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Veröffentlicht am 10.12.2019

Eine gute Einführung in die Kunst des Entspannens

Restorative Yoga
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Yoga liegt nun schon seit vielen Jahren im Trend, ein Ende des Hypes ist bisher nicht in Sicht. Die Autorin des Buches, Lorna Neuber, macht seit 25 Jahren Yoga. Sie begann mit verschiedenen Yogastilen, ...

Yoga liegt nun schon seit vielen Jahren im Trend, ein Ende des Hypes ist bisher nicht in Sicht. Die Autorin des Buches, Lorna Neuber, macht seit 25 Jahren Yoga. Sie begann mit verschiedenen Yogastilen, weil sie sich nach einem abwechslungsreichen Fitnesssport sehnte, von dem Körper und Geist gleichermaßen profitieren können. Das Buch ist ein Plädoyer für Yoga im Allgemeinen, der Fokus liegt hier aber auf „Restorative Yoga“ (englisch gelesen). Dabei handelt es sich um Yoga, das maximal entspannend sein soll. Hier stehen tiefes Atmen und absolutes Loslassen auf dem Programm. Das klingt nicht nach viel, hat aber weitreichende Folgen für die Gesundheit. Die Autorin berichtet z.B., dass, obwohl sie von Anfang an von ihren Yogaübungen profitierte, ihre bürojobbedingten Rückenschmerzen sich erst dauerhaft besserten, als sie zu sanfteren Yogaübungen wechselte, bei denen Entspannung anstelle von Forderung des Körpers Ziel waren. Hier fehlt im Buch zum Glück nicht der Hinweis, dass anspruchsvolleres Yoga sogar zu Verschlechterung der Symptome oder gar Verletzungen führen kann.

Ein Buch über das aktive Entspannen wirkt zunächst einmal befremdlich. Sollte man dazu nicht von selbst in der Lage sein? Wer aber selbst schon länger anhaltende Stressphasen erlebt hat, weiß vielleicht, dass das gar nicht so selbstverständlich ist. Offenbar kann man das Entspannen wirklich verlernen. Die gute Nachricht ist aber: Schon eine verbesserte Atmung, wie sie u.a. in diesem Buch erläutert wird, und ein bisschen bewusstes Nichtstun können wieder mehr Ruhe in den stresserfüllten Alltag bringen. Für mich war es vor allem interessant, weil ich selbst gelegentlich unter Rückenschmerzen leide.

Zunächst wird erklärt, warum aktive Entspannung lebenswichtig ist, darauf folgen Einblicke in die Geschichte des Yoga und speziell des „Restorative Yoga“. Kurze Zusammenfassungen bereiten jeweils darauf vor, was in den nächsten Abschnitten drinsteht, sodass man nach Belieben auch überspringen kann. Anschließend werden ausführlich die benötigten Hilfsmittel erklärt. In diesem Fall braucht man Decken und Kissen, einen Stuhl und eine (Yoga)Matte, was man normalerweise ohnehin zuhause hat, aber auch „ausgefallenere“ Gegenstände. Es gibt aber nützliche Tipps, wie man diese ersetzen kann. Bei Yogablöcken und Augenkissen ist es relativ leicht, im Fall der Gurte und Sandsäcke schon ein wenig schwieriger, was einige schon als Hindernis empfinden könnten. Ich habe beides beim Ausprobieren der Übungen einfach weggelassen.

Der Hauptteil des Buches (ca. 90 Seiten) besteht aus Übungen, die durch Bewegung in alle Richtungen wohltuend für die Wirbelsäule sind. Die Übungen selbst sind ausführlich und verständlich erklärt und mit Fotos illustriert. Viele braucht man hier nicht, weil es sich bei den meisten Posen um Ruhehaltungen handelt und keine Bewegung beteiligt ist. Warnhinweise zeigen jeweils an, in welchen Fällen man auf die Übungen verzichten sollte. Es wird genau beschrieben, worauf man achten muss und wie die Übungen bei Bedarf variiert werden können. Die meisten Asanas sind bekannte Klassiker wie der Abwärts schauende Hund oder die Haltung des Kindes; bei Bedarf werden diese abgewandelt, damit sie in das Konzept des „Restorative Yoga“ passen. Abschließend gibt es noch speziell zusammengestellte Abfolgen der Übungen für besondere Bedürfnisse, z.B. „Entspannung de luxe: Die große Übungsserie“, die über eine Stunde lang ist, oder gezielte Übungen gegen Stress oder Schlaflosigkeit, Rücken oder Kopfschmerzen oder Zyklusprobleme.

