das Cover hat auf mich sofort Eindruck gemacht, als ich es zum ersten Mal online gesehen habe. Das Design ist wunderschön! Ich finde allerdings, dass es matt hochwertiger aussehen würde als glänzend. Auf dem Cover deutet sich schon an, dass in dem Buch Steampunk-Elemente auf Schauriges und Fantasy treffen. Die Steampunk-Elemente waren im Buch aber so sehr im Hintergrund, dass sie mich eher irritiert haben. Ich hatte die ganze Zeit eher das Gefühl, ein langes Märchen zu lesen, und dann werden z.B. plötzlich Leute erschossen und man muss sich daran erinnern, dass das Genre ja diese seltsame Mischung ist, die gut hätte werden können, aber für mich gar nicht harmoniert hat. Der einerseits klassische, andererseits moderne Charakter von Magie (wird im Kessel gebraut, dann aber mit Zauberstab abgefeuert) hat mich auch nicht überzeugt.

Eine Verbindung zu den Figuren aufzubauen ist mir teilweise schwergefallen. Sehr viel Sympathie hatte ich für den kleinen Joe, aber mit Lara konnte ich kaum mitfiebern, obwohl mir ihr Charakter an Anfang gefallen hat. Doppelacht wurde zu Beginn sehr vielversprechend ausgearbeitet, wurde mir dann aber zu schnell zu „normal“, obwohl sein „Problem“ theoretisch weiterbestand. Schattenjack war eine interessante Figur, über die man aber kaum etwas erfahren hat. Mrs Hester schließlich war eine so klassische Antagonistin ohne weitere interessante Facetten, dass sie an eine böse Hexe im Märchen erinnerte. Auch die Schlichtheit der Geschichte hatte etwas von einem sehr langen Märchen.

Nach einem in meinen Augen sehr gelungenen Start hat die Erzählung in der zweiten Hälfte immer mehr nachgelassen, ich fand es einfach nicht mehr so spannend, herauszufinden, was passiert. Das lag nicht nur an der schon erwähnten fehlenden Verbindung zu den Figuren; die Geschichte springt räumlich auch ein wenig herum. Ich hatte das Gefühl, dass der Autor uns sehr viele Orte zeigen wollte, die er auch sehr kreativ erdacht hat, aber nicht immer war es für die Geschichte sinnvoll, dass Lara sich an diesen Ort begeben hat. Als sie z.B. ihrem Medaillon folgt, führt das zunächst zu nichts als einem Haufen Irritation für andere Beteiligte. Besonders zum Ende hin habe ich immer mal wieder das Verhalten der Figuren hinterfragt.

Zum Schluss noch ein Hinweis: Einige Szenen in dem Buch beschreiben relativ explizite Grausamkeiten (die sich jetzt aber auch nicht auf Splatter-Niveau bewegen). Wenn man es ab 11 empfiehlt, was man meiner Meinung nach durchaus tun kann, dann zumindest nicht für empfindliche Kinder. Insgesamt ist „Immernacht“ eine sehr solide, durchschnittliche Geschichte mit durchaus kreativen Ideen, die mich aber in der Umsetzung einfach nicht packen konnte.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.08.2020

Eine junge Frau mit einem riesengroßen Herzen

Das Mädchen, das ein Stück Welt rettete
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„Sie ist nicht verantwortlich, ich bin nicht verantwortlich. Wessen Verantwortung ist es dann […]?“ (S. 198)

Ich habe schon viele Bücher, auch Romane, über den Nationalsozialismus gelesen, zugegebenermaßen ...

„Sie ist nicht verantwortlich, ich bin nicht verantwortlich. Wessen Verantwortung ist es dann […]?“ (S. 198)

Ich habe schon viele Bücher, auch Romane, über den Nationalsozialismus gelesen, zugegebenermaßen die meisten nicht freiwillig, sondern als aufgezwungene Schullektüre, und hätte nicht gedacht, dass mich ein Buch darüber noch einmal so erschüttern könnte, wie es dieses getan hat. Darin wird, sprachlich schlicht aber dennoch mit einigen wirkungsvollen Metaphern, die wahre Geschichte von Stefania Podgórska, genannt Fusia, erzählt, die in dem Alter, in dem junge Frauen in Deutschland heute ihr Abitur machen oder eine Ausbildung absolvieren, dreizehn Juden vor den Nationalsozialisten versteckte. Die besondere Dramatik lag dabei darin, dass sie vor dem Einmarsch der Deutschen in dem Laden einer jüdischen Familie, der Diamants, gearbeitet hat, die für sie schnell zu einer zweiten Familie wurden. Sie hatte sich in Izio Diamant verliebt, die beiden wollten heiraten, doch alle Diamants mussten zunächst ins Ghetto ziehen und wurden dann zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedliche Orte deportiert. Eines Nachts klopfte einer der Diamant-Söhne an Stefanias Tür und bat um kurzzeitiges Asyl - doch es war nicht Izio, sondern dessen Bruder Max. Stefania, die sich zusätzlich um ihre kleine Schwester kümmern musste, fasste sich ein Herz und gewährte Max Unterschlupf. Doch es gab noch andere, die verzweifelt waren und Hilfe brauchten und so machte sich Stefania auf die Suche nach einem geeigneten Haus…