Ich finde es schädlich Yoga als die geheime, exotische Lösung für alles aus dem Alten Indien zu betrachten, die Erkenntnisse liefert, auf die keine andere Sportart je gekommen ist, wie es oft suggeriert wird. Zum Glück ist dieses Buch aber auch nahezu frei von solchen Mystifizierungen. Ich glaube nicht, dass „Restorative Yoga“ die große Yoga-Lösung ist, die auf dem Markt unbedingt noch gefehlt hat, aber unter den verfügbaren Büchern zählt es zu den besseren und ist besonders als Einstieg sehr gut geeignet. Mir gefällt, dass es den Fokus auf Gesundheit und Entspannung und nicht maximales Verknoten legt. Ich habe mich als Leserin ernst genommen und gut betreut gefühlt. Es ist ganz erstaunlich, dass man v.a. körperlich durch ganz wenig Aufwand zu großer Entspannung und einem höheren Wohlbefinden kommen kann. Regelmäßig praktiziert haben mir die Übungen bei meiner steifen Wirbelsäule geholfen. Ich bin nur sicher, dass man das auch allgemein durch Gymnastik oder andere schonende Sportarten schafft - es gibt immerhin so viele! Aber das ist ja das Schöne daran: Jeder kann in der Masse das finden, das für sie/ihn ideal ist. Bei Yoga hat man den Vorteil, dass auch die Atmung nie außer Acht gelassen wird. Ein Blick ins Buch lohnt sich daher für alle, die Stress bekämpfen oder vorbeugen und körperlich (und eventuell auch geistig) flexibler werden möchten. Letzteres gelingt mir nie so richtig, mir reichen aber die körperlichen Vorteile, die ich aus den Übungen ziehe. Ich empfehle es allerdings nur bedingt weiter, wenn man sich mit den grundlegenden Übungen schon relativ gut auskennt. In diesem Fall bietet das Buch vielleicht nicht genug neuen Input.

Veröffentlicht am 09.12.2019

Herausragende Fantasy in einem alternativen Zeitalter der Entdeckungen

Das Imperium aus Asche
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Es ist sehr leicht eine Rezension zu einem Buch zu schreiben, das man grottenschlecht fand. Wenn ich aber erklären soll, was mir an einem Buch gut gefallen hat, sitze ich oft da und finde die richtigen ...

Es ist sehr leicht eine Rezension zu einem Buch zu schreiben, das man grottenschlecht fand. Wenn ich aber erklären soll, was mir an einem Buch gut gefallen hat, sitze ich oft da und finde die richtigen Worte nicht. Die Rezension fällt mir umso schwerer, je besser ich ein Buch finde. Ich pausiere dann auch bei der Lektüre nicht so oft, um mir kritische Anmerkungen zu machen, sondern rase durch und stehe am Ende mit nichts da außer einem „Wow“ und einem diffusen Gefühl von Dankbarkeit, dass mir jemand so wundervolle Stunden in einer anderen Welt geschenkt hat.

Genau so ging es mir mit dieser Reihe von Anthony Ryan. Aufmerksam wurde ich auf das Buch und den Autor erst durch diesen dritten Band. Der Klappentext war nicht sonderlich spannend, aber aus Langeweile beschloss ich, einfach einen Blick hineinzuwerfen. Nach zwanzig Minuten hatte ich mir auch noch die ersten beiden Bände gekauft (auf Englisch) und innerhalb von wenigen Wochen die komplette Reihe verschlungen. Ich muss sagen, dass ich seit längerem nur noch wenig Fantasy lese, obwohl das eines meiner liebsten Genres ist, weil ich ein wenig übersättigt war von immer denselben Geschichten, die nur mit anderen Namen und kleinen Änderungen in den Details ewig gleich erzählt wurden. Was mich an diesem Buch sofort fasziniert hat, war das Setting: Die beschriebene Welt ähnelt nicht unserem Mittelalter, sondern fällt eher in das Zeitalter von Abenteurern, Langstreckenseefahrt, Handelsgesellschaften und Industrialisierung. Dazu fand ich, dass Drachen – eigentlich auch ein eher klischeehaftes Fantasy-Element – hier kreativer eingesetzt wurden.

Sehr wichtig ist mir persönlich auch der Schreibstil, mittlerweile sogar wichtiger als eine Genrezuordnung. Ich kann anderen, die Anthony Ryans Stil als langatmig, schwafelig oder übertrieben beschreiben, überhaupt nicht zustimmen. Die Erzählung war lebendig, authentisch, an den richtigen Stellen poetisch und rundum einfach so fesselnd, dass man gar nicht merkt, wie man plötzlich 2000 Seiten verschlungen hat und sich nicht erinnern kann, wann man das letzte Mal etwas gegessen oder mal Freunde und Familie angerufen hat. Dabei wurde die Spannung durch die altbewährte Technik aufrechterhalten, durch wechselnde Kapitel aus der Perspektive der vier Protagonisten den Leser immer noch ein Kapitel weiterlesen zu lassen, nur um herauszufinden, was mit einer bestimmten Figur jetzt noch passiert. Clay und Lizanne waren für mich von Anfang an interessante und glaubwürdige Figuren, die ich sofort ins Herz geschlossen habe. Mit Hilemore bin ich nur langsam warm geworden und fand bis zum Schluss seine Kapitel am wenigsten interessant. Mit der Perspektive von Sirus bekam man auch Einblicke in die Geschehnisse der Gegenseite, des Weißen Drachen und seiner Armee. Es war zunächst nicht leicht Sirus selbst einzuordnen, aber er hat sich zu einer komplexen Figur entwickelt, die mich sehr fasziniert hat und die ich nicht hätte missen wollen. Eine Sache hat mir außerdem besonders gefallen: Auf der Rückseite wird das Buch mit Game of Thrones verglichen und ich sehe warum, aber bin froh, dass es sich doch deutlich davon unterscheidet. Es fehlen nämlich die komplexen Intrigen, die mir sonst den letzten Nerv rauben, weil Anthony Ryan andere Methoden beherrscht, Spannung zu erzeugen. Toll und hilfreich war außerdem die Personenliste mit Erläuterungen.

Da ich alle Bücher in einem Rutsch gelesen habe, war mein erster Impuls die volle Punktzahl zu geben. Das würde ich auch tun, wenn es um die ganze Reihe ginge. Sie hat mich überrascht, überzeugt, fasziniert und mich zurück in die Welt der Fantasy gebracht. Was jedoch speziell den dritten Band konkret angeht, habe ich das Gefühl, dass er etwas schwächer war als die anderen. Es könnte daran liegen, dass ich ihn im Vergleich zu den anderen beiden auf Deutsch gelesen habe, vielleicht spricht hier auch nur die Bitterkeit aus mir, dass die Geschichte jetzt vorbei ist. Das Setting, für mich eine der Stärken des Buches, kam hier vielleicht ein wenig zu kurz, weil der Fokus eher auf militärischen Auseinandersetzungen auf See lag. Hin und wieder habe ich die Expeditionen in den Dschungel schmerzlich vermisst. Insgesamt hätte ich mir zudem für die ganze Reihe detailreichere und vielleicht auch einfach mehr Karten gewünscht als die, die man bekommt. Es sind zwar vier Stück, aber sie sind alle sehr schlicht gehalten, was sehr, sehr schade ist. Immerhin spielt das Ganze in einer Zeit, die an Abenteuer, Reisen und Entdeckungen denken lässt.

Ich würde empfehlen, die Bücher auf Englisch zu lesen, wenn man sich das sprachlich zutraut, denn die Übersetzung ist nicht schlecht, aber kommt doch nicht ganz an Ryans Originalton heran. Dafür muss ich im Gegenzug ein Lob an den Verlag aussprechen, denn das deutsche Cover hat mir viel besser gefallen als das englische. Als Fazit kann ich nicht nur diese Reihe jedem Fan von epischer Fantasy empfehlen, besonders, wenn man mal etwas Neues lesen will, auch allgemein möchte ich – allen voran mich selbst – dazu auffordern, öfter über Klappentexte hinwegzusehen, die allzu oft langweilig oder irreführend sind und über den Schreibstil nichts aussagen können. Ohne einen Blick in die Leseprobe wäre mir mein persönliches Lesehighlight von 2019 entgangen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.11.2019

Absurd und originell

Die Ewigkeit in einem Glas
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Ich fange mit dem an, wodurch sich das Buch am meisten auszeichnet und das ist seine eigentümliche Sprache. „Die Ewigkeit in einem Glas“ hatte von Anfang an einen so einnehmenden und gleichzeitig irritierenden ...