Die Geschichte, die in diesem Buch erzählt wird, ist so unglaublich, dass ich geneigt wäre, sie als unrealistisch abzutun, wenn ich nicht wüsste, dass sie wahr ist. Alleine, dass es Stefania gelungen ist, in den Wirren des Krieges ein ganzes Haus für sich und ihre Schwester zu mieten, ist irgendwie unglaublich, aber im Verlauf des Buches ergeben sich noch viele andere bedrohliche und noch viel unglaublichere Komplikationen und es ist unfassbar, dass alle Beteiligten das überlebt haben. Die Stärke des Buches liegt gerade in den detaillierten Schilderungen des Alltagslebens. Hier kommen Dinge zur Sprache, über die im Geschichtsunterricht in der Regel nicht geredet wird bzw. die einem vielleicht nicht bewusst sind, wenn man sich im großen Rahmen mit dem Thema auseinandersetzt. Im kleinen Rahmen geht es dann aber um Fragen wie „Wie ernähre ich eine so große Gruppe von Menschen?“ und das nicht nur finanziell, sondern so, dass es niemandem auffällt, dass immer dieselbe junge Frau regelmäßig riesige Menschen an Nahrungsmitteln erwirbt.

Fusia ist mir bereits auf den ersten Seiten unglaublich ans Herz gewachsen. Ihre Gedankengänge waren so authentisch und sympathisch, dass ich mich sehr gut in sie hineinversetzen konnte. Man fühlt ihre Angst und ihre Trauer, aber auch ihre Entschlossenheit, erstarrt in Ehrfurcht vor den Opfern, die sowohl sie als auch ihre kleine Schwester Helena bringen. Mit zunehmendem Druck und wachsender Gefahr spürt man, wie müde sie von allem ist, was einerseits ihre Angst verdrängt, sie andererseits aber auch zynisch werden lässt.

Es gibt Stellen in dem Buch, an denen mein erster Gedanke war: „Na das ist aber doch jetzt ein wenig übertrieben, oder?“, aber dann habe ich mich daran erinnert, dass hier eine wahre Geschichte erzählt wird. Man kann tatsächlich davon ausgehen, dass die meisten Begebenheiten, egal wie klein sie sind, so passiert sind, denn die Autorin schreibt im Nachwort, dass sie sich bis auf wenige Ausnahmen auf Stefanias Memoiren gestützt hat. Das bedeutet, dass man hier ein authentisches Bild davon bekommt, wie menschenverachtend der Nationalsozialismus allgemein war, selbst wenn man nicht zur eigentlichen Opfergruppe gehörte. Es wird auch eindrücklich dargestellt, wie bereitwillig viele Menschen die Gelegenheit genutzt haben, um auf anderen, gegen die sie schon die ganze Zeit über etwas hatten, herumzutrampeln und sich zu bereichern. Wie viele würden heute ihrem Hass freien Lauf lassen, wenn es „erlaubt“ wäre?

In einem derartigen Buch ist ein Nachwort natürlich obligatorisch, ich möchte aber hervorheben, dass dieses besonders gut gelungen ist. Man bekommt Einblicke in den Schreibprozess der Autorin, ihre Beschäftigung mit der Thematik und erfährt, was aus Stefania und „ihren“ Juden wurde. Vorsichtshalber empfehle ich an dieser Stelle, das Nachwort auf keinen Fall vor der Geschichte zu lesen und sich auch nicht zu Stefania zu informieren, wenn man sich in Bezug auf ihre Beziehung zu den anderen Beteiligten nicht die Spannung verderben will.

Meine einzige Kritik gilt dem Cover und dem deutschen Titel. Ersteres passt meiner Meinung nach leider gar nicht und lädt auch nicht dazu ein, das Buch in die Hand zu nehmen. Ich empfinde es gleichzeitig als nichtssagend und zu positiv für die Thematik des Buches, selbst, wenn man an die unbeschwerte Zeit Fusias vor dem Fall der ersten Bomben denkt. Das ist natürlich sehr bedauerlich, weil das Buch so vielen potenziellen Leser*innen entgeht. Den englischen Titel, „The Light in Hidden Places“, finde ich persönlich etwas poetischer, aber das ist vielleicht Ansichtssache. Ansonsten lege ich das Buch jedem ans Herz und empfehle es auch nachdrücklich als Schullektüre. Ich glaube, dass die Welt ein schönerer Ort wäre, wenn sich wieder mehr Menschen für mehr Dinge verantwortlich fühlen würden.