Ich fange mit dem an, wodurch sich das Buch am meisten auszeichnet und das ist seine eigentümliche Sprache. „Die Ewigkeit in einem Glas“ hatte von Anfang an einen so einnehmenden und gleichzeitig irritierenden Schreibstil, dass ich mir nicht sicher war, ob es 1. genau meinen Geschmack trifft und eine kreative und sprachgewaltige Abwechslung ist oder 2. mich mit Fortschreiten der Geschichte zu Tode nerven würde. Ersteres war zum Glück der Fall. Es fällt mir nicht leicht, die Ausdrucksweise von Jess Kidd in Worte zu fassen. Erzählt wird die Geschichte im Präsens und in der dritten Person - von einem allwissenden Erzähler scheinbar, der sich subtil über die Geschichte und die meisten Protagonisten lustig macht. Er kommentiert mit Klammern, Ausrufezeichen, Kursivierungen; zuweilen wird der Leser direkt adressiert wie auf S. 33: „Schau nach oben“.

So gut mir die Sprache eigentlich auch gefallen hat, muss ich doch einiges kritisieren - an der Übersetzung. Die beiden Übersetzer haben nämlich leider eine Reihe von Entscheidungen getroffen, die vielleicht den absurd-amüsanten Stil von Jess Kidd unterstützen sollten, wobei sie leider übers Ziel hinausgeschossen sind. Englische Wörter werden teilweise direkt ins Deutsche übertragen ohne Rücksicht auf das Sprachregister: „miraculous“ ist im Englischen ein ganz normales Wort, die Wahl von „mirakulös“ (S. 20) auf Deutsch liest sich aber sehr befremdlich. Bei Sätzen wie „Die Apothekerinnung ist immer noch fassungslos.“ (S. 156) weiß man hingegen überhaupt nicht, was gemeint ist und ob es sich um einen Fehler oder ein weiteres sprachliches Hirngespinst handelt. Ein weiteres Beispiel: „Ihr dreht sich das Herz im Leibe herum.“ (S. 86). Ich finde, dass das Werk schon im Original seltsam genug ist und man nicht an der fein abgestimmten Ausdrucksweise der Autorin hätte herumpfuschen sollen.

Darüber hinaus hat mir alles andere sehr gut gefallen. Das Buch ist sowohl spannend erzählt als auch geschickt konstruiert mit Rückblicken und einer Geschichte in der Geschichte, die der entführten Christabel erzählt wird. Aus diesen Schnipseln setzt sich Schritt für Schritt ein Gesamtbild der Entführung und von Bridies Vergangenheit zusammen. Die Figuren waren interessant und glaubwürdig, wenn sie auch teilweise grotesken Karikaturen ähnelten, denn fast jeder in dem Buch wird als irgendwie unansehnlich beschrieben. Auch Bridie ist zwar nicht unattraktiv, hat dafür aber einen skandalös-schlechten Kleidungsstil. Möglicherweise soll sich in dieser allgegenwärtigen Hässlichkeit das schmutzige London des 19. Jahrhunderts widerspiegeln. In jedem Fall passte das zur Geschichte und besonders von den Nebenfiguren habe ich einige ins Herz geschlossen. Die romantischen Gefühle, die sich im Verlauf des Buches zwischen Bridie und einer weiteren Figur entwickeln, werden unglaublich schön beschrieben, wenn sie auch für den Leser (aber in gewisser Weise auch für Bridie selbst) aus dem Nichts kommen. Der Verlauf dieser Romanze hat mich zu Tränen gerührt. Ergänzt wird die tolle Erzählung durch obskure Informationen zu Medizingeschichte und Mythologie. Herrliche Situationskomik lockert die tragischen und teilweise grausamen Geschehnisse auf.

Alles in allem eine gelungene Gothic Novel.

Veröffentlicht am 16.10.2019

Eine unerwartete Wendung nach der anderen

Meine wunderbare Frau
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Dieses Buch ist ein spannendes und intelligent konstruiertes Thriller-Debüt von Samantha Downing, deren zweiter Thriller 2020 (auf Englisch) erscheint.

Das Interessante an diesem Buch ist, dass man es ...

Dieses Buch ist ein spannendes und intelligent konstruiertes Thriller-Debüt von Samantha Downing, deren zweiter Thriller 2020 (auf Englisch) erscheint.

Das Interessante an diesem Buch ist, dass man es aus Täterperspektive liest. Der Erzähler und seine Frau ermorden Frauen. Die Motive hierfür sind komplex und werden nur nach und nach aufgedeckt. Ich konnte mir zunächst schwer vorstellen, dass so eine Geschichte konstant die Spannung aufrechterhalten kann. Dass es trotzdem gelingt, liegt an dem Schreibstil der Autorin und ihrer gelungenen Wahl der ersten Person Singular als Erzählperspektive, mit Präsens als Erzähltempus und mit schlichten, meist kurzen Sätzen, die das Ganze so authentisch und mitreißend wie möglich machen. So frisch und klar wie die Sprache sind auch die Charakterisierungen, man findet hier wenig Klischees. Besonders der Erzähler ist eine interessante, glaubwürdige Figur. Er beschreibt seinen Alltag, das Familienleben, das Planen und Durchführen der Verbrechen sachlich, aber sehr intensiv. Man kann ihn kaum für sein Verhalten verurteilen, stattdessen nimmt man die Erzählung einfach so hin. Die Geschichte lebt von dem Nervenkitzel, den der Gedanke verursacht, dass ganz normale Menschen die abscheulichsten Geheimnisse haben könnten und man eben nicht in seine Nachbarn oder sogar Freunde und Familie hineinsehen kann. Dagegen kommt das Buch fast gänzlich ohne blutige Beschreibung der Taten oder Tatorte aus, die Grausamkeit wird stets nur angedeutet. Der Horror spielt sich hier auf einer anderen Ebene, der der zwischenmenschlichen Beziehungen, ab. Hierzu passt, dass sogar Millicent für den Erzähler genauso undurchsichtig bleibt wie für die Leser, obwohl die beiden eine liebevolle Beziehung führen.

An dieser Stelle eine Anmerkung zum Cover: Ich finde es gelungen, man erkennt in der Mimik der Frau Millicent wieder. Was mich aber sehr stört: Immer und immer wieder wird im Buch beschrieben, dass sie rote Haare hat (wie auf dem englischen Cover auch dargestellt). Die Frau auf dem deutschen Cover ist aber eindeutig blond. Einerseits ist es nur eine Kleinigkeit, aber andererseits finde ich es umso weniger verständlich, dass man dann bei der Wahl des Models von der Beschreibung im Buch so bewusst abweicht. Wie viel mehr Aufwand wäre es gewesen eine rothaarige Frau abzubilden?

So gut mir das Buch insgesamt gefallen hat, gibt es doch noch weitere kleine Kritikpunkte. Überwiegend war die Handlung intelligent konstruiert, immer wieder gab es unerwartete Wendungen, die der Geschichte neue Facetten gegeben haben. Die Auswirkungen des Handelns des Paars auf verschiedene Menschen in ihrem Umfeld zeigen, dass die Autorin sich intensiv Gedanken gemacht hat, bevor sie das Buch geschrieben hat. Dennoch gibt es auch immer wieder Schwächen in den Plänen und kleinere Logikfehler. Am meisten haben mich die allerletzten Sätze des Buches gestört, die nochmal eine Wendung enthalten, die schockieren soll, aber für mich nicht richtig glaubwürdig war. Ich kann hier natürlich nichts dazu verraten, aber ich finde, dass die Person, um die es geht, für ihr Handeln über die ganze Geschichte hinweg etwas gegensätzliche Motive hatte und nachdem man das Gefühl hatte, dass es das eine war, das sie angetrieben hat, wird dann doch wieder das andere ins Spiel gebracht, was meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wäre. Außerdem hat man einige große Offenbarungen lange vorausgeahnt. Sprachlich haben immer wieder kleinere Übersetzungsfehler gestört, z.B. auf S. 410f.: "Ich sehe mir die Bilder an, die ich vom Haus gemacht habe." Im Original muss "that I have taken" gestanden haben, was ambig ist; hier ist aber eindeutig gemeint, dass die Bilder aus dem Haus mitgenommen wurden.

Dennoch empfehle ich das Buch gerne weiter und freue mich schon auf den nächsten Thriller der Autorin, den ich aber vielleicht lieber im Original lesen werde.

Veröffentlicht am 30.09.2019

Im Westen nichts Neues...

Ein anderer Takt
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Was mich am meisten an dem Buch überrascht hat: Es ist 1962 erschienen. Die Wiederentdeckung des Werks hat sich aber gelohnt, denn man nimmt nur bedingt wahr, dass es in einer anderen Zeit spielt als heute. ...

Was mich am meisten an dem Buch überrascht hat: Es ist 1962 erschienen. Die Wiederentdeckung des Werks hat sich aber gelohnt, denn man nimmt nur bedingt wahr, dass es in einer anderen Zeit spielt als heute. Zu ähnlich sind die Probleme, wenn sie auch an der Oberfläche anders scheinen als damals. Tatsächlich gewinnt man fast den Eindruck, dass durch die Bemühungen der letzten Jahre, eine möglichst inklusive Gesellschaft mit respektvollem Umgang miteinander zu erschaffen, nur wieder Öl ins Feuer des alten Konfliktes gegossen wurde: des Konfliktes zwischen "Weißen" und "Farbigen" - Kategorien, die eigentlich völlig sinnlos sind, da sie eine Homogenität suggerieren, die nicht existiert. Die Ähnlichkeiten sind auch darum so frappierend, weil der Autor als Setting nicht die Zeit gewählt hat, in der es noch Sklaverei in den USA gab, sondern eine Zeit, in der diese eigentlich schon abgeschafft war, in der sich aber viele Dinge kaum bis gar nicht geändert hatten. Gleichberechtigung musste noch erkämpft werden und wo sie auf dem Papier besteht, ist sie teilweise auch heute noch nicht in Köpfen und Herzen der Menschen angekommen.

Die Geschichte wird ausschließlich aus der Sicht der weißen Bewohner von Sutton erzählt, wobei diejenigen ausgewählt wurden, die der farbigen Bevölkerung gegenüber positiv eingestellt sind. Es kommen auch Tagebucheinträge und Briefe vor. Die Erzählweise ist so intim, so authentisch, dass man sich in jede Figur gut hineinversetzen kann und sich über jedes Puzzlestück ihres Lebens und diverse auftauchende Querverbindungen freut. Das Buch ist spannend zu lesen, obwohl gar nicht so viel passiert. Auch die Figur des Tucker Caliban ist gekonnt geschrieben, er bleibt unnahbar und kaum verständlich, irgendwie vage. Das passt dazu, dass Tucker selbst nicht versteht, was ihn antreibt. Vielleicht ist es ihm auch einfach egal und er tut einfach das, was sich richtig anfühlt.

Ich finde, dass das Buch eine wertvolle Aussage enthält, nicht einmal primär zu dem Verhältnis von "Weißen" und "Farbigen", im Großen und Ganzen geht es für mich auch um das Verhältnis von privilegierter Schicht und Unterschicht. Die gesamte farbige Bevölkerung des fiktiven Staates macht es Tucker gleich und wandert aus - und die Weißen bleiben zurück mit viel mehr Land als sie bebauen können und wirtschaftlichen Konsequenzen, die kaum absehbar sind. Einigen besserverdienenden Mitgliedern der Gesellschaft würde es durchaus nicht schaden, einmal darüber nachzudenken, wie es wäre, wenn sie auf z.B. Reinigungskräfte, die gesamte Dienstleistungsbranche verzichten und entsprechende Arbeiten selbst verrichten müssten.

Eines hat mich aber leider gestört: Das Buch hat ein Nachwort, in dem die Lebensgeschichte des Autors von dessen Tochter kurz umrissen wird. Dieses hat mir gut gefallen. Das Vorwort hingegen war nur bedingt nützlich. Zum einen finde ich es nicht zweckdienlich, einen Text mit Spoilern an den Anfang eines Buches zu setzen, obwohl das meistens so gemacht wird. Solche Texte gehören ans Ende. Zum anderen haben mich die ganzen persönlichen Erfahrungen der Autorin des Vorworts mit Kelleys Büchern nicht interessiert. Stattdessen wäre es für deutsche Leser weitaus nützlicher, ein wenig historischen Kontext vermittelt zu bekommen, und zwar systematischer, als es im Buch der Fall war, und nicht so sehr auf den Autor fokussiert, da die entsprechende Zeit je nach Schule kaum behandelt wird. Dafür hätte man auf die biografischen Informationen, die sich mit dem Nachwort der Tochter decken, besser verzichtet. Es ist schlichtweg schade, dass dieses Buch lange in Vergessenheit geraten war. Ohne eine sinnvolle Aufbereitung, die einem möglichst breiten Publikum einen Zugang zum Buch ermöglichen, wird dies allerdings vermutlich nach der Publikation erneut passieren.